Inhaltsverzeichnis
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1 Einleitung 3
2 Die „Heldenmutter“ und ihre Zeit 4
3 Annemarie Schilling 7
4 Inhalt der Briefe 8
5 Wiederfinden von NS-Ideologie 8
5.1 Familiarismus 9
5.2 Faszination durch den Totenkult 10
5.3 Gleichschaltung innerhalb der Gruppe 11
5.4 Projektiver Haß auf Fremdes 13
5.5 Anstand, Ordnung, Sauberkeit 14
5.6 Hingabe an Autorität 15
5.7 Verachtung von Schwäche, Erfolglosigkeit
und Triebhaftigkeit 17
6. Konstruktion von Wirklichkeit 18
6.1 Verdrängung der Realität 19
6.2 Herstellen der heilen Welt 21
7 Zusammenfassung 22
8 Literaturverzeichnis 24
2
1 Einleitung
Feldpostbriefe stellen eine wichtige, bisher noch stiefmütterlich behandelte historische Quelle zur Erforschung und Aufarbeitung des Lebens während des Zweiten Weltkrieges dar. Die Bedeutung der Briefe wird schon aus der gewaltigen, von Buchbender/Sterz geschätzten Zahl von mehr als 40 Milliarden Sendungen, die zwischen der Heimat und der Front zirkulierten, deutlich. 1 Nicht Politiker und große Staatenlenker mit ihren rhetorisch und ideologisch mehr oder weniger geschickt ausformulierten Programmen kommen hier zu Wort, sondern der einfache Bürger, das im großen Zahnradgetriebe funktionierende Einzelwesen. Die Briefe zwischen den Frontsoldaten und den Daheimgebliebenen sind somit wichtige Dokumente für eine Rekonstruktion der Geschichte aus der Sicht „von unten“, um so mehr, als sie durch ihren persönlichen Charakter einen unverstellten Einblick in das Alltagsleben der Menschen zu erlauben und damit einen hohen Wahrheitsgehalt zu versprechen scheinen. 2
In der vorliegenden Arbeit werden acht Briefe der damals zweiundvierzigjährigen „Heldenmutter“ Annemarie Schilling an ihren jüngsten, an der Ostfront stationierten Sohn Horst untersucht. Anhand dieser in einem Band von Gerda Szepansky 3 veröffentlichten Briefe soll aufgezeigt werden, ob und inwieweit die nationalsozialistische Ideologie in das Alltagsdenken eines beispielhaft „christlichtraditionellen bürgerlichen Frauentypus“ 4 übernommen wurde. Daran
1 Buchbender, O.; Sterz, R.: „Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945“, S. 5.
Ders., S. 7: „Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß etwa 24 Prozent dieser Sendungen von der Fronttruppe und 76 Prozent von der Heimat stammten.“
2 Dies gilt natürlich mit Einschränkungen; Inhalte wurden regelmäßig vom Schreiber
manipuliert: unbewußt aufgrund individueller Selektion der Wahrnehmung oder absichtlich aus Angst vor der Zensur und aus Rücksichtnahme gegenüber dem Adressaten. Es gab auch Fälle, in denen der Briefeschreiber von Anfang an auf eine spätere Veröffentlichung der Korrespondenz hinarbeitete.
3 Szepansky, G.: „‘Blitzmädel‘ ‚Heldenmutter‘ ‚Kriegerwitwe‘. Frauenleben im Zweiten Weltkrieg“, S. 113-137.
4 Brockhaus, G.: „„Schrecklich lieb...“. Anmerkungen zu einer deutschen
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anschließend folgt eine Betrachtung über Frau Schillings Entwurf einer Familienidylle inmitten der lebensvernichtenden Realität des Krieges.
Die für diese Arbeit gewählte Analysemethode des qualitativen Verfahrens wird verschiedentlich wegen ihrer Beliebigkeit oder ihrer begrenzten und vagen Aussagekraft kritisiert. Humburg 5 spricht sich gegen eine strikte Trennung zwischen qualitativen und quantitativen Verfahren aus und schlägt eine Mischform aus beiden vor. Auch Latzel 6 macht auf die Schwachstellen einer rein qualitativen Analyse aufmerksam, räumt aber gleichzeitig ein, daß sich Einzeldarstellungen sowohl für die Formulierung neuer Forschungsfragen als auch für die Thesenbildung als unerläßlich erweisen. Nach Gisela Dischner 7 erlaubt die qualitative Methode zudem eine Transparenz, die gleichzeitig ein Moment von Kontrolle der Ergebnisse darstellt und den Zusammenhang von Genesis und Geltung präzisiert.
2 Die „Heldenmutter“ und ihre Zeit
Der Begriff der in Presse, Literatur, Bildender Kunst und Musik verklärten „Heldenmutter“ ließ zwei Deutungen zu. Einmal sollten die Frauen ihre Söhne zu Kriegshelden erziehen, die ihr Leben für „Führer, Volk und Vaterland“ zu opfern hatten, und weiterhin sollten die Mütter selbst Heldinnen sein, die den Tod ihrer Söhne „in stolzer Trauer“ hinzunehmen hatten.
Programmatisch hat es Hitler in seinen „Reden an die deutsche Frau“ formuliert.
„Was der Mann einsetzt an Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig geduldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leiden und Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nichtsein ihres Volkes.“
‚Heldenmutter‘“, S. 69.
5 Humburg, M.: „Siegeshoffnungen und „Herbstkrise“ im Jahre 1941“, S. 26.
6 Latzel, K.: „Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung“, S. 7.
7 Dischner, G.: „Eine stumme Generation berichtet. Frauen der dreißiger und vierziger Jahre“, S. 212.
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Das Gebiet, auf dem Frauen ihre Fähigkeiten einsetzen sollten, umriß Joseph Goebbels anläßlich seiner Eröffnungsrede vom 18.3.1933 zur Ausstellung „Die Frau“ in Berlin wie folgt.
„Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie, und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Land und Volk Kinder zu schenken, Kinder, die Geschlechterfolgen fortsetzen und die Unsterblichkeit der Nation verbürgen. ... Im Dienst am Volksganzen kann die Frau am ehesten in der Ehe, in der Familie und in der Mutterschaft sich ihrer hohen Sendung bewußt werden. ..., wir sind der Überzeugung, daß ein sozial reformiertes Volk seine erste Aufgabe wieder darin sehen muß, der Frau die Möglichkeit zu geben, ihre eigentliche Aufgabe, die Mission der Familie und der Mutter wieder zu erfüllen.“
Entsprechend dieser Vorstellung faßte die NSDAP schon 1921, zwei Jahre nach Einführung des Wahlrechts für Frauen, den Beschluß, daß eine Frau in der Führung der Partei und in den leitenden Ausschuß nicht aufgenommen werden kann. Es war explizite Politik der Nazis, Frauen keine politischen und ökonomischen Machtpositionen gewinnen zu lassen. Nachdem Frauen zu Beginn der zwanziger Jahre in zunehmendem Maße ehemals männliche Positionen im Berufsleben eingenommen hatten, sollten sie nun wieder in den privaten Bereich zurückgedrängt werden. Hermann Esser, Parteimitglied Nr. 2, formulierte dies am bündigsten: „Die Frauen gehören heim in die Küche und Kammer, sie gehören heim und sollen ihre Kinder erziehen.“ Zum Muttertag 1939 erhielten kinderreiche Mütter erstmalig das Mutterkreuz verliehen. Das Gesetz gegen Abtreibung wurde bereits 1933 verabschiedet.
Renate Wiggershaus spricht von einer Degradierung der Frauen zu „Gebärmaschinen, Aufsichtsmaschinen und Arbeitstieren“. 8 In der Tat verglich Göring Frauen mit Pferden und unterschied sie nach ihrer Herkunft in Rasse- und Arbeitspferde. 9 Frauengeeignet schien der NS-Führung zunächst lediglich eine Betätigung auf sozialem Gebiet zu sein, wofür Institutionen wie die „Nationalistische Frauenschaft“, das „Deutsche Frauenwerk“ und das
8 Wiggershaus, R.: „Frauen unterm Nationalsozialismus“, S. 17.
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„Hilfswerk Mutter und Kind“, das eng mit der NS-Volkswohlfahrt 10 zusammenarbeitete, zur Verfügung standen.
Mit der Vorbereitung und im Verlauf des Krieges trat die Diskrepanz zwischen dem Frauenbild der NS-Propaganda und der Realität des Frauenlebens immer offener zutage. Ab 1937 wurden Frauen in den Rüstungsbetrieben eingesetzt, eine Arbeitsdienstverpflichtung aller deutschen Frauen der arbeitsfähigen Jahrgänge konnte später nur durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und KZ-Häftlingen vermieden werden. Wenige Tage nach Kriegsbeginn, am 4.9.1939, 11 wurde auch für die weibliche Jugend die Reichsarbeitsdienstpflicht (RAD) eingeführt. Seit 1941 mußten im Anschluß an den RAD sechs weitere Monate im Kriegshilfsdient abgeleistet werden. Die jungen Frauen wurden als Wehrmachtshelferinnen eingezogen oder als Flakhelferinnen eingesetzt.
1944 wurde für alle Frauen zwischen 17 und 55 Jahren die Meldepflicht für die Reichsverteidigung verkündet. Ab Februar 1945 konnten Frauen zu Hilfsdiensten für den Volkssturm gezwungen werden. Hitler, der betont hatte, daß man die „deutsche Frau nicht in Frauenbataillone stecke und an die Geschütze stelle wie die Sowjets“, befahl die Aufstellung eines Frauenbataillons. Schon im März 1945 bemühte sich Hitler nicht einmal mehr sprachlich um eine ideologische Kaschierung seiner wahnsinnigen Befehle: „Ob Mädchen oder Frauen, ist ganz wurscht: eingesetzt muß alles werden.“ 12
9 Gersdorff, U. von: „Frauen im Kriegsdienst 1914-1945“, S. 59.
10 Aufschlußreich und erschreckend zugleich ist die zum Teil äußerste Brutalität, mit der Frauen in Fürsorgeberufen von der Senatsrätin bis zur Krankenschwester gegen ihre Geschlechtsgenossinnen und anderen ihnen Anvertrauten vorgingen. Hierzu die Studie von Angelika Ebbinghaus: „Opfer und Täterinnen“, Nördlingen, 1987.
11 Die deutsche Feldpost nahm bereits am 2.9.1939 ihren Dienst auf.
12 Gersdorff, U. von: „Frauen im Kriegsdienst 1914-1945“, S. 72.
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Arbeit zitieren:
Thomas Wörther, 2006, Feldpostbriefe - Briefe einer „Heldenmutter“, München, GRIN Verlag GmbH
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