Hausübung von Claudia Liebeswar vom 23.11.2010
LK Vergleichende Analyse (WS10)
Viertens kritisiert der Autor die Tendenz vieler Forscher, die Variablen und beobachteten Phänomene funktionalistisch zu betrachten. Weder die Entwicklung der Dinge noch deren unerwünschte Nebeneffekte werden begutachtet. Ein weiteres Mal kritisiert Pierson also eine ahistorische Betrachtung der Phänomene. 7
Jene Annahmen und die Überzeugung von der enormen Relevanz der Zeitkomponente beeinflussen die Sichtweise Piersons in vielerlei Hinsicht. Mit seinem Konzept stehen bestimmte Theorien, Denksysteme und Methoden in Verbindung - und damit auch die Ablehnung vieler bisheriger Studien, welche der Autor als unzureichend klassifiziert. Nur wenige herausragende Beispiele, die seinen Ansprüchen genügen und zu wesentlichen Ergebnissen führten, nennt Pierson. 8 Unter diesem Blickwinkel soll im Folgenden Peter A. Halls Text „Policy Paradigm, Social Learning, and the State. The Case of Economic Policymaking in Britain.“ unter Bezug auf seine Vereinbarkeit mit Piersons Theorien diskutiert werden. Im Zuge dessen werden lediglich die vier oben genannten Punkte berücksichtigt, mit welchen selbstredend keineswegs die Komplexität seiner Annahmen widergegeben wird, welche aber die Grundpfeiler dessen sind, was Pierson mit seinem Modell ausdrücken will.
In dem betreffenden Werk beleuchtet Hall unterschiedliche Staatstheorien. Im Allgemeinen basiere das heute gängige Modell der Politikgestaltung auf sozialem Lernen, was zusammengefasst bedeutet, dass die Strategieplanung zu jedem Zeitpunkt von den Erfahrungen, die zu einem früheren Zeitpunkt gemacht wurden, abhängig ist. Hier unterscheidet Hall zwei unterschiedliche Herangehensweisen: einerseits existiert der staatszentrierte Ansatz, in welchem die politische Entscheidungsfindung unabhängig vom sozialen Druck gesehen wird, sowie andererseits der staatsstrukturelle Zugang, welcher die Gesellschaft und deren Einfluss als bedeutsam darstellt und in das Modell integriert. 9 Die verschiedenen Veränderungen, die sich im Zuge jenes Prozesses ergeben und die Hall in drei unterschiedliche Grade unterteilt, stellt der Autor an historischen Beispielen aus den Jahren von 1970 bis 1989 in Großbritannien dar. 10
Der grundlegendste Faktor in Piersons oben kurz beschriebenen Modell ist jener der Pfadabhängigkeit. Diese Idee hat Hall nicht nur ebenfalls verinnerlicht, sondern sogar explizit
7 Vgl. Pierson (2004) : S.14
8 Vgl. Pierson (2004): S.2-3
9 Vgl. Hall (1993): S.275-276
10 Vgl. Hall (1993): S.281-287
Hausübung von Claudia Liebeswar vom 23.11.2010
LK Vergleichende Analyse (WS10)
beschrieben. Wie bereits erwähnt unterteilt er die herbeigeführten Änderungen im politischen in drei Grade, die anhand ihrer Schwere unterschieden werden. Während der First-Order Change, eine Anpassung des Rahmens oder Niveaus eines Instrumentes, und der Second-Order Change, eine Modifikation der Methoden, relativ häufig geschehen - Hall nennt als Beispiel die Budgetverhandlungen und -anpassungen -, sind Third-Order Changes, Veränderungen der grundlegenden Ideen sowie der Hierarchie der Staatsziele, äußerst seltene Ereignisse. 11 Sie sind gleichzusetzen mit den Paradigmenwechseln nach Kuhn, welche nur geschehen, wenn grundlegende Anomalien im System auftreten, welche zu gravierenden Fehlverhalten seitens der Politik führen und dadurch zu einer Degradierung des alten Paradigmas führen, woraufhin ein neues institutionalisiert werden kann. 12 Als Beispiel für einen solchen Third-Order Change erwähnt Hall die Ablösung des Keynesianismus durch den Monetarismus unter Margaret Thatcher in Großbritannien. 13 Beide Modelle, jenes von Hall ebenso wie jenes von Pierson, beinhalten also die Aussage darüber, dass politische Systeme eher konstant sind und sich zu wesentlichen Teilen selbst erhalten. Während Pierson allerdings scheinbar von der beinahe permanenten Gestalt sämtlicher politischer Gegebenheiten ausgeht, stuft Hall fein zwischen unterschiedlichen Veränderungen, deren Konsequenzen und deren Bedingungen ab. Zudem nennt er jene Faktoren, die, laut ihm, erforderlich sind, um ein System großer Konstanz zu modifizieren. Die Aufforderung Piersons, den Zeitbezug eines Ereignisses zu beachten, kann in Halls Text als nicht erfüllt gelten. Denn er nimmt, indem er die Ereignisse, die er beispielhaft für die verschiedenen Formen der Changes anführt, als Beweisstücke seiner Theorie (bzw jener Kuhns) darstellt, deren absolute Gültigkeit an. Er vergisst also, dass sie in einem einzigartigen historischen und gesellschaftlichen Kontext stehen und dass sie eventuell nicht auf eine beliebige Situation verallgemeinert werden können. Halls Arbeit entspricht im Übrigen jener von Pierson identifizierten Gruppe von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, in welcher der Forscher die historische Analyse als Suche nach illustrativem Material sieht. Anstatt also historische Ereignisse auszuwerten und dadurch Hypothesen zu generieren, nahm Hall eine gegebene Theorie und suchte gezielt nach Vorkommnissen in der Vergangenheit, welche für jene Theorie stimmig sind. Diese Vorgangsweise allerdings wird von Pierson deutlich kritisiert.
11 Vgl. Hall (1993): S.281-287
12 Vgl. Hall (1993): S.280
13 Vgl. Hall (1993): S.283-287
Arbeit zitieren:
Claudia Liebeswar, 2010, Die Bedeutung von Zeit und Vergangenheit in den Sozialwissenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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