Inhaltsverzeichnis
1. Die Komplexität der Bismarck´schen Sozialgesetzgebung 2
2. Ein Beamter als Gesellschaftsreformer: Grundanschauungen Theodor
Lohmanns 3
4. Theodor Lohmanns Arbeit an den Vorlagen zum Unfallversicherungsgesetz 8
5. Theodor Lohmanns Handschrift im Krankenversicherungsgesetz 11
6. Theodor Lohmann: Ein Beamter macht Politik 15
7. Literaturverzeichnis 18
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1. Die Komplexität der Bismarck´schen Sozialgesetzgebung
„Im Alter von 74 Jahren verstarb der verdiente Vertreter der Sozialpolitik im Handelsministerium, einer von den tüchtigen hannoverschen Beamten, die Preußen übernommen hat. Er war die eigentliche Arbeitskraft [Hervorhebung durch den Verfasser] bei der Bismarck‘schen Versicherungsge-
setzgebung […]. Seine Herzensbeteiligung an den Kämpfen der Arbeiterschaft war viel größer, als man es von einem Beamten seiner Stellung erwartet, nur war er nicht stark genug, der Regierung
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seine Farbe aufzudrücken.“
Die Person, der der obige Nachruf gilt, ist heute „[…] abgesehen von ausgesprochenen Fachkreisen weitgehend unbekannt“ 2 . Anders 1905, als anlässlich des Todes des Ministerialbürokraten Theodor Lohmann (geboren 1831) zahlreiche Nekrologe in unterschiedlichsten Publikationen erscheinen. Freilich war der Beamte im Hintergrund der politischen Bühne“ 3 tätig; aber diese nicht an prominenter Stelle verrichtete Arbeit erscheint den Zeitgenossen immerhin wichtig genug, dass sie bedauern, dass Lohmann sich - anscheinend - nicht durchgesetzt hat. 4 Bei einem Blick auf die heutige Rezeption und Wahrnehmung der Sozialpolitik unter Bismarck werden dann auch alle wichtigen Schritte hin zum Fundament der deutschen Sozialsysteme dem „großen Mann“ 5 zugeschrieben: Bei den Festveranstaltungen anlässlich „125 Jahre Gesetzliche Krankenversicherung“ am 11. Juni 2008 in Berlin betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bedeutung von Reichskanzler Otto von Bismarck für die Begründung der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland. 6 Auch in verschiedenen populärwissenschaftlichen Publikationen und in der medialen Berichterstattung genießt der Reichskanzler meist den Ruf, die Sozialgesetze maßgeblich gestaltet zu haben. 7 Und in Schulbüchern wird die Sozialgesetzgebung zumeist in einem Atemzug mit dem Namen Bismarcks genannt - eine tiefergehende Auseinandersetzung findet schon allein aus Zeitgründen nicht statt. Zweifelsohne ist es richtig, dass unter Bismarck und auf seine politischen Entscheidungen hin die Kranken- und Unfallversicherung sowie die Alters- und Invalidenversicherung entstanden. Dennoch führt die starke Fixierung auf einen einzelnen, wissenschaftlich wie öffentlich bestens aufbereiteten Charakter zu einer starken Vereinfachung. Die eigentliche Komplexität der Vorgänge während der Entstehung der Sozialgesetze zwischen 1881 und 1889 wird so übersehen.
1 ZITT, Renate: Zwischen Innerer Mission und staatlicher Sozialpolitik. Der protestantische Sozialreformer Theodor Lohmann (1831 - 1905) ; eine Studie zum sozialen Protestantismus im 19. Jahrhundert. Univ. Diss. Heidelberg 1996. S. 15. Im Folgenden zitiert als: ZITT: Innere Mission.
2 ZITT: Innere Mission. S. 15.
3 Ebd.
4 Vgl. ZITT: Innere Mission. S. 15.
5 GALL, Lothar et al. (Hg.): Bismarcks Mitarbeiter. Paderborn 2009. S. VII. Im Folgenden zitiert als: GALL: Bismarcks Mitarbeiter.
6 Vgl. Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Festveranstaltung „125 Jahre Gesetzliche Krankenversicherung“ in Berlin. URL: http://www.g-k-v.info/site/fileadmin/user_upload/GKV/rede_merkel.pdf. Abgerufen am 10.10.2010.
7 Vgl. Schmitz, Alfried: Die Sozialgesetze.
URL: http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/preussen/otto_von_bismarck/die_sozialgesetze.jsp. Abgerufen am 10.10.2010.
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Ob Bismarck tatsächlich bei allen Gesetzesentwürfen gleichermaßen bestimmend mitwirkte, darf hinterfragt werden; darauf deuten auch Publikationen über Bismarcks Mitarbeiter hin. Ein Beispiel für die durchaus sichtbare und wirksame Mitwirkung anderer, weniger bekannter Personen, ist Theodor Lohmann. Dieser Mitarbeiter Bismarcks genießt durch verschiedene, seine Leistungen aufarbeitende Publikationen, den Ruf eines „[…] protestantischen Sozialre-formers“ 8 . Er hat, entgegen der vereinfachten Darstellung des Entstehungsprozesses der Sozialgesetze, durchaus entscheidend mitgewirkt und als Beamter ein Stück „[…] Geschichte geschrieben“ 9 . Im Folgenden soll die Mitwirkung Theodor Lohmanns an der Sozialgesetzgebung untersucht werden. Zunächst stehen dabei die Grundanschauungen und Überzeugungen im Fokus, die Lohmann bereits vor seiner Arbeit im preußischen Staatsdienst entwickelt. Ein zweiter Schritt wird mit der Untersuchung der Rolle Lohmanns von der Entstehung bis zur Verabschiedung des Unfall- und des Krankenversicherungsgesetzes unternommen. Abschließend gilt es festzustellen, wie es sich mit der Durchsetzung und Erkennbarkeit der Arbeit dieses Mitarbeiters verhält: Hat er es wirklich nicht vermocht, „[…] der Regierung seine Farbe aufzudrücken.“ 10 , wie es obenstehender Nekrolog rückschauend beurteilt?
2. Ein Beamter als Gesellschaftsreformer: Grundanschauungen Theodor Lohmanns
Trotzdem Theodor Lohmann heute kaum bekannt ist und sein Name fast in Vergessenheit geraten ist 11 handelt es sich bei seiner Person nicht um einen unbedeutenden und daher möglicherweise wenig Aufschluss gebenden Beamten. Als einem engen Mitarbeiter Bismarcks und Experten in der Sozialpolitik kommt ihm einige Bedeutung zu, auch wenn ihm ein unmittelbarer Einfluss auf die Entstehung des deutschen Sozialstaats nicht zugeschrieben werden kann. 12 Fachkreise beurteilen Lohmann dennoch als „[…] einen der bedeutendste[n] Sozialpolitiker des 19. Jahrhunderts […]“ 13 . Für Lothar MACHTAN ist er sogar „[…] sozialdemokratischer Meister dieses Metiers […]“ 14 . Im Hinblick auf die hier wiedergegebenen Zuschreibun-
8 ZITT:Innere Mission. S. 13.
9 GALL: Bismarcks Mitarbeiter. S. XI.
10 ZITT: Innere Mission. S. 15.
11 Vgl. MACHTAN, Lothar: Der Gesellschaftsreformer Theodor Lohmann. Grundanschauung und Programm. In: Soziale Demokratie und sozialistische Theorie. Festschrift für Hans Josef Steinberg zum 60. Geburtstag. Hg. v. Inge MARßOLEK et al. Bremen 1995. S.30. Im Folgenden zitiert als: MACHTAN: Theodor Lohmann.
12 Vgl. TENNSTEDT, Florian: Sozialreform als Mission. Anmerkungen zum politischen Handeln Theodor Lohmanns. In: Jürgen KOCKA et al. (Hg.): Von der Arbeiterbewegung zum modernen Sozialstaat. Festschrift für Gerhard A. Ritter zum 65. Geburtstag. München 1994. S.538. Im Folgenden zitiert als: TENNSTEDT: Anmerkungen zum politischen Handelns Theodor Lohmanns.
13 MACHTAN: Theodor Lohmann. S. 30.
14 Siehe Anmerkung 12.
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gen wie Expertenkompetenz und politischen Richtungen erscheint eine genauere Untersuchung der Grundanschauungen Lohmanns also durchaus lohnenswert. Der 1831 in Winsen an der Aller geborene Theodor Lohmann stammt aus einem christlich geprägten Elternhaus, in dem er eine auf Frömmigkeit und sittliche Lebensführung bedachte Einstellung zum Leben erlernt. 15 Während seiner Zeit in Göttingen, wo Lohmann von 1850 bis 1854 Rechts- und Staatswissenschaften 16 studiert, prägen ihn religiös motivierte Prinzipien wie das des „christlichen Staats“ 17 , dass alles staatliche Handeln einem christlichsittlichen Leitbild unterordnet. Das Interesse für die Soziale Frage wird jedoch vor allem durch seine Mitgliedschaft bei der Burschenschaft Germania befördert. Hier verpflichtet er sich christlichen und nationalen Idealen und unterschreibt gemäß der Satzung, dass er auch im Staatsdienst diesen Zielen verpflichtet bleibt: der „[…] christlichen Durchdringung des Volkes […]“ 18 auf dem Wege sanfter Reformen. In Vorträgen und Diskussionen entwickelt Lohmann hier Anschauungen hinsichtlich der Zustände der Arbeiterschaft und widmet sich dabei der Sozialen Frage. In seiner eigenen Analyse der Verhältnisse ist er dabei stark beeinflusst von der Gesellschaftstheorie des Juristen und Staatsrechtlers Lorenz von Stein 19 . Er folgt von Stein in der Forderung, den Klassenkampf zu überwinden und die Interessen der arbeitenden Klassen ernst zu nehmen und zu fördern. Allerdings tritt bei Lohmann wiederum die religiöse Komponente in den Vordergrund: Für ihn besteht weniger ein Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus als ein grundlegender Konflikt „[…] zwischen Materialismus und Religion, zwischen Unglauben und Glauben.“ 20 In einem Vortrag, den Lohmann 1853 im „Verein für Innere Mission“ hält 21 , kritisiert er, dass Sozialismus und Kommunismus ebenfalls zu einem Materialismus führen würden: Beide entstünden aus „ […] dem Principe[!] der ausschließlichen Diesseitigkeit der menschlichen Bestimmung […] allen Menschen einen gleichen Anspruch auf materielle Befriedigung […]“ 22 zuzusprechen. Für den Lutheraner Lohmann ist das eigentliche Problem also wiederum ein religiöses beziehungsweise der befürchtete Sieg des Materialismus über die sittliche Gesinnung. 23
15 Vgl. ZITT: Innere Mission. S. 55.
16 Vgl. KOCH, Peter: Lohmann, Theodor. In: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 129 f. [Onlinefassung]. URL: http://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd119290413.html. Abgerufen am 10.10.2010.
17 ZITT: Innere Mission. S. 64
18 Ebd. S. 76.
19 Vgl. Inama von STERNEGG, Theodor, „Stein, Lorenz von“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 661-666 [Onlinefassung]; URL:http://www.deutsche-biographie.de/artikelADB_pnd118617281.html. Abgerufen am 29.9.2010.
20 Ebd. S. 78.
21 Ebd. S. 82.
22 Theodor Lohmann zitiert nach ZITT: Innere Mission. S. 91.
23 Vgl. ebd. S. 91.
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Auch nach Lothar MACHTAN will Theodor Lohmann schon früh nichts anderes als „[…] die gesellschaftlich-staatliche Ordnung so umgestalten, daß[!] sich in ihr dauerhaft so etwas wie ein heilsames Volksleben entwickeln kann.“ 24 - damit einhergehend letztlich auch die Lösung der Sozialen Frage aus christlicher Sicht. Das heilsame Volksleben besteht für Lohmann aus selbstständigen und in ihrer Entwicklung geschützten Persönlichkeiten, sittlichen Gemeinschaftskreisen und einer zu verbreitenden christlich-sittlichen Gesinnung. 25 Um zum Ziel eines „heilsamen Volkslebens“ zu kommen, bestimmt Lohmann zwei gleichermaßen zu beachtende Ansatzpunkte: Zum einen muss eine Gesinnungsreform stattfinden und von innen die Gesellschaft verändern. Diese Reform nimmt Lohmann schon zu Studienzeiten als praktische Aufgabe war, indem er ja auch in der Studentenverbindung Germania für die Heranbildung christlicher Persönlichkeiten arbeitet. 26 Zum anderen versteht der Jurastudent Lohmann aber eben auch die Rechtsordnung, an deren Reform ihm gelegen war, als zweiten Ansatzpunkt. 27 Sie ist für Lohmann die Gestaltungsmacht des Staates. Und nur der Schutz und die Gewährleistung dieser Ordnung ist es, innerhalb der das sittliche Leben entstehen soll. Staatsinterventionismus lehnt Lohmann ab 28 - genau in dieser Haltung ergeben sich im Übrigen bereits jene Standpunkte, die für Lohmanns Arbeit unter Bismarck bedeutsam sind.
Es wird deutlich, dass Theodor Lohmanns Anschauungen einen ganz anderen Blickwinkel auf die Soziale Frage und damit auch auf die Sozialgesetzgebung generieren, als ihn beispielsweise Bismarck einnimmt. Lohmann sieht sein eigenes Handeln „als historische Aufgabe, die Gott - der für ihn immer persönlicher Gott war, dem deutschen Volk gestellt hat […]“ 29 . Dieser Glaube an die übergeordnete Rolle christlicher Prinzipien ist es, die Lohmann dazu bringt, den Staat entlang dieser Richtlinien auszurichten. Nicht der Klassenkampf oder die Arbeiterfrage an sich sind Grundlage seiner Herangehensweise, sondern die Vertretung eines christlichen Lebens im Diesseits, das Lohmann für alle Menschen gewährleisten möchte. Hierfür ist eine materielle Grundlage aber dringend vonnöten. Es muss eine allgemeine materielle Befriedigung erreicht werden, damit die höhere Bestimmung der Menschheit erst erreicht werden kann. 30 Also appelliert Lohmann an die Eliten und höheren Klassen, den niederen zu helfen: Für ihn trägt jeder einzelne Verantwortung für ein sittliches Leben, das wiederum auf
24 MACHTAN: Theodor Lohmann. S. 31
25 Vgl. MACHTAN: Theodor Lohmann. S 31.
26 Vgl. ZITT: Innere Mission. S. 77.
27 Vgl. MACHTAN: Theodor Lohmann. S. 31.
28 Vgl. ebd. S. 31.
29 Ebd. S. 31.
30 Vgl. ZITT: Innere Mission. S. 92.
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Maximilian Frisch, 2010, Theodor Lohmann: Überzeugungen und Wirken eines Beamten unter Bismarck, München, GRIN Verlag GmbH
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