INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. AUS DER GESCHICHTE DER PHÄNOMENOLOGIE 4
2.1 Begriffsgeschichte. 4
2.1.1 Lambert. 5
2.1.2 Fichte 5
2.1.3 Hegel 6
2.2 Ein Abriss der transzendentalphänomenologischen Methode in Anlehnung
an Edmund Husserl. 7
2.2.1 Grundlagen 7
2.2.2 Die Erfahrung als Ausgangspunkt der phänomenologischen Methode. 8
2.2.3 Die Lebenswelt als Boden und Ziel. 8
3. PHÄNOMENOLOGIE UND RELIGIONSPÄDAGOGIK 9
3.1 Verschiedene Weisen, Religion und Phänomenologie in Beziehung zu
bringen. 9
3.2. Religiöse Erfahrung 10
3.3 Unterricht als Anwendungsfeld der Phänomenologie 11
4. ZUSAMMENFASSUNG 12
5. LITERATURVERZEICHNIS 13
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1. Einleitung
„Geht zu allen Völkern und unterrichtet sie!“ 1 (Eigene Übersetzung), gibt der aufer-standene Jesus seinen Jüngern und damit uns allen mit auf den Weg. Wie genau das geschehen soll, steht nicht im Evangelium, es ist kein didaktisches Konzept überliefert. Jedoch ist im Neuen Testament nachzulesen, wie die erste Generation von Christen diesen Auftrag verstanden und auch umgesetzt hat, in narrativer Form vor allem in der Apostelgeschichte anhand des Apostels Paulus. Er durchreiste die Welt, ging auf Menschen zu und sprach mit ihnen. 2 Auch kam er gleich mit den beiden bestimmten philosophischen Strömungen seiner Zeit, dem Epekureismus und dem Stoizismus, ins Gespräch. 3 In Ansätzen kann auch erahnt werden, wie solche Gespräche verliefen: „Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ 4 Er hat also nicht mit etwas völlig Neuem, Unbekanntem begonnen, sondern mit etwas, was seinen Zuhörern schon aus der Erfahrung vertraut war, in dem überlieferten Beispiel nämlich, dass die Wirklichkeit mit den von ihnen verehrten Göttern wohl nicht vollends erfasst war.
Diese Vorgehensweise des Apostels Paulus, dem Auftrag Jesu nachzukommen, begegnet beim phänomenologischen Ansatz der Religionspädagogik auf zweierlei Art. Zunächst auf formaler Ebene: Wie Paulus mit den Philosophen in Dialog getreten ist, so setzen sich auch hier Theologen mit einen philosophischen Ansatz, nämlich der Phänomenologie, auseinander. In der Geschichte des Christentums war es durchgehend so, dass in der Theologie Werkzeuge verwendet wurden, die der Philosophie entlehnt waren, um etwa dadurch manches zu strukturieren (z. B. Gott als „Ens in se“), zu verdeutlichen, (z. B. kann es, wenn Gott das erste Prinzip ist, keinen zweiten Gott geben) oder auch den Weg zu neuen Erkenntnissen (z. B. Privationslehre in der Theodizee) zu bahnen. Aber auch auf inhaltlicher Ebene vollzieht sich hier etwas, was sich schon bei Paulus andeutet: Menschen und ihre Erfahrungen werden ernst genommen und aufgegriffen. 5
1 Mt 28,19a.
2 Vgl. Apg 17,17.
3 Vgl. Apg, 17,18.
4 Apg 17,23.
5 Vgl. ebd.
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In einem ersten Hauptteil soll auf die Geschichte der Phänomenologie geblickt werden, indem zunächst anhand dreier Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts die Begriffsgeschichte kurz beleuchtet wird, um anschließend die Phänomenologie Husserls als ihres Begründers im heutigen Sinne, in groben Umrissen darzustellen. Dabei werden, nachdem einige Grundlagen genannt sind, die Begriffe „Erfahrung“ und die aus diesen Erfahrungen sich bildende „Lebenswelt“ einzeln erläutert. In einem letzten Teil wird gefragt, wie Phänomenologie und Religion miteinander in Beziehung gesetzt werden können, um schließlich Anwendungen der Phänomenologie im Religionsunterricht aufzuzeigen.
2. Aus der Geschichte der Phänomenologie
2.1 Begriffsgeschichte
Das Wort Phänomenologie setzt sich aus den beiden griechischen Worten phainein (zeigen) und logos (Lehre) zusammen. Phainein kann in seiner medial-passiven Bedeutung, welche hier zugrunde liegt, mit „sich zeigen“ oder „scheinen“ übersetzt werden. 6 Phänomenologie ist somit die Lehre von dem, was scheint, bzw. von dem, was sich zeigt. Doch da sich Fachbegriffe ja nicht völlig erschließen, wenn man sie einfach ins Deutsche übersetzt, sondern dadurch höchstens eine grobe Richtung gewiesen werden kann, wohin die Untersuchung gehen wird, sollen exemplarisch drei Vertreter der Philosophie, nämlich Lambert, Fichte und Hegel ausgewählt werden, um an ihnen aufzuzeigen, auf welche Weise sie den Begriff der Phänomenologie, sei es in Übereinstimmung oder voneinander abweichend, verwendet haben. Zwischen der Zeit des Wirkens von Hegel und Husserl wurde das Wort Phänomenologie zu einem vagen Methodenbegriff, dessen Bedeutung die jeweiligen Autoren bei ihren Lesern als bereits bekannt vorauszusetzen scheinen. 7
6 Vgl PAPE II, 1251.
7 Vgl. CLAESGES, 488.
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2.1.1 Lambert
Der Begriff Phänomenologie taucht zum ersten Mal bei Johann Heinrich Lambert (1728-1777) auf. 8 Seine Verwendung kommt der wörtlichen Übersetzung recht nahe, denn der vierte Teil seines „Neuen Organons“ trägt den Titel „Phänomenologie oder Lehre von dem Sein“ 9 . Genauer gesagt soll sie „den Schein kenntlich machen, und die Mittel angeben, ihn zu vermeiden, um zu dem Wahren durchzudringen“ 10 Schein und Wahrheit sind also zu trennen, denn es ist ein „Irrthum, wenn man das, was eine Sache zu sein scheint, mit dem verwechselt, was sie wirklich ist“ 11 . Der Schein setzt sich dabei aus dem Leeren, d.h. Subjektiven (geschuldet durch Einbildungskraft, Vorurteile und Affekte) und dem Objektiven zusammen. Er erschließt sich also „aus der besonderen Gedenkens- und Gemüthsart eines Menschen“ 12 . Die Phänomenologie soll also das, „was die Sache im Grunde ist, und zugleich wie je-mand sich dieselbe vorstellt“ 13 voneinander trennen, um so durch die Erfahrung zum Allgemeinen in den subjektiven Quellen des Scheins zu gelangen. Lambert hat somit einen groben Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen der Name „Phänomenologie“ von da an, in gewissen Modifizierungen versteht sich, Verwendung finden sollte. 14
2.1.2 Fichte
Während Lambert, und im Anschluss an ihn auch Herder und Kant, Phänomenologie im Bereich der Ästhetik, also Wahrnehmung, ansiedelten, wendet Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) den Begriff ins Grundsätzliche und versteht darunter nicht mehr die bloße Sinneswahrnehmung, sondern das Bewusstsein selbst 15 , besonders im Verhältnis zum Absoluten 16 . Fichte postulierte nämlich ein absolutes Ich, welches der Erkenntnis absolut unterworfen ist. 17 „Dieses absolute Ich ist in sich nichts Reales,
8 Vgl. ebd., 486.
9 LAMBERT, II, 215.
10 Ebd., I, Vorrede.
11 Ebd.
12 Ebd., II, 435.
13 Ebd.
14 Vgl. KIRCHHOFF, 4.
15 Vgl. ebd., 5
16 Vgl. CLAESGES, 487.
17 Vgl. WILLEMS, I, 293.
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sondern wird real, indem es durch das absolute Bewusstsein eigens gesetzt wird.“ 18 Diesem Ich stellt sich ein Gegen-Ich entgegen und weist ihm seine Schranken. Aufgabe der Phänomenologie ist es nun, „zu unterscheiden, was, wenn man dieselbe [=Phänomenologie] durch ihre Formen hindurch verfolgt, auf das wahre, was auf das scheinbare Ich schließen lasse“ 19 . Fichte sieht Phänomenologie also als eine Art „Ichlehre“ an; 20 letztendlich dient sie doch auch hier als Werkzeug dazu, das Wahre vom scheinbar Wahren zu trennen.
2.1.3 Hegel
Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831) Verständnis von Phänomenologie wird durch sein Werk „Phänomenologie des Geistes“ aus dem Jahre 1807 bestimmt. 21 Phänomenologie des Geistes ist hier als „Werden der Wissenschaft überhaupt, oder des Wissens“ 22 aufgefasst. Die Aufgabe der Phänomenologie besteht darin, „das Individuum von seinem ungebildeten Standpunkte aus zum Wissen zu führen“ 23 . Dabei ist zwischen dem Wissen (den Begriffen) und dem Gegenstand des Wissens zu unterscheiden. Dieser Unterschied bestimmt das Bewusstsein und die Veränderung dieses Unterschiedes ist als Erfahrung zu bezeichnen, welche ihr Ziel erreicht hat, wenn der Gegenstand des Wissens dem Wissen, also dem Begriffe, entspricht. 24 Aus der bestehenden Differenz von Wissen und Wissensgegenstand erwächst so folglich „der sich selbst erscheinende Geist, der dialektisch in der Fluchtlinie des absoluten Wissens zu sich selber kommt 25 . Entscheidend ist also die Erfahrung des Bewusstseins, welchen ja ein „phainomenon“ des Geistes ist, denn das Bewusstsein ist durch die Differenz von Wissen und Wissensgegenstand gekennzeichnet, woraus der Geist erwächst. 26
18 Ebd. („Hoc „Ego absolutum“ in se nil reale est, sed reale fit positione sua propria per conscientiam
absolutam.“).
19 FICHTE, VI, 40.
20 Vgl. Ebd.
21 Vgl. CLAESGES, 488.
22 HEGEL, II,30.
23 Ebd.
24 Vgl. CLAESGES, 488.
25 KIRCHHOFF, 5.
26 Vgl. CLAESGES, 488.
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2.2 Ein Abriss der transzendentalphänomenologischen Methode in Anlehnung an Edmund Husserl
2.2.1 Grundlagen
Husserl versteht unter transzendentaler Phänomenologie „die systematische Ausgestaltung der Methode der Rückfrage nach den letzten erdenklichen Erkenntnisvoraussetzungen“ 27 . Mit diesen letzten erdenklichen Erkenntnisvoraussetzungen meint er die Sachen selbst. 28 Eine Sache ist ein „Gegenstand des Bewusstseins“ 29 und kann losgelöst vom Bewusstsein nicht gedacht und deshalb auch nicht den Tatsachen gegenüber gestellt werden. 30 Doch sind nicht beliebige Bewusstseinsinhalte schon die Sachen selbst, wie dies im Subjektivismus der Fall ist. 31 Denn um die Sache selbst zu sehen, bedarf es der „phänomenologischen Reduktion, welche Husserl auch „Einklammerung“ oder „Epoché“ nannte. Diese Bewegung bedeutet, sich von der alltäglichen Versunkenheit der üblichen praktischen Lebensvollzüge zu distanzieren, indem ein reflexiver Standpunkt bezüglich der eigenen Erfahrung von Welt eingenommen wird.“ 32 In gewisser Weise knüpft Husserl hier an Descartes an, dessen Meditationen eine große Rolle in seinem Denken spielten. Descartes schreibt gleich zu Beginn der ersten Meditation: „Mir ist schon vor ein paar Jahren aufgefallen, wie viel Falsches ich schon immer für wahr gehalten habe und wie zweifelhaft das ist, was auch immer ich später darauf errichtet habe, und dass daher alles einmal gründlich im Leben umzuwerfen ist und von den ersten Grundlagen an neu begonnen werden muss, wenn ich einmal etwas Verlässliches und Bleibendes in den Wissenschaften sichern will.“ 33 Diese Reduktion geschieht im Hinblick auf das empirisch Gegebene sowohl bezüglich seines Wesens (eidetische Reduktion) als auch auf das reine Bewusstsein (transzendentale Reduktion), was ja, wie oben gesagt, sein Ursprung
27 HUSSERL, Ideen, 139.
28 Vgl. GRAMONT, 86.
29 KIRCHHOFF, 7.
30 Vgl. HUSSERL, Ideen, 4.
31 Vgl. ebd. 8.
32 HOWARTH, 343 („phenomenological reduction, also called by Husserl ´bracketing` or `the ep-
oche. The move involves distancing oneself from ones everyday immersion in the ordinary practical
activities of life, adopting a reflective standpoint upon one’s experience of the world.”)
33 DESCARTES, 5 (“ANimadverti [sic!] jam ante aliquot annos quàm multa, ineunte aetate, falsa pro
veris admiserim, & quàm dubia sint quaecunque istis postea superextruxi, ac proinde funditus omnia
semel in vitâ esse evertenda, atque a primis fundamentis denuo inchoandum, si quid aliquando firmum
& mansurum cupiam in scientiis stabilire;”).
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ist. 34 Ziel der Wesensschau, auch Ideation genannt, ist, gewisse Aspekte hervorzuheben, welche sich, wenn man einen Gegenstand in verschiedenen Varianten der Vorstellung betrachtet, als unveränderlich erweisen und somit als Wesen (Eidos) gelten können. Da die Erfassung des Wesens stark von den Akten der verschiedenen Vorstellungsvarianten bestimmt wird, lässt sich eine starke Abhängigkeit vom jeweiligen Subjekt erkennen. Um zur Wesensschau zu gelangen, muss man sich also im Klaren darüber sein, dass Dinge immer nur aus einer bestimmten Perspektive, unter einem bestimmten Blickwinkel erfasst werden können. 35 Diese Perspektiven und Blickwinkel sind jedoch nicht beliebig, sondern beruhen auf Erfahrungen. 36
2.2.2 Die Erfahrung als Ausgangspunkt der phänomenologischen Methode
Aus dem oben Gesagten geht hervor, dass die Erfahrung der Ausgangspunkt für die phänomenologische Analyse ist. 37 Denn zunächst einmal bestimmt die naive Erfahrung den Vollzug des täglichen Lebens und erst nach der phänomenologischen Reduktion kann man sie als Phänomen kritisch in den Blick nehmen. Ein Phänomen ist nämlich nicht einfach nur da, sondern zeigt sich im Erfahren und ist dadurch schon einer gewissen Tatsächlichkeit enthoben. 38 Denn eine reine Erfahrung ist immer mit Zufälligkeit verbunden und kann somit nicht unmittelbar zur Grundlage einer apodiktischen Evidenz in Bezug auf eine Wesenheit gemacht werden. 39 Erfahrung kann in den reinen Wissenschaften „nicht die Funktion der Begründung übernehmen“ 40 .
2.2.3 Die Lebenswelt als Boden und Ziel
Dieser Begriff erfährt erst im Spätwerk Husserls seine Konkretion. 41 Die Lebenswelt ist für die, die in ihr leben „immer schon da, im voraus für uns seiend, „Boden“ für alle“ 42 , also das „Universalfeld aller wirklichen und möglichen Praxis“ 43 . Sie ist so-
34 Vgl.RÖD, 145.
35 Vgl. ebd. 146.
36 Vgl. HUSSERL, Erfahrung, 35.
37 Vgl. HUSSERL, Ideen. 7
38 Vgl. FIGAL, 175.
39 Vgl. GRAMONT, 88.
40 Vgl. HUSSERL, Ideen, 16.
41 Vgl. SOLDINGER, 182.
42 HUSSERL, Krisis 145.
43 Ebd.
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zusagen der Boden, auf dem man steht, wenn man sich und seine Gedanken der phänomenlogischen Reduktion unterzieht. Denn selbst wenn die Lebenswelt als Phänomen noch nicht an sich gegeben ist, (denn auch sie wird durch gewisse Leistungen des Subjektes konstituiert), so beruht sie dennoch auf vorreflexiven und ursprünglichen Deutungen, weshalb sie die Grundlage für alles Spätere bilden kann. 44 Alle Gegenstände, auf die sich das Handeln des Menschen im Alltag bezieht, werden von der Lebenswelt eingeschlossen, so wie alle gemeinschaftlichen und individuellen Ziele und Interessen, durch die die menschliche Praxis umgrenzt wird. 45 In dieser Bedeutung kann der Begriff ja nun in zweifacher Weise aufgefasst werden, nämlich als „das Wovon und Wohin epochaler Distanzierung“ 46 . Aufgrund dieser Doppeldeutigkeit der Lebenswelt lässt sie sowohl die Reichweite einer möglichen Epoché kritisch beurteilen (wovon), als auch während der Epoché die Frage aufkommen, „als was Lebenswelt überhaupt in den Blick kommen kann“ 47 (wohin).
3. Phänomenologie und Religionspädagogik
3.1 Verschiedene Weisen, Religion und Phänomenologie in Beziehung zu bringen
Bevor über Phänomenologie und Religion gesprochen wird, sollte zuerst Klarheit darüber verschafft werden, wie diese beiden Dinge miteinander in Beziehung gesetzt werden sollen. Es kann nämlich die Religion aus Sicht der Phänomenologie betrachtet werden, oder die Phänomenologie aus Sicht der Religion. Wenn man den ersten Ansatz weiterverfolgt, sieht man sich also vor die Aufgabe gestellt, die Religion als etwas, das sich zeigt, also als Phänomen, nach seinem Wesen zu untersuchen, es der phänomenologischen Reduktion zu unterziehen. Edward Herbert ist dieser Frage, jedenfalls was den Inhalt von Religion angeht, einmal nachgegangen und fand, indem er den „Gegenstand“ Religion in verschiedenen Varianten der Vorstellung betrachtete etwas, was als unveränderlich und somit als Wesen (Eidos) gelten konnte. Die Vorstellung nämlich, dass es ein höheres Wesen gebe, wel-
44 Vgl.RÖD, 162.
45 Vgl. SOLDINGER, 182.
46 Vgl. KIRCHHOFF, 20.
47 Ebd., 21.
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ches immer durch Tugend und Frömmigkeit verehrt werden müsse, dass Sünden bereut werden müssten und es dementsprechend nach dem Leben Lohn oder Strafe gebe. 48 Ob diese religionsphilosophischen Überlegungen aus dem 17. Jahrhundert eins zu eins in die heutige Zeit übertragen werden können, müsste freilich noch einmal überprüft werden.
Verfolgt man den zweiten Ansatz, gelangt man zu der Frage, wie die Philosophie aus Sicht des Glaubens zu sehen ist, der ich hier nicht weiter nachgehen möchte. Im vorliegenden Zusammenhang ist vielmehr von Belang, wie Phänomenologie, besonders in Bezug auf Erfahrungen innerhalb der Religion(spädagogik) angewandt werden kann.
3.2. Religiöse Erfahrung
Erfahrung ist ja, wie oben gesagt wurde, der Ausgangspunkt für jede phänomenologische Analyse, sozusagen der Rohstoff, nach dessen Verarbeitung man zur Erkenntnis der Sachen selbst kommt. Doch Erfahrung ist auch immer Erfahrung von etwas, religiöse Erfahrung ist somit Erfahrung von etwas Religiösem. Bezeichnend für Erfahrung ist, dass das, was erfahren wird, nicht ganz in ihr aufgeht, sondern dass sie sich diesem beugt. 49 Denn Erfahrung ist immer auch Darstellung von etwas. Kann man denn nun durch phänomenologische Reduktion dieser Erfahrung zum Wesen des Religiösen kommen? Das Religiöse zeichnet sich ja dadurch aus, dass es auf Transzendenz verweist. Anspruch der Phänomenologie ist es jedoch, vereinfacht gesagt, „die Sache der Erfahrung von der Erfahrung her zu klären“ 50 , nämlich wenn verschiedene Erfahrungen eines Gegenstandes, die jeweils „im Hinblick auf einen bestimmten Aspekt“ 51 gemacht wurden, zueinander in Beziehung gesetzt werden, um dadurch Eigenschaften, „die sich beim Durchspielen von Varianten […] als invariant erweisen“ 52 zum Ausdruck zu bringen. Phänomenologie hat also einen Anspruch auf Immanenz, was ja der Religion ihrem Wesen nach entgegensteht und woran eine Phänomenologie der religiösen Erfahrung letztlich scheitern wird. 53 Auch wenn man
48 Vgl. HERBERT, 210-220.
49 Vgl. FIGAL, 175.
50 Vgl. ebd., 176.
51 RÖD, 146.
52 Ebd.
53 Vgl. FIGAL, 176.
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auf diesem Wege nicht weiterkommt, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, dass Erfahrungen immer einen gewissen Aspekt ihres Gegenstandes beleuchten, anders gesagt, dass jede Erfahrung auch immer mit einer bestimmten Deutung verbunden ist. So steht es also auch offen, gewisse Erfahrungen mit einer religiösen Deutung zu versehen, hierzu ein Bespiel aus der Trierer Geschichte: Im achten Jahrhundert wurde ein Nonnenkloster von einer Seuche heimgesucht, der schon viele Frauen zum Opfer gefallen waren. In ihrer Verzweiflung schickten die Bewohnerinnen eine Delegation nach Echternach und baten Willibrord, möglichst bald zu ihnen zu kommen. Als er dort eine Messe gehalten und Weihwasser gesegnet hatte, womit er die Häuser besprengte und wovon er den Kranken zu trinken gab, wurden alle wieder gesund und es starb niemand mehr im Kloster an der Seuche. Diese Erfahrung wurde von den Zeitgenossen, beispielsweise von Alkuin, der diese Begebenheit überliefert hat, religiös gedeutet, nämlich als „Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit“. 54 Es liegt auf der Hand, dass es für diese Begebenheit auch noch andere Deutungen gibt. Aber dadurch wird deutlich, dass bestimmte Erfahrungen von bestimmten Menschen oder unter bestimmten Umständen eine religiöse Deutung bekommen können, welche sich in der Regel nicht an andere Menschen vermitteln lässt.
3.3 Unterricht als Anwendungsfeld der Phänomenologie
Auch wenn die Phänomenologie kein Konzept für den perfekten Religionsunterricht liefern kann, so hilft sie dennoch durch ihre Begriffe und Erklärungsversuche, sich bestimmter Sachverhalte besser bewusst zu werden:
55
Unterricht hat sich an der Lebenswelt der Kinder zu orientieren, um diesen dadurch eine Basis zu bieten, die Erfahrungen, die sie im Unterricht machen, deuten zu können. Angesichts der schon in 2.2.3 angedeuteten Komplexität von Lebenswelt ist dies ein hoher Anspruch. Gleichzeitig kann jedoch diese Komplexität den Lehrer von dem Vorhaben entlasten, seinen Unterricht der Lebenswelt der Schüler
vollkommen
entsprechend zu gestalten. Phänomenologie weist einen Überschuss der Wahrnehmung gegenüber der Deutung dar, die gerade explizit gegeben ist. Dinge haben also noch andere (Be-) Deutungen als die, die gerade, sei es seitens des Lehrers oder des Schülers thematisiert wird. Dies kann sich auch in einer individuellen Distanzierung des Schülers vom Unter-
54 Vgl.MPL 101, 705.
55 Vgl. zu diesem Abschnitt KIRCHOFF, 234-249.
11
richt manifestieren, wenn z. B. ein Schüler die oben berichtete Begebenheit nicht als „Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit“, sondern als das Ergebnis verbesserter hygienischer Umstände sieht.
Im Religionsunterricht geht es darum, sich seiner Einstellung bewusst zu werden, und diese auch sprachlich äußern zu können, was letztlich nur in Abgrenzung zu fremden oder eigenen, in der Erfahrung veränderten Einstellungen gelingen kann. Diese Veränderung der Einstellung bzw. die Situierung der eigenen Einstellung im Kontext anderer, wird innerhalb der Phänomenologie als Epoché bezeichnet. Eine wichtige Aufgabe des Religionsunterrichtes, aber auch des Unterrichts im Allgemeinen, ist also, dem Schüler die Möglichkeit dieser Epoché, der Reflexion seiner eigenen Lebenswelt zu bieten, die bekanntlich auch beinhaltet, sich von Vertrautem zu verabschieden.
4. Zusammenfassung
Der Begriff „Phänomenologie“ kann mit „Lehre von dem, was sich zeigt“ übersetzt werden. Explizit taucht er zum ersten Mal bei Lambert auf, der darin ein Werkzeug sieht, das Wahre vom Schein zu unterscheiden. Fichte weitet Phänomenologie auf das gesamte Bewusstsein aus und möchte dadurch die Produkte des Ichs von denen des Gegen-Ichs unterscheiden können. Für Hegel ist Phänomenologie die Entwicklung des Geistes, die dem Unkundigen in den Stand des Wissens verhilft.
Zentrales Merkmal der Phänomenologie Husserls ist die phänomenologische Reduktion. Durch diese Methode möchte er zu den Sachen selbst, zu ihrem Wesen gelangen. Dazu muss man sich klar machen, dass Wahrnehmung immer unter einen gewissen Aspekt vonstatten geht, und alle nebensächlichen und zufälligen Gegebenheiten der Wahrnehmung ausklammern, um so auf etwas Bleibendes, das Eidos zu stoßen. Ausgangspunkt dieser Reduktion ist die Erfahrung. Aus den verschiedenen Erfahrungen konstituiert sich die Lebenswelt, die zugleich in der natürlichen Begebenheit der Boden der phänomenologischen Reduktion ist, und in ihrer Reinheit deren Ziel.
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Neben der phänomenologischen Reduktion der Religion selbst, ist es nützlich, innerhalb der Religionspädagogik Phänomene, Erfahrungen und Lebenswelten zu betrachten. Denn so wird der Blick geweitet dahingehend, dass Dinge immer mehr sein können und sind als der jeweilige Betrachter vermutet. Neben seiner Deutung von einer bestimmten Erfahrung, die er in seiner ihm eigenen Lebenswelt vollzieht, gibt es u. a. auch religiöse Deutungen. Umgekehrt erklärt die Phänomenologie auch, dass eine religiöse Erfahrung von Person X noch längst nicht für Person Y eine solche sein muss.
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WILLEMS, Christoph: Institutiones Philosophicae, Treveris 1906. (= WILLEMS)
(*)
(*) in eigener Übersetzung zitiert
14
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