- 2 -2. Wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung
Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I zum Deutschen Kaiser gekrönt und Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt. Bismarcks Innenpolitik war vor allem darauf ausgerichtet, das Einheits- und Machtbedürfnis des nationalliberalen Bürgertums zu befriedigen. Die bestehende Gesellschaftsordnung wurde durch die Machtelite von Adel, Großbürgertum, Militär und Beamtenschaft (die tragenden Säulen des Staates) bestimmt.
Das im Zuge der Industrialisierung und des medizinischen Fortschritts einsetzende extreme Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts führte in den Städten, durch die Zusammenballung von Arbeitern in elenden Massenquartieren bei gleichzeitig niedrigen Löhnen, zu einer Situation enormer sozialer Spannungen. Den Bedürfnissen der Arbeiterschaft wurde durch das sozialpolitische Reformwerk von 1881-1889 (Sozialversicherung) Rechnung getragen. Dieses wurde aber durch das Sozialistengesetz von 1878 (verstärkte Kontroll- und Unterdrückungsmaßnahmen gegen die sozialistische Arbeiterbewegung) relativiert. Die Reparationszahlungen Frankreichs an Deutschland von 1871 bis 1873 lösten mit der ungeheuren Summe von 5 Milliarden Goldfrancs einen Boom in der Gründung neuer Firmen aus. Bestehende Firmen wie Krupp erweiterten ihre Produktion erheblich und beschäftigen viele neue Arbeiter. Die Firma Krupp wurde damit das größte Eisen und Stahl erzeugende Unternehmen der Welt.
3. Das Bürgertum
Viele Bürger erzielten enorme Gewinne durch Spekulation an der Börse. Dadurch gewann das Bürgertum großes Prestige, seine Vertreter wurden aber von der adligen Bevölkerung oft abwertend als „Neureiche“ oder "Parvenus" (Emporkömmlinge) angesehen. Große Teile des wohlhabenden Bürgertums waren der Ansicht, dass alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen und jeder Fortschritt nur im Rahmen eines Nationalstaates gelöst bzw. verwirklicht werden könnten.[1] Dafür war - auch bei sonst unterschiedlichen politischen Auffassungen - die Entwicklung einer „vaterländischen Gesinnung“ unabdingbar. Die Ausführung des politischen Willens delegierte man jedoch in der Regel an die dafür bestimmten Funktionsträger und verhielt sich im Alltag eher unpolitisch, wenngleich - wie man in Fontanes Romanen sehen kann - das politische Tagesgeschehen im privaten Kreise oft ausgiebig diskutiert und kommentiert wurde. Schon nach der gescheiterten Revolution von 1848 war man _____________________ [1] Vgl. hierzu Park, Eue-Choon: Seite 65
- 3 -dazu übergegangen, sich auf die sogenannten bürgerlichen Tugenden zu besinnen. Nach den unruhigen Zeiten verspürte man ein Bedürfnis nach Ruhe und suchte Freiräume für Reflektion, Fantasie, Poesie, Kunst und gepflegte Konversation. Angst vor dem Chaos und den politischen Kampfparolen der Straße verstärkten den Wunsch nach einer gewaltfreien Sprache und nach Harmonie und Ordnung.
4. Aristokratismus und „Feudalisierung“ des Bürgertums
In vielen Kreisen des Besitzbürgertums gab man sich einem zügellosen Genussleben hin. Man bewunderte den Lebensstil des Adels und wollte daran teilhaben. Das Streben nach adliger Gesinnung und adligem Lebensstil führte oft dazu, dass man vermeintlich adlige Verhaltensweisen kopierte und sich im gesellschaftlichen Auftreten um adlige Vornehmheit bemühte. Nach Bucher (Seite 103) führte die Anpassung an Normen und Wertvorstellungen des Adels zu einer „Feudalisierung“ des Bürgertums. Es war erstrebenswert „Junker“ zu werden, d. h. sich adeln zu lassen. Dieses Bestreben fand seinen Ausdruck u. a. - in der Wohnkultur (prachtvolle Villen mit großzügig angelegten Parks oder Gärten wie im Roman „L’Adultera“);
- in den Formen der Geselligkeit und des Auftretens (Kutschieren, Land-oder Bootspartien, Ausritte, Jagd);
- in der Kindererziehung (gute Manieren, gewählte Sprache, Betonung von Bildung und Kunst).
Als sich die industriell-großkapitalistischen Strukturen, die vor allem auf der Verflechtung von Großfinanz und Schwerindustrie beruhten, endgültig durchsetzten, wurden der Aristokratismus und die Beschäftigung mit Kunst und Literatur für das gesellschaftliche Auftreten immer bedeutsamer. Reiche Fabrikanten und Bankiers legten sich umfangreiche Kunstsammlungen an. Die Innenwände luxuriöser Villen wurden - quasi auf Bestellung - mit Originalgemälden berühmter Meister verziert.[1] Die Verbindung von Grundbesitz, Geld und Geist (nach Eduard von Hartmann, dem Modephilosophen der Gründerzeit, "Grundaristokratie", "Geldaristokratie" und "Bildungsaristokratie") sollte die künftigen Kulturträger erzeugen. Aristokraten und Bürger, Gelehrte und Geschäftsleute bildeten eine höhere gesellschaftliche Klasse. Das Bündnis führte zu einer Kapitalisierung des Adels und - wie oben bereits erwähnt - einer Feudalisierung des Bürgertums. (Vgl. hierzu Bucher, Seite 104 - 106) Die Orientierung am Lebensstil des Adels und das Bestreben, sich gesellschaftlich aufzuwerten, führte auch zu ehelichen Verbindungen zwischen Adel und Bourgeoisie (von Fontane in „L’Adultera“ literarisch _________________________
[1] Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die luxuriöse Innenausstattung der van der Straatenschen Villa, insbesondere die imposante Ansicht des Speisesaals, die den Besucher in Erstaunen und Bewunderung versetzte. (L'Adultera, S. 25)
- 4 -verarbeitet). Auf diese Weise erhielt der Adel den oft willkommenen finanziellen Rückhalt und befriedigte gleichzeitig die sozialen Ambitionen des Bürgers, seinen gesellschaftlichen Status zu verbessern und einen adligen Lebensstil zu pflegen. So bildeten viele Vertreter dieser gesellschaftlichen Gruppen eine eine Art symbiotische Verbindung, von der beide Seiten profitierten. Darüberhinaus verstanden sie sich auch als politische Interessengemeinschaft, die die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung gegen die Arbeiterbewegung verteidigten.
II. Fontane und das Bürgertum
1. Fontanes bürgerliche Herkunft
Fontane kam aus einem einfachen bürgerlichen Milieu ohne Adelsprädikat oder bedeutendes Vermögen. Er schien nicht sonderlich gut gerüstet für ein sorgloses Leben in Wohlstand und Überfluss. Dafür gibt folgende selbstironisch gemeinte Äußerung beredtes Zeugnis ab: „Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlecht sitzenden Hose.“ [1] Für seine Söhne Theo und Georg nutzte er daher gern die Aufstiegschancen des Militärs, dessen Prestige nach drei gewonnenen Kriegen deutlich zugenommen hatte und dessen hohe Kommandostellen überwiegend in der Hand des Adels waren. Für viele Vertreter des Bildungsbürgertums war der Rang eines Reserveoffiziers äußerst erstrebenswert. Dahinter stand nicht nur die Auffassung von der militärischen Ausbildung als selbstverständlicher und nicht zu hinterfragender Dienst am Staat, sondern die Ernennung zum Offizier wurde auch als eine Art Ersatznobilitierung und als gesellschaftliche Aufwertung empfunden. Dem Reiz des damit verbundenen Zuwachses an Ansehen und Bedeutung konnte Fontane sich offensichtlich nicht völlig entziehen.
2. Fontanes Positionen zum Bürgertum
Wie eine ganze Reihe seiner Briefe belegen, war Fontane war dem wirtschaftlichen Aufschwung seiner Zeit gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. Er verstand sich nicht als naiver Idealist und Weltverbesserer. Technischer Fortschritt und Reichtum waren ihm an sich willkommen, sofern sie mit strebsamer Arbeit verbunden waren. Er wandte sich jedoch entschieden gegen Wohlstand und übertriebenen Luxus, der durch Spekulation ___________________
[1] Brief an Georg Friedlaender vom 03.10.1893, in: Drude, Otto u. H. Nürnberger: Bd. 4, Seite 299
- 5 -erwirtschaftet bzw. vererbt worden war. Diese Auffassung zeigt sich deutlich in folgendem Zitat aus einem Brief an G. Friedlaender vom 05.02.1890 : "Wo viel Geld ist, geht immer ein Gespenst um; je älter ich werde, je tiefer empfinde ich, soll heißen je schärfer beobachte ich den Fluch des Goldes. Es scheint doch fast wie göttlicher Wille, daß sich der Mensch sein tägliches Brot verdienen soll, der Minister natürlich anders wie [sic] der Tagelöhner, aber immer Arbeit mit bescheidenem Lohn. Ererbte Millionen sind nur Unglücksquellen ..."[1]
Einige seiner Äußerungen lassen den Schluss zu, dass er das von vielen reichen Bürgern praktizierte Prinzip "Mit Geld erreicht man alles" und die Selbstüberheblichkeit und hemmungslose Zur-Schau-Stellung des eigenen Reichtums (die "Gesinnungsruppigkeit"[2], wie er es in einem Brief an seine Frau Emilie vom 12.08.1883 nannte) verabscheute. Auch der militärischen Laufbahn gegenüber nahm er in seinen Briefen eine eher distanzierte Haltung ein. Hier offenbart sich vielmehr die Auffassung, dass die Verherrlichung des Militärs mit seinem starren Verhaltenskodex und seinen überkommenen Ehrbegriffen nicht erstrebenswert sei. Vielmehr schien er sich an einem zivilgesellschaftlichen Leitbild zu orientieren, wie er es in England kennen gelernt hatte. Wie sehr seiner Meinung nach der übertriebene Mechanismus von Befehl und Gehorsam die Mentalität vieler Zeitgenossen prägte, sämtliche Lebensbereiche beeinflusste und bürgerliche Freiheiten und Selbstbestimmung einschränkten, lässt sich beispielsweise an folgender Äußerung ablesen, die er Melanie van Straaten in den Mund legt, als sie der Visitenkarte Ebenezer Rubehns seinen militärischen Dienstgrad "Reserveleutnant" entnimmt: "Auch wieder einer. Und dazu noch aus der Reserve! Mir widerwärtig dieser ewige Lieutenant. Es gibt gar keine Menschen mehr." [3]
3. Fontanes ambivalente Haltung gegenüber den sozialen Fragen seiner Zeit
Fontane erlebte offenbar im Laufe seines Lebens einen Prozess der sozialkritischen Bewusstwerdung. Seine missbilligende Haltung gegenüber den Auswüchsen im Verhalten der höheren Gesellschaftskreise spiegelt sich sehr deutlich in seinen Briefen (z. B. an den Amtsgerichtsrat und Freund Georg Friedlaender, an den Londoner Arzt und langjährigen Bekannten James Morris, seine Frau Emilie, seine Tochter Mete, u. a.). Zum Teil nimmt Fontane eine erstaunlich radikale Position ein, wenn er z. B. in einem Brief an seinen Sohn Theo vom 09.05.1888, in Anspielung auf seine Romanfigur Frau Jenny Treibel und ihr sentimentales Schlusslied mit der ___________________________
[1] In: Drude, Otto u. H. Nürnberger: Bd. 4, Seite 25 [2] Drude, Otto u. H. Nürnberger: Bd. 3, S. 279 [3] Fontane, Theodor: L'Adultera, S. 46
-6-Zeile "Wo sich Herz zum Herzen findt"[1], das „Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeois-Standpunktes“[2] verurteilt oder in einem Brief an seine Tochter Mete vom 25.08.1891 sogar bekennt: "Ich hasse das Bourgeoishafte mit einer Leidenschaft als ob ich ein eingeschworner Socialdemokrat wäre." Und er fährt selbstkritisch fort, dass er das "Bourgeoisgefühl" seiner Zeit nicht nur "gräßlich" finde, sondern "bis zu einem gewissen Grade von ihm beherrscht" sei. [3] Ähnliche Worte legt er Corinna Schmidt, der Vertreterin des aufgeklärten Bildungsbürgertums, in den Mund, wenn er sie sagen lässt: "Aber ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat auch mich in der Gewalt, ganz so wie alle anderen ..."[4] Noch pointierter fasst er diesen offensichtlichen Widerspruch, den er auch in sich selbst verspürte, in einem Brief an seinen Sohn Theo vom 09.05.1888, wo er eine Mentalität anprangert, "die von Schiller spricht und [das Kaufhaus] Gerson meint."[5] Einer solchen Geisteshaltung verleiht Fontane - wie in Kapitel IV. 1. oben ersichtlich wird - überzeugend künstlerische Ausdruckskraft mit seiner Frau Jenny Treibel, die geradezu idealtypische Verkörperung einer verwöhnten Bourgeoise. Als Romanautor erlegt er sich jedoch epische Zurückhaltung auf. In seinen Romanen zeigt sich seine Haltung eher verschlüsselt und muss zwischen den Zeilen herausgelesen werden. Aus vielen seiner Äußerungen kann man den Schluss ziehen, dass er zwischen einer partiellen Liebe zur bestehenden Gesellschaftsordnung (dem "Alten") und der erkannten Notwendigkeit einer besseren und gerechteren Gesellschaftsordnung (dem "Neuen") schwankte. Es fällt auf, dass in seinem Werk der vierte Stand (d. h. die Arbeiterschaft) fast gänzlich von Kritik ausgenommen ist. Dies bedeutet aber nicht, dass er für das Schicksal der Arbeiter uneingeschränkte Sympathie empfand. Es war jedoch offenbar so, dass er die Kämpfe der Arbeiterschaft für eine gerechtere Gesellschaftsordnung nicht sonderlich beachtete und vor allem nicht tatkräftig unterstützte. Trotz seinem "Hass" auf das "Bourgeoisiehafte" (wie er im Brief an seine Tochter Mete formuliert), sind die Repräsentanten der "alten" Welt (Bourgeoisie und Adel) die Hauptgestalten seiner Romane. Er hatte offensichtlich vom Leben des Adels, des Bürgertums und auch des Kleinbürgertums (vgl. Mathilde Möhring) genaue Kenntnis. Industriearbeitern brachte er in ihrer sozialen und gesellschaftlichen Problematik Verständnis entgegen. Seine Romanwelt ist jedoch eine Welt ohne Lohnarbeit und zumeist
_____________________
[1] Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel, S. 202 [2] Drude, Otto und H. Nürnberger: Bd. 3, S. 601 [3] Drude, Otto und H. Nürnberger: Bd. 4, S. 148 [4] Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel, S. 57 (Ende des 5. Kapitels) [5] Drude, Otto und H. Nürnberger: Bd. 3, S. 601
Arbeit zitieren:
Hans-Georg Wendland, 2010, Das Bürgertum bei Theodor Fontane - Das Bürgertum im Spiegel der Berliner Gesellschaftsromane "L'Adultera" und "Frau Jenny Treibel", München, GRIN Verlag GmbH
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