I. Einleitung
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll eine historische Quelle wissenschaftlich analysiert werden. Dabei werde ich zunächst die äußere Form der Quelle untersuchen, d.h. ihren Zustand, ihre Vollständigkeit und ihre Authentizität. Daraufhin wird die Quelle näher klassifiziert und einer Quellengruppe sowie einer Quellenart zugeordnet. Da es sich um ein Lied handelt, werde ich einige Ausführungen zur betreffenden Liedgattung und seiner gesellschaftlichen Bedeutung machen. Von Interesse wird auch die Frage sein, wer der Verfasser des Textes ist, wo, für wen und zu welchem Zweck der Text geschrieben wurde. Hierbei wird auch eine Einbeziehung des historischen und geistigen Kontextes relevant sein, insbesondere aus dem Blickwinkel kirchenpolitischer Positionen.
Auf dieser Grundlage werde ich dann zur Interpretation des Textinhaltes übergehen. Schwerpunkt soll hier die Fragestellung sein, in welchen theologischen Hintergrund der Verfasser des Liedes einzuordnen ist und wie seine Theologie charakterisiert werden kann.
II. Quellensicherung: Textkritik
1. Fundstelle und Lesbarkeit
Die zu untersuchende Textquelle stammt aus „Die Kirche im Zeitalter der Reformation. (Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen III)“, herausgegeben von Heiko Obermann und erschienen im Jahr 1983 1 . Auf den Seiten 228 und 229 ist der Quellentext abgedruckt. Der Text 2 ist vollständig lesbar. Der äußere Zustand ist sehr gut, es existieren keine Beschädigungen, Lücken o.Ä.
Die Lesbarkeit ist durch die Verwendung eines heutzutage üblichen Schriftsatzes (Serifenschrift ähnlich Times New Roman) gewährleistet. Der Text besteht aus drei Absätzen / Strophen zu je sieben Zeilen, die linksbündig ausgerichtet sind. Die Sprache, in welcher der Text abgefasst ist, ist Deutsch.
1 Obermann, Heiko A. (Hg.): Die Kirche im Zeitalter der Reformation. (Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen III) Neukirchen-Vluyn 1983.
2 Abschrift des Textes s. S. 11.
2
2. Authentizität des Textes
Bei der vorliegenden Form des Textes handelt es sich weder um das Original noch um eine Kopie des Originals. Es liegt eine edierte Variante vor, worauf zwei Worterklärungen, die mit eckigen Klammern ergänzt sind, hinweisen. Auslassungen sind keine angegeben.
Der Quellentext wird mit der Überschrift „109. Anti-Interims-Lied (1548)“ und einführenden Informationen zum historischen Kontext eingeleitet. Das Lied ist von Obermann in den Themenabschnitt „Das Konzil von Trient“ eingeordnet. Nach dem Text sind eine Quellenangabe und Hinweise zu weiterführender Literatur zum Thema abgedruckt. Die Überschrift, Einleitung, Quellenangabe und Literaturhinweise sind nicht Teil des Ursprungstextes, was auch durch eine unterschiedliche Schriftart bzw. -größe deutlich gemacht ist.
Folgt man der Quellenangabe bei Obermann, findet man in von Liliencrons „Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert“ 3 auf den Seiten 458 bis 460 unter der Jahreszahl 1548, Nr. 569, einen 18-strophigen Liedtext mit der Überschrift „Ein schön trostlied auf das Interim gemacht“. Somit ist in Obermann nur ein Teil des Gesamtwerks veröffentlicht. Die bei von Liliencron abgedruckte Version des Textes enthält keine Erklärungen oder Ergänzungen.
Die drei Strophen (I-III) 4 in Obermann entsprechen den Strophen 5, 11 und 18 bei von Liliencron. Festzustellen ist, dass bei Obermanns Textversion der Strophen 5 die Wörter „wolln“ (St. 5, Z. 3; St. 11, Z. 3) und „biß“ (St .5, Z. 3) an die heute korrekten Formen „wollen“ (St. I, Z. 3; St. II, Z. 3) und „bis“ (St. I, Z. 4) angepasst wurden. 6 Bezüglich der Interpunktion gibt es an einer Stelle eine Abweichung. Bei Obermann endet St. I, Z. 4 auf ein Komma, bei von Liliencron St. 5, Z. 4 auf ein Semikolon.
3 Von Liliencron, Rochus: Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert. (IV Mit einem Nachtrag) Hildesheim 1966.
4 Zur Unterscheidung der beiden Versionen bezeichne ich im Folgenden die Strophen bei Obermann mit I, II, III, und bei von Liliencron mit 1-18.
5 Im Folgenden abgekürzt als St.; Zeile als Z.
6 Ebenso: „dar gestelt“ (St. 5, Z. 5) wird zu „dargestellt“ (St. I, Z. 5).
3
Bis auf die Angleichungen bei der Orthographie und Interpunktion stimmt der Text bei Obermann mit den entsprechenden Textstellen bzw. Strophen bei von Liliencron überein. Die Strophen sind also in Bezug auf ihre Quelle (von Liliencron) authentisch. 7
3. Original des Textes
Von Liliencron seinerseits gibt vier Quellen für das Lied an 8 , wobei es sich zweimal um den „Wigandschen Mischband von 1549“ 9 handelt, den er seinerzeit (1869) in der Wolfenbüttler und der Berliner Bibliothek nachweisen konnte.
Laut Kaufmann 10 existiert ein nicht firmierter Druck des Liedes aus dem Jahr 1550, der dem Magdeburger Drucker Christian Rödinger zuzuschreiben ist 11 . Neben der Edition bei von Liliencron ist der Liedtext auch im Kirchenlied III von Wackernagel 12 zu finden.
Die Existenz des Textes in Form eines ursprünglichen Manuskriptes ist nicht anzunehmen. Sie konnte im Rahmen der in dieser Arbeit unternommenen Recherche nicht belegt werden und findet auch in keiner der zu Rate gezogenen Sekundärquellen Erwähnung.
7 Anmerkung: Methodisch korrekter wäre es von Obermann gewesen, das Lied mit „Auszug aus einem Anti-Interims-Lied“ zu bezeichnen oder im Text Auslassungen kenntlich zu machen.
8 Vgl. von Liliencron, S. 460.
9 Weitere Informationen zu diesem Werk konnten leider nicht gefunden werden.
10 Kaufmann, Thomas: Das Ende der Reformation. Magdeburgs „Herrgotts Kanzlei“ 1548-1551/2. (Beiträge zur Historischen Theologie 123) Tübingen 2003, S. 388.
11 Im OPAC der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel zu finden (23.07.2010): http://sunny.biblio.etc.tu-bs.de:8080/DB=2/SET=2/TTL=4/CMD?ACT=SRCHA&IKT=4&SRT=YOP&TRM=trost%2Binterim. Signatur: A: 925.17 Theol. (29) bzw. A: 1167.5 Theol. (2).
12 Wackernagel, Philipp: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahr-hunderts. Leipzig 1 1864- 5 1877.
4
III. Quellenkritik
1. Quellengruppe
Die Klassifizierung einer historischen Quelle als Traditions- oder Überrestquelle hängt stets von der jeweiligen Fragestellung einer historischen Untersuchung ab. 13
Das Original des Liedtextes, dessen erste Niederschrift bzw. Druck wäre eine schriftliche Überrestquelle für beispielsweise folgende Fragestellungen: Wie wurde auf das Interim in der deutschen Bevölkerung reagiert? Oder: Mit welchen Themen beschäftigten sich Lieder in der Zeit der Reformation? Wie waren Liedtexte gestaltet oder aufgebaut?
Als Traditionsquelle wäre der Liedtext einzustufen, wenn die Fragestellung lautete: Welche Rolle spielten Papst und Kaiser in der Zeit Reformation/Gegenreformation? Welche historischen Ereignisse gab es damals und wie sind diese zu bewerten? In diesem Falle wäre zu beachten, dass die Schilderung und Bewertung der historischen Begebenheiten durch den Liedtext mittelbar überliefert und durch die Auffassung des Liedschreibers wiedergegeben sind. Die Objektivität der Darstellungen müsste daher genau geprüft bzw. in Frage gestellt werden.
In der vorliegenden Arbeit soll sich im Weiteren schwerpunktmäßig mit der Frage beschäftigt werden, wie das protestantische Selbstverständnis zur Zeit der Reformation und Gegenreformation war und wie Lieder in der damaligen Epoche eingesetzt wurden. Somit betrachte ich in diesem Rahmen das Lied als Überrestquelle.
2. Quellenart
2.1. Klassifizierung als Liedtext
Bei der ersten Betrachtung des Textes allein (in Obermann) ist nicht sofort ersichtlich, dass es sich um ein Lied handelt, da keine Melodie als Notenbild und kein Hinweis auf eine Melodie gegeben ist. Somit könnte der Text auch ein Gedicht sein. Nur die von Obermann ergänzte Überschrift verrät dem Leser, dass es sich um ein Lied handeln muss.
13 Siehe zum Thema „Quellenarten“: Markschies, Christoph: Arbeitsbuch Kirchengeschichte. (UTB 1857) Tübingen 1995, S. 20ff.
5
In von Liliencrons Veröffentlichung gibt es ebenfalls keine Melodie mit Noten. Allerdings wird der ursprüngliche Titel des Liedes mit Hinweis auf die zu singende Melodie dem Text der Strophen vorangestellt: „Ein schön trostlied auf das Interim gemacht. Im ton: Wer in Krieg will ziehen, der muss gerüstet sein“ 14
Der Text des Liedes „Wer in Krieg will ziehen“ ist auf einem „Fliegenden Blatt“ aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts überliefert. 15 Das Lied wurde von Landsknechten in der Zeit der Reformation gesungen. 16
Die Melodie dieses Liedes konnte trotz Recherche nicht aufgefunden werden. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Liedmelodien damals selten aufgezeichnet wurden. 17 Brunner stellt dies für die Meistergesänge fest, was aber wohl auch für andere volkstümliche Lieder jener Zeit gilt.
Nachdem der Quellentext als Lied klassifiziert ist, stellt sich für den weiteren Verlauf der Arbeit die Frage, um was für eine Liedart es sich gehandelt hat und welche Rolle Lieder in der Phase der Reformation im Allgemeinen gespielt haben. Damit beschäftigen sich die folgenden beiden Abschnitte.
2.2. Gattung des Liedes
Die Herausgabe des Liedes in von Liliencrons „Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert“ legt nahe, dass es der Gruppe der Volkslieder zuzu-ordnen ist. Jedoch ediert auch Wackernagel das Lied in „Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts“. 18 Widersprechen sich die beiden Autoren? Ist dieses Anti-Interims-Lied nun als Volkslied 19 oder als Kirchenlied 20 zu sehen?
14 Von Liliencron, S. 458. (Schriftart verändert).
15 Lixfeld, Hannjost: Soldatenlied. In: Brednich, Rolf Wilhelm u.a. (Hg.): Handbuch des Volksliedes Band I: Die Gattungen des Volksliedes. München 1973, S. 848-849.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. Brunner, Horst: Meistergesang. In: Fischer, Ludwig (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart Sachteil 6. Kassel 2 1997, Sp.6.
18 Vgl. Kaufmann, Thomas: Das Ende der Reformation. Magdeburgs "Herrgotts Kanzlei" (1548-1551/2). In: BHTh 123, Tübingen 2003, S. 388.
19 Definition: „V. ist ein im Volk gesungenes Lied, das nach Inhalt, sprachlicher und musikalischer Form den Empfindungen und Vorstellungen breiter Schichten entspricht (...).“ Müller-Blattau, Joseph: Volkslied. In: RGG 6 ( 3 1962) Sp. 1469.
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Arbeit zitieren:
Diplom-Übersetzer Christoph Aschoff, 2006, Anti-Imterims-Lied: Analyse einer historischen Quelle, München, GRIN Verlag GmbH
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