Inhalt
EINLEITUNG 2
1. EINFÜHRENDE ASPEKTE. 4
1.1. REISEN VOR 1933 4
1.2. NS- URLAUBSPOLITIK. 6
2. ARBEIT UND FREIZEIT IM „DRITTEN REICH“ - DIE INSTITUTIONEN 9
2.1. DIE „DEUTSCHE ARBEITSFRONT“ 9
2.2. DAS AMT „KRAFT DURCH FREUDE“ 10
2.3. DAS AMT „REISEN, WANDERN, URLAUB“ 11
3. IDEOLOGISCHE ASPEKTE. 12
3.1. „VOLKSGEMEINSCHAFT“ STATT KLASSENKAMPF 12
3.2. DIE ILLUSION DER GLEICHHEIT: TOURISMUS ALS „SOZIALISMUS DER TAT“ 14
4. SEEREISEN ALS MEISTERSTÜCKE DER NS- PROPAGANDA 17
4.1. KLASSENLOSIGKEIT UND LUXUS FÜR ALLE. 17
4.2. HÖHEPUNKTE DER PROPAGANDA - ZEREMONIEN UND MEDIEN 19
4.3. AGITATION AN BORD? SELEKTION, ÜBERWACHUNG UND ERZIEHUNG. 23
4.4. „FLOTTE DES FRIEDENS“ AUSLANDSFAHRTEN ZWISCHEN DIPLOMATIE UND KRIEGSPLÄNEN 26
5. GRENZEN DER „VOLKSGEMEINSCHAFT“ UND DAS ENDE VON KDF 28
SCHLUSS 30
QUELLENVERZEICHNIS 34
LITERATURVERZEICHNIS. 34
ANHANG: TABELLE 1 36
1
Einleitung
„Im neuen Deutschland ist jetzt Reisen nicht mehr eine Angelegenheit einer bevorzugten Klasse, sondern auch dem wirtschaftlich schwachen Volksgenossen ist heute die Möglichkeit gegeben, den Urlaub in einer Form zu verbringen, die ihm das Bewusstsein gibt, kein Knecht mehr der Gesellschaft zu sein, sondern gleichwertiges Mitglied einer großen Volksgemeinschaft.“ 1
Diese von einem zeitgenössischen NSDAP-Anhänger verfassten enthusiastischem Zeilen verdeutlichen, dass hinter dem harmlos wirkenden Titel „Mit ‚Kraft durch Freude’ auf Reisen“ ein hochpolitisches, gewichtiges Thema steckt, das die Grenzen der Freizeitforschung sprengt. Es geht hier um nichts weniger als die vermeintliche Integration der Arbeiterschaft in die rassistische „Volksgemeinschaft“ und letztlich um die mit der Aufrüstung verbundenen Vorbereitungen auf einen Feldzug zur Schaffung eines „Tausendjährigen Reichs“.
Diese Arbeit setzt sich mit den staatlich organisierten Urlaubsreisen in den Jahren 1934 bis 1939 auseinander. Unter dem bombastisch wirkenden Namen „NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’“ organisierten die Nationalsozialisten im Amt „Reisen, Wandern, Urlaub“ Fahrten und Reisen, die dem Regime enorme Popularität verschafften. Dabei soll es um Fragen der hinter dem nationalsozialistischen Tourismus stehender Ideologie der Schaffung einer „Volks- und Leistungsgesellschaft“ gehen. Ein zweiter Teil soll die propagandistische Dimension der Hochseefahrten erfassen, da diese das Aushängeschild des Nationalsozialismus waren und anhand dieser wiederum die Grenzen der „Volksgemeinschaft“ deutlich werden. Die Propaganda zielte insbesondere auf die Arbeiter ab, denen durch die Teilnahme an einer Reise der soziale Aufstieg vorgetäuscht werden sollte. Frühere Arbeiten haben nichts desto trotz aufgezeigt, dass der Arbeiteranteil an den prestigevollen Reisen gering war. Deswegen soll in dieser Seminararbeit deutlich werden, warum sich Tourismus für die Nationalsozialisten als Mittel anbot, die Illusion der Teilhabe an bürgerlichen Privilegien zu kreieren, und mit welchen Methoden sie diese Illusion aufrecht erhielten.
Die Forschung setzte sich erst spät mit dem Thema KdF-Tourismus auseinander. Dies mag darin begründet liegen, dass es vergleichsweise trivial erscheint und zunächst gewichtigere Lücken in der NS-Forschung zu schließen waren. Dass die Akten der KdF-Reichsleitung im Zweiten Weltkrieg und somit ein Großteil der Primärquellen vernichtet wurden, mag ebenfalls zu dem verspäteten wissenschaftlichen Interesse geführt haben.
1 H. Krapfenbauer: Die sozialpolitische Bedeutung der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, Diss. Nürnberg 1937, S.22, zitiert nach: Hasso Spode: „Der deutsche Arbeiter reist“. Massentourismus im Dritten Reich, in: Gerhard Huck (Hg.): Sozialgeschichte der Freizeit, Wuppertal 2 1982, S. 281-306, hier S. 294.
Die erste Dissertation 2 der Nachkriegszeit zum Thema erschien erst 1976. Der Historiker und Tourismusforscher Hasso Spode lieferte 1982eine umfangreiche Darstellung, 3 die als Standardwerk zum Thema NS-Tourismus bezeichnet werden darf. Spode behandelt insbesondere die Frage, inwieweit bei KdF-Reisen von „Arbeiterurlaub“ die Rede sein kann. Lesenswert ist auch das Kapitel „Tourismus in der Zeit des Nationalsozialismus“ in Rüdiger Hachtmanns „Tourismus-Geschichte“ 4 . Über „Kraft durch Freude“ gibt es nur eine Monographie der US-Amerikanerin Shelley Baranowski. 5 Ansonsten finden sich einzelne Aufsätze in Sammelbänden zur NS-Sozialpolitik, Freizeitgeschichte (Spode) oder Alltagskultur in „Dritten Reich“ (Badinger) 6 . Nur ein Beitrag (Mário Matos) 7 beleuchtet die Perspektive eines der Reiseziele von KdF, in dem portugiesische Quellen einbezogen werden. Die meisten Autoren gehen politikgeschichtlich vor und untersuchen Tourismus innerhalb der gängigen politisch-historischen Zäsuren, indem sie ihre Untersuchungen hauptsächlich auf 1933 bis Kriegsbeginn 1939 beschränken. Das haben sowohl Peter Brenner 8 als auch Christine Keitz 9 kritisiert, da es Kontinuitäten des Reisens in der Zwischenkriegszeit ausblendet. Trotz dieser Kritik habe auch ich mich entschieden, keine privat organisierten Reisen außerhalb des KdF-Spektrums zu beleuchten, da es mir weniger um eine Tourismusgeschichte im Nationalsozialismus als vielmehr um Reisen als Teil des Herrschaftssystems geht. Diese Hausarbeit stützt sich auf hauptsächlich auf die genannte Forschung sowie eigene Recherchen im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.
Im ersten Kapitel soll dargestellt werden, welche konkreten Veränderungen das nationalsozialistische Regime im Tourismus erreicht hat. Nach einem kurzen Abriss über das Reisen vor Hitlers „Machtergreifung“ wird die Urlaubspolitik der NSDAP skizziert. Im anschließenden zweiten Kapitel werden die Funktionen der dafür zuständigen Institutionen dargestellt: Die Deutsche
2 Wolfhard Buchholz: Die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Freizeitgestaltung und Arbeiterschaft im Dritten Reich, München 1976. Eine weitere Dissertation, die sich überwiegend auf Buchholz’ und Spodes Text- und Argumentations-Strukturen stützt, schrieb Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiter-Reisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten, Stuttgart 1992.
3 Hasso Spode: Arbeiterurlaub im Dritten Reich, in: Carola Sachse, Tilla Siegel et al. (Hg.): Angst, Belohnung, Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im Nationalsozialismus, (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, Bd. 41), Opladen 1982, S. 275-328.
4 Rüdiger Hachtmann: Tourismus-Geschichte, Göttingen 2007. Zusätzlich veröffentlichte Hachtmann eine ausführlichere Version als online-pdf: Derselbe: Tourismus in der Zeit des Nationalsozialismus, [www.utb- stuttgart.de/2866_NS-Tourismus.pdf ], Göttingen2007.
5 Shelley Baranowski: Strength Through Joy. Consumerism and Mass Tourism in the Third Reich, Cambridge und New York 2004.
6 Anton Badinger: Lust auf Lebensraum. Massentourismus im Nationalsozialismus, in: Hubert Christian Ehalt (Hg.): Inszenierung der Gewalt. Kunst und Alltagskultur im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1996, S. 101-134.
7 Mário Matos: Tourismus und „Totale Mobilmachung“ oder Kraft durch Freude-Auslandsreisen als interkulturelle Inszenierung, in: Karl-Siegbert Rehberg, Walter Schmitz u.a. (Hg.): Mobilität - Raum - Kultur. Erfahrungswandel vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Dresden 2005, S. 247-265.
8 Peter J. Brenner (Hg.): Reisekultur in Deutschland. Von der Weimarer Republik zum ‚Dritten Reich’, Tübingen 1997.
9 Christine Keitz: Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, München 1997.
Arbeitsfront (DAF) sollte einen Ersatz für die zerschlagenen Gewerkschaften darstellen. In ihr waren alle Arbeitnehmer erfasst. Die Unterorganisation „Kraft durch Freude“ organisierte in dem Amt „Reisen, Wandern, Urlaub (RWU)“ die Urlaubs-Fahrten. Dessen Tätigkeiten und das Spektrum der unter nationalsozialistischer Flagge initiierten Reisen sollen in Form eines knappen Überblicks dargestellt werden.
Diese Hintergrundinformationen dienen als Grundlage für den nächsten Abschnitt dieser Hausarbeit (Kapitel 3), in dem die ideologischen Aspekte des NS-Tourismus herausgearbeitet werden. Vordergründig ist hier die Bedeutung der „Volksgemeinschaft“ als Leistungsgesellschaft. Die NS-Führung betonte einerseits den wichtigen regenerativen Aspekts des Urlaubs, unterstrich allerdings andererseits den Wert der Arbeit und propagierte einen neuen Arbeitsethos. Zentral hierfür waren die Aufwertung der Faust- gegenüber der Stirnarbeit. Eine Freizeitgesellschaft galt es zu vermeiden, insbesondere im Hinblick auf die Rüstungs- und Kriegspläne. Die Integration der Arbeiterschaft in die „Volksgemeinschaft“ mit dem Instrument des staatlichen Tourismus soll diskutiert werden.
Im vierten Kapitel steht das Prachtstück des Amtes „Kraft durch Freude“ im Mittelpunkt: Die Hochseefahrten. Anhand dieser Schiffsreisen werden der Propaganda-Aufwand, die Agitation an Bord, soziale Zusammensetzung, politische Selektion und Überwachung sowie der außenpolitische und militärische Aspekt der Auslandsfahrten untersucht.
In einem letzten kurzen Kapitel erfolgt eine kurze kritische Bewertung. Dabei werden die Grenzen der „Volksgemeinschaft“ anhand der Tourismuspolitik aufgezeigt. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 war das Ende der KdF-Reisen besiegelt. Die hochtrabenden Zukunftspläne der DAF-Führung konnten nicht mehr realisiert werden. Abschließend wird die zeitgenössische Wahrnehmung der KdF-Touristik erwähnt, bevor im Schlusskapitel neben einer Zusammenfassung auch die Frage beantwortet werden soll, inwiefern die „Demokratisierung des Reisens“ durch die Nationalsozialisten geglückt ist.
1. Einführende Aspekte
1.1. Reisen vor 1933
Zu den zahlreichen Mythen des Nationalsozialismus zählen neben dem Autobahnbau, der geringen Arbeitslosigkeit und dem Muttertag auch die vom Amt „Kraft durch Freude“ organisierten Reisen. Laut der Zeitung Die Welt glaubt jeder vierte Deutsche noch 60 Jahre nach dem Zusam-
menbruch des Hitler-Regimes, dass das „Dritte Reich“ auch positive Seiten hatte. 10 Die enorme Popularität des staatlichen Tourismus in Verbindung mit einem gewaltigen propagandistischen Aufwand mögen zu dem Bild beigetragen haben, dass unter nationalsozialistischer Herrschaft jedermann eine luxuriöse Reise habe antreten können. Selbst in der Wissenschaft vergingen Jahrzehnte, bis die Sicht, dass die Nationalsozialisten das Reisen demokratisiert hätten, revidiert wurde. In einem Versuch, die Absichten der Urlaubspolitik und der von KdF veranstalteten Fahrten zu hinterfragen, soll an dieser Stelle zunächst ein kurzer Abriss über das Reisen und Urlaubsansprüche vor der „Machtübergreifung“ Hitlers 1933 einen Überblick verschaffen.
Der Historiker Rüdiger Hachtmann stellt fest: „Der Tourismus ist ein Kind der bürgerlichen Gesellschaft.“ 11 Einhergehend mit der Industrialisierung auf wirtschaftlicher sowie der Emanzipation auf politisch-gesellschaftlicher Ebene entstanden im 19. Jahrhundert Strukturen, die das Reisen einem wachsenden Personenkreis ermöglichten. Bürgerliche Kreise verschlug es in die Alpen, sie gründeten Wandervereine, reisten zum Meer. Vorreiter dieser Entwicklung war England. Thomas Cook gründete bereits 1845 das erste Reisebüro. Das Bürgertum kopierte adliges Freizeitverhalten, profitierte vom Ausbau des Zugverkehrs und dem Bau von Hotels. Bildungsreisen waren ebenso en vogue wie der Besuch von Heil- und Seebädern. Auffällig ist, dass bürgerlicher Tourismus bis Mitte des 20. Jahrhunderts vorwiegend ein Privileg der Männer war.
Im Gegensatz zum Bürgertum war eine Urlaubsreise in Arbeiterkreisen eine äußerst seltene Form der Freizeitgestaltung. Weil die Grundvoraussetzungen für das Reisen ausreichend Zeit und Geld sind, kamen Arbeiter kaum in den Genuss einer Reise. Der Urlaubsanspruch musste erst erkämpft und vor allem durchgesetzt werden. Für die Mehrheit der Arbeitnehmer im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts blieb Urlaub ein unerfüllter Wunsch. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs fanden sich in den wenigsten Tarifverträgen Urlaubsbestimmungen. In der Weimarer Republik bestanden tarifliche Ansprüche auf wenige Urlaubstage.
12
Die Dauer der freien Zeit war zu kurz und das Verlassen des Wohnorts zu teuer um zu verreisen. Denn selbst in der „stabilen Phase“ der Weimarer Republik nach der Währungsstabilisierung 1924 waren die effektiven Löhne der Arbeiter so niedrig, dass selbst höher gestellte Arbeiter keine Reisen im Sinne mehrtägiger Fahrten machen konnten. Oftmals wurde der Urlaubsanspruch abgegolten, da es bei Wei-
10 WolfgangBenz: NS-Mythen, an die Deutsche immer noch glauben, in: Die Welt vom 21. Oktober 2007, online abgerufen am 20.07.2009 unter
[http://www.welt.de/kultur/article1282653/NS_Mythen_an_die_Deutsche_immer_noch_glauben.html].
11 Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 15.
12 So hatten laut Hachtmann 1931 knapp zwei Drittel der Arbeitnehmer, denen nach Tarifverträgen Urlaub zustand, lediglich einen Anspruch auf maximal drei Tage. Siehe Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 101.
terarbeit während der Urlaubszeit den doppelten Lohn gab. 13 Hachtmann kommt zu dem Schluss, das Tourismus als „praktiziertes Recht auf Urlaub letztlich ein Privileg des Bürgertums und des Mittelstandes“ blieb. 14
Dennoch weist er darauf hin, dass - zwar quantitativ geringe - autonome proletarische Tourismustraditionen existierten. 15 Hierzu zählt das Wandern. Diese Bewegung erfuhr seit den 1920er Jahren starken Zulauf und war insbesondere bei der Jugend beliebt. Vielerorts gründeten Menschen Wandervereine. Der bekannteste, die „Naturfreunde“, wuchs auf 65.000 Mitglieder im Jahr 1925 an. Von Anfang an waren die Naturfreunde sehr eng mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden. 16 Die Ausflüge waren häufig auf einen Tag - meist Sonntagbeschränkt. Nur wenige Wanderungen umfassten das gesamte Wochenende. Im Zuge der Wirtschaftskrise und der erhöhten Arbeitslosigkeit ab 1929 konnten zunehmend weniger Menschen den Mitgliedsbeitrag aufbringen.
Im Gegensatz zu Großbritannien gab es im Deutschen Reich nur zögerliche und späte Ansätze sozialtouristischer Aktivitäten. Ab 1929 baute der ADGB einige Reisebüros auf, die aber „vor dem Hintergrund rasch wachsender Erwerbslosenzahlen und sinkender Arbeitnehmereinkommen über erste Anfänge nicht hinauskamen.“ 17 Das dort geschaffene Angebot überstieg die finanziellen Möglichkeiten fast aller Arbeiter. So rechnet Hasso Spode, dass ein unverheirateter, kinderloser Arbeiter für eine der vom ADGB angebotenen Auslandsreisen im Schnitt 10 bis 20 Jahre hätte sparen müssen. Somit kommt er zu dem Schluss, dass alle Ansätze zu einer „Demokratisierung“ des Reisens vor 1933 die Arbeiterschaft nur indirekt berührt hätten. 18
1.2. NS-Urlaubspolitik
Bald nachdem die Nationalsozialisten die Macht im Staat übernommen hatten, erkannten sie die Themen Urlaubsanspruch und arbeitsfreie Zeit als relevant an und kündigten Verbesserungen an. Adolf Hitler selbst betonte in einer Rede vor der Deutschen Arbeitsfront die Wichtigkeit von Urlaub und Erholung für die Arbeiterschaft. Gleichzeitig wird in dem folgenden Zitat der psychologische Stellenwert der nationalsozialistischen Urlaubspolitik deutlich:
„Ich will, dass dem deutschen Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und dass alles geschieht, um ihm diesen Urlaub, sowie seine übrige Freizeit zu einer wah- 13 Spode:Arbeiterurlaub, S. 279.
14 Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 101.
15 Ebenda, S. 99ff.
16 Ebenda, S. 102.
17 Ebenda, S. 106.
18 Spode: Massentourismus, S. 289. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang noch die Jugendherbergsbewegung, die auszuführen an dieser Stelle zu weit führen würde.
ren Erholung werden zu lassen, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“ 19
Die Veränderungen der Urlaubsregelung standen ganz im Zeichen der geplanten Aufrüstung. Hitlers Forderung nach einem nervenstarken und physisch erholtem Volk war eine Grundvoraussetzung für dessen Pläne, eine starke Armee und eine eiserne „Volksgemeinschaft“ aufzubauen. Der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, verkündete bereits 1933 Pläne einer drei- bis vierwöchigen Jahresfreizeit. 20 Im Wissen um die zukünftigen Anstrengungen, die von der arbeitenden Bevölkerung abverlangt würden, 21 forderte Ley zum einen Arbeitszeitverkürzungen, um den physischen und psychischen Ruin der Arbeiterschaft zu verhindern. Zum anderen sollte mehr Ausgleich zum strapaziösen Arbeitsalltag geschaffen werden. Der regenerative Wert der Freizeit sei auch von finanziellen Nutzen für den Arbeitgeber, denn ein erholter Arbeiter könne noch besser arbeiten: „Es ist dem Arbeitgeber nicht von Nutzen, wenn ein müder und abgespannter Mensch dort schafft. Ist ein Mensch aber frisch, dann holt er leicht das ein, was der bezahlte Urlaub ausmacht.“ 22
Damit war der Reichsorganisationsleiter auf der Höhe zeitgenössischer arbeitswissenschaftlicher Forschung. Diese unterstrich den Zusammenhang von Arbeitethik und Arbeitsfreude und betonte die Notwendigkeit, insbesondere Arbeiter besser in die Gesellschaft zu integrieren. Die Nationalsozialisten machten sich diese Erkenntnisse zu Eigen und fügten sie in ihre Rhetorik einer „Volks- und Leistungsgesellschaft“ ein. 23
Der Nationalsozialismus stieß in eine Lücke, welche die Gewerkschaften in der Weimarer Republik nicht ausgefüllt hatten. Bei der Machtübernahme bestanden keine einheitlichen Urlaubsregelungen. Insbesondere bei der Urlaubsdauer gab es erhebliche Unterschiede. Als Bemessungs-grundlage sollte fortan zunehmend die Dauer der Betriebszugehörigkeit vorrangig sein, weniger entscheidend waren Region, Qualifikation und Branche. 24 Es wurden Richtlinien verfasst, die empfehlenden Charakter hatten. Ley drang nach einer gesetzlichen Regelung des Urlaubs. Dazu kam es im „Dritten Reich“ jedoch nicht mehr. Es wurden lediglich für Jugendliche und das Baugewerbe gesetzliche Bestimmungen erlassen. Dennoch habe es ab 1936/1937 eine „deutliche
19 Adolf Hitler: Rede während der DAF Entscheidungssammlung Jg. 1937, Sonderheft „Das Recht des Urlaubs“, 6. Folge, S. 123. Zitiert nach Badinger, S. 104.
20 Robert Ley: Durchbruch der sozialen Ehre. Reden und Gedanken für das schaffende Deutschland, hrsg. v. Hans Dauer, Berlin 1937, S. 41.
21 Ley selbst kündigte bereits 1933 an, dass „das Arbeitstempo, die Arbeitsmethoden, die Mechanisierung und Rationalisierung bestimmter Industrien bei weitem erhöht werden“ müssten. Zitiert nach Badinger, S. 103.
22 Zitiert nach Buchholz, S. 103.
23 Spode: Arbeiterurlaub, S. 293.
24 Ebenda, S. 280.
Arbeit zitieren:
Sarah Gottschalk, 2007, Mit „Kraft durch Freude“ auf Reisen, München, GRIN Verlag GmbH
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