Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
1.1 Soziokultureller Hintergrund. 6
1.2 Die Rolle der Frau in Tremblays Werk. 8
2. Ursachen des Gefangenseins. 10
2.1 Familie. 10
2.1.1 Geschlechterrollen. 13
2.1.1 Ehe 16
2.1.2 Kinder. 19
2.1.3 Liebe. 21
2.2 Kirche 23
2.2.1 Sexualmoral. 27
2.2.2 Armut 29
2.3 Sprache 30
2.3.1 Joual 31
2.3.2 Kommunikationsprobleme 34
3. Folgen des Gefangenseins. 38
3.1 Unbewusste Auswirkungen. 38
3.1.1 Individuelle Entfremdung 38
3.1.2 Gesellschaftliche Entfremdung 43
2
3.2 Reaktionen der Frauen 47
3.2.1 Resignation / Kompensation 48
3.2.1.1 Resignation. 48
3.2.1.2 Ausgleichshandlungen 49
3.2.1.3 Abhängigkeiten 52
3.2.2 Märtyrertum 53
3.2.2.1 Marie-Louise 54
3.2.2.2 Manon. 55
3.2.3 Rebellion 56
3.2.3.1 Pierrette 57
3.2.3.2 Albertine. 58
3.2.4 Befreiung. 60
3.2.4.1 Carmen 60
4. Schluss. 64
5. Literaturverzeichnis. 66
3
1. Einleitung
Michel Tremblay wird 1942 in Montréal geboren. Er wächst in der ‚rue Fabre’ im Arbeiterviertel des ‚Plateau Mont-Royal’ auf. Gleich drei Familien teilen sich eine Wohnung und so wird Michel quasi von sechs Frauen aufgezogen: „Ce cocon féminin a influencé son enfance, son tempérament et son œuvre littéraire.“ 1 Natürlich ist seine Mutter Rhéauna dabei die wichtigste weibliche Bezugsperson. Mit ihr an seiner Seite hätte er gern sein gesamtes Leben verbracht, schreibt er später. 2 Aufgrund ihres starken Übergewichts hat sie jedoch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Ihren Sohn nimmt das sehr mit: J’ai l’impression qu’elle se dessouffle, qu’elle perd son énergie d’un
seul coup, qu’elle vient de faire un autre petit pas vers la mort, et les
larmes me montent aux yeux sans que je puisse les retenir. Elle s’en
rend compte, soupire. ‘Tu te mettras pas à brailler pour une petite
faiblesse !’ Avant sa maladie, nos discussion pouvaient durer des
heures ; nous prenions tous les deux un malin plaisir à trouver le bon
argument qui assassinerait ceux de l’autre, nous ressortions notre
bonne vieille mauvaise fois quand la bonne foi et la sincérité
s’avéraient sans effet, nos chicanes avaient du souffle, de la grandeur,
nos engueulades, en un mot, étaient belles. 3
Diese tiefgreifende Erfahrung seine Mutter langsam schwächer und schließlich sterbend zu sehen, bringt Tremblay auch dazu, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und in einer Druckerei zu arbeiten. Indem er einen ‚vernünftigen’ Beruf ergreift, möchte er seine Mutter beruhigen. Doch bereits kurz nach seinem Eintritt in die ‚Imprimerie Judiciaire’ verstirbt Rhéauna. Die Erinnerung an sie und seine Kindheit pflegt Michel Tremblay bis heute 4 in seinen literarischen Werken. Er ist aufmerksamer Beobachter und Zuhörer familiärer Gespräche und nutzt dies als Quelle vor allem für seine frühen Stücke und Erzählungen. Die Arbeit als Drucker lässt er schon bald hinter sich und widmet sich ausschließlich der Literatur. Seine erste Veröffentlichung wird das Drama „Le train“ (1959), das ihm einen von Radio-Canada verliehenen Preis einbringt. Der große Durchbruch lässt zunächst auf sich warten. Das spätere Erfolgsstück „Les Belles-Sœurs“ stößt beim ’Dominion drama festival’ 1966 auf Ablehnung, bevor es zwei Jahre darauf dank der Unterstützung vieler Künstlerfreunde doch noch die Theaterbühne erobert: Pièce sans intrigue, sans homme, presque sans dialogue, fondée sur les
monologues parallèles et le chœur, ‘Les Belles-Sœurs’ est une
1 Boulanger, Luc: Pièces à conviction. Entretiens avec Michel Tremblay. Montréal: Leméac 2001, S. 8.
2 Vgl. Tremblay, Michel: Un ange cornu avec des ailes de tôle. Récits. Montréal: Leméac 1994, S. 107.
3 Tremblay, Michel: Douze coups de théâtre. Récits. Montréal: Leméac 1993, S. 217f.
4 2006 beginnt Tremblay eine Romanreihe, in der er Herkunft und Kindheit seiner Mutter, einer geborenen
Desrosiers, ergründen will.
4
comédie absurde, tragique. Quinze femmes s’entredéchirent en collant
un million de timbres-primes. 5
Der Fokus der ‚Tragik-Komödie’ liegt also nicht auf der Handlung. Vielmehr porträtiert Tremblay Leben und Geisteshaltung der Frauen des montrealer Arbeitermilieus im Quebec der 60er Jahre. Besonders aufsehenerregend ist dabei die Verwendung einer verschriftlichten Form des so genannten Joual. Auf die Charakteristika dieses Soziolekts gehe ich im Verlauf der Arbeit unter Punkt 2 ein. In den folgenden Stücken greift Tremblay immer wieder Figuren der ihm vertrauten Umgebung auf. Im Jahr 1974 zieht er innerhalb Montreals um, und zwar ins frankophone Nobelviertel Outremont. Auch dort übt er sich in scharfsichtiger Beobachtung. Sechs Jahre später erscheint das Ergebnis davon in „L’impromptu d’Outremont“. Darin kritisiert und verurteilt er die Arroganz der Bourgeoisie. 6 Nach zahlreichen dramatischen Werken widmet sich Tremblay seit Ende der 70er Jahre vermehrt dem Roman. Mit den beiden Serien „Chroniques du Plateau Mont-Royal“ und „Le Gay savoir“ kann er an seine Erfolge als Bühnenautor anknüpfen. Daneben ruht aber die Theaterproduktion nicht. Für meine Arbeit relevant ist vor allem „Albertine en cinq temps“ (1984), da die Titelheldin bereits in seinem Frühwerk „En pièces détachées“ 7 auftaucht und sich so ein vollständigeres Bild der Persönlichkeit erschließen lässt. Gleiches gilt für die weibliche Hauptfigur aus „Le vrai monde?“, Madeleine, die in „Albertine en cinq temps“ als Schwester von Albertine präsentiert wird.
Wie die Theatertitel und Tremblays eigene Biographie vermuten lassen, beschäftigt sich der Autor literarisch primär mit dem weiblichen Geschlecht. Von Kindesbeinen an erlebt er Frauen, die über Männer, Probleme und die Gesellschaft diskutieren, und für jene möchte er Sprachrohr sein. 8 Viele Faktoren führen dazu, dass sie ihr Leben als determiniert empfinden. Gefangen in einem eng umrissenen Rollenbild, resignieren sie darüber oder versuchen sich zu befreien. Einleitend werde ich auf die Merkmale der quebecer Gesellschaft, so wie sie sich zur Mitte des vorigen Jahrhunderts darstellt, eingehen. Es folgt ein Abschnitt, in dem ich ausführlicher auf die Rolle in Tremblays dramatischem Werk zu sprechen komme. Unter Punkt 2 untersuche ich dann die komplexen Ursachen des Gefangenseins. Die Folgen dieses
5 Mailhot, Laurent: La littérature québécoise. 2. édition revue. Paris : PUF 1975. (Que sais-je ?. 1579.), S. 113.
6 Vgl. Turbide, Roch: Michel Tremblay. Du texte à la représentation. Entretien. In: Michel Tremblay. Délégués
du Panthéon au plateau Mont-Royal. Sillery: Les Presses de l'Université du Québec 1982, S. 224.
7 In der von mir benutzten Ausgabe haben die Figuren noch andere Namen als in der aktuellen von 1994.
Tremblay änderte über mehrere Ausgaben hinweg die Namen, einerseits um den Bezug zu eigenen
Familienmitgliedern zu verwischen, andererseits aus Gründen der Übereinstimmung mit Charakteren der
„Chronqies du Plateau Mont-Royal“. Um Verwechslungen zu vermeiden, verwende ich ausschließlich die
Namen, so wie sie in der Ausgabe von 1994 vorliegen.
8 Vgl. Smith, Donald: Voices of deliverance. Interviews with Quebec & Acadian writers. Toronto: Anansi 1986,
S. 207.
5
beklemmenden Gefühls schlagen sich auf verschiedenen Ebenen nieder. Daher unterteile ich den dritten Punkt in unbewusste Entwicklungen, die aus der sozialen Enge resultieren, und direkte Reaktionen. Auch letztere sind den Figuren nur mehr oder minder bewusst, doch stehen sie in unmittelbarerem Zusammenhang zum „glass cage“ 9 . Der überwiegende Teil der Tremblay’schen Frauen verzweifelt daran und entwickelt teilweise sogar krankhafte Störungen wie Alkoholsucht. Einige lehnen sich gegen die starren Strukturen auf, doch nur den Wenigsten ist wahre Freiheit vergönnt. Diese erfordert einen harten Kampf mit sich und der Umwelt.
Zur Untersuchung von Gefangensein und Befreiung der Frau in Tremblays Werk ziehe ich sieben Stücke des ‚Belles-Sœurs’- Zyklus 10 sowie „L’Impromptu d’Outremont“, „Albertine en cinq temps“ und „Le vrai monde?“ heran.
1.1 Soziokultureller Hintergrund
Die frankokanadische Provinz trägt seit 1759 eine Last, die die Mentalität der Bewohner nachhaltig geprägt hat. Die Eroberung Quebecs durch die Briten und die folgende anglophone Vormachtstellung haben eine Art Minderwertigkeitskomplex hervorgerufen. Bis ins 20. Jahrhundert entwickelte sich der französischsprachige Teil Kanadas immer langsamer als die übrigen Provinzen. Auch die katholische Kirche, die von den Quebecern als identitätsstiftend angesehen wurde, verherrlichte das Bauernleben und verhinderte Modernisierungsprozesse. Der patriarchalisch regierende Premierminister Maurice Duplessis, der zwischen 1936 und 1959 mit nur fünf Jahren Unterbrechung als Oberhaupt der Provinz fungierte, verstärkte die Rückständigkeit. Als ‚Grande Noirceur’ geht die Epoche unter seiner Führung in die Geschichtsbücher ein. Wenn diese Titulierung auch plakativ und undifferenziert ist, so unterstreicht sie doch den von Duplessis vertretenen Traditionalismus und Nationalismus. Besonders mit seinen Bestrebungen für ein eigenständiges Quebec bereitet er der ‚Révolution tranquille’ den Weg. Doch tut er dies auch im negativen Sinn, indem er vor allem das Bildungswesen vernachlässigt und so die sozialen Probleme bestehen bleiben: „[L]es Canadiens-français représentent encore des citoyens de seconde zone sur leur propre territoire […].“ 11 Zwar wandern sie zunehmend vom Land in die Stadt, aber aufgrund ihres niedrigen Ausbildungsstands übernehmen sie einfache Arbeiterjobs. Zudem beherrschen sie nicht die
9 Ebd. S. 227.
10 „Les Belles-Sœurs“, „En pièces détachées“, „A toi, pour toujours, ta Marie-Lou“, „Trois petits tours“,
„Bonjour, là, bonjour“, „Sainte Carmen de la Main“, „Damnée Manon, sacrée Sandra“
11 Arino, Marc: L’apocalypse selon Michel Tremblay. Pessac: Presses universitaires de Bordeaux 2007, S. 169.
6
Sprache der wirtschaftlichen Oberschicht, nämlich Englisch. Daher werden die frankophonen Quebecer, überspitzt formuliert, als weiße Neger bezeichnet. 12
In der Ära nach Duplessis findet mehr und mehr ein Umdenken statt. Symbolisiert wird dies vor allem durch den ‚Refus global’. Dieses Manifest vom Künstler Borduas prägt das Quebec der 50er Jahre ungemein. Darin lehnt sich Borduas, und mit ihm die gesamte Gruppe der ‚Automatistes’ gegen das verknöcherte System der Provinz auf: Rejetons de modestes familles canadiennes-françaises, ouvrières ou
petites bourgeoises, de l'arrivée du pays à nos jours restées françaises
et catholiques par résistance au vainqueur, par attachement, arbitraire
au passé, par plaisir et orgueil sentimental et autres nécessités. 13
So beginnt die programmatische Schrift. Im Verlauf betitelt Borduas die Quebecer immer wieder als „petit peuple“ 14 , das seinen Minderwertigkeitskomplex überwinden und endlich Verantwortung übernehmen muss. 15 Ab 1960 dann finden die Erneuerungsbestrebungen in der so genannten Stillen Revolution ihren Niederschlag. Das bedeutet, dass die Umwälzungen vielschichtig und grundlegend sind, jedoch unblutig verlaufen. Sie betreffen „la
modernisation des grands secteurs de la vie publique: économie, éducation, culture, services sociaux […].“ 16 Insbesondere die Säkularisierung und Industrialisierung der Provinz bilden das erklärte Ziel der neuen liberalen Regierung unter Jean Lesage. Außerdem wird der Ruf nach Autonomie immer lauter. Die Frankokanadier besinnen sich auf ihre kulturelle Identität und die Beziehungen zum ehemaligen Mutterland Frankreich verbessern sich. Charles de Gaulle hat das Seinige dazu beigetragen, als er 1967 anlässlich des montrealer Expobesuchs verkündete: „Vive le Québec libre!“. Das Bemühen um Unabhängigkeiten mündet in zwei Referenden, in denen sich die Bevölkerung 1980 und 1995 knapp dagegen ausspricht. Es entwickelt sich zudem die terroristische Gruppe FLQ 17 , die bis 1970 mehrere anglophone Politiker und Diplomaten tötet.
Tremblays erste literarische Veröffentlichungen fallen in die Zeit der Stillen Revolution. Sein Werk repräsentiert das damalige Quebec. Das so positiv gezeichnete Bild von der neuen Epoche beäugt er allerdings kritisch. Seine Figuren entstammen fast ausnahmslos 18 dem Arbeitermilieu und können kaum an den gesellschaftlichen Veränderungen partizipieren. Die
12 Vgl. Kempf, Udo (Hrsg.) : Quebec. Wirtschaft-Gesellschaft-Politik. 2., erweiterte Auflage. Hagen : ISL-
Verlag 1999. (Kanada-Studien. 15.), S. 19.
13 Borduas, Paul-Émile: Le refus global. 1948, S. 1.
14 Ebd.
15 Vgl. ebd. S. 10.
16 Vigeant, Louise: Une étude de ‘À toi, pour toujours, ta Marie-Lou’ de Michel Tremblay. Montréal: Boréal
1998, S. 19.
17 Front de libération du Québec
18 Erst 1980 holt er in „L’Impromptu d’Outremont“ Figuren aus der Bourgeoisie auf die Bühne.
7
traditionellen Strukturen sind nach wie vor in ihren Köpfen; allein eine Revolution richtet dagegen nichts aus. Gerade das Schicksal der Frauen rückt ins Zentrum des Interesses Michel Tremblays. Ihnen möchte er eine Stimme geben.
1.2 Die Rolle der Frau in Tremblays Werk
Michel Tremblay räumt dem weiblichen Geschlecht die zentrale Stellung in seinem Werk ein. Es ist sein Anliegen, den bestehenden Mangel an Protagonistinnen in der quebecer Literatur auszugleichen. 19 Abgesehen von Marcel Dubé (*1930), der in „Florence“ eine Frau und deren Streben nach Emanzipation in den Mittelpunkt rückt, beherrscht die männliche Sicht das literarische Schaffen der meisten Autoren. Dabei, so wird stets konstatiert, glänzen die Männer der Provinz eher mit Abwesenheit. 20 Die Arbeit beansprucht sie tagsüber und abends treffen sie sich gern auf ein paar Bier mit Freunden. Ihre Frauen kümmern sich derweil um Haushalt und Kinder. Erwartet der Leser nun, dass Tremblay seine Heldinnen als liebevolle und fürsorgliche Mütter darstellt, wird er enttäuscht: [L]es femmes […] ne sont ni charitables, ni, pour la plupart, aimables.“ 21 Das beste Beispiel dafür sind die ‚Belles-Soeurs’. Die Frauen des gleichnamigen Theaterstücks veranschaulichen des damals in Quebec vorherrschenden Typus; unterprivilegiert und ohne Berufsausbildung fristen sie ihr Dasein im streng umgrenzten Lebensbereich ihrer vier Wände. Diese physische Enge reflektiert das innere Befinden:
As these fifteen women were confined - - intellectually, emotionally,
and sexually - - Quebec too was confined, subject to bondage which
had developed and been internalized as generations of individuals
abandoned personal freedom. 22
Das Schicksal der Frauen kann also als exemplarisch für die gesamte Provinz gedeutet werden. Die Unterdrückung, die Quebec durch die anglophone Mehrheit auf dem Kontinent und die strenge Führung der katholischen Kirche erfahren musste, hat seine Einwohner geformt, wenngleich auch einzuschränken ist, dass es sich bei Tremblays Werken natürlich um literarische Fiktion und nicht um getreue Abbildung Wirklichkeit handelt. Tremblay strebt nicht nach naturalistischer Wiedergabe: „[W]hat matters for him is the re-creation of brute
19 Vgl. Boulanger, Luc: Pièces à conviction. Entretiens avec Michel Tremblay. Montréal: Leméac 2001, S. 23f.
Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch im laufenden Text mit nachstehender Sigle: (Boulanger, S. X).
20 Vgl. Michel Bélair: Michel Tremblay. Québec: Les Presses de l’Université du Québec 1972, S. 17.
21 Edwards, Allen: L'univers des femmes dans les pièces de Michel Tremblay. Thèse. Ottawa: Bibliothèque
nationale du Canada 1989, S. 50.
22 Dennis, Katharine M.: The problem of freedom in the theatre of Michel Tremblay. Ann Arbor: University
.Microfilms International 1990, S. 46.
8
reality, its transposition into art.“ 23 Die schonungslose Darstellung soll den Zuschauern die Augen öffnen und erklärt die wenig sympathischen Frauengestalten. Diese sind keineswegs Zeichen der Tremblay zum Teil unterstellten Misogynie. Vielmehr möchte der Autor die Ursachen und Zusammenhänge herausstellen, die für die Frustration und Missgunst der Frauen verantwortlich sind. Mehr oder weniger deutlich empfinden sie alle eine innere Leere; sie sind einsam und zutiefst unglücklich. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung werden durch gesellschaftliche Faktoren begrenzt. Das daraus entstehende Gefühl des Gefangenseins möchte ich nun näher untersuchen und die genauen Gründe dafür ausmachen.
23 Cardy, Michael: Tremblay. ‘Les belles-sœurs’ and ‘A toi, pour toujours, ta Marie-Lou’. London: Grant &
Cutler 2004, S. 78.
9
2. Ursachen des Gefangenseins
Der Nährboden der weiblichen Unterdrückung liegt in den Grundfesten dessen, was die quebecer Gesellschaft ausmacht. Die drei Eckpfeiler der frankophonen Provinz bilden Familie, Religion und Sprache. Das herausragende Verdienst dieser drei besteht darin, dass sie das Überleben der aus Frankreich kommenden Minderheit auf dem nordamerikanischen Kontinent sicherstellten. Dank des extrem starken Kinderreichtums 24 , der identitätsstiftenden und normierenden katholische Kirche sowie des distinktiven Elements schlechthin, nämlich der französischen Sprache, scheiterten sämtliche Assimilationsbestrebungen der britischen Krone. Tremblay gesteht diesen Grundwerten zwar ihre kapitale Bedeutung zu, doch entlarvt er ebenfalls ihren Anteil am Gefühl des Gefangenseins, das insbesondere die Frauen prägt. Sie haben nicht nur leitende Funktion, sondern zwängen die Menschen durch vorgegebene soziale Rollenmuster auch ein. 25
2.1 Familie
Viele der Stücke Tremblays kreisen hauptsächlich um das Thema Familie. 26 Innerhalb dieses umgrenzten Kosmos werden grundsätzliche soziale Entwicklungen in Quebec erkennbar. Die Allgemeingültigkeit des Schicksals der Familie für die gesamte Gesellschaft manifestiert sich in dem berühmten Stück „Les Belles-Soeurs“: die 15 Frauen sind bis auf wenige Ausnahmen nicht verwandtschaftlich verbunden sondern Schicksalsgenossinnen. Familie im weiteren Sinne steht also dafür, dasselbe Los zu teilen.
In den Augen Michel Tremblays ist die Familie von all dem beraubt, das sie eigentlich ausmacht. Es besteht nahezu keine emotionale Bindung zwischen den einzelnen Mitgliedern; die Strukturen der Großfamilie sind zerfallen. Den Mythos vom idyllischen Familienleben, das es in der Realität längst nicht mehr gibt, möchte Tremblay auch literarisch zerstören: „My own intention was to put a bomb in the Quebec family, to fill it full of explosives and blow it to bits […]. 27 Für Tremblay ähnelt die Familie mehr einer Gefängniszelle und dieser Gedanke findet sich literarisch umgesetzt im Munde einer seiner bekanntesten Frauenfiguren, Marie-Louise:
24 Bis zu 14 Kinder pro Familie waren keine Seltenheit.
25 Vgl. Vigeant, Louise: Une étude de ‘À toi, pour toujours, ta Marie-Lou’ de Michel Tremblay. Montréal:
Boréal 1998, S. 15. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch im laufenden Text mit nachstehender Sigle:
(Vigeant, S. X).
26 Zum Beispiel „A toi, pour toujours, ta Marie-Lou“, „Bonjour, là, bonjour“ oder „Le vrai monde?“
27 Smith, Donald: Voices of deliverance. Interviews with Quebec & Acadian writers. Toronto: Anansi 1986, S.
219. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch im laufenden Text mit nachstehender Sigle: (Smith, S. X).
10
Nous autres, quand on se marie, c’est pour être tu-seul ensemble. Toé,
t’es tu-seule, ton mari à côté est tu-seul, pis tes enfants sont tu-seuls de
leur bord…Pis tout le monde se regarde comme chien et chat…Une
gang de tu-seuls ensemble, c’est ça qu’on est ! 28
Leere Blicke werden ausgetauscht; jeder lebt sein Leben für sich, ohne Anteil an dem des anderen zu nehmen. Es besteht lediglich räumliche Nähe zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. Dies zeigt sich auch im Bühnenbild. Die Küche, der traditionelle Familientreffpunkt, wird zu einer „cellule restreinte et opprimante“ 29 . In den „Belles-Sœurs“ zwängen sich die eingeladenen Frauen in die enge Küche Germaines und es spielen sich Szenen ab, die von Neid, Hass und Ignoranz durchsetzt sind. 30 Ebenso wird das Wohnzimmer seiner heimeligen Atmosphäre beraubt und fungiert stattdessen als Raum, in dem jeder vor dem Fernseher vor sich hin vegetiert. Anstelle eines ruhigen und entspannten Miteinanders finden im Wohnzimmer Streitgespräche statt, so beispielsweise in „En pièces détachées“. Die so genannten ‚chicanes’ sind beinahe der einzige Austausch. Jeder kämpft gegen den anderen, um die eigene Schwäche zu verschleiern. Im Sinne von ‚Angriff ist die beste Verteidigung’ gehen sie aufeinander los. In „Bonjour, là, bonjour“ wird dies besonders deutlich. Gilberte beschwert sich über Charlotte: „Chus pus capable de l’endurer, elle. […] À prend toute la place dans le litte, pis à ronfle comme un troupeau de bœufs, pis à tousse toute la nuitte, pis à se lève cinquante fois pour aller pisser, pis à crache pendant des heures.” 31 Darauf kontert Charlotte sogleich : “À l’appelle tout le monde dans’ famille pour se plaindre de moé. […] [C]’est moé qui donne le plus d’argent, ben qu’y m’endurent ! ” 32 In der Familie, so wie sie Tremblay sieht, dienen die jeweils anderen schlicht dazu, als Sündebock herzuhalten. So pervertiert stellt die Familie ein Hindernis für die persönliche Freiheit eines jeden da. Sollte sie Kraft und Halt geben, bringt sie in dieser Form nur Leid und Kummer. Auch der Alltag des Familienlebens wird von den Figuren als unerträglich wahrgenommen. Jedoch weniger aufgrund der vielen Streitereien, sondern vielmehr wegen seiner Eintönigkeit und Härte. Das ‚maudite vie plate’ läuft, wie folgt, ab: J’me lève, pis j’prépare le déjeuner. Toujours la même maudite
affaire ! Des toasts, du café, des œufs, du bacon […] J’travaille,
j’travaille, j’travaille. Midi arrive sans que je le voye venir pis les
enfants sont en maudit parce que j’ai rien préparé pour le dîner. […]
J’travaille toute l’après-midi, le souper arrive, on se chicane. Pis le
28 Tremblay, Michel: À toi, pour toujours, ta Marie-Lou. Montréal: Leméac 1971, S. 90.
29 Edwards, Allen: L'univers des femmes dans les pièces de Michel Tremblay. Thèse. Ottawa: Bibliothèque
nationale du Canada 1989, S. 15. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch im laufenden Text mit
nachstehender Sigle: (Edwards, S. X).
30 Vgl. ebd.
31 Tremblay, Michel: Bonjour, là, bonjour. Montréal: Leméac 1974, S. 52f.
32 Ebd, S. 53.
11
soir, on regarde la télévision ! […] Pis le jeudi pis le vendredi, c’est la
même chose ! […] Le samedi, j’ai les enfants par-dessus le marché !
Pis le soir, on regarde la télévision ! […] Chus tannée de mener une
maudite vie plate ! 33
Zwar ist diese Äußerung in der Ich-Form verfasst, jedoch reden hier fünf Frauen gleichzeitig. Dieser Chor von Frauen benennt das, was die Realität vieler Mütter in Quebec ist. Die Monotonie wird durch die zahlreichen Wiederholungen hervorgehoben.
In dem Zitat sticht außerdem hervor, wie wenig sich die Frauen mit ihrem Tun identifizieren, wie wenig Sinn sie in allem sehen. Man kann eher davon sprechen, dass sie aus einem gesellschaftlichen Zwang heraus agieren. Dieser bringt sie dazu, genau die Strukturen zu unterstützen, die ihnen eigentlich so verhasst sind. 34 Sie machen, was von ihnen erwartet wird, beschweren sich über dieses Joch, doch denken nicht an Verweigerung oder Ausbruch. Letztlich entspricht ihr Leben ja äußerlich betrachtet dem „traditional ideal of the family, which supposes a woman’s devotion to her sacred duties as wife and mother.“ 35 Das heißt, aus der Perspektive eines anderen Schriftstellers könnte der Alltag der ‘Belles-Sœurs’ als kleines Paradies geschildert werden. 36 Diese Auffassung erinnert an Madeleine, die Schwester Albertines. In „Albertine en cinq temps“ bekundet sie Zufriedenheit über ihr Leben, das von ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter bestimmt ist: Mon bonheur est peut-être un ben p’tit bonheur, ben insignifiant, ben
plate, mais…(Silence). C’est drôle, hein, j’veux pas le savoir.
J’pense…que j’aime mieux un p’tit bonheur médiocre qu’un grand
malheur tragique. 37
Einige Punkte sind zu diesem Zitat anzumerken. Erstens muss hinterfragt werden, wie aufrichtig die Aussage von Madeleine ist beziehungsweise ob ihr ‚bonheur médiocre’ nur Fassade ist. Das würde bedeuten, dass sich bei Tremblay keine Frauenfigur der ’Belles-Sœurs’-Generation auftaucht, der Glücklichkeit beschieden ist. Zweitens bleibt festzuhalten, dass trotz Madeleines vermeintlicher Zufriedenheit der Großteil der Tremblay’schen Frauen über ihr Schicksal klagen. Das kann mit dem klassischen Rollenbild zusammenhängen, mit dem sie sich nicht identifizieren, dem sie aber aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz zu entsprechen suchen. Aus diesem Grund möchte ich einen Überblick über das damalige Rollenverständnis in Quebec geben und an Beispielen aus Tremblays Werk verdeutlichen.
33 Tremblay, Michel : Les Belles-Sœurs. Montréal: Leméac 1972, S. 24.
34 Vgl. Jubinville, Yves: Une étude de ‘Les belles-sœurs’ de Michel Tremblay. Montréal: Boréal 1998, S. 78.
35 Usmiani, Renate: Michel Tremblay. Vancouver : Douglas & McIntyre 1982. (Studies in Canadian Literature.
15.), S. 41.
36 Vgl. ebd.
37 Tremblay, Michel: Albertine, en cinq temps. Montréal: Leméac 1984, S. 85f.
12
Die Kenntnis der sozialen Rolle von Mann und Frau dient als Basis für das Begreifen der Mechanismen innerhalb der Familie.
2.1.1 Geschlechterrollen
Bezüglich der sozialen Rolle der Frau in Quebec zitiere ich einleitend eine Aussage Henri Bourassas (1868-1952), quebecer Politiker und Journalist, zum Thema Frauenwahlrecht. Er warnt vor der „femme-électeur, qui engendrera bientôt la femme-cabaleur[…], enfin, pour tout dire en un mot : la femme-homme, le monstre hybride et répugnant qui tuera la femmemère et la femme-femme.” 38 Bourassa schreibt dies 1918 in der Zeitung ‘Le devoir’. Während er hier noch zwei Frauentypen für wünschenswert hält, nämlich die ‚femme-femme’ sowie die ‚femme-mère’, wird er zwei Tage später in einem weiteren Artikel deutlicher: „La principale fonction de la femme est et restera — quoi que disent et quoi que fassent, ou ne fassent pas, les suffragettes — la maternité, la sainte et féconde maternité […].” 39 Damit spricht er aus, was bereits seit über 200 Jahren in der frankokanadischen Provinz Realität ist: die Frau ist in erster Linie Mutter. Eine besondere Bedeutung erhält diese Rolle in Quebec, da nur so die so genannte ‚survivance’ gelingen konnte.
Between 1750 and 1950, when the population in Europe quadrupled,
the population in Quebec increased by a factor of eighty, giving
French Canadians the votes needed to help balance the influx of
English-speaking immigrants in Canada. 40
Diese erfolgreiche Taktik ging als ‚Revanche des berceaux’ in die Geschichte ein. Daraus erklärt sich auch Bourassas Einsatz gegen ein Wahlrecht für Frauen. Nur wenn die Frau in ihrer traditionellen Rolle verhaftet bleibt, wird es die frankokanadische Großfamilie weiterhin geben. Auf diese Weise sind das Bestehen und das politische Gewicht der ‚Québécois’ gesichert. Es verwundert daher nicht, dass sich noch bis in die 50er des 20. Jahrhunderts an der Situation der Frau kaum etwas verändert. Dem Mann untergeordnet, hat sie sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Erst im Zuge der Stillen Revolution setzt ein Umdenken ein. Die Gleichstellung der Frau schreitet voran, indem beispielsweise mehr und mehr Frauen arbeiten oder sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, das ihnen offiziell schon seit 1940 zusteht, etc.
38 Henri, Bourassa: Le suffrage féminin. 1918, S. 1.
39 Ebd. S. 2.
40 Dennis, Katharine M.: The problem of freedom in the theatre of Michel Tremblay. Ann Arbor: University
Microfilms International 1990, S. 16. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Buch im laufenden Text mit
nachstehender Sigle: (Dennis, S. X).
13
Die Abhängigkeit der Frau bedeutet auf der anderen Seite die Dominanz des Mannes. Vor allem während der Duplessis-Ära ist dies zu beobachten. Politik und Kirche sind eng miteinander verwoben und zudem reine Männerdomänen: „Le mâle est donc tout puissant.“ 41 Somit stellt sich Quebec als eine klar patriarchalisch organisierte Gesellschaft dar, die das so genannte klassische Rollenmodell favorisiert.
Soweit zum historischen Hintergrund. Doch wie sieht und gestaltet Tremblay die Rolle von Mann und Frau in seinen Stücken? Nehmen wir Marie-Louise. Sie entstammt einer Familie mit 14 Kindern, wie es damals typisch war. Sie selbst hat ‚nur’ zwei Kinder, wie auch Albertine; Germaine und einige andere ‚Belles-Sœurs’ haben sogar nur eins. Dennoch sind sie alle weiterhin Hausfrau und Mutter. Lediglich Albertine arbeitet später, was jedoch einhergeht mit der Aufgabe ihrer Familie. Kinder und Beruf bleiben für diese Generation folglich unvereinbar. Gefesselt an Haus und Mutterrolle, drehen sich die Gespräche der Frauen auch nur um das Leben zwischen Küche und Kinderzimmer. Germaine ist euphorisiert beim Gedanken an die Neuausstattung ihres Hauses, die mit den Prämienpunkten möglich wird: „J’vas toute meubler ma maison en neuf! Attendez…Où c’est que j’ai mis le cataloye… […] j’vas toute avoir c’qu’y’a d’dans!” 42 Das Haus ist ihr kleiner Kosmos und so wird die Aussicht auf neue Möbel zum höchsten Glück. Tremblay überspitzt die Situation noch, als er Germaine von der Notwendigkeit eines größeren Hauses sprechen lässt, um alle gewonnenen Möbel unterbringen zu können. 43 Die Begeisterungsstürme der Hausherrin werden ins Lächerliche gezogen. Es tritt klar hervor, dass physische Enge, in Form der Beschränkung auf das Eigenheim, geistige Enge nach sich zieht.
Ein weiterer Aspekt, der die soziale Rolle der Frau ausmacht, liegt in der Abhängigkeit vom Mann. Das gilt zum einen in wirtschaftlicher Hinsicht, da die Frau kein eigenes Geld verdient, zum anderen aber auch in Hinblick auf die gesellschaftliche Akzeptanz. Dennis beschreibt Quebec dies betreffend als „a society where unmarried women over thirty do not exist.” 44 Pierrette ist ein Beispiel für eine Frau, die nicht den von der Gesellschaft vorgezeichneten Weg eingeschlagen hat, und nun selbst von ihrer eigenen Familie nicht mehr akzeptiert wird. Sie ist unverheiratet, kinderlos, lebt und arbeitet auf der ‚Main’. Laut Simone de Beauvoir wird dieser Lebenswandel in Nordamerika besonders kritisch gesehen: „Une femme seule, en Amérique plus encore qu’en France, est un être socialement incomplet, même si elle gagne sa vie; il faut une alliance à son doigt pour qu’elle conquière l’intégrale dignité d’une personne
41 Edwards, S. 69.
42 Tremblay, Michel : Les Belles-Sœurs. Montréal: Leméac 1972, S. 41. Im Folgenden belege ich Zitate aus
diesem Buch im laufenden Text mit nachstehender Sigle: (BS, S. X).
43 Ebd. S. 47.
44 Dennis, S. 44.
14
Arbeit zitieren:
Janine Kapol, 2010, Gefangensein und Befreiung - Die Frau im dramatischen Werk Michel Tremblay, München, GRIN Verlag GmbH
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Für MS Word 2003 - Update 2010
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