Universität Augsburg WS 02/03
Lehrstuhl für französische Literaturwissenschaft HS Literatur des französischen Existenzialismus
Camus’ Definition von Revolte und Revolution in Les Justes
Verfasserin: Anne-Bärbel Kirchmair
1
Inhalt
1 Camus - Situationsanalyse und Aufruf zur „Krisenbewältigung“ 3
2 Revolte und Revolution - Ein Gegensatzpaar? 4
2.1 Spontanes Aufbegehren in der révolte - Schaffung von Werten menschlicher
Gemeinschaft 4
2.2 Von der Revolte zur Revolution - Die Tendenz zum Absoluten 5
3 Anarchistischer Terror - Der historische Rahmen der Justes 7
4 Les Justes im Zeichen der „pensée de midi“ 8
4.1 Das Prinzip der démesure und die Revolution als “bien suprême 8
4.2 Kaliayev: Die gerechte Revolte. 10
5 Die Revolte in ihrem Widerspruch und die Zerrissenheit der Justes 12
5.1 Die Revolte im Spannungsfeld von Ideal und Erfordernissen. 13
5.2 Die Spannung zwischen hehrem Ideal und privatem Glück 17
6 Die Revolte der Justes - eine Sackgasse? 19
7 Schluß 20
2
1 Camus - Situationsanalyse und Aufruf zur „Krisenbewältigung“
Alors, quand la révolution, au nom de la puissance et de l’histoire, devient cette mécanique meurtrière et démesurée, une nouvelle révolte devient sacrée, au nom de la mesure et de la vie. Nous sommes à cette extrémité. [...] Par delà le nihilisme, nous tous, parmi les ruines, préparons une renaissance. Mais peu le savent. 1
In diesen wenigen Zeilen scheinen bereits die Begrifflichkeiten auf, die Camus literarisches Schaffen wie ein roter Faden durchziehen, Begrifflichkeiten, die unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges und der Okkupation sich formten und in der Nachkriegszeit an Schärfe gewannen. Eindeutig negativ konnotiert wird die Revolution, entwickelt sie doch im Zeichen eines verabsolutierten Geschichtsbegriffes eine unzähmbare Eigendynamik, der letztendlich alles zum Opfer fallen muß. Wider diesen scheinbar unaufhaltsamen Ablauf erhebt sich die Bewegung der Revolte als Fürsprecherin des Lebens, der Kreatur. In der Situation des Nachkrieges sieht Camus den Umschlagpunkt erreicht, ab dem sich die Revolte erneut manifestieren muß. Die Formulierung nouvelle révolte deutet auf die zyklische Struktur seines Konzeptes hin, wonach die révolte dauerhafte, unwandelbare Ergebnisse nicht zeitigen kann, sondern stets aufs Neue zu wagen ist.
Zitierte Textstelle gewährt Einblick in Camus Wahrnehmung seiner Zeit, einer Welt im Schatten des beendeten und am Vorabend eines neuen Krieges. Die ausgehenden vierziger Jahre bringen die Spaltung der Welt in zwei große Machtblöcke mit sich, deren jeder die eigene Einflußsphäre auszudehnen sucht. Insbesondere die UdSSR schafft sich mit den Satellitenstaaten des Warschauer Paktes eine eigene Hausmacht, der Kalte Krieg läßt die Situation über Jahrzehnte erstarren. Der offensiven Außenpolitik der Sowjetunion entspricht im Inneren eine Politik der Unterdrückung, der fortgesetzten stalinistischen Säuberungen. In den Augen vieler Zeitgenossen diskreditiert sich der Kommunismus à la UdSSR selbst. Angesichts einer Zeit der ideologischen Fixierung und Verhärtung ruft Camus nun zur Erneuerung der révolte auf, meint damit aber sicherlich nicht ein wie auch immer geartetes kriegerisches Aufbegehren. Der Ursprung liegt vielmehr im einzelnen Menschen selbst, der einen Bewußtwerdungsprozeß zu vollziehen hat. In ihrer reinsten Form tritt - nach Camus Kriterien - die Revolte in Gestalt des russischen Sozialrevolutionärs Kaliayev zutage, des Protagonisten der Justes. Nach einer umfassenden Klärung und Abgrenzung der beiden Begriffe Revolte und Revolution soll ihre Manifestation in genanntem Drama untersucht und Camus Konzept einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
1 Camus, Albert, L’Homme révolté, Paris 1951, S. 376.
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2 Revolte und Revolution - Ein Gegensatzpaar?
2.1 Spontanes Aufbegehren in der révolte - Schaffung von Werten menschlicher Gemeinschaft
Aus camusianischer Sicht schafft die Möglichkeit zur Auflehnung der menschlichen Natur eine Perspektive, drückt sich ihre Eigenart in dieser spontanen Reaktion aus. Ihren Ursprung nimmt die révolte demnach im Individuum, um jedoch bald eine Bedeutung zu entfalten, die die Grenzen des individuellen Bereichs weit überschreitet. Camus zufolge konstituiert sich so Gemeinschaft, mündet die révolte doch in ein dépassement de l’individu dans un bien désormais commun 2 . Der Einzelne sucht einen an ihn gestellten Anspruch, eine Bedingung zu negieren, zu bestreiten, im Namen unveräußerlicher, dem Menschsein innewohnender Prinzipien. Auf der Grundlage des Je me révolte, donc nous sommes 3 entsteht Gemeinschaft, im Zeichen überindividueller Werte.
Menschlicher Zusammenhalt in der révolte erfordert Gegnerschaft, formt sich demnach in Opposition zu einer vorgegebenen Bedingung, zu bestimmten Prinzipien, aus. Camus unterscheidet hier zwischen dem unabänderbaren Schicksal aller, der Sterblichkeit einerseits und den Formen äußerlich verursachter Ungerechtigkeit bzw. Gewaltherrschaft andererseits. In der révolte métaphysique begehrt der Mensch gegen seine Endlichkeit auf, die ihm unerklärlich und inakzeptabel, als Laune eines grausamen und ungerechten Gottes oder Schicksals, erscheint. Der Versuch, sich selbst an dessen Stelle zu setzen und den Menschen als
oberstes Ziel zu bestimmen, bezeichnet den Umschlagpunkt von der metaphysischen Revolte in die Revolution.
Gewalt im Namen eines oktroyierten Herrschaftssystems treibt das Individuum in die révolte historique, die sich für Camus unauslöschlich mit den Terrorakten verbindet, die Europa gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schütteln. Sein besonderes Augenmerk gilt den russischen Sozialrevolutionären, deren Aufstand gegen Zarismus und Obrigkeit von hohen moralischen Anforderungen an die eigene Bewegung gekennzeichnet war, Ansprüche, deren Verwirklichung an der realpolitischen Situation scheitern mußte. Die Revolte wird von Menschen für Menschen unternommen, werteschaffend gesteht sie demnach auch dem menschlichen Leben höchste Priorität zu. In eine geradezu verzweifelte Lage gerät der révolté, ist er aufgrund politischer Umstände zur Mißachtung dieses Wertes
2 Ebd., S. 28.
3 Ebd., S. 36.
4
gezwungen: Dès qu’il frappe, le révolté coupe le monde en deux. Il se dressait au nom de l’identité de l’homme avec l’homme et il sacrifie l’identité en consacrant, dans le sang, la différence. 4 Camus letztes Stück, Les Justes, thematisiert genau dieses Dilemma und sucht in Gestalt des Terroristen Kaliayev zumindest einen möglichen Ausweg aufzuzeigen.
2.2 Von der Revolte zur Revolution - Die Tendenz zum Absoluten
In dem Maße, in dem sich die révolte von der Wahrnehmung des Individuums, von der Wertschätzung des Lebens an sich abkehrt und an dessen Stelle eine abstrakte Größe - die Geschichte in ihrem Ablauf, das Reich der Gerechtigkeit - setzt, entfremdet sie sich ihren Ursprüngen und wandelt sich zur Revolution. Letztere richtet ihr Bestreben auf eine „bessere“ Zukunft aus, deren Verwirklichung jedes nur erdenkliche Opfer fordern darf: Das Leben des einzelnen, das die Revolte kaum anzutasten wagt, verliert zunehmend an Wert; Terror und Unterdrückung werden vor diesem Hintergrund legitimiert.
Aus der Sicht Camus gehen Revolte und Revolution von unterschiedlichen Zielsetzungen aus - fegt letztere doch im Hinblick auf das nahende Reich der absoluten Gerechtigkeit alle Skrupel beiseite: Le mouvement de révolte, à l’origine, tourne court. Il n’est qu’un témoignage sans cohérence. La révolution commence au contraire à partir de l’idée. Précisément, elle est insertion de l’idée dans l’expérience historique quand la révolte est seulement le mouvement qui mène de l’expérience individuelle à l’idée. Alors que l’histoire, [...], d’un mouvement de révolte, est toujours celle d’un engagement sans issue dans les faits, [...], une révolution est une tentative pour modeler l’acte sur une idée [...] 5 Die Revolte erweist sich an dieser Stelle als eine Form eher individuellen Engagements, mit der Aufgabe Zeugnis abzulegen - wider eine als bedrückend empfundene Situation für den allen gemeinsamen Grundwert, die menschliche Natur. In aller Deutlichkeit tritt der Ansatz Camus hier zutage, läßt eine Hinwendung zum (folgenlosen) Heroismus erahnen, vermag die révolte doch keine dauerhafte Veränderung der tatsächlichen Gegebenheiten herbeizuführen. Vielmehr soll der Einzelmensch aus der Isolation einer scheinbar sinnentleerten, absurden Existenz heraustreten, um nicht kampflos zu unterliegen. Die Revolution dagegen zielt auf radikale Veränderung, im Sinne einer inflexiblen Idee, die sich die Welt zu unterwerfen sucht. Hinordnung der Welt auf ein Prinzip meint Verabsolutierung desselben, eine Tendenz, die in die Sklaverei mündet.
4 Ebd., S. 348.
5 Ebd., S. 136.
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Arbeit zitieren:
Anne-Bärbel Kirchmair, 2003, Camus' Definition von Revolte und Revolution in "Les Justes", München, GRIN Verlag GmbH
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