Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung 3
2 Theoretische Verortung der griechischen Militärdiktatur 6
3 Gründe für das Scheitern des Obristenregimes 8
3.1 Zerfall der konservativen Allianz
3.1.1 Differenzen innerhalb des Militärs 8
3.1.2 Der König und die Konservativen: Steigbügelhalter und Gegner 10
3.2 Wirtschaftliche Probleme 12
3.3 Fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung
3.3.1 Keine tragfähige Ideologie 13
3.3.2 Fehlende Massenbasis 15
3.3.3 Die innergriechische Opposition, die Exilgriechen und eine
partizipationswillige Mittelschicht 16
3.4 Außenpolitische Probleme
3.4.1 Außenpolitische Isolierung und dritte Demokratisierungswelle 19
3.4.2 Die Zypernkrise 21
4 Fazit 23
5 Literaturverzeichnis 25
1 Problemstellung
Obwohl in Griechenland seit Ende des Bürgerkrieges 1949 nie von stabilen politischen Verhältnissen die Rede sein konnte und vor dem Hintergrund zahlreicher Erfahrungen mit Umsturzversuchen, besonders in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, waren viele am 21. April 1967 überrascht: König Konstantin II., die Regierung Panagiotis Kanellopoulos, die griechischen Generäle und auch internationale Beobachter reagierten verblüfft auf die Machtergreifung einer kleinen Gruppe von Obristen. Unter Berücksichtigung der gezielten Provokationen des Militärapparats scheint aus heutiger Sicht einen Putsch objektiv absehbar gewesen zu sein. 1 Wen die Tatsache eines Militärputsches an sich nicht erstaunte, der erwartete diesen zumindest nicht von Offizieren mittleren und niederen Ranges. 2 Die Führungstrias, Georgios Papadopoulos, Nikolaos Makarezos und Stylianos Pattakos, rekrutierte sich wie die meisten anderen Mitglieder der Junta nicht aus den Reihen der Generalität oder hohen militärischen Gremien, sondern gehörte den zwischen- und untergeordneten Dienstgraden an. Sie stammten zu großen Teilen aus ländlichen, bäuerlich geprägten Gegenden Griechenlands und sahen in einer militärischen Karriere angesichts gebührenfreier Ausbildung und gesichertem Arbeitsplatz die einzige Möglichkeit sozialen Aufstiegs. 3 Die Herkunft aus den unteren Schichten der Gesellschaft verdeutlicht die Aussage eines Obristen: „’We were all so poor that we called Papadopoulos the rich man because his father was a school teacher.’“ 4 Als Erklärungsgrundlage für einen Putsch reichen ökonomische Gründe und persönliches Machtstreben jedoch nicht aus. Nach dem Sieg über die Kommunisten im Bürgerkrieg hatte das Militär in Griechenland einen erheblichen Bedeutungszuwachs erfahren und dominierte gemeinsam mit der rechtskonservativen Elite und dem König die griechische Politik. Die Parakratos (Schattenstaat) genannte und durch strikten Antikommunismus verbundene Allianz unterwanderte die demokratischen Elemente der parlamentarischen Monarchie und schränkte die Handlungsfähigkeit gewählter Institutionen bis zur Bedeutungslosigkeit hin ein. 5 Die
1 Vgl. Xydis, Steven 1974: Coups and Countercoups in Greece, 1967-1973. In: Political Science Quarterly. Nr. 3, Vol. 89, S. 520; Clogg, Richard 1997: Geschichte Griechenlands im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Abriss. Köln, S. 199; Tsakiris, Dimitrios 1992: Militär und Friedensbewegung in Griechenland (1950-1967). Ein Beitrag zur Friedensforschung. Frankfurt a. M., S. 69, 113.
2 Vgl. Bakojannis, Pavlos 1972: Militärherrschaft in Griechenland. Eine Analyse zum Parakapitalismus und Spätfaschismus. Stuttgart u. a., S. 77f..
3 Vgl. ebd.: 69.
4 Brown, James 1974: The Military and Society in Greece. In: European Journal of Sociology. Nr. 2, Vol. 15, S. 255.
5 Vgl. Sommer, Frank 2007: Militär und Demokratie in Südeuropa. In: Hildesheim Discussion Papers on Social Science. Nr. 1, S. 9f.; Hering, Gunnar 1995: Griechenland vom Lausanner Frieden bis zum Ende der Obersten-Diktatur 1923-1974. In: Stassinopoulou, Maria (Hrsg.): Nostos. Gesammelte Schriften zur südosteuropäischen Geschichte. Frankfurt a. M., S. 42.
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Streitkräfte galten dabei als Garant des Antikommunismus, Auffangbecken für Anhänger einer nicht vorhandenen faschistischen Partei und innenpolitisches Werkzeug der Konservativen. 6 Als Teile des Militärapparats angesichts bevorstehender Wahlen ihren Einfluss schwinden sahen, putschten sie unter dem Vorwand einer akuten kommunistischen Bedrohung und verklärten den Umsturz einer Gruppe von Heeresoffizieren zur nationalen Revolution. Die zentrale Intention der Obristen lag also in der Sicherung politischer Macht gegenüber liberal-demokratischen Ambitionen. 7 Doch von Anfang an sah sich die Junta dem Problem gegenüber, dass sie Legitimierung, Institutionalisierung und Konsolidierung ihres Regimes nicht gewährleisten konnte. 8
Von zentralem Interesse für die vorliegende Abhandlung ist die Frage, welche Faktoren entscheidend zum Scheitern der griechischen Militärdiktatur von 1967 bis 1974 beitrugen. Im Zuge der Analyse soll also unter anderem geklärt werden, aus welchem Grund die Etablierung der Militärdiktatur fehlschlug. Die nachfolgende Arbeit soll weder eine vollständige Aufreihung aller Faktoren des Scheiterns noch einen ganzheitlichen Ansatz zum überlebten Konstrukt Militärdiktatur bieten, sondern die von der Politik-, Geschichts- und Sozialwissenschaft als ausschlaggebend betrachteten Gründe für den Zerfall des griechischen Regimes erörtern. Dabei wird wegen des eingeschränkten Umfangs der Arbeit größtenteils auf die Darstellung politischer oder wirtschaftlicher Entscheidungen der Junta (z. B. die Liberalisierungsmaßnahmen von Georgios Papadopoulos vor 1973), auf denen einige Faktoren des Zerfalls basieren, verzichtet. Außerdem ist anzumerken, dass es bei den Ursachen für den Niedergang des Regimes durchaus zu Überschneidungen kommen kann oder die getroffene Zuordnung mancher Teilaspekte zu einem Kapitel nicht die einzig mögliche ist. Dies ist nicht zu vermeiden, da die einzelnen Ursachen zusammenhängen und sich teilweise sogar bedingen.
Nach einer Einordnung des Obristenregimes in den theoretischen Ansatz von Christopher Clapham und George Philip richtet sich der Fokus im ersten Abschnitt der Analyse auf Differenzen innerhalb der konservativen Allianz, der Streitkräfte und der Junta. In den Kapiteln 3.2 und 3.3 werden die wirtschaftlichen Probleme sowie die fehlende Unterstützung und der Widerstand der Bevölkerung in seinen verschiedenen Facetten näher beleuchtet. Zum Abschluss der Analyse wird im Rahmen der außenpolitischen Probleme der unmittelbare
6 Vgl. Bakojannis 1972: 73, 75f..
7 Vgl. Brown 1974: 245.
8 Vgl. Merkel, Wolfgang 2010: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung. 2., überarb. u. erw. Aufl., Wiesbaden, S. 171; Diamandouros, Nikiforos 1981: The 1974 transition from authoritarian to democratic rule in Greece. Background and interpretation from a Southern Europe perspective. Bologna, S. 11.
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Auslöser für die Rückkehr zu einer zivilen Regierung, die Zypernkrise 1974, erläutert. Abschließend soll ein Fazit die oben genannten Leitfragen zusammenfassend beantworten. Bevor nun eine theoretische Verortung der griechischen Militärdiktatur vorgenommen wird, soll noch ein knapper Literaturbericht Aufschluss über die Quellen zum behandelten Thema geben.
Auffällig ist, dass zum Thema Militärdiktatur in Griechenland viele persönliche Erinnerungsberichte von griechischen Oppositionellen, Journalisten und Politikern vorhanden sind. 9 Diesen Eindruck bestätigt der Historiker Heinz Richter, der die Entstehung der Zeitgeschichtsforschung in Griechenland auf die Zeit des Obristenregimes datiert. 10 Die wichtigsten Werke zur vorliegenden Materie sind die Monographie Birgit Spenglers 11 , welche die Transformation in Spanien und Griechenland systematisch vergleicht, sowie die Dissertationen der griechisch-deutschen Sozialwissenschaftler Konstantaros und Vassiliou 12 . Da es zur Theorie der Militärdiktaturen kaum Arbeiten gibt, muss auf den Aufsatz von Christopher Clapham und George Philip 13 zurückgegriffen werden, obwohl deren Ansatz nur eingeschränkten Abstraktionswert besitzt. Problematisch ist, dass einige Abhandlungen partiell sozialistisch-kommunistische Tendenzen aufweisen, weshalb der wissenschaftliche Anspruch des jeweiligen Titels in Frage zu stellen ist. 14 Dabei sticht besonders ein latenter Antiamerikanismus einheimischer Verfasser hervor, der sich in der Darlegung unbelegter Verschwörungstheorien äußert und entweder auf eine mangelhafte Informationsbasis oder die persönliche politische Einstellung zurückzuführen ist. Andere Autoren wiederum stehen dem Regime in mancher Hinsicht ziemlich unkritisch gegenüber. 15 Während schon zu Zeiten der Diktatur viele wissenschaftliche Beiträge zum Thema erschienen sind, werden heute nur noch selten Wissenschaftler in diesem Bereich tätig. Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass die griechische Militärdiktatur wissenschaftlich umfassend aufgearbeitet ist.
9 Siehe z. B. Andrews, Kevin 1980: Greece in the dark 1967-1974. Amsterdam; Papandreou, Andreas 1970: Griechische Tragödie. Von der Demokratie zur Militärdiktatur. Wien u. a.; Fakinos, Aris/Lepidis, Clement/Someritis, Richard 1970: Schwarzbuch der Diktatur in Griechenland. Hamburg.
10 Vgl. Richter, Heinz 1988: Aspekte der griechischen Zeitgeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 14/15, S. 25.
11 Spengler, Birgit 1995: Systemwandel in Griechenland und Spanien. Ein Vergleich. Frankfurt a. M..
12 Konstantaros, Konstantinos 2007: Politik und Propaganda in der Zeit der griechischen Militärdiktatur 1967-1974. Dresden; Vassiliou, Katia 1979: Militärdiktatur und Demokratie in Griechenland 1950-1978. Stuttgart.
13 Clapham, Christopher/Philip, George 1985: The Political Dilemmas of Military Regimes. In: Ders./Ders. (Hrsg.): The Political Dilemmas of Military Regimes. London/Sydney, S. 1-26.
14 Siehe z. B. Poulantzas, Nicos 1977: Die Krise der Diktaturen. Portugal, Griechenland, Spanien. Frankfurt a. M..
15 Siehe z. B. Mergl, Georg 1973: Auf dem Wege zur modernen Welt. In: Bossle, Lothar u. a. (Hrsg.): Blick vom Olymp. Griechenland heute: Geschichte, Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Stuttgart, S. 185-254.
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Im folgenden Kapitel wird wie angekündigt der Ansatz von Christopher Clapham und George Philip unter besonderer Berücksichtigung des griechischen Obristenregimes als theoretische Grundlage für die anschließende Analyse vorgestellt.
2 Theoretische Verortung der griechischen Militärdiktatur
Um die Einordnung der Obristenregime in das ausbaufähige Konzept von Clapham und Philip mit einer wissenschaftlich weitaus anerkannteren Theorie zu unterfüttern, soll folgend kurz die Definition autoritärer Systeme nach Juan Linz vorgestellt werden. Dieser definiert autoritäre Regime als „’political systems with limited, not responsible, political pluralism, without elaborate and guiding ideology, but with distinctive mentalities, without extensive nor intensive political mobilization, except at some points in their development, and in which a leader or occasionally a small group exercises power within formally ill-defined limits but actually quite predictable ones.’“ 16 Vor allem anhand der vier Schlüsselvariablen Pluralismus, Ideologie, politische Führung und Mobilisierung ist Autoritarimus gegenüber Demokratie und Totalitarismus abzugrenzen. Die von Linz genannten Kriterien sind auf den griechischen Realtypus fast ausnahmslos anwendbar, so dass das Regime klar als autoritär klassifiziert werden kann.
Anders als Juan Linz mit seiner Makrotheorie zu den politischen Systemen versuchen Christopher Clapham und George Philip mit Hilfe ihres Ansatzes die Differenzen verschiedener Militärdiktaturen herauszuarbeiten, um diese anschließend einem gewissen Typus zuordnen zu können. Die Unterscheidung basiert auf den vier Strukturvariablen Einheitlichkeit militärischer Kommandostrukturen, Ausdifferenzierung des Militärs von der Zivilgesellschaft, Grad der wahrgenommenen Bedrohung durch die Zivilgesellschaft und Grad der autonomen politischen Organisation. 17 Unter Berücksichtigung dieser veränderlichen Größen grenzen Clapham und Philip vier Regimetypen voneinander ab. Das veto regime zeichnet sich durch hohe Einheitlichkeit, also starke Professionalisierung und Institutionalisierung der Streitkräfte, und vergleichsweise hohe Durchlässigkeit zwischen Militär und Zivilpolitik aus. Auch die wahrgenommene Bedrohungslage ist beträchtlich und der Organisationsgrad von politischen Gruppierungen, die fähig sind, sich ohne Zugang zu staatlichen Ressourcen über längere Zeit zu halten, ist mittelmäßig bis hoch. Häufig übernimmt das Militär dabei die Macht in erheblichen Bedrohungssituationen und geht
16 Linz, Juan/Stepan, Alfred 1996: Problems of democratic transition and consolidation. Southern Europe, South America and post-communist Europe. Baltimore u. a., S. 38.
17 Vgl. Clapham/Philip 1985: 6-8.
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systematisch repressiv gegen die Bevölkerung vor. 18 Das moderator regime ist durch ziemlich hohe Einheitlichkeit und Ausdifferenzierung sowie niedrige Bedrohungswahrnehmung und mäßige Autonomie geprägt. Klassischerweise schreitet das Militär als Korrektiv ein und reklamiert eine Art Schutzfunktion für sich, gibt aber nach einer Konsolidierungsphase die Regierungsgewalt meist zurück an zivile Eliten. 19
Das factional regime unterscheidet sich durch eine geringe Einheitlichkeit und daraus folgend oft auch durch eine niedrige Ausdifferenzierung vom vorhergehenden Typus und kann außerdem aus demselben hervorgehen. Oftmals ist die Entstehung durch den Staatsstreich eines verstimmten Offiziers bedingt und das Militär oder Teile davon partizipieren mit Hilfe ziviler Akteure am politischen Prozess. Nicht selten sind diese Konstrukte hochgradig instabil, doch es gibt auch Beispiele für langlebige Ausprägungen dieses Regimetyps. 20 Das breakthrough regime, dessen ausschlaggebendes Kennzeichen die Durchführung radikaler Reformen ist, charakterisiert sich ebenso durch schwache Einheitlichkeit und Ausdifferenzierung wie das factional regime. Zur Aufrechterhaltung dieses Regimemodells, dem oft ein Putsch jüngerer Offiziere vorausgeht, ist eine selektive Mobilisierung der Bevölkerung gefordert. Unter dieser Voraussetzung ist es auch möglich, dass die politischmilitärische Führung neue und effektive Systemstrukturen ausbildet. 21 Wie es bei den realen Ausprägungen vorwiegend der Fall ist, passt auch das griechische Regime nicht gänzlich zu den Anforderungen eines Idealtyps. Am nähesten jedoch kommt es dem veto regime, obwohl es dem Militär an einem hohen Maß an Einheitlichkeit mangelt. Gleichzeitig entspricht der Coup einer vergleichsweise kleinen Offiziersclique eher dem factional regime. Aber angesichts der ausgeprägten Autonomie und der wahrgenommenen Bedrohung ist die Obristendiktatur letztlich wohl den veto regimes zuzuordnen. 22 Die Resultate militärischer Herrschaft (outcome) gliedern Clapham und Philip in sechs Kategorien: Handback, civilian renewal, authoritarian clientelism, factional clientelism, military party state und impasse. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit und eines vergleichsweise geringen Erkenntnisgewinns für den weiteren Verlauf der Abhandlung wird folgend nur auf die für das griechische Regime relevanten Ergebnisse näher eingegangen. Nach Betrachtung der Variablen dieses outcomes scheint ziemlich klar zu sein, dass der griechische Fall als impasse (Sackgasse) zu klassifizieren ist. Die wichtigsten Merkmale
18 Vgl. ebd.: 8f..
19 Vgl. ebd.: 9.
20 Vgl. ebd.: 9f..
21 Vgl. ebd.: 10.
22 Vgl. Veremis, Thanos 1985: Greece: Veto and Impasse, 1967-74. In: Clapham, Christopher/Philip, George (Hrsg.): The Political Dilemmas of Military Regimes. London/Sydney, S. 42.
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B. A. Uli Hausner, 2010, Entscheidende Gründe für den Zerfall des griechischen Obristenregimes (1967-1974), München, GRIN Verlag GmbH
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