1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, weshalb Ernährungsverhalten abhängig von der sozialen Situation ist, weshalb sich die Menschen nicht gleich ernähren. Welche Verbindung und Auswirkung hat die soziale Ungleichheit, (das Geschlecht, die Bildung, die finanzielle Situation, der Lebensstile und die Gesundheit) auf das „richtige Essen“?
Ich erläutere zunächst die wichtigsten Begriffe der Soziologie und den theoretischen Hintergrund zum Thema Ernährungsverhalten und Stigmatisierung. Was ist soziale Ungleichheit und wie erkennt man sie?
Der Ausführungen zum wissenschaftlichen Stand der Ernährungswissenschaft sollen verständlich machen welche Auswirkungen das Ernährungsverhalten für den Menschen haben kann. Abschließend erkläre ich die Zusammenhänge zwischen Ernährungsverhalten und sozialer Ungleichheit, sowie die Folgen der Stigmatisierung. Aufgrund der Größe des Themas „Ernährungsverhalten und Stigmatisierung“, werden die kulturellen Aspekte, wie Religion und geologische Herkunft, die Bevölkerungsgruppen über Jahrhunderte geprägt haben, nicht einbezogen. Ich habe mir 4 Statistiken der DKV, Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln angesehen um das Ernährungsverhalten verständlich zu machen.
Die ersten drei Statistiken zeigen das Essverhalten bei unterschiedlichen Lebensmitteln, wie Obst und Gemüse, Fleisch, Süßigkeiten und Knabbereien untergliedert nach Altersgruppen. Die vierte Statistik zeigt die Bekanntheit der Ampelkennzeichnung für Lebensmittel. Diese Kennzeichnung ist auf Lebensmittel abgebildet, um Nährwerte zu zeigen die das Produkt enthält. Obwohl sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten verbessert haben soll, erkranken sozial schwächer gestellte Menschen häufiger und leben kürzer als sozial besser gestellte Menschen. Dieser Tatbestand zeigt, dass soziale Ungleichheit von Gesundheit trotz der Bemühungen in Medizin, Politik, Soziologie und Public Health weiterhin besteht, ja sogar zugenommen hat (Mackenbach et al., 2003).
Immer wieder werden die finanziellen Kriterien der Armut diskutiert und als Problem dargestellt. Erhöhte Arbeitslosigkeit, welche Bildungsmöglichkeiten gibt es, die Wohnverhältnisse und der gesellschaftliche Stellenwert reichen jedoch nicht aus, um
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den individuellen Lebensalltag der Betroffenen wissenschaftlich mit allen auf ihn Einfluss nehmenden Faktoren abzubilden.
Bekannt ist ferner, dass ernährungsabhängige Krankheiten vermehrt bei Personen aus unteren Bevölkerungsgruppen auftreten (Barlösius et al. 1995). Fachexperten vermuten, dass Personen die in Armut leben, auf Grund geringer Marktübersicht und warenkundlicher Unkenntnisse zuviel für eine falsche Ernährung ausgeben, bei Geldknappheit zuerst an der Ernährung sparen und infolgedessen an Fehl- und Mangelernährung leiden (Mühleib 1988; Barlösius et al. 1995). Arme leben teuer, zahlen mehr und müssen sich daher vieles vom Munde absparen. Da bei diesem Thema die Gesundheit eine wichtige Rolle spielt, eine Einbeziehung von medizinischen & psychologischen Aspekten jedoch zu weitläufig ist, behandle ich diesen Bereich nur, wenn der Einblick in das Gesundheitsbild wichtig ist, um die Zusammenhänge mit dem Ernährungsverhalten verstehen zu können. Auch das Alter spielt nicht zwingend eine Rolle für soziale Ungleichheit, hat aber in bestimmten Lebensabschnitten eine größere Bedeutung für das Ernährungsverhalten.
2. Definitionen
2.1 Definition von sozialer Ungleichheit
Häufig werden Armut und soziale Ungleichheit synonym verwendet. Soziale Ungleichheit beschreibt Unterschiede in Bildung, beruflichem Status und Einkommen. Die Soziologie spricht hierbei von vertikalen Merkmalen der sozialen Ungleichheit, die eine Unterteilung der Bevölkerung in arm und reich ermöglichen. Die horizontale soziale Ungleichheit drückt aus, dass sich die Bevölkerung mit Hilfe von Merkmalen wie Geschlecht, Nationalität und Familienstand in Gruppen differenzieren lässt, zwischen denen auch soziale Ungleichheit bestehen kann. ( MIELCK 2001)
Stefan Hradil definiert soziale Ungleichheit als „bestimmte vorteilhafte und nachteilige Lebensbedingungen von Menschen, die ihnen aufgrund ihrer Position in gesellschaftlichen Beziehungsgefügen zukommen“. Anthony Giddens definiert den Begriff als „strukturierte Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppierungen von
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Menschen“. Es geht daher um Ungleichheiten zwischen sozialen Gruppen, die folgende zwei Merkmale aufweisen:
• Es handelt sich um gesellschaftlich strukturierte, systematisch verteilte Ungleichheiten; also keine Ungleichheiten aufgrund rein individueller oder biologischer Merkmale (z.B. Körpergröße) bzw. keine zufällig verteilten Ungleichheiten ( z.B. Lottogewinne)
• Diese Ungleichheiten dürfen nicht lediglich „ Andersartigkeiten“ sein, wie z.B. politische Überzeugung oder Lebensstile, sondern sie müssen mit Vor- und Nachteilen in den Lebensbedingungen verbunden sein (unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen).Es existiert also eine „ hierarchische“ oder vertikale Ungleichheitsstruktur.
Bei der Analyse von sozialen Schichten unterscheidet man zwischen den folgenden vier Strukturebenen:
Ursachen sind die Gründe, welche zu einer Schichtungsstruktur in unserer Gesellschaft führen (z.B. wirtschaftliche Ausbeutung, Machtverhältnisse). Determinanten sind die Kriterien und Merkmale, aufgrund derer ein Individuum zu einer bestimmten Schicht gehört. Sie stellen jedoch selbst noch keine Vor- und Nachteile dar (z.B. Beruf, Bildung oder familiäre Herkunft). Dimensionen sind die Bereiche in denen Vor- und Nachteile aufgrund sozialer Ungleichheit bestehen. Das sind vor allem die wirtschaftlich- finanziellen Bedingungen, soziales Ansehen und Macht.
Auswirkungen sind die Folgen sozialer Ungleichheit und bestehen vor allem in den Lebensverhältnissen (z.B. Wohnverhältnisse), sowie in Mentalitäten und Verhaltensweisen.
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2.2 Definition von Stigmatisierung
Stigmatisierung heißt ein verbales oder nonverbales Verhalten, das aufgrund eines zueigen gemachten Stigmas jemandem entgegengebracht wird. Stigmatisierte sind Personen oder Gruppen, denen ein bestimmtes - meist negatives - Merkmal oder mehrere Merkmale zugeschrieben werden (Goffman 1967).
Diese Definition sagt nicht aus, dass Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Stigmatisierten selbst keine Rolle spielen. Es ist vielmehr häufig der Fall, dass Stigmatisierungen bei sichtbaren oder unsichtbaren Merkmalen von Personen anknüpfen. Es handelt sich dabei um Eigenschaften, wie etwa körperliche Besonderheiten, z. B. eine Behinderung. Für nichtsichtbare stigmatisierte Eigenschaften bestehen dabei in der Regel Verdachtsmerkmale, die die Identifikation der Person als Stigmatisierte auslösen. Zu diesen Verdachtsmerkmalen gehören der Kontakt mit Kontrollinstanzen, z. B. psychiatrischen Kliniken (vgl. Feest 1971). Für Stigmata ist heute charakteristisch, dass ein vorhandenes Merkmal in negativer Weise definiert wird und dass zum anderen über das Merkmal hinaus dem Merkmalsträger weitere ebenfalls negative Eigenschaften zugeschrieben werden, die mit dem tatsächlich gegebenen Merkmal objektiv nichts zu tun haben. Die Wahrnehmung des Merkmales ist dann mit Vermutungen über andere vorwiegend unvorteilhafte Eigenschaften der Person gekoppelt. Es findet eine Übertragung von einem Merkmal auf die gesamte Person, von den durch das Merkmal betroffenen Rollen auf andere Rollen der Person, den tatsächlich eingenommenen wie den potentiell einzunehmenden, statt. Diese Zuschreibung weiterer Eigenschaften kennzeichnen Stigmatisierungen als Generalisierungen, die sich auf die Gesamtperson in allen ihren sozialen Bezügen erstrecken. Das Stigma wird zu einem »master status«, der wie keine andere Tatsache die Stellung einer Person in der Gesellschaft sowie den Umgang anderer Menschen mit ihr bestimmt (vgl. Schur 1971, S. 52; Lautmann/Schönhals-Abrahamsohn/Schönhals 1972, S. 83 ff.).
Es ist anzunehmen, dass es stigmatisierte Gruppen in jeder Gesellschaft gibt; die Auswahl stigmatisierter Personen, die ihnen zugeschriebenen Merkmale sowie die Stärke der Stigmatisierung sind jedoch sehr unterschiedlich. Stigmata sind in
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historischer und interkultureller Hinsicht außerordentlich variabel. Ein Stigma kann sich einerseits in einer Kultur von Epoche zu Epoche verändern; seine Ausprägung kann andererseits in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich ausfallen. In der Bundesrepublik sind gegenwärtig stigmatisierte Gruppen etwa Zigeuner, Gastarbeiter, Obdachlose, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Wehrdienstverweigerer, uneheliche Mütter, sexuell Deviante, Rauschgiftkonsumenten, Strafentlassene, Körperbehinderte, Blinde, Alte, Geisteskranke und Sonderschüler.
2.3 Definition von Ernährungsverhalten
Das Ernährungsverhalten, stellt zwar einen ganz individuellen Vorgang dar (SIMMEL), doch dieser wird durch biopsychosoziokulturelle Bezüge wesentlich gesteuert. Ernährungsverhalten ist die Gesamtheit geplanter, spontaner oder gewohnheitsmäßiger Handlungsvollzüge, mit denen Nahrung beschafft, zubereitet und verzehrt wird. Ernährungsverhalten umfasst also sehr viele Elemente, die sich prinzipiell zwei verschiedenen Gruppen zuordnen lassen:
• den sichtbaren, beobachtbaren Handlungselementen (Formen, z.B. was wir essen, wann wir etwas essen und wie wir Mahlzeiten organisieren) und • den intern wirkenden Elementen (Gründen, z.B. Hunger, Lust auf ein Geschmackserlebnis, ökonomische Bedingungen).
Früher war das Essverhalten eine Aufgabe des Suchens und Findens, heute ist es die Aufgabe des Entscheidens zwischen Alternativen. Das Essverhalten ist von unseren Essmotiven abhängig, dazu gehören traditionelle Einflüsse wie Oma’s Plätzchen an Weihnachten oder der Schokohase an Ostern. Ebenso zählen auch die Gewohnheiten, soziale Gründe und emotionale Wirkung dazu. Ein sozialer Grund wäre zum Beispiel die Wahl des Fondue als Mahlzeit, um sich während des Essens gut zu unterhalten. Das individuelle Essverhalten ist ein subjektiv optimiertes Verhalten. Die Bedürfnisse des Menschen sind definiert über psycho- soziale Motive. Es ist ein kognitiver Prozess„Wer will der kann!“. Das Ernährungsverhalten erfolgt primär durch familiale
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Sozialisation und unterliegt ständig dem Einfluss der sozialen Umwelt, kann jedoch nicht allein durch kurzfristige und rationale angelegte Maßnahmen der Wissensvermittlung verändert werden.
3. Theoretische Hintergründe
3.1 Theorien der Soziologie des Ernährungsverhaltens
Jedes Verhalten eines Menschen beeinflusst ihn nicht nur für den Moment, sondern auch für die Zukunft. So ist es auch mit dem Ernährungsverhalten und dem sozialen Umfeld, das Menschen prägt. Die Mahlzeit bildet die Brücke von der Natur zur Gesellschaft. Denn sie überführt die physische Notwendigkeit in eine „ soziale Angelegenheit“. Dadurch wird auch der Egoismus der Nahrungsaufnahme überwunden, der uns normalerweise sagt, dass das was man isst, kein anderer essen kann. „Die Mahlzeit verbindet Essende miteinander und übt so eine >>ungeheure sozialisierende Kraft<< aus.“ (Simmel 1910)
Vor tausenden von Jahren jagten die Menschen im Rudel um an Fleisch zu kommen. Sie lernten, dass sie in einer Gemeinschaft stark sind. Es gab für jeden in der Gruppe eine Aufgabe. Heute kann man einfach in den Supermarkt gehen und seine Lebensmittel einkaufen. Man muss nicht mehr in der Gruppe sein Essen jagen. Vor 40 Jahren war es noch üblich, dass mehrere Generationen einer Familie in einem Haus lebten. Dies hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren stark verändert.
Die heutige Zeit bringt den schnellen Wandel. Es gibt nicht mehr nur das klassische Familienbild, sondern auch die Singelhaushalte, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Wohngemeinschaften etc.. Jede dieser Familienformen hat eine unterschiedliche Belastung durch die Stigmatisierung der Gesellschaft. Die sozialen Befindungen schwanken und trotzdem muss ein Ernährungsverhalten das sich den sozialen Normen anpasst gegeben sein. Die Hauptmahlzeiten des Tages, Frühstück, Mittagessen und Abendessen, sind für den soziologischen Kontakt innerhalb der Gesellschaft wichtig, egal ob für die Familie, Geschäftsessen oder für die Freundschaft.
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Arbeit zitieren:
Julia Mahr, 2010, Ernährungsverhalten und Stigmatisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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