Tataufbereitung / Dr. Kathrin Kiss-Elder / 24.11.2008 / 2
werden kann, dass er künftig eine ähnliche Tat verübt.“). Nicht nur der Täter scheint in seine Tat als Individuum verstrickt, auch die Gesellschaft. In diesem Kontext werden Wege gesucht, die Gesellschaft wie den Täter davor zu schützen, jenseits der Gefängnismauern wieder straffällig zu werden. Eine davon ist das Konzept der Tataufarbeitung:
2. Tataufarbeitung als Konstrukt im Allgemeinen
Verbrechen sind multifaktoriell bedingt. Welche Faktoren kann man zugunsten der Verhinderung eines Rückfalls positiv beeinflussen 2 ? Hier ist - unter einer Vielzahl von Hilfen - Tataufarbeitung gefragt, da sie direkt mit dem Täter arbeitet. Tataufbereitung als Konstrukt hat etwa seit 1990 Eingang in die deutsche Kriminologie gefunden. In den Nachbarländern wie Österreich, den Niederlanden und Großbritannien sind diese Konzepte schon länger mit Erfolg etabliert 3 . Heute beschäftigen sich vor allem Sozialarbeiter und Psychologen damit.
Grundlage ist, bestimmte Persönlichkeits- wie Wahrnehmungsstrukturen und -stile als Risikofaktoren für deviantes Verhalten zu identifizieren 4 . Psychologischpsychotherapeutische Tataufbereitung dient der Prävention von erneutem devianten, strafrechtlich-relevanten Verhalten. Dabei ist es in den Kontext einer juristisch messbaren, ggf. auch verurteilbaren Größe gestellt. Dies dient auch dem Schutz der Bevölkerung 5 . Denn in den wenigsten Fällen lässt sich ein Täter dauerhaft wegsperren, abgesehen von den ethischen Implikationen.
Voraussetzung ist ein Menschenbild, in der die Persönlichkeit und die psychische Struktur des Täters als wesentlich für das Entstehen der Tat gesehen werden 6 . Man geht von „Täterpersönlichkeiten“ aus, die es zu verändern gilt, damit es nicht erneut zur Tat kommt: Es geht um „überdauernde Sensibilitäten und stets alltagsrelevante, handlungsleitende Weltinterpretationsbereitschaften als zeitstabile
Persönlichkeitsmerkmale“ (Staud, 2007: 17). Man geht davon aus, dass eine
2 Vgl. Meier, 2007: 150
3 Vgl. Jva-Heimsheim, 2008: o.P.
4 Vgl. Meier, 2007: 148
5 Vgl. Jva-Heimsheim, 2008: o.P.
6 Vgl. Meier, 2007: 140, 147
Tataufbereitung / Dr. Kathrin Kiss-Elder / 24.11.2008 / 3
spezifische Wahrnehmungsverzerrung des Täters sowohl hinsichtlich der eigenen Struktur wie auch der Gegebenheiten wesentlich zum Entstehen des Verbrechens bei trugen. Die Tat ist ihnen eben nicht, wie viele Täter meinen, „einfach so passiert“, sie hatte eine Vorgeschichte, und sie gehört zur Biografie des Täters 7 .
Im Vordergrund der Aufmerksamkeit stehen dabei so genannte Intensivtäter, in der Regel erwachsene, männliche Sexualstraftäter,
die im Vollzug bereits Lockerungen genießen und deren Entlassung absehbar ist,
Probanden der Bewährungshilfe und Probanden aus dem Maßregelvollzug,
vereinzelt auch Patienten, die bisher nicht auffällig geworden sind, sich aber für gefährdet halten 8 .
Zielgruppe der Tataufarbeitung sind damit derzeit in der Regel Sexualstraftäter und schwere Gewalttäter, bei denen man davon ausgeht, dass psychische Störungen, ob dispositioneller Art oder entwicklungs- oder sozialbedingt, bei der Begehung der Straftaten mitverantwortlich waren 9 . Schon Dostojewski thematisierte in seinen großen Romanen ja die Frage, inwieweit Verbrechen in dem Standardrepertoire eines Menschen ist oder inwieweit es sich dabei um deviantes Verhalten handelt, dass nicht nur therapierwürdig, sondern therapierbar ist 10 :
3. Kontext der Tataufarbeitung
Die Tataufbereitung findet in einen professionellen Kontext statt, in dem versucht wird, die Verwundbarkeit der Gesellschaft damit zu verringern, in dem für den Täter gesorgt wird. Es ist also kein Akt der Disziplinierung, sondern ein Akt der Fürsorge und bedarf bei den ausführenden Personen dieser Grundhaltung. Diese Grundhaltung fällt umso schwerer, als sich der Gegenüber, der Gefangene in einem ganz anderen Kontext bewegt. Die Antwort der Gesellschaft auf seine Tat ist
7 Vgl. Pitzing, 2006: 5
8 Vgl. Jva-Heimsheim, 2008: o.P.
9 Vgl. Meier, 2007: 27ff
10 Vgl. Meier, 2007: 8
Tataufbereitung / Dr. Kathrin Kiss-Elder / 24.11.2008 / 4
für ihn tagtäglich spürbar, sie bestimmt seinen Alltag, „Aspekte der Konfliktregelung und der sozialen Integration“ (Kruse, 2004: 1) werden nur unzureichend beachtet. In diesem Kontext wird von Tätern eine Therapie oft als zusätzliche Strafe angesehen, wo sie sich doch durch ihre Inhaftierung schon genug gestraft erleben. Der Kontext, in dem die Tataufarbeitung durch Therapeuten und die umgebende Infrastruktur, nicht zuletzt die Mithäftlinge gestellt wird, kann hier zum bedeutsamen Motivator oder Demotivator werden.
Die Tataufarbeitung kann dabei mit Beginn der Inhaftierung / Untersuchungshaft vor der Verurteilung bis deutlich nach Beendigung der Haftzeit stattfinden 11 .
4. Ziel der Tataufarbeitung
„Es gibt ein Bedürfnis nach Tataufarbeitung, Konfliktregelung und
Schadenswiedergutmachung bei (inhaftierten) Tätern und Opfern.“ (Kruse, 2004: 2) Das Setting, in dem die Tataufbereitung stattfindet, verlangt recht stark fokussierte Ziele, da ja auch teilweise unter einem gewissen Zeitdruck gearbeitet wird, wie er durch eine baldige Entlassung eines Probanden entstehen kann. Wesentliches Ziel der Tataufarbeitung ist die Aufarbeitung der Straftat durch eine kognitive Umstrukturierung auf der Basis einer Wahrnehmungs- und Einstellungsveränderung des Täters 12 , die zu einer künftigen, stabilen Integration des Täters in die Gesellschaft führen soll, ohne dass ihn diese künftig fürchten muss, damit auch ein „effizienter Opferschutz“ (Pitzing, 2006: 8) 13 .
Psychologisch -psychotherapeutische Tataufarbeitung bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Straftat, Tatumständen, Wegen zu Straftaten,
Übernahme von Verantwortung für die Straftaten / Klärung der persönlichen Hintergründe und Motive für die Tat, Mitgefühl für die Opfer (Opferempathie),
11 Vgl. Jva-Heimsheim, 2008: o.P., Kruse, 2004: 2
12 Vgl. Pitzing, 2006: 6
13 Vgl. Pitzing, 2006: 6
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Kathrin Kiss-Elder, 2008, Tataufarbeitung im Allgemeinen und Tataufarbeitung als Rückfallprädiktor im Besonderen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten: neuer Titel erschienen: Tataufarbeitung im Allgemeinen und Tataufarbeitung als Rückfallprädiktor im Besonderen
Kathrin Kiss-Elder hat einen neuen Text hochgeladen
Innenansichten und Wirkungsforschung zum Täter-Opfer-Ausgleich im Juge...
Die Zufriedenheit von Opfern u...
Ira Lippelt
Der Täter-Opfer-Ausgleich bei häuslicher Gewalt
Vermittlung und Wiedergutmachu...
Nadine Bals
Täter-Opfer-Ausgleich und Schadenswiedergutmachung
Ein Beitrag zur Dogmatik von §...
Hans Christian Kespe
Die deutschen Vertriebenen - Keine Täter sondern Opfer
Hintergründe, Tatsachen, Folge...
Alfred de Zayas
0 Kommentare