Inhaltsverzeichnis
1. Aufbau 1
2. Der Regisseur Guy Maddin - Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit 1
3. Die Film-Genres in My Winnipegg 2
4. Die Handlungg 3
5. Wie Guy Maddin mit verschiedenen Film-Genres arbeitet 4
6. Schlussfolgerungen 8
7. Literaturverzeichnis 9
Guy Maddin‘s My Winnipeg
1. Aufbau
Der kanadische Filmregisseur Guy Maddin integriert in seine Filme oft verschiedene Film-Genres und die unterschiedlichsten ästhetischen Stilmittel. In My Winnipeg von 2007 kommen diese Markenzeichen von Maddin besonders gut zur Geltung. Deshalb ist das Ziel dieser Arbeit die verschiedenen Genres, die in My Winnipeg eingebunden sind, zu analysieren. Zu diesem Zweck werde ich erst kurz auf die allgemeinen filmischen Eigenheiten des Regisseurs eingehen und dann eine einzelne Sequenz von Maddin‘s Film analysieren, um gezielter auf die unterschiedlichen Genres und die ästhetischen Gestaltungsmittel bei My Winnipeg eingehen zu können.
2. Der Regisseur Guy Maddin - Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit
Neben der Verwendung verschiedener Film-Genres in einem Film und verschiedenster Stilmittel, sind Maddin‘s Filme durchzogen mit schwarzem Humor und einer Vorliebe für winterliche Melodramen. Häufig unterstellt Maddin seinen Landsleuten im Allgemeinen und den Winnipeggern im Besonderen, sie wären unfähig ihre eigene Geschichte zu mythologisieren oder sogar sich an sie zu erinnern. Deshalb stellt er seine Heimatstadt Winnipeg in seinen Filmen stets als eine Stadt dar, die von Amnesiekranken und Schlafwandlern besiedelt ist (vgl. Wershler 2010: 16 und 41). Maddin‘s Ansicht nach ist der Mangel die eigenen Geschichten zu mythologisieren problematisch, da gerade das Denken durch das unentwirrbare und oft widersprüchliche Durcheinander zwischen vergangenen Ereignissen und persönlicher Fantasie zu einer besseren Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit führen kann (ibid.: 16). Darren Wershler, der Autor von Guy Maddin’s My Winnipeg (2010), betont, dass die Wahrnehmung der realen Welt immer zwischen dem Ausgleich von Rationalität und Fantasie beruht und spricht damit die Lacansche Trias des Realen, Imaginären und Symbolischen 1 an. Wershler bezeichnet das Symbolische in Maddin‘s Filmen gleichzeitig als das Rationale und Glaubwürdige und das Imaginäre zugleich als Fantasie und das Unvergessliche (ibid.: 70). Die Vergesslichkeit oder der Mangel der Menschen sich der Imagination zu bedienen, um sich an etwas erinnern zu können und, dass Maddin seine fiktionalen Welten im Wesentlichen mit Amnesiekranken, Schlafwandlern und Untoten besiedelt, sind Elemente, welche seit seinem ersten Film, The Dead Father (1985), immer wieder auftauchen (ibid.: 24f).
My Winnipeg ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass Maddin mit seinem Film versucht die Rezipienten in ihrer subjektiven Wahrheitsfindung zu unterstützen. Maddin selber nennt My Winnipeg eine fantasievolle Dokumentation. Wobei er das Imaginäre mit dem Symbolischen verbindet, um das Reale zu entdecken. Die Vergesslichkeit der Menschen demonstriert er in seinen Filmen, indem er oft
1 Lacan interpretierte mit den drei Begriffen des Realen, Imaginären und Symbolischen die Definition der Funktion der
menschlichen Psyche von Sigmund Freud neu (vgl. Lacan 1978: 50).
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Guy Maddin‘s My Winnipeg
Wiederholungen benutzt, sei es in den Erzählungen selbst oder in Form von Zwischentiteln (vgl. Wershler 2010: 43). Maddin greift gerne auf die Ästhetik der alten Stummfilme und der frühen Tonfilme zurück. Der grösste Teil seiner Filme sind 16 mm Schwarz-Weiss-Aufnahmen mit manchen nachträglichen Einfärbungen. Bei My Winnipeg kommen die verschiedensten Medien zum Einsatz: Super-8, 16 mm, Mini-DV, HD-Video, archiviertes Filmmaterial, private Filme und auf Video sowie auf Super-8 aufgenommene Animationen. Maddin involvierte zudem Nachstellungen, rückprojektiertes Archivmaterial, Fotografien und Schauspieler (ibid.: 48f).
3. Die Film-Genres in My Winnipeg
Guy Maddin wurde von Michael Burns, dem Chefredakteur des Documentary Channel in Kanada, beauftragt eine Dokumentation über Winnipeg zu drehen (Wershler 2010: 37). Maddin wollte ursprünglich niemals eine Dokumentation machen. Doch 2005 realisierte er seine erste Dokumentation My father is a 100 years old. Dabei handelt es sich um einen Kurzfilm zu Ehren des verstorbenen Vaters von Isabella Rosselini. Eine Dokumentation in Spielfilmlänge - wie My Winnipeg - hatte er allerdings zuvor noch nie realisiert (Soda Pictures).
Es gibt einige Genres, in die man My Winnipeg einzureihen versucht ist. Er ist in erster Linie eine Mischung zwischen experimentellem Dokumentarfilm mit autobiografischen Zügen und Spielfilm, d.h. ein Essayfilm, aber gleichzeitig auch Fantasy-Film. Hinzu kommen melodramatische Elemente und Charakterzüge aus dem Stadt-Sinfonie-Genre aus den 1920er Jahren sowie die Verwendung ästhetischer Gestaltungsmittel des Stummfilms und der russischen Avantgarde (vgl. auch Wershler 2010: 53f). Die verschiedenen Genres sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen, da die Übergänge oft fliessend sind und Maddin Fiktion mit Fakten vermischt. Einerseits dokumentiert Maddin z.B. seine Heimatstadt, indem er Ereignisse wie den Beginn der Fernsehübertragung in Winnipeg am 1.Juni 1954 erwähnt, andererseits verbindet er diese Ereignisse mit seinem eigenen Leben. Im Fall der Fernsehübertragung mit dem Datum seiner Geburt, den 28.Februar 1956. Hier tritt Maddin’s imaginäre Ästhetik zu Tage. Maddin geht es nicht so sehr darum, das Erlebte so exakt wie möglich in Erinnerung zu rufen, sondern vielmehr will er Verbindungen zwischen vergangenen Ereignissen und persönlicher Fantasie herstellen (vgl. ibid.: 16). Zu diesem Zweck vermischt er persönliche Fakten mit allgemein historischen, Fantasie mit Wirklichkeit und Fiktion mit Fakten. Die essay-typischen Mittel in My Winnipeg sind die Ich-Stimme, Teile der Erinnerung, die Maddin aufarbeitet sowie Travelogues. Letztere bedeuten insbesondere Reisen in Maddin‘s Kindheit und in die Erinnerungen der Winnipegger. Zudem wird diese Reise symbolisch betont, denn über den gesamten Film hinweg sitzt er, beziehungsweise der Schauspieler Darcy Fehr, im Zug und versucht seiner Stadt zu entfliehen. All diese Mittel schaffen einen eigenwilligen Gedächtnisraum, sodass der Rezipient keine Gedanken mehr daran verschwendet, was
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Guy Maddin‘s My Winnipeg
nun Fakten sind - was die konventionelle Dokumentation oder die Autobiografie eigentlich auszeichnet -und was nun Fiktion ist - was wiederum für Fantasy-Filme typisch ist (vgl. Barth 2010: 37). Ein Spielfilm ist My Winnipeg deshalb, weil die Familie von Maddin inszeniert wird. Dazu kommt die melodramatische Seite von My Winnipeg. Maddin’s Geschichten und Charakteren sind immer geprägt von Krisen und Hysterie. Zwischen dem klassischen Melodrama und dem von Maddin gibt es allerdings einen markanten Unterschied: Filme in den 1920er oder 1930er Jahren benutzten das Melodrama geradlinig und ohne Ironie. Die melodramatischen Elemente in Maddin’s Filmen hingegen sind mit Ironie durchzogen, sodass es seltsam erscheint an echte Melodramen zu denken. Für William Beard sind Maddin’s Melodramen eher verzerrte und übertriebene Nachahmungen des Melodramas. Denn der Rezipient kann gar nicht mit den Charakteren im Film mitfühlen oder gar mit ihnen weinen, sondern lacht vielmehr über sie (vgl. Beard 2005: 4f). Maddin importiert das klassische Melodrama in einen postmodernen Kontext. Er beabsichtigt nicht in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern vielmehr die Unmöglichkeit in die Vergangenheit zurückzukehren zu dramatisieren. Seine Filme bringen auch nicht den Stummfilm zurück, sondern demonstrieren eher, wie weit wir uns davon wegbewegt haben (vgl. ibid.: 6). Obwohl Maddin in seiner Kindheit und als junger Erwachsener genügend Dramen erlebt hat (Selbstmord des Bruders, Tod des Vaters oder einschneidende Erfahrungen mit Frauen), stammen die melodramatischen Züge in seinen Filmen aus den theatralischen Melodramen aus dem 19. Jahrhundert und seinen Nachfolgern im frühen Kino des Stummfilms (vgl. ibid.: 11). Ein weiteres Element, welches im My Winnipeg zum Ausdruck kommt, sind die Stadtsinfonien aus den 1920er Jahren. Zwei der bekanntesten experimentellen Sinfonien über Städte, die zudem einen direkten Einfluss auf My Winnipeg hatten, sind Berlin, die Sinfonie der Großstadt (1927) von Walter Ruttmann und Der Mann mit der Kamera (1929) von Dziga Vertov (vgl. Wershler 2010: 72). Filme, die von Städten handeln, war ein Hauptthema im frühen Film. Es gab eine starke Verbindung zwischen Kino und urbanem Leben (vgl. ibid.: 66).
4. Die Handlung
Maddin nimmt den Zuschauer in My Winnipeg auf eine Reise mit, durch Stationen seiner eigenen Kindheit und den Geschichten und Legenden seiner Heimatstadt. Winnipeg beschreibt er als die Stadt, die den weltweit höchsten Prozentsatz an Schlafwandlern aufweist. Die Off-Stimme ist seine eigene. Dies schlugen seine Produzenten, Michael Burns und Jody Shapiro, vor. Der Grund dafür war, dass sie nicht wollten, dass der Film zu purer Fiktion wird. In My Winnipeg kommen so viele unwahrscheinliche Mythen vor und, wenn noch dazu ein Erzähler angestellt würde - so Burns und Shapiro -, dann würde der Film von den Rezipienten als reine Fiktion wahrgenommen (vgl. Wershler 2010: 42). Während Maddin‘s Erzählungen sitzt der Schauspieler Darcy Fehr in einem Zug und versucht seiner Heimatstadt
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zu entkommen. Er beschreibt die Winnipegger als Menschen, die sich ständig gleichzeitig in der Vergangenheit und in der Gegenwart aufhalten. Denn die Menschen, aber auch die Tiere und Gebäude, egal wie weit zurück in der Vergangenheit sie einst in Winnipeg lebten oder standen, sind weg. Aber durch die Erinnerung in den Köpfen der Menschen (das Imaginäre oder das Unvergessliche) und durch Fotografien aus Archiven (das Symbolische oder das Glaubwürdige), bleiben sie in der Gegenwart weiterhin bestehen.
5. Wie Guy Maddin mit verschiedenen Film-Genres arbeitet (Sequenz: 74 : 14 - 76: 36)
Diese Filmsequenz wurde von mir ausgewählt, da sie einerseits die wichtigsten Aspekte des Films wiedergibt und zudem die vielfältigen Genres und Stilmittel, die Maddin in My Winnipeg impliziert, aufzeigt. Nun möchte ich anhand dieser Sequenz die verschiedenen Genres, die in My Winnipeg vorkommen, gegeneinander abgrenzen, aber auch Verbindungen herausarbeiten. Nachdem Maddin Stationen der Geschichte seiner Stadt und seinen Bewohnern sowie seiner Familie und sich selber bis in die Gegenwart dargestellt und erzählt hat (oder wie Maddin es ausdrücken würde: mythologisiert hat), sitzt Darcy Fehr im Zug neben schlafenden Winnipeggern. Im Hintergrund hört man dramatische Musik, die langsam lauter wird und das Rattern des Zuges. Dann eine Einblendung mit dem Schriftzug „Ways out!“. Die Musik wird noch lauter und schneller, daneben das Pfeifen des fahrenden Zuges, der in diesem Moment nicht wirklich zu erkennen ist. Der Zuschauer sieht nur eine Strasse, aber keine Zugschienen vor sich und auf der linken Seite des Bildes Teile eines Fahrzeuges, die nicht wirklich als Zug zu identifizieren sind. Diese Szene weist typische Charakteristiken des Essayfilms auf. Sie ist Spielfilm, weil ein Schauspieler in einem Zug sitzt und aus Winnipeg zu fliehen versucht und (versteckte) Dokumentation deshalb, weil William Cornelius Van Horne, unter dessen Leitung im 19. Jahrhundert der Canadian Pacific Railroad gebaut wurde, eine Tradition in Winnipeg einführte, die bis heute gelebt wird: 1888 veranstaltete er eine stadtweite Schnitzeljagd. Zu diesem Zweck erhielten alle jungen Bewohner von Winnipeg eine Schatzkarte und wurden eingeladen teilzunehmen. Der erste Preis war eine einfache Zugfahrt mit dem ersten Zug, der Winnipeg verlässt. Die Absicht hinter diesem Wettbewerb bestand darin, dass die Winnipegger nach einem langen Tag, an dem sie alle Ecken in Winnipeg abgesucht hatten, entdecken würden, dass der wirkliche Schatz schon immer da gewesen ist: der Schatz ist Winnipeg selber (vgl. Soda Pictures). Die essay-typischen Mittel in dieser Szene sind die Ich-Stimme, die Erinnerung an eine Tradition, die Maddin aufarbeitet und den Travelogue, denn der Schauspieler befindet sich auf einer Zugreise und zudem führt Maddin’s Off-Stimme durch die Reise. Diese Szene weist auch melodramatische Züge auf. Durch die Musik und die
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Nachtaufnahmen wird der emotionale Zustand von Maddin betont. Aber auch durch seine Stimme, die sich ängstlich fragt, wie Winnipeg ohne ihn sein würde, werden die melodramatischen Züge sichtbar. Im Bild erscheinen drei Fotografien der Zeitung The Winnipeg Citizen aus dem Jahr 1919. Es werden zwei Artikel abgebildet, die den damaligen Generalstreik der Arbeiterklasse dokumentieren. Der zweite Artikel ist betitelt mit „They are ‚Known By Their Acts‘“. Das Erkennen von Menschen, die einmal in Winnipeg gewohnt haben, ist ein wichtiges Element in My Winnipeg und wird während des gesamten Films immer wieder in Form von Archivfotografien abgebildet. Während die Fotografien der Zeitung gezeigt werden, läuft im Hintergrund dieselbe non-diegetische Musik, die auch bei der Zugfahrt zu hören war. Allerdings untermalt sie dieses Mal nur die im Vordergrund stehende Off-Stimme, die vom Generalstreik berichtet. Während Maddin‘s Off-Stimme von der The Winnipeg Citizen spricht, erscheint ein bewegtes Bild der Heldin Citizen Girl. Maddin erklärt mit feierlicher, stolzer und zugleich ironischer Stimme, dass die Zeitung zwar nie ein Page Three Girl vorzuweisen hatte, wenn aber auf Seite Drei jemals ein Mädchen abgebildet worden wäre, dann wäre sie auf keinen Fall ein Pin-up Girl gewesen. Vielmehr hätte man auf Seite Drei die Heldin Citizen Girl abgebildet. Hier ist einerseits der Übergang zur Fantasie gut sichtbar, andererseits setzt Maddin ästhetische Stilmittel der russischen Avantgarde ein. Die nächsten Szenen zeichnen sich durch sehr schnelle Schnitte und Fotomontagen aus. Zudem werden einzelne Fragmente des gesamten Films neu zusammengesetzt. Die Off-Stimme wird immer lauter. Bevor Maddin Citizen Girl ausspricht, wird der Schriftzug Citizen Girl eingeblendet, dazu die immer lauter werdende feierliche und zugleich bedrohliche Musik. In der Instrumentalmusik ist nun ein Chor zu hören, der zusammen mit den Schlaginstrumenten in den Vordergrund gerückt ist. Gleichzeitig lächelt Citizen Girl. Sie ist eine Art proletarische Heldin, die von den Dächern von Winnipeg herunter fliegt, um soziales Unrecht zu zerschmettern. Während der Schriftzug Comrade eingeblendet wird, erklärt Maddin, dass es sich um eine besorgte Genossin handeln würde. Die Musik wird wieder dramatisch, der Blick der Heldin ernst. Maddin beschreibt Citizen Girl als traurig, aber stark. Das Wort stark spricht er mit fester, dramatischer Stimme aus und stark erscheint dann auch als Schriftzug im Bild. Hier kann man Maddin‘s Vorliebe für Wiederholungen erkennen.
Die Off-Stimme wird immer schneller während sie erzählt, dass Citizen Girl stark genug sei, um auf die Dächer ihrer Stadt zu steigen und sich um die zu kümmern, die auf den Dächern im Happyland leben. Dabei handelt es sich um die Natives, die von den „modernen“ Menschen unbeachtet und vergessen auf den Dächern von Winnipeg leben würden. 1906 gab es einen Vergnügungspark namens Happyland in Winnipeg, auf den sich Maddin in dieser Szene bezieht. Einer Legende nach wurde dieser Park von Büffeln umgerannt, die zuvor zusammen mit den Natives vertrieben wurden, damit der Park gebaut werden konnte (vgl. Sanderson 2009). Während die Off-Stimme davon spricht, wird die Musik, insbesondere der Chor und die Schlaginstrumente, im Hintergrund immer lauter. Gleichzeitig erzählt
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Maddin davon, dass Citizen Girl in der Lage ist, alle Schäden, die von Winnipeg während ihrer ersten Reise in die Gegenwart gemacht wurden, rückgängig zu machen. Bei den Szenen, in denen Maddin die Heldin als Kämpferin gegen das soziale Unrecht beschreibt, von Happyland und den gravierenden Fehlern der Winnipegger erzählt, wird auch seine spezielle Form des Melodramas sichtbar, die William Beard als verzerrte und übertriebene Nachahmungen bezeichnet hat (vgl. Beard 2005: 5). Der Chor und die Off-Stimme werden feierlich. Im Bild erscheint der Schriftzug „One Wave“. Mit einer Bewegung ihrer Hand könnte die Heldin die beiden kanadischen Eishockeyteams, die Eagles und die Jets, und darüber hinaus die Winnipeg Arena zurückbringen. Dort spielte Maddin als Kind mit seinem Vater Eishockey. Doch „seine“ geliebte Arena Hall wurde abgebrochen und neu gebaut. Maddin begründet den Abbruch der alten Halle damit, dass diese keine Luxuslogen gehabt habe. Kritiken am Kapitalismus lässt Maddin in My Winnipeg des Öfteren einfliessen. Der Neubau der Sporthalle erhielt den Namen MTS Center, welches Maddin auch ironisch Empty Center nennt, wobei er das S nicht ohne Grund weg lässt, sondern wahrscheinlich damit ausdrücken möchte, dass - zumindest für ihn - die neue Halle alle seine Erinnerungen vernichtet hat. Für die alten, wunderbaren Seelen der Black Tuesdays, die noch immer in der alten Halle herumgeistern, würde Citizen Girl einen vornehmen Wald finden. Black Tuesdays nennt Maddin die verstorbenen Eishockey-Spieler verschiedener kanadischer Teams. Ihr Gründungsjahr legt er auf 1929 fest und spricht damit die Weltwirtschaftskrise an. Wobei er als Tag den Schwarzen Dienstag wählt, den Tag als die sogenannte Grosse Depression und die Weltwirtschaftskrise begann. Des Weiteren würde Citizen Girl Minto, die Strasse in der der berühmte kanadische Eishockeyspieler aus den 1950er Jahren, Fred Dunsmore, aufwuchs, in Fred Dunsmore umbenennen. In diesen verschiedenen kurzen Imaginationen seiner Jugend und seiner Leidenschaft, die Maddin mit seinem Vater verbindet, sieht man wiederum sehr gut die spezielle Art des Melodramas bei Maddin und die Techniken der russischen Avantgarde, die er verwendet.
Von der väterlichen Seite geht Maddin über zur mütterlichen, beziehungsweise weiblichen. Citizen Girl würde mit einer Bewegung ihrer Hand den dreistöckigen Sherbrook-Pool, in dem er in seiner Jugend viel Zeit verbracht hatte und der nach Gender getrennt war 2 , wieder eröffnen. In dieser kurzen Einstellung kommt der sexuelle Aspekt von My Winnipeg zum Vorschein. Mädchen und Jungen sind zwar getrennt, aber Maddin möchte damit nicht zeigen, wie verbotene Wünsche gehemmt werden, sondern wie diese erst möglich gemacht werden. Er zeigte in früheren Einstellungen wie zwei Mädchen sich in der Poolanlage in Mund-zu-Mund-Beatmung üben und wie die Jungen ihre Etage als vorpubertären Ort benutzen. Die dritte Etage ist verbunden mit mütterlicher Sexualität und insbesondere mit dem mütterlichen Schoss, den Maddin in My Winnipeg immer wieder nennt oder in der Eingangsszene auch zeigt (vgl. Wershler 2010: 93). Während dem gesamten Film zeigt Maddin immer
2 Den Sherbrook-Pool gab es zwar, er war aber nie nach Geschlechtern getrennt.
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wieder Szenen, die versuchen die Gehemmtheit zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht aufzuzeigen. Einmal wird Maddin als kleiner Junge z.B. von Schulmädchen liebkost und geküsst, was ihm eigentlich peinlich sein sollte. In einer anderen Szene hat seine inszenierte Schwester als junge Frau einen Autounfall und ihre Mutter wirft ihr vor, dass sie bestimmt während der Fahrt von einem Mann abgelenkt war. Wobei Maddin‘s Schwester schockiert ist, über die sexuellen Gedanken ihrer Mutter. Dann zieht Maddin’s Off-Stimme weiter zur Wellesley Avenue. Citizen Girl würde genau dort einen jungen Baum pflanzen, wo 1957 uralte Bäume gefällt wurden, um der modernen Welt Platz zu geben. Durch die Neupflanzung symbolisiert Maddin erneut, dass die Frau der „Geburtsschoss“ der Welt ist. Mit einer Bewegung ihrer Hand würde sie die Pferderennstrecke von der Asche befreien und die Pferde und Schulmädchen in Sicherheit bringen. Die Szene mit der Pferderennstrecke bezieht sich auf eine andere Szene im Film, als Rennpferde vor einem Feuer fliehen. Auf ihrer Flucht wurden sie in einem vereisten See eingeschlossen. Nur ihre Köpfe blicken noch hervor. Die eingefrorenen Pferde dienten laut Maddin‘s Off-Stimme als Monument für die jungen Liebespärchen von Winnipeg. Dort würden sie sich immer treffen und mit dem bizarren Hintergrund der Pferdeköpfe Erinnerungsfotos ihrer Liebe machen.
Bei all den Taten, die die Heldin ausführen könnte, wechselt Maddin zwischen Fiktion, persönlichen und historischen Fakten. Bei manchen Szenen ist es schwierig einzuordnen, ob einzelne Teile der Wirklichkeit entspringen, wie z.B., ob es in Winnipeg jemals Rennpferde gab, die vor einem Feuer flüchten mussten. Die ästhetischen Stilmittel der russischen Avantgarde kommen in diesen Szenen sehr gut zum Vorschein. Maddin setzt die Montage in Raum und Zeit ein, zeigt animierte Bilder oder Silhouetten. Er baut dabei Fotografien aus Archiven ein oder verwendet eigenes Filmmaterial erneut, welches er im Film bereits gezeigt hat. Dieses Mal lässt er es einfach viel schneller ablaufen. Die einzelnen Bilder werden zu einer neuen (fantastischen) Wirklichkeit konstruiert. Auch die melodramatischen Züge sind gut sichtbar, aber nicht unbedingt immer von den Fakten oder der Fiktion zu trennen, weil man nie genau weiss, ob Maddin oder die Einwohner von Winnipeg gewisse Ereignisse wirklich erlebt haben oder ob sie von Maddin erfunden worden sind. Die melodramatischen Elemente werden von Maddin‘s Stimme und der non-diegetischen Musik oft hervorgehoben. Während die Off-Stimme alle guten Taten der Heldin aufzählt, einmal mitfühlend, traurig, dann wieder voller Euphorie und oft durchsetzt mit Ironie bis hin zu schwarzem Humor, passt Maddin das Sprechtempo den Szenen an. Nachdem er alle Taten, die Citizen Girl ausführen könnte, aufgezählt hat, erscheint der Schriftzug: „Undo the Damage!“. Dann der Schriftzug „The New Lap!“. Solche Schriftzüge sind in den gesamten Film eingebunden und erinnern damit an die Zeit der Stummfilme.
Am Schluss der Sequenz, die ich ausgewählt habe, sieht man noch einmal Citizen Girl, die, nachdem Maddin die Stadt verlassen hätte, auf sein Winnipeg aufpassen würde. Sie würde der neue Schoss von
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Winnipeg sein. Die Stimme und die Musik werden schneller. Ein Bild seiner Mutter, die von Ann Savage gespielt wurde, erscheint. Maddin‘s Stimme wird ruhiger und er ist sich fast sicher, dass er Winnipeg und seine Geister nun verlassen und sich damit auch vom Einfluss seiner Mutter trennen könnte, die in My Winnipeg in allen möglichen Situationen als Übermutter erscheint. Doch er wird noch einmal nachdenklich und fragt sich, wie denn jemand ohne Geister leben kann und was eine Stadt ohne Geister überhaupt sei. Dann der Schriftzug: „UNKNOWN“. Unknown wird von der Off-Stimme wiederholt, mit Nachdruck.
6. Schlussfolgerungen
Durch die etwas mehr als zwei Minuten dauernde Sequenz, die ich analysiert habe, wird klar, dass My Winnipeg eine unglaubliche Fülle von Eindrücken hinterlässt. Ich denke My Winnipeg könnte man sich zehn Mal anschauen und noch immer könnte man etwas Neues entdecken oder wäre man sich nicht bei allen Szenen sicher, was nun Fakten und was Fiktion ist. Doch genau das beabsichtigt Guy Maddin . Er nimmt den Rezipienten mit auf eine Reise zur eigenen subjektiven Wahrheit, die er mittels Fantasie und Fakten versucht ans Licht zu bringen. Er will nicht die Wirklichkeit abbilden, sondern beim Zuschauer Bilder entstehen lassen, die Gefühle und Assoziationen wecken. Diese Visualisierung von Gedanken und Gefühlen ist typisch für den Essayfilm. Meine Absicht war aber nicht My Winnipeg in ein Genre einzuordnen, sondern vielmehr zu zeigen mit wie vielen Genres und Stilmitteln Maddin in seinen Filmen arbeitet. Er experimentiert mit Fotos und Filmen aus Archiven oder aus seinem Familienalbum, dann wiederum inszeniert er Szenen aus seiner Kindheit mit Schauspielern oder entführt den Zuschauer in eine Welt der Fiktion. Die ästhetischen Gestaltungsmittel der russischen Avantgarde sind zentral in My Winnipeg, wobei er durch Montagen und Animationen versucht eine neue (fantastische) Wirklichkeit zu schaffen. Auch der Stummfilm ist ein wesentliches Gestaltungselement, nicht nur in My Winnipeg, sondern in allen seinen Filmen. Die Technik des Stummfilms, Schriftzüge zu montieren, verwendet er aber insbesondere dazu, die Rezipienten vor dem Vergessen zu bewahren. Die melodramatischen Elemente sind oft mit Ironie durchsetzt, die beim Zuschauer eher ein Lachen hinterlassen und nicht unbedingt Mitgefühl aufkommen lassen. Durch Maddin‘s vielseitige Stimme, die Musik und die - manchmal wirren - Bildmontagen werden die Emotionen in My Winnipeg betont.
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7. Literaturverzeichnis
Barth, Hermann (2010): Über das essayistische Kino. In: Filmmuseum im Stadtmuseum München, „Ich und die Kamera“. S. 36-39.
BEARD, William (2005): Maddin and Melodrama. Montreal, Canadian Journal of Film Studies. Vol. 14, No. 2, pp. 2-17.
LACAN, Jacques (1978): Le Séminaire, livre II. Le moi dans la théorie de Freud et dans la technique de la psychanalyse. Paris, Éditions Du Seuil, Veröffentlichung von Lacans Seminaren zwischen 1954-55.
SANDERSON, David (2009): How did that happen: Happyland Park. In: Winnipeg Free Press vom 14.03.2009. http://www.winnipegfreepress.com/detour/happyland-park-how-did-that-happen--by-david-sanderson-41251927.html (aufgerufen am 22.12.2010). SODA PICTURES, London:
http://www.sodapictures.com/media/ebee7740423ff5bd07f4fe6a203a389e.pdf (aufgerufen am 22.12.2010.
WERSHLER, Darren (2010): Guy Maddin’s My Winnipeg. Toronto, University of Toronto Press.
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Martina Schöb, 2010, Guy Maddin's "My Winnipeg" - Auf der Suche nach der subjektiven Wahrheit, München, GRIN Verlag GmbH
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