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danken, Erkenntnisse und Thesen, die ihm zum guten Teil auch die eigene Erfahrung eingab, seinen Zeit-
genossen in einer ihrem Bildungsstand angemessenen Weise verständlich zu machen. 7 Ferner beschränkt sich M. nicht nur auf die erste Dekade des Livius, sondern führt Beispiele aus allen uns erhaltenen Büchern an sowie zum Teil aus Werken anderer lateinischer und griechischer Autoren. M. kritiklose Übernahme von Livius’ Darstellung geschichtlicher Vorgänge dabei ist irrelevant, da der Wert der Discorsi in den Schlussfolgerungen liegt, die er „aus den historischen Beispielen für die praktische Politik zieht und die sein überlegener, scharfsichtiger Geist in fest gefügten Lehrsätzen niederlegt“ 8 .
Damit reihen sich die Discorsi, die M. zwar bereits in den Jahren 1513-17 verfasste, jedoch erst posthum 1532 in der päpstlichen Offizin veröffentlicht wurden, 9 schließlich in die Gruppe seiner vier Hauptwerke ein, zu denen noch folgende Werke zählen: Il Principe (Der Fürst) von 1513 10 , Istorie fiorentine (Geschichte von Florenz) und Dell’Arte della guerra (Von der Kriegskunst), beide aus dem Jahr 1521.
2. Prämissen, Fragestellung und Zielsetzung der Discorsi
Machiavelli geht bei seiner Untersuchung von zwei grundlegenden Prämissen aus. Zum einen von der Annahme, dass „alle Städte und alle Völker von jeher die gleichen Wünsche und die gleichen Launen hatten“ (D 107 11 ), was sowohl einen synchronen, als auch besonders einen diachronen Vergleich möglich macht. Zum anderen betrachtet er Geschichte als einen zyklischen Prozess, innerhalb dessen sich bestimmte Ereignisse, insbesondere die Entstehung und der Verfall von Staaten, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen wiederholen. Gründe dafür sieht M. einerseits im permanenten Wandel menschlicher Dinge (vgl. D 161) bei gleichzeitiger Gültigkeit des Energieerhaltungssatzes 12 , andererseits in der von ihm festgestellten Tatsache, „daß alle Menschen schlecht sind und daß sie stets ihren bösen Neigungen (ambizi- one) folgen,sobald sie Gelegenheit dazu haben“ (D 17). Folglich gebe es „bei allen Staaten eine Tendenz, sich von der anfänglichen ,virtù’ ihrer Gründer zu entfernen und ,in einen schlechteren Zustand zu geraten’[…], (so)dass selbst die ausgezeichnetsten Gemeinwesen dem Verfall unterliegen“ 13 . Aus diesen beiden Prämissen schlussfolgert M., dass es bei einer sorgfältigen Untersuchung der Geschichte „ein leichtes (sei), in jedem Staat die Zukunft vorherzusehen und die gleichen Mittel anzuwenden, die auch von den Alten angewandt wurden, oder bei ähnlichen Ereignissen neue auszudenken, wenn bereits erprobte Mittel nicht zur
7 Zorn (1966) XLI.
8 Ebd. XLII.
9 Vgl. ebd. XLVIII.
10 Ebenfalls 1532 posthum erschienen.
11 D für Discorsi, Seitenzahl nach Zorn (1966).
12 „Die Welt blieb jedoch immer dieselbe, nur mit dem Unterschied, daß sich ihre gesammelten Energien zu-
nächst in Assyrien entluden, dann in […], bis sie schließlich auf Italien und Rom übergingen“ (D 161).
13 Skinner ( 5 2008) 86f.
3
Hand sind“ (D107). 14 Um seine Prämissen nun an der Wirklichkeit messen und sie in einer pragmatischen und zweckorientierten Untersuchung einsetzen zu können, brauchte M. nun nur noch ein geeignetes Untersuchungs- bzw. Anschauungsobjekt. Gemäß seiner humanistischen Ausbildung fand er in der Geschichte Roms jedoch schnell eine naheliegende und passende Kandidatin. Nun galt es herauszufinden, wie es möglich war, dass „sich mehrere Jahr-hunderte lang eine außerordentliche Tüchtigkeit in dieser Stadt erhalten hat und dass sich aus diesem Gemeinwesen später ein Weltreich entwickelt hat“ (D 7), das „große Erfolge […] erzielen“ (D 24) und „ungeheure Macht“ (D 184) erlangen konnte. „Die erfrischende Hoffnung, die den gesamten Discorsi zugrunde liegt und sie belebt, ist also die, dass, wenn wir die Ursache von Roms Erfolg herausfinden, wir imstande sein könnten, ihn zu wiederholen.“ 15
3. (Anti-)Machiavellismus
Dass Machiavellis Name heutzutage vor allem von Moralisten „als Inbegriff von Skrupellosigkeit, List und Heuchelei“ 16 angesehen wird, Der Begriff ,Machiavellismus’ bereits als „politische Lehre u. Praxis, die der Politik den Vorrang vor der Moral gibt; durch keine Bedenken gehemmte Machtpolitik“ 17 kodifiziert ist und „der Vorwurf, ein Machiavellist zu sein, immer noch eine ernst zu nehmende Anschuldigung in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen darstellt“ 18 liegt nach Zorn an der ,Verfemung’ (Ächtung) durch „politische Illusionisten, für die nur Ideologien und keine Tatsachen gelten“ 19 sowie an der kritiklosen Übernahme von Vorurteilen in der Nachwelt. Als Grundlage für die Vorwürfe ziehen M.s Gegner insbesondere Aussagen aus dem Principe 20 heran, denenzufolge M. einem tyrannischen Herrscher jedwede Mittel zum Machterhalt zubillige und ihn von den christlichen Moralbegriffen freispreche. 21 Dabei wird jedoch übersehen, „daß Machiavelli die Anwendung amoralischer Methoden im privaten Bereich stets abgelehnt hat und sie nur in den Notzeiten des Staats beim verantwortlichen Staatsmann im Interesse des Gemeinwohls für vertretbar
14 Den Vorteil bei der Betrachtung von Vergangenem sieht M. zudem darin, dass es „weder schaden noch Neid
erregen“ (D 160) kann. Gleichzeitig betont er aber, „daß man von den Begebenheiten der Vergangenheit nie die
ganze Wahrheit erfährt“ (ebd.), sondern sie entweder beschönigt oder aufgebauscht wurden.
15 Skinner ( 5 2008) 80.
16 Ebd. 11.
17 Duden ( 4 2003) s.v. Machiavellismus.
18 Skinner ( 5 2008) 11.
19 Zorn (1966) XLVIII.
20 Häufig erzeugt auch der offenbare Widerspruch zwischen den Discorsi und dem Principe Verwirrung und Un-
verständnis, da sich M. in ersteren mit den Vorteilen einer republikanischen Verfassung befasst, während er in
letzterem machtpolitische Überlegungen zu einer Alleinherrschaft anstellt. Nach Hoeges dürfe man beide Werke
jedoch nicht getrennt von einander sondern nur als Einheit betrachten und M. nicht auf den Autor und Politiker
des Principe reduzieren (Hoeges [2000] 10). Zudem habe sich M. den Fürsten nur als Zweckschrift gedacht,
„mit der er die Absicht verfolgte, den Medici ihre große politische Aufgabe, die Befreiung Italiens von den Bar-baren und seine Einigung zu zeigen und dabei sich gleichzeitig als Helfer zu empfehlen“ (Zorn [1966] XL).
21 Vgl. Zorn (1966) LIV.
4
hielt“ 22 . Zudem habe die Kirche selbst erfolgreichen Staatsmännern trotz des Überschreitens von moralischen und religiösen Geboten Anerkennung und Ehrung nicht versagt, verteufle nun jedoch denjenigen, der „die Gründe dieser Erfolge untersucht und die Schlussfolgerung daraus für die Politik zieht“ 23 . Letztlich habe M. sogar manche der von ihm entwickelten bzw. aufgedeckten Erfolgsmethoden aus Gründen der Menschlichkeit wieder verworfen und von einigen anschließend sogar abgeraten (vgl. D 79). 24
Alles in allem lässt sich festhalten, dass M. nach der heutigen Auffassung und Umdeutung seiner Lehren ebenso wenig Machiavellist ist, wie Karl Marx Marxist. 25
3. Die Decius-exempla bei Machiavelli
M. nimmt in drei Kapiteln 26 seiner Discorsi Bezug auf die exempla der Decii, zuerst in II,16: „Wie weit sich die Soldaten unserer Zeit von der Taktik der Alten entfernt haben“ (D 208). In diesem Kapitel befasst sich M. mit der Notwendigkeit eines „außerordentlichen Vorfalls“ im Fall eines Krieges, bei dem beide Parteien „hinsichtlich ihrer Organistaion, ihrer Tapferkeit, ihrer Hartnäckigkeit und ihrer Zahl“ (D 209) sowie sogar in Sprache und Schlachtordnung 27 gleich sind, wie im Fall des Latinerkrieges unter dem Konsulat des T. Manlius Torquatus und des Publius Decius, die M. als „(d)ie wichtigste Schlacht“ bezeichnet, „die die Römer jemals in einem Krieg gegen ein Volk geschlagen hatten“ (D 208). Dieser Vorfall, der den Mut der Soldaten stärken, sie entschlossener machen sowie ihren Gehorsam festigen sollte, ereignete sich zum einen in Form von Torquatus’ Ermordung des eigenen Sohnes und zum anderen durch die Selbstopferung des Decius’. Der einzige Unterschied bestand somit darin, „daß die römischen Heerführer heldenhafter waren als die latinischen“ (D 209).
Danach erwähnt M. die Decii gleich im Anfangskapitel des dritten Diskurses: „Sollen eine Religionsgemeinschaft oder ein Staat lange bestehen, so muß man sie häufig zu ihren Anfängen zurückführen“ (274). Gemäß seiner in 2 dargestellten Prämissen geht M. davon aus, dass jede „Kollektivgemeinschaft“ über kurz oder lang durch die ambizione der in ihr versammelten Menschen in einem stufenweisen Degenerationsprozess erst der Sittenverderbnis, dann dem Verfall der Institutionen und schließlich der Anarchie anheim fällt. Um diesem Schicksal zu entgehen, sei es nach M. notwendig, dass sich alle Staaten, wollen sie von Dauer sein, in regelmäßigen Abständen wieder auf ihre Anfänge besinnen, da in ihrer Entstehungszeit „alle
22 Zorn (1966) XLIX.
23 Ebd. LVI.
24 Vgl. ebd. LII.
25 Vgl. ebd. XLIX.
26 Publius Decius findet noch ein viertes Mal in III,39 Erwähnung, dort jedoch nicht aufgrund des exemplums
der devotio, sondern wegen seiner guten Geländekenntnisse.
27 „infolge ihres langen gemeinsamen Kriegsdienstes“ (D 209).
Arbeit zitieren:
Jennifer Ellermann, 2011, Die Decius-Exempla in Niccolò Machiavellis "Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio", München, GRIN Verlag GmbH
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