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Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S 3
2 Wirtschaftsethnologische Diskurse und Wachstumszwang
2.1 Das wirtschaftsethnologische Paradigma 4
2.2 Wachstumszwang aus formalistischer Perspektive 4
2.3 Wachstumszwang aus substantivistischer Perspektive 6
3 Produktivität und Konsum in der politischen Ökonomie
3.1 Das Paradigma der politischen Ökonomie 7
3.2 Der Zwang zur Produktivität 9
3.3 Die Produktion von Bedürfnissen 10
4 Fallbeispiel Subprime-Krise der USA
4.1 Der Zwang zur Wertschöpfung und die Wall Street 12
4.2 Der Glaube in Modelle 13
4.3 Die Produktion von Bedürfnissen und die Verteilung von Risiken 15
5 F a z i t S 1 6
Literaturverzeichnis S 17
3
1 Einleitung
Als im Frühling 2007 die Welt in eine globale Finanz- und in Folge Wirtschaftskrise rutschte, platzte nicht nur die amerikanische Immobilienblase als Resultat nicht gedeckter Subprime-Kredite 1 und mit ihr scheinbar die Kreditwürdigkeit zahlreicher Finanzinstitute, sondern auch der neoliberale 2 Mythos eines natürlichen, stetigen Wirtschaftswachstums. Die Angewiesenheit auf Wachstum, so meine Ausgangsthese, ist ein Zwang, dem das Funktionieren des neoliberalen Finanzsystems unterliegt. Dieser Zwang wälzt sich in kulturellen Determinanten auf das Handeln des Einzelnen ab, der durch gesellschaftliche Strukturen, Ethiken und Anreize dazu angehalten wird, durch Produktivität, Konsumwille und Konformität seinen Beitrag zur Wachstumsdynamik zu leisten. Im Verlaufe dieser Arbeit möchte ich den verschiedenen Facetten dieser These genauer nachgehen. Mit Wachstumszwang meine ich genauer den Druck von Finanzinstituten wie der Wall Street, stetig Aktienwert von Unternehmen durch Restrukturierungen, Firmenfusionen etc. zu erhöhen, die Ausweitung des Kundensegments von Hypotheken auf eigentlich nicht kreditwürdige Kunden, den Zwang zur Effizienzsteigerung der Arbeitnehmer, die sukzessive Deregulierung der Weltmärkte, sowie das Ignorieren resp. Verteilen von Risiken beim Vermehren von Vermögenswerten. Eigennütziges Verhalten im Sinne des homo oeconomicus der formalistischen Theorie, verstehe ich in Bezug auf das Konzept des Wachstumszwangs als Teil dieser Dynamik. Der habitus des homo oeconomicus wird durch die Beschaffenheiten der finanzkulturellen Strukturen scheinbar herausgebildet oder ist Resultat von moralischen Vakuumszuständen. Um die These auszuarbeiten, werde ich zuerst auf die grundlegenden ethnologischen Theorien zur menschlichen Wirtschaftsweise eingehen, um in einem nächsten Schritt den Wachstumszwang aus formalistischer und substantivistischer Sichtweise zu untersuchen. Dies werde ich durch eine Aufarbeitung des Paradigmas der politischen Ökonomie sowie sozialphilosophischen Werken zu Arbeit und Konsum tun. Darauf aufbauend werde ich die theoretischen Erkenntnisse anhand des Beispiels der Subprime-Krise der USA untersuchen und erläutern.
1 Als Subprime-Kredite bezeichnet man Kredite, bei denen die Kreditnehmer kaum Sicherheiten oder eigenes
Kapital bei der Kreditvergabe vorweisen konnten. Der Subprime-Markt entstand erst in den 90er Jahren und hat
hat entscheidend zur Entstehung der aktuellen Bankenkrise bzw. Subprime-Krise beigetragen. Die risikoreichen
Subprime-Kredit wurden auch in den USA bis in die 90er Jahre nicht vergeben. Bewohner mit geringer Bonität
konnten bis dahin keine Hypotheken auf ihre Häuser aufnehmen (http://finrex.de/lexikon/subprime-kredit/ am
14.1.2010).
2 Neoliberalismus: Sozialphilosophisches und wirtschaftspolitisches Konzept, das auf dem klassischen
Liberalismus und der neoklassischen Theorie basiert und den Einfluss des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen
minimieren will, im Unterschied zum ‘Laissez-faire’ des klassischen Liberalismus allerdings ein regulierendes
Eingreifen des Staates zur Sicherstellung funktionierender Märkte als notwendig ansieht
(http://de.wiktionary.org/wiki/Neoliberalismus am 14.1.2011).
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2 Wirtschaftsethnologische Diskurse und Wachstumszwang
2.1 Das wirtschaftsethnologische Paradigma
Das wirtschaftsethnologische Paradigma lässt sich in zwei grundlegende Schulen gliedern: Die formalistische und die substantivistische Theorie. Die formalistische Theorie geht von einer universellen Logik menschlichen Wirtschaftens und daraus folgend von identischen formalen Regeln aller Wirtschaftssysteme aus. Die Grundannahmen dabei sind, dass es eine stetige Knappheit verfügbarer Ressourcen gibt, und dass die menschlichen Bedürfnisse unbegrenzt sind. Der einzelne Akteur muss daher rationale, egoistische Entscheidungen treffen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Handlungsweisen sind, so die Annahme, immer auf die Verbesserung der eigenen materiellen und sozialen Situation eines Akteurs ausgerichtet und nicht altruistisch. Er versucht zudem Risiken zu minimieren und den Aufwand möglichst kein zu halten. Dieser Modellmensch bezeichnet die neoklassische Ökonomie als homo oeconomicus. - Aufgrund dieses universellen Bildes menschlichen Wirtschaftens, geht die formalistische Theorie davon aus, dass sich die Axiome der neoklassischen Wirtschaftstheorie (Ertragsmaximierung, Aufwand- und Risikominimierung von Subjekten) auf die Wirtschaftsysteme aller Gesellschaften anwenden lassen. So ist z.B. die Optimierung einer sozialen Beziehung in Form eines Tauschhandels ein Bestreben zur Maximierung (Rössler 1999: 119, Wicker 2005). Die substantivistische Theorie geht von einer strukturellen, partikulareren Sichtweise aus: Wirtschaftssysteme sind sozial eingebettet (‘embeddedness') und kulturell determiniert. Einzelne Akteure sind Teil von Reziprozitäts- und Tauschsystemen, denen sie verpflichtet sind. Sie handeln aufgrund von moralischen, religiösen und politischen Überlegungen. Ökonomische Akitivitäten werden als soziale Phänomene gesehen. Die Bedürfnisse der Akteure sind im Gegensatz zum Formalismus endlich, auf das Fortbestehen und die Lebensweise ausgerichtet. Die Axiome der neoklassischen Theorie treffen in ihrer ursprünglichen Form nur auf kapitalistische Gesellschaften zu, wo die Sphäre der Wirtschaft die Sphären der Religion, Politik etc. dominiert. Auch nicht kapitalistische Gesellschaften funktionieren nach Raymond Firth nach dem Maximierungsprinzip, nur dass bei ihnen nicht Kapital sondern soziale Beziehungen und andere qualitative Grössen im Fordergrund stehen. In der substantivistischen Theorie spielen soziale Verteilungs- und Tauschmechanismen wie Reziprozität und Redistribution eine wichtige Rolle (Rössler 1999, Wicker 2005).
Aufbauend auf die formalistische und substantivistische Theorie möchte ich im folgenden erörtern, in wie fern Wachstum als marktwirtschaftliche Grösse Teil von wirtschaftlichen und sozialen Institutionen ist und wie es von diesen konstituiert wird.
2.2 Wachstumszwang aus formalistischer Perspektive
Der Volkswirtschaftler Biswanger (2009) stellt fest, dass das die moderne Volkswirtschaft einem Wachstumszwang auferlegt ist. Er konstatiert:
Die moderne Wirtschaft ist auf Wachstum angelegt. Sie unterliegt einem Wachstumszwang und einem Wachstumsdrang. Wachstumszwang heisst, dass die Alternative zum Wachstum Schrumpfung ist.
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Wachstumsdrang heisst, dass in der modernen Wirtschaft Kräfte tätig sind, die das Wachstum über das zur Vermeidung der Schrumpfung notwendige Ausmass hinaus treiben (Biswanger 2009: 11). Was für Kräfte meint Biswanger (2009) damit? Wie werden sie ausgeübt und in wie fern sind sie kulturell determiniert?
Aus volkswirtschaftlicher, formalistischer Perspektive erklärt Biswanger (2009: 11-25) das Phänomen mit dem Modell der Wachstumsspirale. Die Wachstumsspirale stellt sich aus drei Sorten Akteuren zusammen: Haushalten, Unternehmen und Banken. Es besteht nun einerseits eine Wechselwirkung zwischen den Haushalten, die Arbeits- und Produktionsleistungen erbringen, die von den Unternehmen beansprucht werden. Die Haushalte wiederum konsumieren die Dienstleistungen und Produkte der Unternehmen. Würde dieses duale System für sich alleine funktionieren, könnten die Unternehmen im Idealfall ihre Kosten decken, nicht aber den Gewinn kontinuierlich steigern, weil die Haushalte nur maximal die Geldmenge zurück in Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen investieren können, die sie durch Arbeitsleistungen an sie erhalten haben (Biswanger 2009: 11-25). An dieser Stelle kommt der dritte Akteur ins Spiel: Die Banken. Sie versorgen Unternehmen mit Krediten (so genanntes verzinstes Fremdkapital, das nur bei Unternehmensgewinn rentabel aufgenommen werden kann), damit diese ihre Produktionsinvestitionen decken können. Das Geld, das den Unternehmen in Form von Krediten geliehen wird, beziehen die Banken bei der Zentralbank. Diese müssen das Geld das sie verleihen aber nicht in Gold gehortet haben, man nennt diese Art von Geld darum auch Fiatgeld (Mankiw 2008: 644). Es existiert durch ein gesetzliches Abkommen mit der Regierung eines Landes. Aus dieser Erkenntnis folgert Biswanger:
Da die einzige Schranke für die Ausgabe von Buchgeld der Banken ihre Einlösbarkeit in Zentralbankgeld bzw. Banknoten ist, diese aber nicht mehr in Gold eingelöst werden müssen [...] beruht unser ganzes Geldsystem auf der Vermehrung »ewiger« Schulden. »Ewige« Schulden die man nie bezahlen muss, kann man unendlich vermehren! So werden Schulden zu Geld [...] (Biswanger 2009: 16).
Es gibt also, vereinfacht ausgedrückt, einen gesellschaftlichen Anreiz für Akteure Schulden zu machen, da das Funktionieren des neoliberalen Wirtschaftssystems auf sie aufbaut. Denn ohne die Erhöhung der Geldmenge im Geldkreislauf gibt es kein Wachstum, und somit kein Zuwachs an Wohlstand, keine Vermehrung von Arbeitsplätzen et cetera (Cezanne 1999: 516-517). Eine Geldentwertung durch zuviel Geld im Zirkulationssystem - im Sinne des Monetarismus - sei dabei ausgenommen. Die Problematik dieses Befundes liegt darin, dass zwar die Geldmenge im System beliebig erhöht werden kann, nicht aber die vorhandenen Ressourcen der Umwelt. Der Wachstumszwang und der Anreiz, Ressourcen in Geld und Prestigegüter einzutauschen, führen zu einem Raubbau an der Natur (Biswanger 2010).
Seidl/Zahrnt (2010: 18-22) unterscheiden diverse soziale Institutionen (Altersversicherungen, das Gesundheitswesen etc.), die auf die Wachstumsdynamik der Wirtschaft angewiesen sind. Sie sehen dabei Konsum als den Hauptantrieb des Wirtschaftswachstums. Als grundlegende Voraussetzungen für ein hohes Konsumniveau nennen sie den Zugang zu billigen Arbeitskräften, günstigen Rohstoffen und steigende Arbeitsproduktivität, wodurch neue Produkte und Dienstleistungen angeboten werden können. Krugmann/Wells (2010: 809) nennen die Interdependenz einer hohen Konsumrate kombiniert mit einer möglichst hohen Arbeitseffizienz pro Arbeiter als grundlegend für den Wachstumsdrang der Wirtschaft.
Arbeit zitieren:
Simon Meier, 2011, Die Subprime-Krise 2007 und der neoliberale Wachstumszwang am Beispiel der USA, München, GRIN Verlag GmbH
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