1 Einleitung
1.1 Thematisches Vorverständnis und Zielsetzung der Arbeit
Der Deutschunterricht soll durch die Vermittlung von sprachlicher Kompetenz, durch das eigene Schreiben und Lesen, den Zugang zum Geschehen um uns herum und zu uns selbst eröffnen. Sprache ist elementar, um die Welt abzubilden und so sind Lesen und Schreiben fundamentale Kulturtechniken.
Schreiben kann als kommunikativer Prozess verstanden werden, da das Schreiben einen Adressaten hat bzw. Ausdruck von Selbstreflexion ist und damit die eigene Person als Adressat fungiert. Als Medium des produktiven und kreativen Denkens und Erkennens, dient das Schreiben der Selbstvergewisserung und Persönlichkeitsentfaltung. Die Schreib- und Lesekompetenz unserer Schüler heute, weist laut der PISA- Studie erhebliche Mängel auf. Die Frage nach den besten Wegen, um Kindern und Jugendlichen den Weg zur Sprache zu eröffnen und damit die Frage nach den geeigneten didaktischen Methoden des Deutschunterrichts stellt sich daher mit besonderer Wichtigkeit. Neue didaktische Ansätze versuchen den Aufsatzunterricht mit innovativen Methoden zu überdenken und umzustrukturieren. Im Vordergrund der Überlegungen steht das Ziel, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre natürliche Freude am schriftlichen Ausdruck und an der sprachlichen Gestaltung zu entwickeln.
Bei einem stark normierten schulischen Unterricht ergeben sich Defizite und Probleme beim Schreiben häufig durch so genannte Schreibblockaden oder Schreibhemmungen. Die Antipathie gegen das Schreiben entwickelt sich aus dem stark empfundenen Druck, fremden Standards genügen zu müssen und der Angst vor Kritik.
Eine viel diskutierte Methode des Deutschunterrichts, die sich dem Auftrag verschrieben hat diesen Schreibhemmungen entgegenzuwirken, ist das Kreative Schreiben, welche als ein neuer didaktischer Ansatz innerhalb der Schreibdidaktik verstanden wird. In meiner Hausarbeit möchte ich darauf eingehen, was unter dieser Methode genau zu verstehen ist und wie sie sich entwickelt hat. Schwerpunkt der Arbeit soll die Prozessorientierung des Schreibens sein, wobei Kreatives Schreiben als Schreibprozess genauer betrachtet werden soll. Formen und Ziele, sowie Vor- und Nachteile sollen ebenfalls aufgeführt werden. Des Weiteren werde ich einige Verfahren des Kreativen Schreibens vorstellen, sowie eine mögliche Bewertung bzw. Benotung des kreativ Geschriebenen diskutieren. Da ich die
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Prozessorientierung nicht nur auf den Schreibprozess an sich beziehen möchte, sollen auch Möglichkeiten des prozessorientierten Beurteilens vorgestellt werden. Der Abschluss meiner Arbeit soll die Frage klären inwieweit die Methode des Kreativen Schreibens als Leitlinie bzw. als Ergänzung für den Deutschunterricht geeignet ist.
1.2 Zur Klärung des Begriffs „Kreatives Schreiben“
Der Begriff „kreatives Schreiben“ ist in seinen Bestandteilen an sich geläufig. Was Schreiben ist, weiß jeder und der Begriff „kreativ“ ist heutzutage jedem bekannt und hat in unserem sprachlichen Alltag einen festen Platz eingenommen. Dennoch erweist sich eine präzise Definition des Begriffs „kreatives Schreiben“ als schwierig und ist schwer möglich. In vielfältigen wissenschaftlichen Disziplinen wird der Begriff ganz unterschiedlich verwendet. Früher durch die Bezeichnungen Vorstellungsvermögen, Einbildungskraft, Phantasie und Produktivität übersetzt, geht der Begriff „Kreativität“ auf das lateinische Verb creare zurück, das mit hervorbringen, erschaffen oder ins Leben rufen übersetzt werden kann. Eine präzise definitorische Fassung des Begriffs ist kaum möglich, da immer ein Teil verwandter Begriffe mitschwingt, wenn man den Begriff Kreativität benutzt. Viele Definitionen des kreativen Schreibens weisen diese Umschreibungsbegriffe wie Innovativität, Produktivität, Fantasie, Inspiration oder Originalität auf.
In erster Linie ist es bedeutend, was Kreativität in Bezug auf das Schreiben bedeutet. Kreatives Schreiben meint mehr als das Spiel mit der Sprache und umschließt den gesamten Bereich des nicht-pragmatischen, des stärker subjekt- als objektorientierten Schreibens. Auch literarisches Schreiben und autobiographisches Schreiben können dem Kreativen Schreiben untergeordnet werden.
Folgende Definition halte ich für das „kreative Schreiben“ für sinnvoll. „Kreativität in Schreibprozessen bedeutet [...], dass Jugendliche sich ihnen bislang unzulängliche Möglichkeiten des Denkens, Empfindens und Formulierens erschließen.“ 1
Um etwas Neues hervorzubringen bedarf es der Phantasie, diese scheint elementar zu sein, um kreativ denken und schreiben zu können. Phantasie kann man nicht erlernen, jeder Mensch hat Phantasie, besonders als Kind. Doch auf den heranwachsenden Menschen wirken mit
1 Brenner (1990), S. 16
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zunehmendem Alter stärker Regeln, Maßregelungen und Konventionen ein, welche die Phantasie zunehmend einschränken können.
Die Methode des Kreativen Schreibens soll es Schülern ermöglichen, zu ihrer kindlichen Leichtigkeit von Phantasie zu finden bzw. zurückzufinden, indem sie hilft die Phantasie anzuregen.
2 Zur Geschichte des Kreativen im Unterricht und grundlegende Begriffe
Der Kreativitätsbegriff unterzog sich im Laufe der letzten Jahrzehnte einem Wandel. Bis zu Beginn der 70er Jahre stand der traditioneller Aufsatzunterricht im Mittelpunkt der Schreibdidaktik. Beim traditionellen Aufsatzunterricht werden die Regeln und Normen der Sprachgestaltung wie Grammatik, Orthographie und Textsorten vordergründig vermittelt. Das Schreiben gilt als Einübung stilistischer Normen und bestimmter Aufsatzformen (Bericht, Erzählung, Beschreibung, Schilderung, Erörterung) und die Schüler sollen dem Idealtyp der jeweiligen Aufsatzform möglichst nahe kommen. Noch heute ist der sprachgestaltende Aufsatz in den Schulen die Regel, nicht zuletzt wegen seiner klaren Regelformulierung, die den Bedürfnissen des Lehrers entspricht.
„Schreiben diente [...] nicht der Textproduktion, sondern der Festigung von Grammatik,
Strukturen und Wortschatz. Die Nacherzählung leitete die Schüler zu einer eher
mechanischen Rekonstruktion einer vom Lehrer vorgelesenen Geschichte an; eine
phantasievolle und schülerorientierte Textgestaltung war nicht erwünscht.“ 2
In den 70er Jahren richtete sich massive Kritik gegen diesen Ansatz, da Schüler durch den traditionellen Aufsatzunterricht in ihren Schreibfreiheiten begrenzt wurden und den Schreibprozess nicht eigenständig fantasievoll gestalten konnten. Bereits in den späten 60er und frühen 70er Jahren setzte sich im Zuge der Kommunikativen Wende zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine wesentlich Funktion von Sprache und Schrift die Mitteilung ist. 3 Die Appellfunktion der Sprache in Anlehnung an Bühlers Organonmodell rückte in den Vordergrund, während die Ausdrucksfunktion zurücktrat. Es kam demnach nicht mehr so auf das Üben bestimmter Aufsatzformen und einen exzellenten Ausdruck an, sondern auf die Berücksichtigung des Adressaten, die Wirkung auf den Leser.
2 Wicke (1993), S. 84
3 Vgl. Merten (1999), S. 81
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In der Folgezeit wurde der kommunikative Ansatz erweitert, indem sich nun die Erkenntnis durchsetzte, dass nicht nur das Schreiben von Texten Lernerfolge bringt, sondern auch der Umgang mit und die Analyse von Texten anderer. 4
In den 70er Jahren ist Kreativität als andersartiges Denken angesehen worden, mit welchem man Probleme aus neuen Sichtwinkeln betrachtet und so zu innovativen Lösungen findet. Es galt, das kreative Verhalten zum Ausbrechen aus gewohnten Mustern und zum Verlassen vorgegebener Denkmuster zu nutzen. Das zu dieser Zeit typische Auflehnen gegen Autorität kommt somit in der Intension des kreativen Verhaltens zum Ausdruck. Speziell für den Deutschunterricht verdeutlichte sich dieses Verständnis von Kreativität im Durchbrechen sprachlicher Normen. Der Umgang mit Sprache ging in eine spielerische Richtung, so leitet der Unterricht zum Verfassen von Unsinnstexten und zum Verfremden von Textvorlagen an; die Ästhetik, die sich durch das Verfremden ergibt, stand im Vordergrund. Die Zielsetzungen für den Deutschunterricht im Umgang mit Kreativität zu dieser Zeit ist von Fritz Winterling zusammengefasst worden. Der Schüler solle in kreativen Übungen:
1. die Normsysteme der Sprache und der sprachlichen Äußerungen erkunden, 2. diese Normsysteme versuchsweise in Frage stellen,
3. diese Normsysteme versuchsweise überwinden und unter Unständen durch andere ersetzen,
4. ohne Bindung an vorgegebene Systeme produktiv tätig werden; an eigener Tätigkeit und eigenen Produkten Erfahrungen sammeln, diese verarbeiten und in weiteren Produktionen verwerten,
5. durch diese Tätigkeit im Versuchsfeld der Sprache die Mittel der Kommunikation erproben.
In den 80er Jahren wird der Kreativitätsbegriff zunehmend subjektiviert. Nicht mehr der Bezug zur Norm ist entscheidend, vielmehr unterstützen die neuen Tendenzen den Rückzug ins Private. Mit Kreativität soll der Entwurf einer neuen, subjektbestimmten Wirklichkeit gelingen, so steht Kreativität für Selbstausdruck und Entäußerung der verborgenen inneren Welt.
4 Vgl. Merten (1999), S. 81
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Aus diesem Verständnis heraus entsteht das kollektive, angeleitete Schreiben von Laien, die sogenannte Schreibbewegung. Im Schreiben soll das Konzept der Selbstverwirklichung enthalten sein und so werden therapeutische Erwartungen mit dem Schreiben verbunden. Der Deutschunterricht jener Zeit ist, parallel zur Schreibbewegung und dem damit verbundenen Kreativitätsbegriffes, geprägt durch neue Ansätze in der Aufsatzdidaktik, die gegen die herkömmliche Form des Aufsatzunterrichts gerichtet sind. Eine dieser neuen didaktischen Formen ist das „Freie Schreiben“, welche sich auf reformpädagogische Ansätze beruft. Die Schüler sollen in einem erlebnisorientierten Schreibunterricht selbst entscheiden können, wann, wo und worüber sie schreiben. Diese Methode verlangt den Schülern ohne Frage eine hohes Maß an Kreativität ab, jedoch ist der Unterschied zur Methode des Kreativen Schreibens in der „gestalteten Inszenierung von Schreibsituationen“ zu sehen, die Schüler schweben also nicht gänzlich im Freien beim Schreiben.
Das sogenannte „Personale Schreiben“ fasst alle neuen Schreibverständnisse der 80er Jahre zusammen, welche das Schreiben als Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit verstehen. Das Schreiben, ob als erlebnisorientiertes Schreiben, als experimentelles, assoziatives Schreiben oder als Verfassen von Gedichten und Tagebüchern, ist gekennzeichnet durch ein Suchen der eigenen Identität. Dieses Ziel stellt sich auch das „Kreative Schreiben“, jedoch ist dies nicht die einzige Zielsetzung. Das Schreiben wird in einer weiteren Konzeption vordergründig als Prozess begriffen, bei welchem alle Teilhandlungen des Schreibens Beachtung finden. Es zählt beim Schreiben als Prozess nicht nur das fertige Produkt, also der endgültige Text, sondern auch jeder Schritt zu diesem Ziel. Der Weg zum fertigen Text, über das Sammeln der Ideen, dem Entwurf, der ersten Niederschrift bis zur Überarbeitung und damit das Suchen und Erproben des Schülers treten stärker in den Vordergrund.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass „Kreatives Schreiben“ eine Bezeichnung für Schreibansätze ist, die davon ausgehen, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann.
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3 Kreatives Schreiben als Schreibprozess
3.1 Schreiben als Prozess
Das Ziel des traditionellen Aufsatzunterrichtes war ein fertiger Aufsatz, der der geforderten Aufsatzform möglichst nahe kommen sollte. 5 Der traditionelle Aufsatzunterricht war demnach auf ein Endprodukt ausgerichtet. Kreatives Schreiben dagegen betont nicht das Endprodukt, den fertigen Aufsatz, sondern rückt den aus mehreren Phasen bestehenden Schreibprozess ins Blickfeld. Nicht der fertig geschriebene Text, sondern der Weg zu diesem Text ist entscheidend und die Teilhandlungen des Schreibens werden stärker berücksichtigt. Spinner beschreibt die Phasen, die der Schüler beim Schreiben durchläuft, wie folgt: „Bei dieser Konzeption wird, in Anlehnung an die kognitivistische Schreibforschung, betont,
dass stärker als bisher im Aufsatzunterricht die Teilhandlungen des Schreibens in den Blick
kommen müssen - vom Sammeln der Ideen über den Entwurf und die erste Niederschrift bis
zur Überarbeitung.“ 6
Schreiben ist also weit mehr als nur das Sammeln und Niederschreiben von Texten. Schreiben ist ein Prozess, in dem unterschiedliche innerseelische Tätigkeiten zusammenwirken. 7 Schreiben ist ein innerer Prozess, der die innere Sprache zum Ausdruck bringt. Die geschriebene Sprache ist nicht nur einfach die Verschriftlichung der gesprochenen, äußeren Sprache, sie ist vielmehr die sichtbare Umsetzung eines inneren Prozesses, der inneren Sprache. 8 Diese innere Sprache ist meist kreativer als die äußere, da sie nicht den Gesetzen der Kommunikation unterliegt. Da die innere Sprache keine Appellfunktion aufweist und die Wirkung auf andere keine Rolle spielt, ist die innere Sprache wesentlich subjektbezogener als die äußere Sprache. Kreatives Schreiben hat demnach auch zum Ziel, diese innere Sprache zu aktivieren und sie nicht vorschnell den Normen der äußeren Sprache zu unterwerfen. „Schreibunterricht sollte so angelegt sein, dass Lernende durch unterschiedliche
Schreibaufgaben und methodische Zugänge herausgefordert sind, sich vielfältiger rationaler
und affektiver Zugangsmöglichkeiten zur Sprache zu bedienen und so ihre sprachliche
Kompetenz erweitern.“ 9
Nach Merkelbach soll der Schreibprozess so ermöglicht werden, wie er auch außerhalb der Schule bei jedem Schreiber, der nicht Tagebuch oder persönliche Briefe schreibt, stattfindet. Dabei soll sowohl der Entwurf, als auch die Überarbeitung und die Veröffentlichung der
5 Vgl. Kap. 2 „Zur Geschichte des Kreativen im Unterricht und grundlegende Begriffe“, S. ??
6 Spinner (1993), S. 18
7 Merten (1999), S. 81
8 Vgl. ebd. S. 81
9 Ebd. S. 82
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Arbeit zitieren:
Angelina Schulz, 2010, Kreatives Schreiben im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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