Einleitung
Das Thema der Devianz und Delinquenz im Deutschland der Frühen Neuzeit kann unter verschiedenen soziokulturellen Aspekten betrachtet werden. Naheliegend ist zunächst eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der politischen Landschaft in Deutschland, um die Entwicklung des allgemeinen rechtlichen Rahmens der Gesellschaft nachzuzeichnen. Das Verhalten, sowohl des Individuums, als auch das der Masse der verschiedenen Stände, dient dabei als Spiegel des rechtlichen Rahmens und der Haltung des Menschen zu gesellschaftlichen Normen einerseits. Andererseits bietet diese Reaktion des Menschen, in Form seines Hinwegsetzen über Rechtsvorschriften, Aufschlüsse über die wirtschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft.
Zunächst hauptsächlich im Rahmen der Rechtsgeschichte behandelt, bildete sich, mit Fokus auf die rechtlichen Grundlagen und die sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekte, um das Thema der Devianz und Delinquenz von den Achtziger Jahren bis in die Neunziger Jahre ein eigenständiges Forschungsfeld der historischen Kriminalitäts-und Strafrechtsforschung aus. Im Zuge dessen erfuhren im Detail zunächst kleinere Randruppen wie Arme und Bettler, oder rechtliche Vorgänge wie die strafrechtliche Sanktionierung, das Interesse der Forschung. 1 Eine geschlechtsspezifische Betrachtung von Devianz und Delinquenz in der Frühen Neuzeit wurde erst mit verstärkt aufkommendem Interesse an der Genderforschung seit Mitte der Neunziger Jahre in Angriff genommen. Anhand von Gerichtsakten und Verhörprotokollen konnten zum einen Statistiken über Vergehen und deren Verurteilung nach Geschlechtern aufgeschlüsselt erstellt werden. Zum anderen konnte aber auch anhand privater und offizieller Schriftstücke die zeitgemäße Bewertung devianten Verhaltens beider Geschlechter erarbeitet und in zumeist regionalen Studien zusammengefaßt werden. Ebenso existieren diverse Regionalstudien zu dem Räuber- und Bandenwesen der Frühen Neuzeit, die auch besonders Bezug auf die Rolle der Frauen im kriminellen Milieu nehmen. Fallstudien über besonders herausstechende kriminelle Frauen belegen eine durchaus aktive weibliche Teilnahme im Bereich der Raub- oder Diebstahlsdelikte.
1 Gerd Schwerhoff hat dieses Interesse und seine Entwicklung in seinem Aufsatz „Kriminalitätsgeschichte
im deutschen Sprachraum“ in: A. Blauert u. G. Schwerhoff (Hrsg.), Kriminalitätsgeschichte. Beiträge
zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne, Konstanz 2000 S.21-67 zusammengefaßt. Für den
Wert und die Notwendigkeit einer genderspezifischen historischen Forschung für das
Wahrnehmungsverständnis der Frühen Neuzeit sprechen sich Andrea Griesebner und Monika
Mommertz aus in ihrem Aufsatz „Fragile Liebschaften?“ in: A. Blauert u. G. Schwerhoff (Hrsg.),
Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne , Konstanz 2000,
S.205-232
2
Diese Regional- und Fallstudien können verständlicherweise nur der exemplarischen Darstellung der Verhältnisse dienen, von einer überregionalen Gesamtdarstellung ist die Forschung noch weit entfernt. Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen, in welchem Maße das weibliche Geschlecht Anteil an dem Delikt des Raubs hat und es soll sich herausstellen, daß Frauen keineswegs eine Randerscheinung waren. Dabei ist eine Betrachtung des Frauenbildes jener Zeit und des sozial und rechtlich normativen Rahmens unumgänglich, denn diese bilden die Voraussetzung für die hohe Zahl krimineller Frauen. Darüber hinaus wird sich zeigen, daß die Definition von Raub und Diebstahl in den Rechtsvorschriften der Constitutio Criminalis Carolina die Annahme einer weitaus höheren Dunkelziffer delinquenter Frauen begründet. Aufgrund der Blütezeit des Räuber- und Bandenwesens im 18. Jahrhundert ist eine Beschränkung auf das 17. Jahrhundert durch die unzureichende Quellenlage erschwert und muss daher, um ein größeres Gesamtbild zu erhalten, bis in das ausgehende 18. Jahrhundert ausgeweitet werden.
3
1. Die sozialen Bedingungen als Voraussetzung für Delinquenz
Die soziale Komponente, insbesondere die gesellschaftliche und rechtliche Bewertung von Randgruppen und Unterschichten, ist für die Kriminalisierung des Individuums in der Frühen Neuzeit von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Das Zusammenspiel von Bevölkerungswachstum, enormen Teuerungen
landwirtschaftlicher Produkte und alltäglicher Gebrauchsgüter, der Krisenzeit des Dreißigjährigen Krieges und klimatischen Veränderungen kann hier nur angedeutet werden, festzuhalten ist jedoch, daß in der Frühen Neuzeit ein weitläufiger Mangel an lebensnotwendigen Gütern wie Kleidung und Nahrung vorherrschte, dessen Auswirkungen besonders die unteren Schichten der Bevölkerung zu spüren bekamen. Martin Rheinheimer spricht in diesem Zusammenhang von einer Kultur des Mangels. 2 Frauen waren von diesem Mangel und der für sie weitaus schlechteren Arbeitsmarktsituation stärker betroffen als Männer. Besonders alleinstehende Frauen der Unterschicht hatten über die Hoffnung hinaus, eine Arbeit als „Dienstbotinnen und Tagelöhnerinnen, als Näherinnen oder Weberinnen, als Wäscherinnen oder Hökerinnen“ 3 zu finden, kaum Möglichkeiten zu einer Erwerbstätigkeit. Das darüber hinaus im Durchschnitt um 40% geringere Gehalt gegenüber Männern in ähnlichen Erwerbszweigen, prädestinierte besonders Frauen zu verschiedenen kriminellen Handlungen, wie Diebstahl bei den Herrschaften, in deren Dienst sie standen, oder auch anderen Delikten wie Prostitution, um die eigene Lebenssituation zu verbessern. Ein deutlich stärkeres Maß der Kriminalisierung schlug dem Individuum bereits durch seine bloße Zugehörigkeit zu der Gruppe der nichtseßhaften Bevölkerungsschicht, den Vaganten, entgegen.
Die Gruppe der Vagierenden kann in die Kategorien der ausschließlich vom Betteln lebenden und der von Berufswegen dem Vagantentum zugehörig geltenden, eingeteilt werden. Zu letzterer Kategorie gehörten in verschiedenen Gewerbezweigen Tätige, wie Schausteller, Gaukler, Kaminfeger, Kleinhändler und verschiedenste Handwerksberufe, die einen durchaus großen Teil der Bevölkerung der Frühen Neuzeit ausmachte. 4 Diese standen aber aufgrund ihrer, meist nicht selbst gewählten, nichtseßhaften Lebensweise,
2 Vgl. M. Rheinheimer, Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not 1450-1850, Frankfurt am Main
2000, S.47
3 M. Rheinheimer, Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not 1450-1850, Frankfurt am Main
2000, S.55
4 u.a. nennt Eva Wiebel einen Anteil der Vagierenden in Höhe von 10% an der Gesamtbevölkerung für das
18. Jahrhundert: E. Wiebel, Die Schleiferbärbel und die Schwarze Lis. Leben und
Lebensbescheibungen zweier berüchtigter Gaunerinnen des 18. Jahrhunderts, in: A. Blauert u. G.
Schwerhoff (Hrsg.), Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der
Vormoderne, Konstanz 2000, S.761
4
die sich zwar an bürgerlichen Normen orientierte, am äußersten Rande der Gesellschaft und wurden von der Obrigkeit und von höheren Schichten als deviant und delinquent beurteilt. „Vagrancy was a socially defined offence which reflects the dual problem of geographical and social mobility in early modern Europe. Offenders were arrested and punished not because of their actions, but because of their marginal position in society. The implication was that vagrants were no ordinary criminals; they were regarded as a major threat to society, and therefore pursued by all authorities and stigmatized as deviants.“ 5 Der Schritt von dieser obrigkeitlichen Ausgrenzung hin zu Diebstahl und Raub als Ergänzung zu der meist nicht für den Lebensunterhalt genügenden Erwerbstätigkeit, war häufig nur ein geringer und oft notwendiger Schritt. Besonders im Bereich des Diebstahlsdelikts wurde dieser Schritt häufig von Frauen als Beitrag zum Überleben der fahrenden Familie oder Lebensgemeinschaften unternommen. 6
Die ökonomischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Normen sind als Hauptgründe für die Bereitschaft zu und häufig auch Notwendigkeit von Raub und Diebstahl anzusehen.
Besonders ist die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft auch von ihren Lebensumständen abhängig. So ist es offensichtlich, daß nicht ledige Frauen, die aufgrund ihrer Ehe als Magd keine Arbeitsstelle fanden, bei geringem Einkommen des Ehepartners eine anderweitige Möglichkeit des Beitrags zu dem Unterhalt finden mussten. Auch eine Schwangerschaft führte meist zu einer Entlassung aus dem Dienstverhältnis und daher zu einer ähnlichen Notsituation. Der Randgruppe der Vagierenden zugerechnet zu werden war stark von dem ausgeübten Beruf abhängig und ihre Kriminalisierung fand besonders Ausdruck in den Gauner- und Diebslisten.
5 R. Jütte, Poverty and Deviance in Early Modern Europe, Cambridge 1994, S.146
6 Vgl. E. Wiebel, Die Schleiferbärbel und die Schwarze Lis. Leben und Lebensbescheibungen zweier
berüchtigter Gaunerinnen des 18. Jahrhunderts, in: A. Blauert u. G.Schwerhoff (Hrsg.),
Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne, Konstanz 2000,
S.762-763
5
Arbeit zitieren:
Marcel Nagel, 2009, Raub und weibliche Kriminalität im 17. und 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung: Raub und weibliche Kriminalität im 17. und 18. Jahrhundert ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte: neuer Titel erschienen: Raub und weibliche Kriminalität im 17. und 18. Jahrhundert
Marcel Nagel hat einen neuen Text hochgeladen
Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V
Und des Heiligen Römischen Rei...
Friedrich-Christian Schroeder
Philosophie im 17. Jahrhundert
Die Entdeckung von Vernunft un...
Josef Rattner, Gerhard Danzer
Constitutions of the World from the late 18th Century to the Middle of...
South Carolina - Wisconsin
Horst Dippel
0 Kommentare