Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Der Andere als Kuriosität zwischen Flora und Fauna. 3
3. „Ellos andan todos desnudos “ 4
4. Kommunikation: Verstehen, Missverstehen, Deuten, Nichtverstehen. 7
5. Wirtschaftliche Interessen: Der Andere als Wirtschaftsgut 9
6. Christianisierungsbestrebungen. 11
7. Schluss 12
1
1. Einleitung
Wie wird der Andere, das fremde Subjekt, textuell dargestellt und in dieser Darstellung hergestellt? Dies ist die Ausgangsfrage, die wir uns stellen möchten im Hinblick auf die Analyse des diario de a bordo von Cristóbal Colón. Im diario de a bordo sind die Entdeckungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492- 1493 aufgezeichnet und beinhaltet auch den Bericht des ersten Zusammentreffens der Indios und Europäer. Auf seiner ersten „Indien- Reise“ entdeckte Colón die Inseln der Karibik. In diesem Raum lebten die Tainos, die der Sprachfamilie der Aruak oder Arawak angehören. Weder die Sprache noch die Kultur oder die gesellschaftlichen Organisationsformen der Tainos waren den Eindringlingen bekannt. Diese Tatsache und die extrem lange Seereise machte die Fahrt von Cristóbal Colón zu etwas radikal anderem wie die früheren Entdeckungsfahrten. 1
Es sei darauf hingewiesen, dass die Analyse des diario de a bordo durchaus nicht unproblematisch ist, da das Original nicht mehr existiert. Nach Ankunft in Spanien 1493 übergab Colón das Original den Königen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón. Vor seiner zweiten Reise nahm er das Bordbuch wieder an sich, jedoch fertigten die Katholischen Könige vorab eine Kopie an, die unter dem Namen „Barcelona- Kopie“ bekannt ist. Diese Kopie war wahrscheinlich die Grundlage für die kommentierte Zusammenfassung von Fray Bartolomé de Las Casas. Wie treu der Bischof den Worten des Admirals folgte, bleibt ungewiss, da sowohl das Original sowie die „Barcelona- Kopie“ verschwunden sind. 2
Zunächst war auch das Manuskript von Bartolomé de Las Casas verschollen, bis Martin Fernández de Navarrete 1790 es in der Privatsammlung des Duque de Infantada wiederentdeckte. Navarette und die meisten folgenden Herausgeber entschieden sich für den Verzicht der einleitenden Worte und der Randbemerkungen von Bartolomé de Las Casas. In der weggelassenen Einleitung erklärt der Dominikaner, dass es sich bei diesem Manuskript vielmehr um eine Zusammenfassung als um eine wortgetreue Kopie handelt. Aus diesem Grund ist ein großer Teil des Bordbuches in der dritten Person
1 Vgl. Gewecke (2007): Die Karibik: zur Geschichte, Politik und Kultur einer Region. S. 13 und Greenblatt (1994): Wunderbare Besitztümer. S. 91
2 Vgl. Reinhardt: Wilde waren schon immer vernünftiger.
2
Singular verfasst und direkte Zitate wurden sichtlich markiert. Aus diesem Sachverhalt tritt hervor, dass der Text weder monolithisch noch homogen sein kann. Auf jeden Fall, treten die Interessen des Dominikaners nicht nur in den Randglossen unverkennbar hervor. 3
Aber nicht nur aus diesem Grund ist es ratsam eine gewisse Skepsis dem Geschriebenen entgegenzubringen, da sich zunächst auch die Frage stellt, welcher Gattung Reiseliteratur zuzuordnen sei, denn man kann weder behaupten, dass sie komplett fiktional noch nicht- fiktional sei. Zwar fühlt man sich nicht selten dazu verführt Reiseliteratur als ein empirisches Dokument oder als eine wahre Nacherzählung anzusehen, jedoch wird der Reisebericht vielmehr durch sein einzigartiges Oszillieren zwischen Fiktion und Diktion charakterisiert. 4
Diese beiden Aspekte sollte man bei der Lektüre im Hinterkopf behalten und man sollte sich im Klaren darüber sein, dass der Text weder monolithisch noch transparent ist. Infolgedessen können wir uns der Antwort auf die Frage, wie Colón den Anderen darstellt, auch nur annähern.
2. Der Andere als Kuriosität zwischen Flora und Fauna
In diesem Kapitel möchten wir die Einbettung des Anderen im Reisebericht näher betrachten. Die Entdeckung der Indianer steht durchaus nicht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern vielmehr reihen sich seine Äußerungen über die Bewohner der Inseln mit denen über die Natur ein- „irgendwo zwischen den Vögeln und den Bäumen.“ 5 Dies ist zum Beispiel erkennbar am Eintrag vom 16.12.1492: “las [raíces] de aquel lugar eran tan gordas como la pierna, y aquella gente todos diz que eran gordos y valientes”(S.152) 6 oder im Eintrag vom 17. Oktober heißt es: “Aquí hallaron que las mujeres casadas traían bragas de algodón, las mozas no, sino salvo algunas que eran de edad de diez y ocho años. Y ahí había perros mastines y branchetes, y ahí hallaron uno que había al nariz un pedazo de oro que sería la mitad de un
3 Vgl. Reinhardt: Wilde waren schon immer vernünftiger. Greenblatt: Columbus runs aground. S. 122
4 Vgl. Ette (2008): Literatura en movimiento. S.38f
5 Todorov (1985): Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. S. 47
6 Die Zitate aus dem Bordbuch sind alle der Ausgabe von 1985 diario de a bordo. Edición de Luis Arranz entnommen. Diese Edition ist auf Grundlage der Kopie von Carlos Sanz des Manuskriptes von Bartolomé de Las Casas entstanden. Reinhardt schreibt in seinem Artikel „Wilde waren schon immer vernünftiger“, dass Carlos Sanz die letzen Zeilen des Manuskriptes gefälscht hat. Des Weiteren werden die Zitate aus dem diario de a bordo nur mit Datum des Eintrages und der Seitenzahl versehen.
3
castellano”(S.101). Beim ersten Beispiel werden die Menschen nur als Gefolge der Beschreibung der Wurzeln eingebracht. Beim zweiten Beispiel ist der Einschub der Hunde sehr bezeichnend und könnte auf das Register hinweisen dem die Frauen und Männer zugeordnet werden. Im Allgemeinen wird offensichtlich, dass die Berichterstattung der Indianer keine privilegierte Stellung innerhalb des diario de a bordo einnimmt. 7
Ebenfalls bei seinem Naturforscherdrang unterscheidet er nicht zwischen Mensch, Tier und Blume. Er möchte von jeder Art ein Exemplar mitnehmen. Demgemäß wurde am
11. Oktober 1492 im diario de a bordo verzeichnet: “Yo placiendo a Nuestro Señor, llevaré de aqui al tiempo de mi partida seis [hombres] a Vuestra Alteza” (S.91). Er nimmt demnach von der Insel San Salvador zugleich sechs Personen mit, die ihm jedoch wieder entwischen. Am 12. November beschließt er abermals „menschliche Exemplare“ mitzunehmen. ”Así que ayer vino a bordo de la nao una almadía con seis mancebos, y los cinco entraron en la nao; estos mandé detener y los traigo. Y después envié a una casa [...]y trajeron siete cabezas de mujeres entre chicas y grandes y tres niños“ (S. 121). Dabei kommt ihm gar nicht in den Sinn, die Indianer nach ihrer Meinung zu fragen und in diesem Kontext wird deutlich, dass er ihnen keinen eigenen Willen zugesteht. 8
Abschließend kann man sagen, dass die Darstellung der Indianer keine zentrale Rolle im Reisebericht einnimmt. Wahrscheinlich ist der Grund dafür, dass Colón sie unlängst der Natur zuordnet.
3. „Ellos andan todos desnudos…“
Das erste Merkmal, das Colón ins Auge fällt, ist die Nacktheit der Einwohner. Möchten wir zunächst auf seine Erwartungshaltung eingehen, wodurch auch die Fixierung auf die Nacktheit verständlicher wird. Colón hatte die Überzeugung die entdeckten Inseln wären ein Teil Indiens. Durch die Lektüre von Marco Polo und Sir John Mandeville erwartete er gewisse Eigenschaften zu finden. Aber anstatt eine fortgeschrittene Kultur
7 Vgl. Todorov(1985): Die Eroberung der Amerikas. Das Problem des Anderen. S. 47
8 Vgl. ebd. S.63
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Arbeit zitieren:
Eva-Maria Witzig, 2010, Colón und die Indianer, München, GRIN Verlag GmbH
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