Gliederung
1 Einleitung 3
2 Rahmenbedingungen: Die Soziale Frage. 4
2.1 Historische und soziale Situation. 4
2.2 Die Rolle der evangelischen Kirche 5
2.3 Soziale Verdienste der Erweckungsbewegung. 5
3 Die Rolle der Frau im Bürgertum des beginnenden 19. Jahrhunderts 6
3.1 Die Herausbildung der bürgerlichen Familie 6
3.2 Die neuen Aufgaben der bürgerlichen Frau. 7
3.3 Der Wunsch nach beruflicher Verwirklichung. 8
3.4 Zusammenfassung 9
4 Friederike Fliedner und die Anfänge des Mutterhausdiakonie 10
4.1 Biographischer Abriss (1800-1828) 10
4.2 Die Ehe der Fliedners und das Frauenleitbild von Theodor Fliedner. 11
4.3 Das Kaiserswerther Diakonissenmutterhaus 12
4.3.1 Quellen für die Entwicklung. 12
4.3.2 Die Zielgruppe. 13
4.3.3 Die Gründung und Entwicklung. 14
4.3.4 Friedericke Fliedners Rolle als Vorsteherin 15
4.3.5 Das Mutterhaussystem. 16
4.3.6 Die Ausbildung und Arbeit der Diakonisse. 17
4.4 Friederike Fliedner - missglückte oder gelungene Biographie einer
berufst ätigen Frau? 18
5 Schlussbetrachtung. 20
6 Literaturverzeichnis 22
2
1 Einleitung
Die vorliegende Belegarbeit erfolgt innerhalb des Seminars „Frauengestalten der Kirchengeschichte“ im Sommersemester 2008 und beschäftigt sich mit der Situation der Frauen des Bürgertums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Meine Aufmerksamkeit richtet sich im Zuge dessen auf den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Einstellung zur Frauenberufstätigkeit und dem Verlangen von insbesondere ledigen Frauen nach anerkannter beruflicher Verwirklichung. Innerhalb dieser Problematik möchte ich eine bedeutende christliche Frau, der ein beachtliches Mitwirken an der Konfliktbehebung zugesprochen wird, vorstellen. Die Rede ist von der Mitbegründerin des ersten Diakonissenmutterhauses - Friederike Fliedner. Da die Anfänge der Mutterhausdiakonie ohne entsprechende historische, soziale und theologische Hintergrundinformationen kaum nachvollziehbar sind, möchte ich meine Ausarbeitung mit einer knappen Skizzierung der Rahmenbedingungen im frühen 19. Jahrhundert beginnen. Auf diese Weise sollen Kirche und Gesellschaft vor der Sozialen Frage thematisiert werden. Anschließend wird konkret die Rolle und das Verständnis der bürgerlichen Frau in dieser Gesellschaft beleuchtet. Deutlich werden sollen ihre Aufgaben und ihr zugeschriebener Platz in Familie und Staat. Im letzten und größten Teil meiner Arbeit komme ich zum Kernpunkt des Belegs gemäß meines Arbeitstitels „Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft in Hinblick auf das Amt der Diakonisse als Berufsperspektive für Frauen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“. Unumgänglich bei meinen Darstellungen zur weiblichen Diakonie ist dabei die Einbeziehung ihres Ehemanns, Theodor Fliedner, an dessen Seite sie wirkte. Ich widme mich daher detailliert deren Lebenswerk, den Kaiserswerther Anstalten und folglich dem Beginn der Mutterhausdiakonie. Inbegriffen sind Ausführungen zur Biographie der Fliedners, der Konzeption des Mutterhauses und des Diakonissenamtes, sowie ihren praktischen Rollen als Vorsteher und Vorsteherin. In Folge dessen, sollte ich mit Informationen ausgerüstet sein, einen Überblick über die Chancen, die diese neue Möglichkeit für die bürgerliche, nach beruflicher Arbeit suchender Frau bot, zu geben. Außerdem möchte ich verdeutlichen, inwieweit Friederike Fliedner die Mutterhausdiakonie gestaltet und geprägt hat und wie sie die Herausforderung, Familien- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren, meisterte. Auf die Weiterentwicklung der weiblichen Diakonie und der beruflichen Situation von Frauen im späten 19. Jahrhundert einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen.
3
An dieser Stelle sei noch kurz auf die Quellenlage zur Thematik verwiesen. Grundlage vieler meiner Ausführungen bildet ein Werk von Anna Sticker, die aufschlussreiche und interessante Aufzeichnungen von Friederike Fliedner zusammengestellt hat. 1 Sie gilt als ihre Biografin und lenkte mit der Aufarbeitung von Originalschriften die starke Konzentration der Aufmerksamkeit von Theodor Fliedner auf Friederike Fliedner. 2 Ergänzend verwende ich zahlreiche Sekundär-literatur.
2 Rahmenbedingungen: Die Soziale Frage
2.1 Historische und soziale Situation
Tiefgreifende Umbrüche und Veränderungen, die die gesamte Bevölkerungsmasse betrafen, prägten das 19. Jahrhundert in Deutschland. Es galt den Übergang von der feudalen Agrargesellschaft zur kapitalistischen Industriegesellschaft, der einherging mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen von großem Ausmaß, zu bewältigen. Die entstehenden Fragen, „Krisendiagnosen und entsprechende(n) Bewältigungsstrategien“ werden mit dem Schlagwort „Soziale Frage“ umschrieben 3 . Als Hauptursachen der sozialen Frage lassen sich grob die einsetzende Industrialisierung, sowie die Bauernbefreiung benennen. Beide Faktoren führten, bedingt durch die entstehende Lohnarbeiterschaft und die „Auflösung der Stände- und Zunftordnung“, zu einem rapiden Bevölkerungswachstum und einer Landflucht 4 . Besonders in den unteren Schichten führte die daraus resultierende Arbeitslosigkeit, Absenkung des Lohnniveaus und Hungersnot besonders in Großstädten zu einer dramatisch ansteigenden Massenverelendung, dem Pauperismus. Die Unterschicht hatte dementsprechend mit Wohnungsnot, sich schnell ausbreitenden Krankheiten und fehlender medizinischer Versorgung zu kämpfen. „Der Pauperismus und das folgende Zeitalter der Klassenspaltung hatte entschiedene Auswirkungen auf die Stellung und die Arbeit der Frau“ 5 . Im Gegensatz zur Mittelschicht waren die Frauen der Unterschicht gezwungen durch schwere Arbeit zur Versorgung ihrer Familie beizutragen.
Mit der Verlagerung von der Erwerbsarbeit in außerhäusliche Betriebe kam es zur Trennung der Bereiche Familie bzw. Haushalt und Arbeit. Die Auseinanderentwicklung
1 Vgl. Sticker, A.
2 Vgl. Schmidt, J., 84.
3 Jähnichen, T., 1473.
4 Ebd., 1474.
5 Schildt, G., 28.
4
von Frauen- und Männerräumen in der Mittelschicht stand im Zusammenhang mit der neu definierten Beziehung der Geschlechter 6 .
Kulturell lässt sich in diesem Zeitrahmen eine „anhaltende Säkularisierung feststellen“ 7 .
2.2 Die Rolle der evangelischen Kirche
Die Säkularisierung, mangelnder Kirchengang, Werteverlust, Revolution und Veränderungen in der Gesellschaftsordnung sah die Kirche als Gründe für die Soziale Frage, deren Folgen sie unvorbereitend traf. Der Staat und seine Stände galten aus deren Sichtweise als gottgeschaffene Ordnung und jegliche Revolution bedeutete eine Entfernung des Menschen von Gott und seiner Schöpfung. Aufgrund dieser Einstellung versperrte sich die Kirche gegenüber Veränderung und dem neuen sozialdemokratischen Denken. Zudem war sie den katastrophalen Zuständen in keiner Hinsicht gewachsen. Wenn sie vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nicht entscheidend zur Beseitigung der sozialen Notstände beigetragen hat, rief sie stetig zur Nächstenliebe und zum Dienst an Hilfsbedürftigen auf. Oft beschränkte sich das Engagement der Christen aber nicht über den eigenen, privaten und überschaubaren Bereich auf Gemeindeebene hinaus und war damit lediglich ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ 8 . Dort wo einzelne Persönlichkeiten über den privaten Bereich hinausragten, geschah dies humanitär-aufklärerisch oder erwecklich motiviert. Es kam zu einem Trend der Vereinsgründung im kulturellen und sozialen Bereich, in der sich das außerkirchliche Christentum organisierte. Mitte des 19. Jahrhunderts beteiligte sich der deutsche Protestantismus dann durch „soziale Dienste im Rahmen von Innerer Mission, Diakonie (...) einerseits wie auch durch sozialpolitische Reformvorschläge kirchl. Gremien sowie ev. (...) Verbände andererseits aktiv an der Entwicklung von Strategien zur Bewältigung“ der sozialen Frage 9 .
2.3 Soziale Verdienste der Erweckungsbewegung
Aus den Impulsen der Erweckungsbewegung kam es zu vereinzelten bedeutenden Initiativen zur Bekämpfung des sozialen Elends im frühen 19. Jahrhundert. Die Erweckungsbewegung „war am persönlichem Glauben und an der subjektiven Heilserfahrung interessiert, aber nicht an Kirche, nicht an der Konfession und kaum an
6 Vgl. Kocka, J., 106f.
7 Vgl. Brüggemeier, F.-J., 121.
8 Vgl. Greschat, M., 80.
9 Jähnichen, T., 1475.
5
Dogma“ 10 . Es handelt sich um eine vielgestaltige, von Laien getragene Bewegung, die auf die geistliche Erneuerung der Menschen aus dem Glauben heraus abzielt. Betont wurden Bekehrung, Buße und Bibelfrömmigkeit. 11 Da vor allem das soziale Handeln eine direkte Folge der Erweckung ist, schlossen sich an verschiedenen Orten in Deutschland „erwecklich geprägte Menschen zur gegenseitigen Erbauung und für soziales Engagement“ zusammen und riefen Projekte für Hilfsbedürftige ins Leben 12 . Ein bedeutender Aspekt war auch die Integration der Frau in die Dienste der Gemeinde. Dieses Merkmal ist begründet im ausgeprägten Biblizismus der Erweckungsbewegung, der die Frau und ihre Ämter in der Apostelzeit wieder entdeckte. 13 Wichtige Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Erweckungsbewegung genannt werden können, sind beispielsweise Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), Freiherr Ernst von Kottwitz (1757-1843), Amalie Sieveking (1794-1859), Theodor Fliedner (1800-1864) und Johann Hinrich Wichern. 14
3 Die Rolle der Frau im Bürgertum des beginnenden 19. Jahrhunderts
3.1 Die Herausbildung der bürgerlichen Familie
Mit der Industrialisierung, d.h. mit der Herausbildung kapitalistischer Produktionsweisen konstituiert sich das Bürgertum im Bezug auf die Rollenerwartung an seine Mitglieder neu. Die vorherrschenden Bedingungen erfordern die Trennung von Wohn-und Arbeitsplatz und schaffen zwei Bereiche gesellschaftlicher Arbeit: die Berufsarbeit und die Hausarbeit. Der Mann trat durch die Berufsarbeit in die Öffentlichkeit, während die Frau durch ihren neuen und einzigen Zuständigkeitsbereich, der Hausarbeit, immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurde. Claudia Bischoff weißt darauf hin, dass Hausarbeit als einziges und spezifisches Tätigkeitsgebiet der Frau, tatsächlich ein historisches Erzeugnis „der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts“ ist 15 . Der Vermutung, dass Frauen jeher ausschließlich innerhalb der Familie gearbeitet haben, ist demnach zu widersprechen. So hatten Frauen, bevor sie größtenteils aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurden, vom Mittelalter bis in die
10 Greschat, M., 77.
11 Vgl. Schmidt, J., 31.
12 Ebd., 11.
13 Vgl. ebd., 31.
14 Vgl. Greschat, M., 80 f.
15 Bischoff, C., 53.
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Arbeit zitieren:
Mirjam Höntsch, 2008, Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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