Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1. Einleitung 1
2. Klassischer Utilitarismus 2
3. Gesangs humaner Utilitarismus 4
4. Reschers Effective Average-Konzept 9
5. Der Trappsche
Gerechtigkeitsutilitarismus 12
6. Fazit. 16
7. Literaturverzeichnis 17
8. Anhang 19
Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? - Der
1. Einleitung
Das genannte Nietzsche-Zitat diffamiert keinesfalls die Engländer im Allgemeinen, sondern die englischen Utilitaristen Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Beide Philosophen machten den Utilitarismus in England bzw. in den restlichen angelsächsischen Ländern populär. So ist beispielsweise das gesamte Wirtschaftsdenken der USA an dem Utilitarismus ausgerichtet. Jegliche Nutzenfunktionen U(x), die das wichtigste Werkzeug innerhalb der neoklassischen Mikroökonomie darstellen, tragen das U als "Bild" 1 . Das U bezieht sich in diesem Fall auf die Nützlichkeit eines Gutes und sollte, sofern diese Nützlichkeit maximal ist, gewählt werden. Keinesfalls darf dieser Nutzen mit einer praktischen Nützlichkeit gleichgestellt werden. Vielmehr meint der Begriff des Nutzen bzw. der Nützlichkeit alle möglichen Facetten. Sollte ein Individuum einen Strauß Blumen als nützlich betrachten, dann stiftet dieser auch Nützlichkeit. Der Utilitarismus hat es sich zum Prinzip gemacht, alles was für den Menschen nützlich (pleasure) ist zu maximieren, und alles Leid (pain) zu minimieren. Folglich ist das was nützlich ist auch moralisch gut und das was Leid produziert moralisch schlecht. Auf den ersten Blick wirkt dieses Prinzip pragmatisch und ist in der Anwendung einfach. Jedoch können sich Probleme mit solch einem Prinzip ergeben. Ein oft hervorgebrachtes Problem bezieht sich auf fehlende Gerechtigkeitsaspekte im Utilitarismus. So kann beispielsweise ein individuelles Interesse der Mehrheit geopfert werden. Auch kann der Utilitarismus "ungerechte" Verteilungen fördern. Wie der Utilitarismus solche "ungerechten" Verteilungen ermöglicht, wird innerhalb des zweiten Abschnittes dieser Arbeit dargelegt. Darauf aufbauend sollen drei Ideen vorgestellt werden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, jene Problematik zu lösen. Den Anfang macht B. Gesang mit seiner Idee eines humanen Utilitarismus. Darauf wird die Idee von N. Rescher dargestellt. Den Schluss bildet die mathematiklastige Idee von Trapps Gerechtigkeitsutilitarismus. Diese drei Ideen sollen nach ihrer Präsentation dahingehend einzeln diskutiert werden, ob letztendlich eine Berücksichtigung von Gerechtigkeitsaspekten erfolgt ist 2 . Zudem stellt sich die Frage, sofern Gerechtigkeitsaspekte erfolgreich implementiert wurden, ob es sich bei diesen Ideen wirklich noch um eine Form des Utilitarismus handelt.
1 Das "Bild" bzw. "Urbild" ist ein feststehender Terminus innerhalb der Mathematik (Stichwort Begriff
der linearen Abbildung)
2 Der Begriff der "Gerechtigkeit" soll nicht im Rahmen dieser Arbeit gefüllt werden. Fragen in Bezug auf
"wer, was und wie soll bei einer Verteilung verfahren werden soll" finden keine Berücksichtigung.
Lediglich, ob Gerechtigkeit im Utilitarismus berücksichtigt werden kann, soll untersucht werden.
1
2. Klassischer Utilitarismus
Dieses Kapital soll den Utilitarismus in seiner klassischen Form darstellen. Hierbei soll nicht auf die einzelnen Variationen bzw. Sichtweisen eingegangen werden, die sich im Zeitverlauf der letzten zwei Jahrhunderte entwickelten. Beispiele solcher Variationen sind der Handlungs- oder Präferenzutilitarismus sowie Sichtweisen, die den Utilitarismus in einen Negativen und Positiven unterscheiden 3 . Vielmehr soll auf gemeinsame Kernelemente eingegangen werden, die sich in allen klassischen Variationen wieder finden. Diese Kernelemente beschreibt Gesang als die Grundpfeiler des Utilitarismus. Die drei Pfeiler, die den Utilitarismus tragen, sind (i) der Wertmonismus, (ii) die universelle Glücksmaximierung und (iii) der Konsequentialismus 4 .
(i) Zum Wertmonismus: Ein Monismus im Allgemeinen besagt, dass alles in der Welt sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lässt. Dieses Grundprinzip stellt im Wertmonismus des Utilitarismus, also im Speziellen, das Glück dar, das als das intrinsisches Gut überhaupt interpretiert werden kann. Glück ist demnach die universelle Währung, mit der alle moralisch relevanten Güter umgerechnet werden können 5 . Eine Handlung wird somit ethisch Gehaltvoll, sobald sie Glück produziert bzw. Leid minimiert. An diesem Grundpfeiler wird deutlich, weshalb der Utilitarismus im Zusammenhang mit dem Hedonismus und dem Eudämonismus genannt wird 6 .
(ii) zur universellen Glücksmaximierung: Dieses Prinzip postuliert, „[dass es] ein an sich wertvolles Gut ist, dass Lebewesen möglichst viel Lust, Freude, Befriedigung oder Glück empfinden bzw. dass ihre Präferenzen so weitgehend wie möglich erfüllt werden, solange dies nicht zu viel Schaden verursacht“ 7 . In dieser Aussage findet sich zunächst einmal der Gedanke des Wertmonismus wieder, dass Glück als das „höchste Gut“ zu begreifen ist. Jedoch soll dieses Glück (Nutzen) vom Utilitaristen maximiert werden. Diese Maximierung versteht sich allerdings nicht egoistisch, denn vielmehr maximiert der Utilitarist im Sinne des greatest-happiness-principle. An dieser Stelle wird deutlich, was der Utilitarist maximieren will, bekanntlich das Glück, jedoch wird nicht deutlich wie der Utilitarist dies bewerkstelligt. Der Utilitarist tut dies, indem er jedes Glück eines Individuums, das von einer möglichen Entscheidung betroffen wird, in eine Gesamt-Glücksbilanz überführt. In dieser Glücksbilanz wird das einzelne Glück bzw. Leid mit dem Glück bzw. Leiden der anderen Individuen aufgerechnet. Diese Aggregation von
3 Vgl. Höffe S. 9
4 Vgl. Gesang S. 17ff.
5 Vgl. ebd. S. 19
6 Hedonismus und Eudämonismus werden an dieser Stelle genannt, da Glück und Lust gleichgesetzt
werden.
7 ebd. S. 17 (An dieser Stelle wird deutlich, dass das Prinzip der universellen Glücksmaximierung derart
allgemein gehalten ist, das es die Konformität zum Handlungsutilitarismus und zum Regelutilitarismus
garantiert.)
2
Glück und Leid der einzelnen Individuen macht einen „Vergleich“ möglich, sofern es mehrere Entscheidungsalternativen gibt. Denn in einer solchen Konstellation wird jene Entscheidung als moralisch wertvoller gewertet, die eine höhere Glücksbilanz bzw. einen höheren Gesamtnutzen aufweist. Diese Systematik des Summieren kann als Maximierung verstanden werden. Ergänzend sei zu erwähnen, dass eine moralische Bewertung auf Basis des Maximierungsprinzips auch mithilfe des Durchschnittsprinzips (Maximierung pro Kopf) erfolgen kann. Dazu wird die aggregierte Glückssumme durch n-Individuen dividiert mit anschließender Maximierung. Das Durchschnittsprinzip ist jedoch keine Variante des klassischen Utilitarismus, soll aber an dieser Stelle trotzdem Erwähnung finden, um das klassische Prinzip einer Maximierung besser darzustellen. Bei einer Glücksmaximierung ist das Gleichheitspostulat zu beachten, unabhängig davon ob das Durchschnittsprinzips Anwendung findet. Dieses Postulat verlangt, dass jedes Glück und Leid eines jeden Individuums gleich zu gewichten ist. Mit anderen Worten, es soll kein Individuum für Zwei zählen. Das Wort „universell“ trägt diesem Postulat in Pfeiler (i) Rechnung. Würde das Gleichheitspostulat nicht eingehalten werden, wäre eine Aggregation und somit eine Vergleichbarkeit nicht mehr gewährleistet. Gesang gibt für die Legitimation eines Gleichheitspostultats gleich zwei Argumente mit auf dem Weg. So kann einerseits niemand begründen, dass er bestimmte Güter, die indirekt Glück oder Leid produzieren, nur aus dem Grund erhalten soll, weil er er ist. Dieses Argument arbeitet mit der Rationalität, während das zweite Argument mit Hilfe der Fähigkeit zur Empathie argumentiert: „Jedes leidende Lebewesen verdient unser Mitleid und unsere Hilfe, und jedes glückliche Wesen kann uns froh machen.“ 8 Das Mitleid sollte eine Doppelzählung eines Individuums in der Glücksbilanz verhindern, sofern dieses Gefühl nicht absichtlich ignoriert wird.
(iii) zum Konsequentialismus: Dieses Prinzip besagt, dass eine Entscheidung in Form einer Handlung nur nach ihrer Konsequenz beurteilt wird. Der Maßstab für die Konsequenzen lässt sich durch den zweiten Pfeiler, dem Wertmonismus finden. Somit handelt es sich um eine moralisch „gute“ Entscheidung, wenn für die betroffenen Individuen in der Konsequenz aus jener Entscheidung Glück produziert bzw. Leid vermindert wird. Dieser Punkt beinhaltet den Aspekt des Individualismus; denn die betroffenen Individuen entscheiden für sich selbst, was sie als Glück empfinden und was nicht. Das Individuum selbst ist die Instanz bei der Bewertung einer moralischen Handlung. Jedoch sind dieser Bewertung Grenzen gesetzt, da das Glück eines Individuums nicht doppelt gezählt werden darf (siehe das Gleichheitspostultat).
Bis zu diesem Punkt wurde aufgezeigt, welche Grundpfeiler den klassischen Utilitarismus stützen. Doch warum hat der klassische Utilitarismus, wie eingangs in der Einleitung behauptet, das Problem Gerechtigkeit in sein Modell mit einzubauen? Das Problem des Utilitarismus und der Gerechtigkeit findet sich in zwei der drei Grundpfeiler wieder. Zunächst durch den Wertmonismus, der nur ein Grundprinzip konstatiert, bekanntlich in Form des Glückes. Gerechtigkeit ist kein eigenes intrinsisches Gut, sondern ist lediglich ein abgeleiteter Wert, der in die Währung „Glück“ umgerechnet werden kann. Sollte eine Gerechtigkeit aber nicht zur
8 Gesang S. 18
3
Glücksvermehrung beitragen, hat sie letztendlich auch keinen Wert und bleibt unberücksichtigt.
Neben dem Problem, dass Gerechtigkeit keinen eigenen Wert abbildet, sofern sie nicht zur Glücksmehrung beiträgt, existieren zwei weitere Probleme durch den zweiten Pfeiler, der universelle Glücksmaximierung. Eine Entscheidung die ein geringeres Nutzenniveau hervorbringt, die aber „gerechter“ ist, als eine Entscheidung mit einem höheren Nutzenniveau, wird nicht präferiert. Die Gerechtigkeit bezieht sich in solch einem Fall auf eine ungleiche Nutzenverteilung. Auch ist der Utilitarist indifferent zwischen zwei Entscheidungen, die dasselbe Nutzenniveau hervorbringen, aber in der eine Nutzenverteilung „ungerechter“ ist. Dieses „Ungerechte“ kann als Beispiel in einem Extremszenario, wie der Verteilung aller Nutzen auf nur ein Individuum, während der Rest leer ausgeht, gefunden werden. Anzumerken sei, dass der Begriff einer Nutzenverteilung viele inhaltliche Auskleidungen finden kann, wie beispielsweise der Verteilung von Ressourcen, die dann letztendlich Nutzen für die Individuen generieren.
Nachdem gezeigt wurde, worin genau das Problem des Utilitarismus und der Gerechtigkeit liegt, werden im nächsten Abschnitt dieser Arbeit drei Möglichkeiten vorgeschlagen, die Gerechtigkeit innerhalb des Utilitarismus einzubauen. Denn Anfang macht hierbei B. Gesang mit seiner Idee eines humanen Utilitarismus.
3. Gesangs humaner Utilitarismus
Gesang sieht seinen humanen Utilitarismus als eine Variation und somit als eine Unterposition des Utilitarismus an, da er an den drei Grundpfeilern des klassischen Utilitarismus weiterhin festhält 9 . Sein humaner Utilitarismus soll jedoch die schwächen des klassischen Utilitarismus beseitigen. Gesang nennt gleich zwei Argumente gegen die Behauptung, der Utilitarismus beherberge keine Gerechtigkeit und sei nur eine kalte Nutzenrechnung. Einerseits würde das Prinzip des stetig abnehmenden Grenznutzens gegen eine zu einseitige Verteilung der Nutzen, in Form einer Ressourcenverteilung, wirken. So würde genau dieses Prinzip zu einem gewissen Grad bereits „von oben nach unten“ umverteilen und eine beliebige Verteilung ausschließen 10 . Der Grenznutzen gibt den zusätzlichen Nutzengewinn an, der sich durch eine zusätzliche Einheit generiert. So ist der Nutzen beim Essen eines Tellers Sauerkrautes, sofern man starken Hunger leidet, höher als es ein zweiter Teller Sauerkraut. Spätestens ab dem dritten Teller, sobald ein endgültiges Sättigungsgefühl bzw. ein Brechreiz eintritt, ist Schluss mit dem Nutzengewinn. Und genau dieses Prinzip findet sich in einem stetigen, jedoch abnehmenden Grenznutzens wieder. Eine Umverteilung von „oben nach unten“ findet durch Gesang genau dadurch Anwendung, dass jene „oben“ einen geringeren Grenznutzen generieren, als es jene „unten“ tun können. Mit einfachen Worten gesagt, jene „oben“ haben erstens keinen Hunger mehr und zweitens können sie speziell kein Sauerkraut mehr sehen.
9 Vgl. Gesang S. 90
10 Vgl. ebd. 52
4
Arbeit zitieren:
Sebastian Schneider, 2010, Die Gerechtigkeit und der Utilitarismus, München, GRIN Verlag GmbH
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