1 Einleitung
Die Literatur der ehemaligen DDR findet immer mehr Beachtung, nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch im nicht deutschsprachigen Ausland. Allgemein wird anerkannt, dass sich im sozialistischen Teil Deutschlands eine Literatur von beachtlichem Rang und Niveau entwickelt hatte, deren Analyse und Verständnis Einblicke in die gesellschaftliche Ordnung des Staates gewähren. Auch wird auf die ästhetische Qualität verwiesen, die die DDR-Literatur schon in den sechziger und siebziger Jahren kennzeichnet.
Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe (heute in Polen) geboren. 1 Sie wuchs in einer kleinstädtisch-kleinbürgerlichen Welt auf, in der sie sich sicher und beschützt fühlte. Durch die Schule, Jungmädchenbund und BDM wurde sie an die nationalsozialistische Ideologie herangeführt, die sie sich in idealisierter Form aneignete (Ideale wie Vaterlandsliebe, Treue, Opferbereitschaft). Die Erfahrungen während des Krieges, wie Angst, Zerstörung und Verlust, aber auch die Begleiterscheinungen nach Kriegsende, wie die Flucht aus der Geburtsstadt, das Zerbrechen ihrer Kindheitswelt erschütterten sie geistig und körperlich.
Durch die Folgen des 2. Weltkrieges geprägt, verschrieb sich Christa Wolf nach Kriegsende dem Antifaschismus. Anfangs engagierte sich Christa Wolf mit großem Eifer für die Entwicklung in der DDR. So wurde sie während ihrer Studienzeit von 1949 - 1953 vom Marxismus fasziniert und wollte, wie viele andere Autoren auch, beim Aufbau Sozialismus mitwirken und wandte sich diesem gutgläubig zu. Somit bekennt sie sich auch zur Schaffensperiode des Sozialistischen Realismus und hielt sich anfangs konsequent an die ästhetischen Prinzipien, die durch diese Stilrichtung vorgegeben waren. Diese erste Phase ihres literarischen Entwicklungsvorganges besetzen zwei Erzähltexte, die Moskauer Novelle (1961) und Der Geteilte Himmel (1963).
Ab Mitte der sechziger Jahre vollzieht sich eine ideelle Wende in Christa Wolfs Denken und sie nabelt sich von Ideologie und Herrschaftspraxis der SED ab. Erste kritische Tendenzen machen sich bemerkbar. Sie löst sich von den Normen und entwickelt eine Eigenart des Schreibens, die sie unter das Kennwort Subjektive Authentizität stellt. Diese
1 Die folgenden Ausführungen zur Autorin Christa Wolf und ihrem Leben beziehen sich auf Werner (1994), S. 758ff.; Stephan (1990), S. 7ff.; Sevin (2000), S. 13ff.
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sich in den sechziger Jahren vollziehende Wendung im Schaffen Christa Wolfs wurde dem Publikum erst durch den Text Nachdenken über Christa T. (1968) deutlich. Mit der Erzählung Nachdenken über Christa T. schlug die ostdeutsche Autorin Christa Wolf 1969 ein neues Kapitel nicht nur in ihrem eigenen Werk, sondern auch der DDR-Literaturgeschichte auf. Erstmals schrieb eine prominente Autorin offensiv gegen die herrschende sozialistische Literaturdoktrin an, die u.a. nur positive Helden akzeptieren wollte. Christa Wolf dagegen wählte gerade die „unbeispielhafte“ Christa T., die mit 35 Jahren an Leukämie stirbt, als Protagonistin ihrer Erzählung und beschwor damit einen der „härtesten Zensurfälle der DDR“ 2 herauf. In Zeiten betonter Fokussierung auf das dynamische Fortschreiten bzw. Emporstreben der sozialistischen Gesellschaft der DDR wendet sich die Autorin bewusst den Innenräumen des Individuums zu. So findet sich denn auch in Nachdenken über Christa T. neben dem Lebenslauf der Protagonistin Christa T. etwas „nicht mit Händen Greifbares, nicht[…] Sichtbares, Materielles, aber etwas ungemein Wirksames“ 3 , nämlich das „Nachdenken“ über sie an sich.
In meiner Arbeit möchte ich zunächst den literatur- und entstehungsgeschichtlichen Hintergrund beleuchten, vor dem Christa Wolfs drittes Werk „Nachdenken über Christa T.“ entstanden ist. Dies ist zweckmäßig, da sich die politischen Bedingungen, unter denen ein DDR-Autor schrieb meist auf sein literarisches Schaffen auswirkten. Die Entstehung des Werkes und der lange Prozess bis zu seiner Veröffentlichung sollen im nächsten Kapitel dargestellt werden. Um die besondere Struktur von „Nachdenken über Christa T.“ näher beleuchten zu können, ist es sinnvoll, zunächst kurz auf die Thematik des Buches einzugehen und einen inhaltlichen Abriss zu geben. Der Hauptteil dieser Arbeit beschreibt die strukturellen Besonderheiten des Werkes. Dabei soll besonders auf die ästhetischen Qualitäten der Erzählung eingegangen werden und die Poetik Christa Wolfs unter dem Kennwort Subjektive Authentizität vorgestellt werden. Im letzten Kapitel soll es um die Aufnahme und Bewertung von „Nachdenken über Christa T.“ in der DDR gehen. Hier soll vor allem Fragen nachgegangen werden wie: Inwiefern wandte sich die Autorin von den ästhetischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus ab? Welche Kritikpunkte wurden ihr seitens der DDR-Funktionäre vorgeworfen? Warum wurde es zu einem der härtesten Zensurfälle der DDR-Literaturgeschichte?
2 Emmerich (1981), S. 56
3 Vgl. Wolf (1966), S. 46
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2 Literaturtheoretischer und entstehungsgeschichtlicher
Hintergrund
Bei dem Versuch, die DDR-Literatur und somit auch die Werke Christa Wolfs zu verstehen, ist es erforderlich, deren besondere Entstehungssituation und -problematik mit zu betrachten, da die politischen Bedingungen, unter denen ein DDR-Autor schrieb, sich deutlich von den literarischen Entstehungsbedingungen des Westens unterschieden.
2.1 DDR-Kulturpolitik
Die Literatur in der DDR war stark von den sich ändernden kulturpolitischen Ansichten und Bestimmungen des Staates abhängig. Da sich diese periodisch änderten, spricht man auch von der sogenannten „Etappenliteratur“ 4 , bei der die DDR-Literatur durch die Unterschiede in der kulturellen Entwicklung geprägt worden ist. Gleich nach der Gründung der DDR, am 7. Oktober 1949, wurde während des ersten Parteitages der SED gefordert, dass das gesamte Kulturschaffen auf den Grundlagen des Marxismus-Leninismus zu beruhen habe. Der Aufbau des Sozialismus galt als grundlegende Aufgabe. 5
„Literatur und andere kulturelle Aktivitäten sollten nicht die menschliche Produktivität im allgemeinen befördern und das Bewusstsein erweitern, sondern sehr konkret die Bereitschaft zur materiellen Arbeit stimulieren, um dem Sozialismus im Systemvergleich zum Sieg zu verhelfen.“ 6
2.2 Der sozialistische Realismus
Die Prinzipien dieser offiziellen Stilrichtung wurden bereits 1934 auf dem ersten sowjetischen Schriftstellerkongress ausgearbeitet. Nach der Gründung der DDR wurde diese Doktrin des Sozialistischen Realismus wieder zum literarischen Ideal erhoben. Dabei wurde vor allem betont, dass die grundlegende Funktion der Literatur in der ideologischen Massenerziehung und im politischen Anschauungsunterricht liege. 7 Um dieses Ziel zu
4 Sevin (2000), S. 11
5 Vgl. Emmerich (1981), S. 114
6 Emmerich (1981), S. 115
7 Vgl. ebd. S. 119f.
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erreichen, wurde eine Kunsttheorie festgelegt, die zu einem recht starren Schematismus geführt hat. Der sozialistische Realismus beruht auf folgenden primären Grundsätzen: 8
o Ideologisch determinierter Ideengehalt
o Marxistisch-leninistische Parteilichkeit
o Vorbildlichkeit
o Volkstümlichkeit
o Verständlichkeit
o positiver Held
Durch das genaue Beachten dieser Prinzipien sollte gewährleistet werden, dass die Literatur ihrer Funktion gerecht wird, nämlich den Aufbau der Gesellschaft im Sinne des Sozialismus- Kommunismus. Durch ein Festlegen starrer Regeln und Schematismen wurden Autoren in ihrer schöpferischen Freiheit stark begrenzt. Die Literatur der DDR lief daher Gefahr, Propagandawerkzeug zu werden. 9
Die sich in den 60er und 70er Jahren immer wieder wandelnde politische Lage in der DDR wirkte sich auf die Literaturentwicklung aus. Mal bewirkte sie eine liberalisierende Modifizierung in der theoretischen Ausrichtung, mal hatte sie aber auch erhärtenden Einfluss („Etappenliteratur“). 10
2.3 Der Bitterfelder Weg
Eine Phase jener „Etappenliteratur“ wurde 1959 durch die Bitterfelder Konferenzen eingeleitet. Mit dem Bitterfelder Weg sollte eine neue Programmatik mit engen ästhetischen und thematischen Vorgaben in der Kulturpolitik und Literaturproduktion der DDR eingeläutet werden. Auf der 1. Bitterfelder Konferenz im April 1959 wurde beschlossen, dass sich die Literatur nicht mehr mit historischen Themen beschäftigen solle, sondern vielmehr mit dem sozialistischen Aufbau und der Arbeiterwelt der Gegenwart. 11 Die Schriftsteller sollten dazu Betriebe aufsuchen, um die Arbeitsbedingungen besser kennen zulernen. Auch die Arbeiter selbst wurden aufgerufen, sich als Schriftsteller zu versuchen und die Probleme und Schwierigkeiten beim Produktionsprozess festzuhalten,
8 Vgl. ebd. S. 120ff.
9 Vgl. Sevin (2000), S. 12
10 Vgl. ebd. S. 12
11 Vgl. Sevin (2000), S. 13
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was schließlich in der Parole der Konferenz mündete: „Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“ 12
Die Hoffnung jedoch, durch diesen Aufruf neue Schriftsteller für die sozialistische Nationalliteratur zu gewinnen, hat sich nicht verwirklicht. Die umgekehrte Absicht dagegen, Autoren zu bewegen, durch Arbeit in Betrieben aus erster Hand Erfahrungen aus der Arbeiterwelt zu sammeln, fand durchaus ihren Niederschlag in den Werken der Zeit, wie z.B. in Strittmatters „Ole Bienkopp“ und Christa Wolfs „Der Geteilte Himmel“. 13 Auf der 2. Bitterfelder Konferenz 1964 wurde jedoch das Scheitern des Bitterfelder Weges eingeräumt.
3 Entstehung des Romans
Die Veröffentlichung des Romans „Der Geteilte Himmel“ hatte schon für Furore in der DDR-Literaturkritik gesorgt, aber das fünf Jahre später erschienene Werk „Nachdenken über Christa T.“ stellte selbst für die ihr wohlgesinnten Literaturfunktionäre ein schier unüberwindbares Problem dar: Wie sollte man selbst bei allem guten Willen, dieses Werk im Hinblick auf die Richtlinien des Sozialistischen Realismus positiv bewerten? Keines seiner wichtigsten Kriterien ließ sich ohne weiteres darauf anwenden. Nachdem die lebhaft und öffentlich geführte Debatte um den „Geteilten Himmel“ abgeklungen war und der gleichnamige Film in den Kinos der DDR mit Erfolg gelaufen war, kündigte der Berliner Rundfunk am 18. Oktober 1966 einen neuen Roman von Christa Wolf an. 14 Erst später benannte die Autorin in einem „Selbstinterview“ ihren subjektiv motivierten Schreibanlass für dieses Buch:
„Ein Mensch, der mir nahe war, starb zu früh. Ich wehre mich gegen diesen Tod. Ich suche nach einem Mittel, mich wirksam wehren zu können. Ich schreibe suchend.“ 15
1967 schließt sie den Roman ab und ahnt selbst schon, dass er kaum publizierbar sein würde. 16 Für die Veröffentlichung waren zwei Gutachten erforderlich. Das erste Gutachten erkannte in dem Buch die Gefahr ideologischer Desorientierung und auch das zweite
12 Vgl. Emmerich (1981), S. 129ff.
13 Vgl. Sevin (2000), S. 13
14 Vgl. Hörnigk (1987), S. 169
15 Wolf zitiert in Hörnigk (1987), S. 169
16 Vgl. Sevin (2000), S. 56
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warnte vor einer Veröffentlichung. Das Buch diene nicht dem Wohle der Gesellschaft und von ihm ginge keine mobilisierende Wirkung aus. Max Walter Schulz fasst die Kritik der führenden SED-Funktionäre auf dem sechsten Deutschen Schriftstellerkongress (1969) wie folgt zusammen:
„Wie auch immer parteilich die subjektiv ehrliche Absicht des Buches gemeint sein mag, so wie die Geschichte nun einmal erzählt ist, ist sie angetan, unser Lebensbewusstsein zu erschüttern, ein gebrochenes Verhältnis zum Hier und Heute und Morgen zu erzeugen. - Wem nützt das?“ 17
Bei all der anfänglichen Kritik ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Druck und Auslieferung des schon 1967 abgeschlossenen Romans hinauszögerten und das Werk ein Jahr lang von Zensur betroffen war. 18
Um dem zu entgegen und die Intention ihres Romans zu beschreiben, setzt sie sich bewusst mit der zu erwartenden Kritik und den Erwartungen an ihr Buch in den zwei wichtigen Essays „Selbstinterview“ und „Lesen und Schreiben“ auseinander. Dabei betont sie besonders die Notwendigkeit einer neuen Prosa, die in der Lage ist, den modernen Leser zu ergreifen und durch die Lektüre seines Buches zu verändern. 19
„Ich hatte das Bedürfnis, die Erfahrung aufzuarbeiten, die ich beim Schreiben dieses Buches gemacht hatte, in dem ich sie zu artikulieren suchte und mich gleichzeitig fragte, was daran nur für den Einzelfall eines Buches gemacht hatte, was verwendbar war für spätere Arbeiten.“ 20
Es kommt zum Ausdruck, dass Christa Wolf glaubt, dass ihre Gesellschaft Anfang der sechziger Jahre die schwierigsten Entwicklungsphasen hinter sich hat und damit auch Themenkreise, die bisher als tabu galten, ausgesprochen werden müssen. Dabei ist dies aber nicht als Flucht ins Privatleben oder als Rückzug in die Innerlichkeit zu verstehen, sondern vielmehr soll die Rolle des Individuums in der Gesellschaft im Vordergrund stehen:
„Die absurde Meinung, die sozialistische Literatur könne sich nicht mit den feinen Nuancen des Gefühlsleben, mit den individuellen Unterschieden der Charaktere befassen; sie sei darauf hingewiesen, Typen zu schaffen, die sich in vorgegebenen soziologischen Bahnen bewegen: diese absurde Meinung wird niemand mehr vorbringen. Die Jahre, da wir die realen Grundlagen für die
17 Schulz zitiert in Behn (1978), S. 71
18 Vgl. Sevin (2000), S. 56
19 Vgl. Kapitel 5.3 „Epische Prosa“
20 Wolf (1973), S. 74
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Arbeit zitieren:
Angelina Schulz, 2010, "Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf - Entstehung, strukturelle und sprachliche Besonderheiten, München, GRIN Verlag GmbH
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