Vielen Dank !
An Frau Sabine Quaas, Mitarbeiterin des Stadtplanungsamtes Jena,
für die durchgehende Unterstützung meiner Recherche über die Stadtentwicklung Jenas.
An den Centermanager der Goethe-Gallerie,
für die freundliche Kooperation, bei der empirischen Untersuchung in der Goethe-Galerie.
An Dana Kurz, Dominik Dittrich, Johannes Augustin, Katharina Winzler, Maude Carneiro, Sylvia Urban und Andreas Offele, für die Hilfe bei der schriftlichen Verfassung dieser Arbeit.
I N H A L T
EINLEITUNG 5
1. GRUNDLAGEN 9
1.1. Öffentlichkeit und Stadtraum 10
1.1.1. Formen und Rollen öffentlichen Handelns im Stadtraum 12
1.1.2. Orte öffentlichen Handelns: städtische Plätze 15
1.2. Die Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten 17
1.2.1. Gesellschafts Ebene: Stadtsoziologie 19
1.2.2. Individuums Ebene: Umweltpsychologie 20
1.2.3. Platz-Raum Ebene: J. Gehl, W.H. Whyte, deutsche Forscher 24
1.3. Erfassung sozialer Situationen in ihrem räumlichen Kontext 28
1.3.1. Beobachtung: Möglichkeiten und Beschränkungen 29
1.3.2. Tätigkeitskartierung 31
1.3.3. Vergleichbarkeit mit anderen Untersuchungen 33
1.4. Bewertung des Forschungsstandes 35
2. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG IN DER JENAER INNENSTADT 37
2.1. Öffentlicher Raum in Jena 38
2.1.1. Geschichte, Wandel und Gegenwart 38
2.1.2. Die Untersuchungsräume: Holzmarkt und Goethe-Galerie 40
2.1.3. Stadtraumanalyse 42
2.2. Ausführung der Datenerhebung durch Tätigkeitskartierung 45
2.3. Ergebnisse der Beobachtungen 49
2.3.1. Tagesrhytmus, soziale Merkmale, Aktivitätenspektrum 49
2.3.2. Differenzierung von Teilbereichen nach Verhaltensmuster 53
ELEK PAFKA : STADTGESTALTUNG UND SOZIALVERHALTEN
2.4. Holzmarkt und Goethe-Galerie: Soziopetale oder soziofugale Räume ? 57
2.5. Quantifizierung der sozialen Qualitäten öffentlicher Räume 61
2.6. Ausmaß und Bedeutung konsumorientierten Verhaltens 69
3. BEWERTUNG DER ERGEBNISSE 75
3.1. Erkenntnisse der empirischen Untersuchung 77
3.2. Bewertung der angewandten Forschungsmethode 78
3.3. Schlussfolgerungen 80
3.3.1. Beispielhafte Raumgestaltung: die Sitzgruppe am Holzmarkt 82
3.3.2. Plädoyer für unbewirtschaftete Sitzgelegenheiten 85
3.3.3. Handlungsempfehlungen für die Stadtplanung 87
ANLAGEN 91
Anlage 1: Übersicht früherer empirischer Untersuchungen öffentlicher Räume 93
Anlage 2: Quantifizierung sozialer Qualitäten öffentlicher Räume 97
Anlage 3: Beobachtungsergebnisse I : Momentaufnahmen 103
Anlage 4: Beobachtungsergebnisse II: Detailbeobachtung 111
Anlage 5: Interview Centermanager Goethe-Galerie 119
Anlage 6: Verwendete externe Datenerhebungen 121
QUELLENVERZECIHNIS 125
Bibliographie 127
Bibliographie Stadtentwicklung Jena 137
Bildquellen 139
Abbildungsverzeichnis 140
Tabellenverzeichnis 141
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E I N L E I T U N G
THEMA
Inwieweit können Architekten und Stadtplaner durch die Planung öffentlicher Räume das Sozialverhalten der Menschen beeinflussen ? In welchem Maße ist die Stadtplanung für gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich zu machen ? Ist die oft vertretene pessimistische Sicht vom Zerfall des öffentlichen Lebens in unseren städtischen Räumen berechtigt ? Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, wird die Beziehung zwischen Stadtraumgestaltung und Sozialverhalten systematisch erforscht. Innerhalb des breiten Feldes der Umwelt-Verhalten Beziehung wird es hier vor allem um die Wechselwirkung zwischen den planerisch beeinflussbaren Umweltfaktoren (Raumausstattung, architektonische Gestaltung) und den sozial relevanten Verhaltensweisen gehen. Im Fokus der Untersuchung steht als zentrale öffentliche Raumeinheit der Stadt: der innerstädtische Platz.
AKTUALITÄT
Die Frage nach dem Ausmaß des Einflusses der gebauten Umwelt auf das menschliche Verhalten ist noch bei weitem nicht beantwortet. Die verschiedenen Disziplinen, die sich mit dem Thema der Umwelt-Verhalten Beziehung auseinandergesetzt haben, präsentieren sehr unterschiedliche Stellungsnahmen, die von einem reinen "Determinismus" bis zu einer "Wahrscheinlichkeitstheorie" reichen (Rapoport 1976: 8-9). Auf die Notwendigkeit von empirischen Untersuchungen, die Klarheit schaffen sollen, wird zwar oft verwiesen, Studien selbst wurden bislang aber nur selten dazu erstellt (Castells 2002).
VORGEHENSWEISE: METHODIK. TÄTIGKEITSKARTIERUNG. KREATIVE FORSCHUNG. Dieser Tatbestand hat zu der Entscheidung geführt mich dem Thema mittels einer empirischen Untersuchung anzunähren. Die dafür ausgewählte Methodik ist die der nicht-teilnehmenden Beobachtung, die ich für das Erforschen dieser Fragestellung für am geeignetsten halte. Als besonderes Instrument dieser Studie wird die Tätigkeitskartierung angewendet, in einer an den erforschten Gegenstand angepassten Form. Damit wird das 1972 entwickelte, als Burano-Methode bekannt gewordene Forschungsinstrument (Riege et al. 2002: 46), das danach nur vereinzelt wieder verwendet wurde, erneut aufgegriffen. Die begrenzten Mittel, die für die Ausführung der empirischen Datenerhebung im Rahmen dieser Masterarbeit zur Verfügung standen, haben kein extensives, hypothesenprüfendes Unterfangen erlaubt. Entsprechend versteht sich dieses Vorhaben als eine Erkundungsstudie, die darauf abzielt konkrete Beziehungen
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ELEK PAFKA : STADTGESTALTUNG UND SOZIALVERHALTEN
zwischen der Gestaltung öffentlicher Räume und dem Sozialverhalten der Benutzer zu entdecken. Zudem ist diese Untersuchung auch als exemplarische Vorführung der Anwendbarkeit einer empirischen Forschungsmethode zu verstehen, deren Potenzial noch wenig erforscht worden ist.
UNTERSUCHUNGSFELD
Nach einem geeigneten Untersuchungsraum wurde im räumlichen Umfeld des Autors, in Thüringen gesucht, um eine möglichst extensive Forschung vor Ort zu ermöglichen. Zweites Kriterium der Wahl war der Versuch kontextuelle Einflüsse besonderer Situationen (hohe Arbeitslosigkeit, starker Tourismus) zu vermeiden, und soweit es überhaupt möglich ist, einen sozial ausgeglichenen Standort auszuwählen. Aus diesen Gründen wurde als Forschungsgebiet die Innenstadt Jenas bestimmt, und innerhalb dieser zwei, durch ihre Nutzungsintensität und Vielfalt herausragende Orte: der Holzmarkt und die Goethe-Galerie. Durch diese Wahl werden Vergleiche ermöglicht, die die spezifischen Verhaltensformen in Bezug zu der unterschiedlichen Gestaltung und dem verschiedenen Öffentlichkeitscharakter der beiden Räume setzen.
HOLISTISCHE SICHT. INTERDISZIPLINARITÄT
Bezüglich des Begriffs "öffentlicher Raum" wird argumentiert, dass der rein physische Gegenstand eines Raumes und der rein soziale getrennt keine Wirklichkeit darstellen, sondern sie nur zusammen als Ganzes zu verstehen sind. Deshalb ist ein integriertes Raumverständnis (Schubert 2000) viel realitätsnäher, als die zerlegenen Begriffe des architektonischen und des sozialen Raumes. Dementsprechend werden hier die verschiedenen Perspektiven auf die erforschte Umwelt-Sozialverhalten Beziehung aus der Stadtsoziologie, Umweltpsychologie, Anthropologie und Ethnographie zusammengeführt.
Obwohl es schon zahlreiche Ansätze in der Lehre der Stadtplanung gibt, die eine holistische Sicht vertreten, ist dies in vielen Bereichen der Praxis noch nicht zu spüren (Einsele et al. 1995). Vielmehr scheint die reduktionistische "modernistische" Sicht mit einer großen Trägheit weiterzuleben, und die Gestaltung unserer städtischen Räume unter dem Paradigma ihrer spezifischen Abstrahierung des menschlichen Wesens zu bestimmen (vgl. Sennett 1991: 221 ff).
PRAXIS UND THEORIE
Der öffentliche Raum in der Jenaer Innenstadt wird derzeit anhand eines nichtbindenden Rahmenkonzepts entwickelt. Der Rahmenplan wurde nach den Grundsätzen der Städtebautheorie der 1980er Jahre erstellt, nach denen das Bestehen einer historischen baulichen Kontinuität als alleiniger Leitgedanke zum Tragen kommt. Weder die historische Analyse der Stadtentwicklung beschäftigt sich mit den sozialen Aspekten, noch sind in den formulierten Zielen Themen des sozialen Bereiches zu finden. Grund
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dafür könnte die allgegenwärtige Spaltung zwischen Theorie und Praxis sein. Denn es gibt zwar eine Fülle von theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Thema, die auf dessen Komplexität hinweisen, aber dennoch lassen sich kaum unmittelbare Einflüsse auf die Praxis der Stadtplanung erkennen (vgl. Feldtkeller 1994). Deshalb ist es ein durchgängiges Ziel dieser Arbeit Theorie und Praxis einander näher zu bringen.
ZIELSETZUNG
Hauptziel der Arbeit ist es, Zusammenhänge zwischen Stadtgestaltung und Sozialverhalten zu finden (Verhaltensmuster) und das Ausmaß der Interdependenz zu messen. Die Relevanz der konkreten Befunde für die Theorie (Gesetzmäßigkeit) und die Praxis (Handlungsstrategien) werden demnach ausführlich bewertet. Ein wichtiges Nebenziel ist es, die Methode der Beobachtung zu testen und ihre Potentiale für die Erforschung der Umwelt-Verhalten Problematik aufzudecken. Dabei wird versucht eine methodische Herangehensweise auszuarbeiten, die vergleichende Studien über die Konstruktion und kulturelle Bedeutung urbaner Orte ermöglicht. Deshalb werden sozialräumliche Eigenschaften quantifizierend erfasst, und Vergleiche mit ähnlichen Forschungen hergestellt.
Schließlich wird der Versuch einer konstruktiven Kritik gegenüber dem aktuellen "Rahmenkonzept zum öffentlichen Raum" der Stadt Jena unternommen, basierend auf die erkannten Qualitäten und Mängel der untersuchten Räume.
STRUKTUR
Die vorliegende Arbeit dokumentiert den Ablauf des Forschungsprozesses. Im ersten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Untersuchung erarbeitet. Dabei werden verwendete Begrifflichkeiten präzisiert und die verschiedenen, in der Diskussion um den öffentlichen Raum vorhandenen Wertvorstellungen besprochen. Danach wird der aktuelle Stand der Wissenschaft zur Umwelt-Verhalten Beziehung dargestellt, und damit der Ausgangspunkt dieser Forschung definiert. Als dritter Schritt, zur Vorbereitung der empirischen Untersuchung, wird den Grundlagen der angewandten Forschungsmethode nachgegangen, sowie ein Überblick bisheriger ähnlicher Vorgänge dargestellt.
Im zweiten Kapitel werden die Untersuchungsräume unter Berücksichtigung historischer, architektonischer und sozialer Aspekte präsentiert. Darauf aufbauend wird die konkrete Ausführung der sozialräumlichen Analyse mit Hilfe von Tätigkeitskartierung dargestellt und die ersten Ergebnisse dieser Datenerhebung vorgelegt. Die erhobenen Daten werden danach bewertet, und Schlüsse über Art und Ausmaß der Raum-Verhalten Beziehung gezogen. Ein wichtiges Thema ist, die quantifizierbaren Daten der Forschung hinsichtlich ihrer sozial-qualitativen Relevanz zu diskutieren. Dieses Unterfangen ist das zweite wichtige Ergebnis dieser Arbeit. Ein Exkurs über die
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ELEK PAFKA : STADTGESTALTUNG UND SOZIALVERHALTEN
Bedeutung von Konsum ist anhand des gegebenen Charakters der Untersuchungsräume unerlässlich, und ist damit der dritte Aspekt unter dem die Resultate dieser Studie betrachtet werden.
Im letzten Kapitel werden die angewandte Forschungsmethode anhand der gewonnenen Erfahrung bewertet, und die daraus resultierenden Erkenntnisse aufgeführt und konkrete Vorschläge für die Verbesserung städtischer Räume im Bezug auf ihren Öffentlichkeitscharakter gemacht. Die Schlussfolgerungen sind für drei verschiedene, in den Planungsprozess involvierte Entscheidungsträger relevant: die Architekten, die Stadtplaner und die Projektentwickler von städtischen Einkaufszentren. Dabei wird zuerst die aus architektonischer Sicht beispielhafte Gestaltung der Sitzgruppe am Holzmarkt hervorgehoben und ihr "Funktioniermechanismus" erläutert. Ein weiteres Thema, auf das dieser Teil der Arbeit Bezug nimmt, ist die Bedeutung unbewirtschafteter Sitzgelegenheiten. Dabei wird aufgezeigt, dass diese wirtschaftlichen Interessen nicht zuwiderlaufen, sondern vielmehr fördernder Bestandteil öffentlich nutzbarer Räume sind. Am Ende werden Handlungsstrategien für die Stadtplanung vorgeschlagen, die sich während dieser Untersuchung ausformuliert haben.
All dies ist mit der Hoffnung geschrieben, den Weg zu einer empirisch fundierten Theorie anzutreten, und auf dieser basierend eine Praxis der Stadtgestaltung anzustreben, die den Mensch als soziales Wesen in den Mittelpunkt stellt.
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1.
G R U N D L A G E N
1.1. Öffentlichkeit und Stadtraum 10
1.1.1. Formen und Rollen öffentlichen Handelns im Stadtraum 12
1.1.2. Orte öffentlichen Handelns: städtische Plätze 15
1.2. Die Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten 17
1.2.1. Gesellschafts- Ebene: Stadtsoziologie 19
1.2.2. Individuums Ebene: Umweltpsychologie 20
1.2.3. Platz-Raum Ebene: J. Gehl, W.H. Whyte, deutsche Forscher 24
1.3. Erfassung sozialer Situationen in ihrem räumlichen Kontext 28
1.3.1. Nicht-Teilnehmende Beobachtung: Möglichkeiten und Beschränkungen 29
1.3.2. Tätigkeitskartierung 31
1.3.3. Vergleichbarkeit mit anderen Untersuchungen 33
1.4. Bewertung des Forschungsstandes 35
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1. GRUNDLAGEN
Zu Beginn der systematischen Erkundung der Verhalten-Umwelt Beziehung soll erst das wissenschaftliche Forschungsfeld vorbereitet werden. Dafür werden in diesem Kapitel drei grundsätzliche Aspekte der Forschung geklärt. Erstens müssen die "Arbeitsutensilien" dieser wissenschaftlichen Studie - die verwendeten Begriffepräzisiert und erläutert werden. Als zweiter Schritt wird dem aktuelle Stand des Wissens über die Verhalten-Umwelt Beziehung nachgegangen. Dies wird nicht nur den theoretischen Rahmen dieser Arbeit liefern, sondern auch der Ausgangspunkt der eigentlichen Untersuchung sein. Drittens wird die konkrete Durchführung des empirischen Teils der Forschung vorbereitet, unter Einbeziehung des bereits vorhandenen Wissens- und Erfahrungsgut aus der Sozialforschung.
1.1. Öffentlichkeit und Stadtraum
Ein differenzierter Umgang mit der Verwendung des Begriffes "Öffentlichkeit" ist besonders wichtig, denn oft wird er wertend genutzt, zum Beispiel bei Bahrdt, Habermas oder Sennett (Welz 1986: 16-18), und gesellschaftskritisch verwendet. Die schon von Jürgen Habermas angesprochene Mannigfaltigkeit konkurrierender Bedeutungen des Begriffes "Öffentlichkeit" und der Mangel einer präzisen Bestimmung selbst in den Sozialwissenschaften (Habermas [1962] 1990: 54) ist, wie man es nach einer extensiven Literaturrecherche konstatieren kann, bestehen geblieben. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit eine ausführliche Bedeutungsanalyse dieses komplexen Begriffes zu versuchen, ein Begriffsklärung scheint jedoch unerlässlich. Öffentlichkeit wird in dieser Arbeit immer in einem räumlichen Zusammenhang verstanden. Wichtig ist es deshalb zunächst, ein klar differenziertes Umgehen mit der Bedeutung der Bezeichnung "öffentlicher Raum" festzulegen. In der Literatur wird er teilweise als gesellschaftlicher Raum (vgl. Arendt [1958] 2002), teilweise als rein architektonischer Raum verwendet (vgl. Selle 2002: 27). In dieser Arbeit hingegen wird ein integrierter Verständnis des öffentlichen Raumes (Schubert 2000) vertreten werden, der die Zusammenführung, der in den Wissenschaften in soziale und physische Aspekte geteilte räumliche Realität anstrebt. Die abstakten Begriffe des rein architektonischen-und des sozialen- Raumes werden hier als Arbeitsinstrumente verstanden, die keine Identität mit dem reellen Raum haben. Um den architektonischen Raum, das materielle Gefüge der Stadt zu bezeichnen, wird hier der Begriff "Stadtraum" verwendet. Gemeint wird damit also nicht dessen Urbanitätscharakter, denn der Bedeutungsverlust des urban-rural Gegensatzes in unserer schon fast ausschließlich städtisch gewordenen Umwelt ist eindeutig.
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DIFFERENZIERUNG DES ÖFFENTLICHKEITSCHARAKTERS EINES RAUMES
Wenig eindeutig findet oft auch der Begriff des "öffentlichen Charakters" eines Raumes Verwendung. Der Öffentlichkeitscharakter eines Raumes ist von vielen Faktoren abhängig: Besitz, Zugang, Nutzbarkeit (Aktionsfreiheit), Art der zwischenmenschlichen Kontakte. Er lässt sich, seiner komplexen Natur entsprechend, innerhalb der öffentlichprivat Polarität differenzieren. Während in der Stadtplanung die Begriffe des halböffentlichen Raumes, beziehungsweise des halb-privaten Raumes (Newman 1972, in Radoslav 2000) benutzt werden, um den Bereich zwischen den "Öffentlichen" und den "Privaten" zu decken, wird dies in den Sozialwissenschaften über Begriffe wie "parochiale Sphäre" (Lofland 1998) oder "lokale Öffentlichkeit" (Welz 1986) abgedeckt.
Die Tabelle (1.1) veranschaulicht die differenzierten Raumbegriffe anhand physischer und sozialer Definitionen. Wichtig ist es zu bemerken, dass der soziale Raum nicht territorial verortet ist (Lofland 1998), dass heißt öffentliche Sphäre kann sich unter Umständen im privaten baulichen Rahmen abspielen. Bei dieser Untersuchung werden also im öffentlichen Stadtraum nicht nur die zur öffentlichen Sphäre gehörenden Kontakte zu beobachten sein, sondern durchaus auch Kontakte "parochialer" oder privater Art. Andererseits kann sich genauso gut öffentliches Leben im privatem Raum abspielen, beispielsweise in innerstädtischen Einkaufzentren. Aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive sind es die als öffentlich zu identifizierenden Aktivitäten, die dem physischen Raum ihren öffentlichen Charakter verleihen (vgl. Welz 1986: 20).
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1.1.1. Formen und Rollen öffentlicher Handelns im Stadtraum
In der allgemeinen Diskussion um die öffentlichen Räume wird oft auf deren Rolle Bezug genommen. Eine einleuchtende Gliederung der öffentlichen Funktionen wird von Lyn Lofland vorgelegt, die diese unter die folgenden sechs Oberbegriffe kategorisiert: (a) Kommunikation, (b) Lernumgebung, (c) Ruhepause und Entspannung, (d) Politik, (e) Darstellung sozialer Verhältnisse und Konflikte, (f) Formiert den Kosmopoliten (Lofland 1998: 231-244). Bei dieser Auflistung ist zu bemerken, dass Lofland die ersten drei Funktionen auf das Individuum bezieht, während sie mit die letzteren drei gesellschaftliche Rollen beschreibt.
Auf die für die Bezugsebene dieser Untersuchung relevantesten Funktionen öffentlicher Räume, nämlich Kommunikation, Lernumgebung, Ruhepause und Entspannung wird im Folgenden näher eingegangen.
KOMMUNIKATION
Das Ermöglichen zwischenmenschlicher Kommunikation ist eine der grundlegenden sozialen Funktionen öffentlicher Räume. Demnach entsteht Öffentlichkeit dort, wo durch spezifische Stilisierungen des Verhaltens die Distanz überbrückt wird, damit Kommunikation und Arrangement zustande kommen können. In einer Gesellschaft, in
1 "Vielleicht kann man die höheren Aspekte der Stadt am besten dadurch definieren, dass man sagt, sie sei ein Ort, der dazu bestimmt ist, die weitesten Möglichkeiten für bedeutungsvolle Gespräche zu bieten." (Karrer 1995: 41)
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der es Öffentlichkeit gibt, findet man auch eine große Variabilität der sozialen Kontakte. (Bahrdt [1961] 1998: 94). Sie stärken das Selbstdarstellungsvermögen, das Selbstbewusstsein und die Urteilsfähigkeit des Individuums (Dellemann et al. 1972: 61). Der öffentliche Raum bietet den Rahmen für ein breites Spektrum zwischenmenschlicher Kontakte: Kontakte auf einem bescheidenen Niveau, möglicher Anfang für Kontakte auf höheren Niveaus und die Möglichkeit existierende Kontakte zu pflegen (Gehl [1971] 1987: 11-15).
Mit Kontakten auf einem bescheidenen Niveau sind vor allem nichtverbale Kontakte zwischen Fremden gemeint, wie zum Beispiel visuelle Wahrnehmung. Eine andere Form öffentlicher Interaktion, die intrinsisch mit der hohen Dichte eines Raumes verbunden ist, ist die "kooperative Bewegung" [cooperative motility] (Lofland 1998: 29), die Jane Jacobs als "Straßenballett" (Jacobs 1984) bewunderte, und W.H. Whyte als "musikalisch" empfand (vgl. Whyte 1988: 68). Solche flüchtigen Beziehungen [Fleeting Relationships] finden in jedem städtischen Raum statt mit einem sozial-öffentlichen Charakter statt. Die aus den hohen menschlichen Dichte resultierende große Anzahl von Kontakten, führt zu einem psychologisch begründeten Schutzverhalten, der die Intensität der Kontakten zu Fremden zu begrenzen versucht (Alexander 1967). Diese typisch städtische Verhaltensweise, wird als "höfliche Gleichgültigkeit" (Goffman 1971) oder "zurückhaltende Hilfsbereitschaft" (Lofland 1998: 25-34) bezeichnet. Die Rolle öffentlicher Räume, einen möglichen Anfang für Kontakte auf höheren Niveaus zu bieten könnte man als das Sozialisierungsvermögen (Castells 2002) des öffentlichen Raumes bezeichnen. Es ist vielleicht die am meisten und am kontroversesten diskutierte Funktion städtischer Räume. Inwieweit neue sozial relevante Kontakte einfach durch den Einfluss eines Platzraumes entstehen können ist eines der Themen dieser Recherche. Das Spektrum in der Öffentlichkeit entstehender Person-zu-Person Kontakte beinhaltet "routinemäßige Beziehungen" (z.B. zwischen Käufer und Verkäufer), "Intime-Sekundäre Beziehungen" (emotionale Beziehungen über längere Zeit zwischen Fremden, z.B. ältere Menschen die sich regelmäßig an einem bestimmten Ort treffen) und "Quasi-Primäre Beziehungen" (kurze emotionale Beziehungen) (Lofland 1998: 51-63). Diese letzte Art von Kontakten, die in der Regel mit Hilfe eines sozialen Übermittlers geschehen, hat W.H. Whyte in seinen Beobachtungen erfasst. Den Prozess, in dem ein Kind, ein Straßenkünstler, ein Kunstobjekt oder ein Hund einer Person Anlass bietet mit einem Fremden verbalen Kontakt aufzunehmen, hat er "Triangulation" (Whyte [1980] 1988: 94-101) benannt. Die dritte Ebene von Kontakten, die ein öffentlicher Raum anbieten kann, ist die Möglichkeit existierende Kontakte zu pflegen, sich zu verabreden oder sich zusammen im öffentlichen Raum auf "neutralem" Gebiet zu treffen. Diese Art von Kontakten haben aber keinen öffentlichen, sonder einen "parochialen" oder privaten Charakter (Gehl 1987: 65-71).
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ELEK PAFKA : STADTGESTALTUNG UND SOZIALVERHALTEN
LERNUMGEBUNG
Der öffentliche Raum ist eine Informationsquelle über die soziale Außenwelt (selbst durch Kontakte auf einem bescheidenen Niveau), und dadurch eine wichtige Lernumgebung für den Menschen. Der Aufenthalt im öffentlichen Raum kann Quelle vieler neuer, inspirierender und stimulierender Erfahrungen sein (Gehl 1987). Die Stadt wird dadurch zu "einer Schule in der man lernen kann, ein zentriertes Leben zu führen" (Sennett 1991: 14). Dies gilt für alle Menschen, aber bedeutend ist es vor allem für Kinder.
Auf die beschränkende Wirkung auf das Lernmöglichkeitsangebot der Kinder durch deren Entziehen aus dem städtischen Raum und ihre Einsperrung in öden, langweiligen Spielplätzen lebloser Wohnquartiere hat vorerst Jane Jacobs, in dem 1961 erschienenen Buch "The Death and Life of Great American Cities", 2 Bezug genommen. Der in den 1960er Jahren allgemein verbreiteten Auffassung, dass Straßen schlecht und Parks gut sind für Kinder, hat sie den statistisch erfassten Kriminalitätsgrad dieser Gebiete direkt gegenübergestellt. Ihre Feststellung: es gibt einen großen Widerspruch zwischen diesen zwei Aussagen, denn Kriminalität findet in New York überwiegend in den Parks statt (Jacobs [1961] 1984: 97-105). In Ihrer Argumentation hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass Straßen - als nicht für Kinder spezialisierte Räume - Kindern helfen wirkliche Lebenserfahrung und eine eigene Weltanschauung aufzubauen. Dennoch wird in der Planung die Straße nie als Spielplatz akzeptiert (ibid: 105-115). Obwohl ihr Buch ein "Bestseller" geworden ist, und vor allem in der Fachwelt einen großen Bekanntheitsgrad genießt, ist dessen Einfluss auf die Praxis der Stadtplanung, wie Sie selbst konstatiert, beschränkt oder sogar unbedeutend geblieben (Jacobs 1993). Ihr Ansatz, Straßen als Lebensräume für Kinder zu begreifen, hat auch in Deutschland wenig direkte Auswirkungen gehabt 3 . Ein wichtiger Vertreter derselben Auffassung ist Andreas Feldkeller. In "Die zweckentfremdete Stadt" spitzt er die Kritik Jacobs zu: "Kinder sind für die rationale Stadt, lediglich ein Anhängsel der Wohnfunktion geworden [...] aber Kinder die in nur-Wohngebieten aufwachsen, erleben eine unwirkliche, eindimensionale Umwelt" (Feldtkeller 1994: 147-150). Nachfolgend betont er die Bedeutung des Problems: "Kinder sind der beste Maßstab für eine brauchbare Stadt" (ibid. 149).
RUHEPAUSE UND ENTSPANNUNG
Der öffentliche Raum ist auch Ort des Vergnügens, des Spiels und der Entspanung. Dadurch wird ein anderes wichtiges menschliches Bedürfnis erfüllt (Lofland 1998: 233).
2 Die deutsche Übersetzung ihren Buches"Tot und Leben Großer Amerikanischer Städte" erschien 1963.
3 Eine Ausnahme stellt die Altstadtsanierung Tübingens unter der Leitung Andreas Feldtkellers dar. Zentrales Thema der Tübinger Altstadtsanierung war die Widerherstellung einer kinderfreundlichen Umwelt in der Kernstadt. Spezifische Maßnahmen waren: die Altbauten speziell für Haushalte mit Kindern umzubauen, Verkehrsberuhigung, Kindertagesstädte und Grundschule in der Kernstadt anzubieten (Feldtkeller 1985).
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Das Erleben öffentlicher Räume bietet auf unterschiedlichste Art und Weise Freudesgefühle für das Individuum: durch die Wahrnehmung des Raumes, durch das Erleben des unerwarteten und das überraschenden sowie durch den Anblick anderer Menschen (ibid: 77-97). Der wichtigste Vertreter der Meinung, dass Räume des Entspannens eine wesentliche gesellschaftlichen Funktion darstellen ist Ray Oldenburg (ibid: 233). Er argumentiert dass "informelle Versammlungsorte" wie Cafés, Bars oder Kaufhäuser wesentlich für die lokale Demokratie und die Vitalität der Gemeinschaft sind (Oldenburg 1989).
1.1.2. Orte öffentlichen Handelns: städtische Plätze
In seiner einfachsten Definition ist ein Platz ein allseits von Gebäudefassaden umschlossener Raum, dessen Decke der freie Himmel ist (Webb 1990). In einem Versuch einer human-orientierten Begriffbestimmung von Plätzen könnte man sie als besondere öffentliche Räume definieren, die durch ihre Raumwirkung die Menschen zum verweilen stimulieren. Dementsprechend werden die Plätze als die "Stabilisatoren" der Stadt verstanden (Rowe 1997: 226). Wird nach einem sozialpsychologischen Begriff gesucht der noch mehr im Sinne dieser Arbeit steht, dann könnte festgehalten werden, dass Plätze diejenigen öffentlichen Räume der Stadt sind, welche die Bewohner aus allen sozialen Schichten zusammenbringen und zur Kommunikation anregen.
PLATZ ALS KUNSTWERK UND SOZIALISIERUNGSORT
In der "klassischen" Theorie des Städtebaus werden Plätze als Orte der Zusammenkunft verstanden, deren Sozialisierungspotential vor allem durch deren künstlerische Gestaltungsqualitäten determiniert werden (vgl. Sitte [1889], Brinckmann [1908], Zucker [1959]). Ausgegangen wird davon, dass schöne Plätze durch ihren Einfluss auf die menschliche Psyche, die vor allem durch visuelle und kinetische Erfahrung gemacht werden (Zucker 1973), die Menschen zum Verweilen und zur Zusammenkunft anregen, und dadurch eine soziale Rolle erfüllen. Die überhöhende, poetische Fassung des Stadtraums wird dementsprechend als das grundlegende Element der Entstehung von Öffentlichkeit betrachtet (Feldtkeller 1994: 89). Die poetische Atmosphäre eines Stadtraumes ist durch die Architektur, die Topographie und durch Kunstobjekte bewirkt. Das Verschwinden von Kunst aus dem öffentlichen Raum kann dem entsprechen als ein
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Zeichen des Endes des öffentlichen Lebens angesehen werden (ibid: 132) .
DIE VERLAGERUNG ÖFFENTLICHEN LEBENS AUS DEM STÄDTISCHEN AUSSENRAUM Plätze werden oft als die vorrangigen Kristalisationsorte öffentlichen Lebens, als die Mitte der Stadt angesehen (vgl. Webb 1990). Deshalb wird oft der Status quo der Öffentlichkeit in einer Gesellschaft an dem auf Plätzen beobachtbaren Leben gemessen (Brill 1989). In Anbetracht der heutigen Verlagerung öffentlicher Funktionen aus dem öffentlichen offenen Stadtraum kann anhand des sich auf Plätzen abspielenden Lebens keine Aussage mehr über die Öffentlichkeit einer Gesellschaft gemacht werden (ibid.). Die Verlagerung öffentlichen Lebens aus dem städtischen Außenraum ist kein neuer Prozess, sondern einer der schon im 19. Jahrhundert angefangen hat. Unterstützt durch die technischen Errungenschaften, wie zum Beispiel Markthallen, hat sich das öffentliche Leben erst aus den offenen Räumen der Stadt in überdachte und geschlossene Räume verlagert (Favole 1995). Der zweite Transformationsprozess ist die "Verhäuslichung" (Schubert 2000) von Funktionen des öffentlichen Raumes, das heisst die Verlagerung öffentlicher Lebensprozesse in im Privatbesitz befindliche Räume. Die dritte markante Umwandlung ist die Mediatisierung, die Verlagerung eines Teils der Öffentlichkeit in der virtuellen Raum.
Unter diesen Umständen haben Stadtplätze im 20. Jahrhundert ihre historische Funktion weitgehend verloren (Machule et al. 2003). Da die Städte sich ihrer Natur nach in ständigen Veränderung sich befinden, ist die Wiedergewinnung des öffentlichen Stadtraumes aber durchaus vorstellbar. Bewiesen wurde dies unter anderem durch die Stadterneuerungen er 1980er Jahre in Barcelona und den 1990er Jahre in Lyon (ibid). Inwieweit ein solcher Verlagerungsprozess in den heutigen ostdeutschen Städten stattfindet, und in wie weit die einmal für den Öffentlichkeit "verlorenen" Plätze wiedergewonnen werden können, wird in dieser Untersuchung am Beispiel der Jenaer Innenstadt erforscht.
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1.2. Die Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten
Um die Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten untersuchen zu können, bedarf es erst einer Klärung der Begriffe. Das Trennen des "wirklichen" öffentlichen Raumes in seine physischen und sozialen Aspekte ist eine von den Wissenschaften oft vorgenommene Disjunktion. Diese Trennung ist unerlässlich in Anbetracht der "ungeheuerlichen Komplexität" des öffentlichen Raumes, der sich in seiner Gesamtheit kaum erfassen lässt (Lefèbvre 1990: 52). Ein paar Beispiele dieses oft unternommenen Vorgangs sind in der folgenden Tabelle (1.2) veranschaulicht. Die Beziehung zwischen dem physischen Raum und dem sozialen Raum, das Resultat dieser Teilung, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit.
Eine Gefahr besteht in der sich mit der Zeit ergebende Vergessen des Ursprungs des disizierten Raumbegriffes der zur selbständige Realitätserscheinung wird. Demnach gibt es in den Planungswissenschaften einen dualistischen Raumbegriff (Schubert 2000), der die Tendenz des Vergessens der humanen Komponente, oder zum Gegenteil die exklusive Beschäftigung mit der soziale Komponente zum Nachteil der physikalischen Realität hat. Diese Herangehensweisen werden als den künstlerisch beziehungsweise den sozial verpflichteten Städtebau (Aminde 1994: 50) bezeichnet.
ADJUNKTION - HOLISTISCHE SICHT
Eine nicht-räumliche soziale Realität gibt es erkenntnistheoretisch nicht (Schubert 2000). Ebenso wenig kann es eine nicht-sozial verstandene räumliche Realität geben: "Raum ist keine Photokopie der Gesellschaft, sondern er ist Gesellschaft" (Castells 1996). Demnach kann "Urbaner Raum" als ein komplexes Zusammenspiel der materiellen, sozialen und diskursiven Eigenschaften des Raumes verstanden werden (Wildner 2003: 63). Die von Planern erzeugten Räume sind "potenzielle" Umwelten (Gans 1968), die durch die Menschen, die sie benutzen, zu effektiven Umwelten werden (Carmona 2003).
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DIE STADTRAUM-SOZIALVERHALTEN BEZIEHUNG
Grundelement der Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten ist die wechselseitige Interaktion [mutual interaction] von Menschen und ihrer gebauten Umwelt (Rapoport 1976). Im Rahmen dieses Themas legt diese Arbeit den Fokus auf den Einfluss der Gestaltung öffentlicher Räume auf das Sozialverhalten, der so genannten Soziabilität des öffentlichen Raumes [the sociability of public spaces] (Castells 2002).
Aus der bisherigen Auseinandersetzung mit dem Thema ergeben sich folgende drei mögliche Stufen der Mensch-gebaute Umwelt Beziehung (Rapoport 1976: 8-9):
a.) Umweltdeterminismus [Determinism] - die Ansicht, dass die physische Umgebung das menschliche Verhalten bestimmt.
b.) Posibilismus [Posibilism] - die Ansicht, dass die physische Umgebung Möglichkeiten und Begrenzungen bietet, innerhalb welcher die Menschen nach anderen, vor allem kulturellen Kriterien über das eigene Verhalten entscheiden.
c.) Probabilismus [Probabilism] - die Ansicht nach der die physische Umgebung nur Möglichkeiten anbietet, aber nicht determinierend ist, sondern nur unter bestimmten physischen Hintergründen manche Verhaltensentscheidungen wahrscheinlicher macht als andere.
In der Geographie und Soziologie wird eher davon ausgegangen, dass die physische Umgebung nur sehr geringen Einfluss auf das menschliche Verhalten hat (Gutman 1976). Dagegen dominiert in der Architektur und Stadtplanung die deterministische Sichtweise, nach welcher der architektonische Raum Vorgaben macht (vgl. Janson et al. 2002). Das Orte stärker sind als Personen, das der Ort stärker ist als das Geschehen, kann sogar als die theoretische Grundlage der Architektur betrachtet werden (Rossi 1991: 92).
Ein ausgewogeneres Bild wird zusammenfassend von Manuel Castells gegeben. Demnach "widerlegen die empirischen Forschungen einen elementaren Determinismus, unterstützen hingegen einen «Kulturalismus», indem der Einfluss von sowohl «traditionellen» als auch «neuen» Stadträumen auf das Sozialverhalten nachgewiesen wurde. Es gibt aber keine systematische Beziehung zwischen urbanem Kontext und Lebensstil, denn die Umgebung ist nicht der einzige Einflussfaktor. Soziale Milieus sind ein Sozialprodukt, während die Raum-Gesellschaft Beziehung als zu erforschende Problematik betrachtet werden soll" (Castells [1972] 2002: 60-64).
Die fünf Wege, durch die die Umwelt das Sozialverhalten beeinflusst, sind: Klima, Raumausstattung, Kommunikationsnetzwerke, soziale Symbole, architektonischer Raum (Gutman 1976). Aber selbst durch all diese Wege, ist der Einfluss der Umwelt auf das Verhalten begrenzt, denn der einzelne Mensch weist eine psychologische Resistenz (ibid.) gegen neue Umgebungen auf. In dieser Studie werden die planerisch
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beeinflussbaren Umweltfaktoren diskutiert: Raumausstattung und architektonische Gestaltung.
BETRACHTUNGSEBENEN
Die Bedeutung des öffentlichen Handelns kann auf zwei sehr unterschiedlichen Maßstabsebenen besprochen werden. Die eine bezieht sich auf gesamtgesellschaftliche Prozesse, und ist vor allem Subjekt von soziologischen, politologischen bis hin zu philosophischen Betrachtungen. Vor allem auf dieser Makro-Ebene begegnet man einer stark skeptischen Sichtweise, des Verlustes des öffentlichen Lebens, wie zum Beispiel bei Arendt, Habermas oder Sennett (Nasar 1989).
Die zweite Ebene bezieht sich auf das Individuum, und ist vor allem für die amerikanischen Sozialwissenschaften, anthropologischen Forschungen sowie die Umweltpsychologie kennzeichnend. Derartige Forschungen (vgl. Goffman 1971, Hall 1990, Rapoport 1976, Sommer 1969) sind mehr auf die Entdeckung der Prozessmechanismen zwischen Raumgestaltung und das Verhalten des Individuums gerichtet, und vermeiden in der Regel wertende Aussagen.
Die für die vorliegende Untersuchung am relevanteste Ebene, die einer Raumeinheit (Platz oder Straße) befindet sich zwischen den zwei oben genannten Ebenen und konstituiert viel seltener einen Ansatz sozialwissenschaftlicher Forschungen. Außer Soziologen und Architekten (vgl. Whyte 1988, Gehl 1987), die das soziale Leben eines Platzes als Untersuchungsfeld haben, nimmt neuerdings auch in der Ethnologie die Zahl der Forschungen zu (u.a. Karrer 1995, Low 2002, Wildner 2003). Die legen den Fokus insbesonderen auf die temporäre Verortung von Identität in Beziehung zum städtischen Raum (Wildner 2003: 21).
Im Folgenden werden einige Erkenntnisse aus diesen drei Untersuchungsebenen zusammengefasst dargestellt.
1.2.1. Gesellschafts- Ebene: Stadtsoziologie
Obwohl der Bezug sozialer Aspekte zur Form der Stadt für die Stadtsoziologie inhärent ist, wird das Ausmaß der Determinanz oft eher niedrig eingeschätzt (Gutman 1976). Es wird sogar soweit gegangen, wie zum Beispiel bei Saunders, auf eine Verknüpfung von urbanem Verhalten mit dem konkret geographischen Ort weitgehend zu verzichten, und damit eine "nicht-räumliche Stadtsoziologie" zu begründen (Eckardt 2002: 25). Das bestehende Zusammenhang zwischen physisch-geographischer Örtlichkeit und sozialer Organisation, wird allerdings weiterhin vertreten, und mit der Methode der Participant Observation erforscht. Die zum urbanen Interaktionismus gehörenden Einzelarbeiten sind aber in Regel nicht in eine sozialökonomische Forschungsphilosophie eingebettet und lassen sich oft nur als eine weitergeführte mikroskopische Betrachtung von Raum-Verhalten verstehen, das wahrgenommene gesellschaftliche Strukturierung-
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en innerhalb einer städtischen Struktur auf eine prototypische Ortspräferenz zurückzuführen versuchen (ibid: 21).
1.2.2. Individuums Ebene: Umweltpsychologie
Das Verhalten von Individuen in der Öffentlichkeit beziehungsweise im öffentlichen Raum ist eine Forschungsebene mehrerer Teilwissenschaften. Die Umweltpsychologie fokussiert auf den Einfluss der Umwelt auf das Individuum (Mehrabian 1987). Die Sozialpsychologie und Soziologie kleiner Gruppen, untersuchen beispielsweise zwischenmenschliche Kontakte von Individuen (Argyle 1981), Verhalten in sozialen Situationen (Goffman 1982) und Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum (Goffman 1971). In der Anthropologie werden vor allem trans-kulturelle Konstanten der oben genannten Themen erforscht (vgl. Hall 1973, Rapoport 1976). In der Architektur ist vor allem die phänomenologische Raumanalyse etabliert, welche die Wahrnehmung der Umwelt durch das menschliche Subjekt als Grundlage der wissenschaftlichen Fundierung der künstlerischen Raumgestaltung nimmt. Für diese Untersuchung sind es die zwischenmenschlichen Kontakte, die beobachtbar sind und Informationen über das sozialen Leben auf einem Platz liefern können von Bedeutung. Hierzu gehören die diversen Formen nicht-verbaler Kommunikation: wie die nicht-verbalen Aspekte des Sprechens, taktile Kommunikation und die visuelle Aspekte der interpersonellen Kommunikation [Kinesics]. Diese letztere Gruppe beinhaltet folgende Kommunikationsformen: Körperbewegung, Körperhaltung und Gesten, Gesichtsausdruck, Blickkontakt [gaze], Aussehen und Bekleidung (Polhemus 1978: 316).
PROXEMISCHES VERHALTEN: DISTANZ, ORIENTIERUNG
Beim Erforschen der Umwelt-Verhalten Beziehung sind die räumlichen Verhaltens-Beziehungen [Proxemic behavior] bedeutend, darunter zwischenmenschliche Distanz, Orientierung, Territorialität und Bewegung (Argyle [1988] 1996). Eine herausragende Studie ist die von E.T. Hall, der die zwischenmenschliche physische Distanz anhand empirisch gemessenen Wahrnehmungsfähigkeiten der Sinne in Verhältnis zur Art des sozialen Kontaktes stellt. Demnach definiert er die intime, persönliche, soziale und öffentliche Entfernung aus anthropologischer Sicht. Eine ähnliche Kategorisierung wird von Jan Gehl gemacht, der das Verhältnis zwischen physischer Distanz und Art des sozialen Kontaktes anhand der visuellen Empfindung als das soziales Feld des Sehens definiert hat (Gehl 1987). In die Tabelle (1.3) werden diese zwei Studien zusammengefasst dargestellt.
Die Entfernungen sind für die abendländische Kultur gültig. In anderen Kulturen sind die Entfernungen unterschiedlich (Hall 1990). Eine Beobachtung der Anzahl von Berührungen pro Stunde in verschiedenen Cafés ergab beispielsweise in San Juan -
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Puerto Rico 180, Paris 110, Gainesville-Florida 2 und London 0 (Argyle 1981).
ALS PHYSISCHE DIMENSIONEN DEFINIERTE NORMATIVE THEORIEN
Anhand dieser physischen Determinanten der menschlichen Wahrnehmung wurde immer wieder versucht die ideelle Masse eines öffentlichen Raumes zu definieren beziehungsweise die größten Dimensionen, die noch dem humanen Maßstab entsprechen, festzulegen. Ein Platz soll immer überschaubar bleiben (Welz 1986) und so beschaffen sein, dass ein Redner von überall zu hören ist (Karrer 1995: 43). Demnach soll die Breite eines Platzes nicht mehr als 18 Meter (Alexander 1977: 310), oder 25 Meter sein, damit das Gesicht einer Person erkennbar bleibt (Gehl 1987). Ein wichtige praktische Folgerung dieser Untersuchungen ist, dass der Mensch im öffentlichen Raum, nach Art seiner Beziehungen zu anderen Menschen, eine höhere Distanz braucht als der von seiner Körpergröße determinierte (physisch komfortable) Raumbedarf. Mehrere Beobachtungen haben gezeigt, dass Sitzbänke nie nach der Formel des durch Körperbedarf ausgerechneten 60cm pro Person ausgelastet werden. Vielmehr werden 90cm (Whyte [1980] 1988) bis hin zur 180cm pro Person benötigt (Sommer 1969). Die effektive Sitzkapazität von Bänken ist vom "sozial komfortablen" (Whyte 1988) Raumbedarf determiniert. Bei Bänken die beidseitig benutzt werden, soll
4 distances in man (Hall [1966] 1990: 113-129)
5 social field of vision (Gehl [1971] 1987: 65-71)
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demnach die Mindestbreite nicht der physisch komfortable Abstand von 60 cm, sondern die "sozial komfortable" 75 cm sein (ibid: 31).
ORIENTIERUNG
Die bevorzugte Orientierung zweier Personen zueinander, ist von der Art der zwischenmenschlichen Beziehung beeinflusst. Experimente haben gezeigt, dass bei Personen die einem intimen Verhältniss haben das nebeneinander Stehen bevorzugt wird, bei Kooperation wird eine 90° Drehung bevorzugt, während bei Konfrontation ein Gegenübersitzen am häuftigsten gewählt wird (Sommer 1969). Leute die eine Konversation betreiben, bevorzugen sich gegenüber zu sitzen, aber lieber in einem leichten Winkel (ibid.). Die Beobachtungen Roland Günters auf der Spanischen Treppe in Rom bestätigen dies und weisen auf den Zusammenhang zwischen dem beobachteten hohen Grad der Soziabilität und den durch die Treppengestaltung "gezwungenen" ständigen Orientierungswechsel der Menschen hin (vgl. Günter et al. 1978).
BEWEGUNG IM RAUM
Die Bewegung durch den Raum ist der Kern unserer urbanen Erfahrung. Die Straße ist "der Schmelztiegel, der das Stadtleben erst schafft und ohne den nichts wäre als Trennung, gewollte und erstarrte Isolierung" (Lefèbvre [1970] 1990: 26-27). Sie ist ein wichtiger Faktor der Leben und Aktivitäten generiert. Optionale Aktivitäten sind ein "Nebenprodukt" der Bewegung (Hillier 1996 in Carmona 2003: 169-170). Deshalb ist die Geschwindigkeit der Bewegung im Raum ein sehr wichtiger Faktor mit starkem Einfluss auf das soziale Verhalten. Direkt abhängig von der Fortbewegungsgeschwindigkeit des Menschen im öffentlichen Raum ist dessen Wahrnehmungspotential. Um den physischen und sozialen Raum zu erfahren braucht man Zeit [time to experience] (Gehl [1971] 1987: 71). Die menschlichen Wahrnehmungsorgane brauchen Zeit um visuelle Eindrücke zu erleben und aufzuarbeiten. Diese sind so gestaltet, dass Wahrnehmungen in Geh- oder höchstens Laufgeschwindigkeit am besten verarbeiten werdenn, also bei einer Geschwindigkeit von 5 bis 15 km/h [3-9 mps]. Die Bewegungsgeschwindigkeit beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung sondern auch die sozialen Handlungsmöglichkeiten. Fußgängerverhalten ist deshalb viel sozialer als andere Fortbewegungsarten (Rapoport: 284). Ein stark statischer Raum ermöglicht wenig Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Unbekannten, während ein stark dynamischer Raum viele Kontakte erlaubt aber nur auf einem minimalen Niveau. Bewegung und Statik sind zwei Komponenten, die in Wechselwirkung stehen und nur zusammen existieren können. Dementsprechend formulierte W.H. Whyte als ideales Verhältnis von Sitzgelegenheiten an einem Platz: die Gesamtlänge der Sitzgelegenheiten soll dem Umkreis des Platzes gleichen.
Ein gutes Beispiel der Sozialisierungspotenzials eines Umfeldes, das eine bestimmte
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Fortbewegung bevorzugt, ist die Spanische Treppe in Rom. Obwohl viele Menschen die Treppe nur zum Durchqueren benutzen, durch die auf- oder unter Steigung der Treppe wird eine besondere Parkursgeschwindigkeit determiniert die verantwortlich ist für die hier stattfindenden Vitalität sozialen Lebens (Günter et al. 1978). Die großmaßstäblichen Veränderungen unserer städtischen Räume, die durch die vom Automobil verursachte Geschwindigkeitserhöhung entstanden sind, wurde schon 1972 in dem einflussreichen Buch Robert Venturis "Learning from Las Vegas" ausführlich berichtet (vgl. Venturi et al. 1978). Der Verlust der Bedeutung des architektonischen Details gegenüber die visuell schnell erfassbaren Zeichen und Symbole (Abb.1.4.) führt gleichzeitig zu einen neuen Verständnis der Architektur. Gebäuden werden zum "dekorierten Schuppen" um in den räumlichen Kommunikationssystem der Stadt wahrgenommen zu werden (ibid.).
Die Entstehung einer neuer Stadtlandschaft ist mit der Zerstörung der alten verbunden, denn während durch eine große Geschwindigkeit eine simple Umgebung als interessant erlebt wird, wird eine komplexe Umgebung als chaotisch empfunden (Rapoport 1990).
PHÄNOMENOLOGISCHE ANALYSE
Die phänomenologische Betrachtung durch die Perspektive des Individuums charakterisiert im weiten die räumliche Analyse in den Planungswissenschaften (Eindele et al. 1995). Der individuellen Raumerfahrung wird demnach eine zentrale Rolle zugeschrieben: "Uns selbst als Akteure im Raum zu betrachten ist in der städtischen Öffentlichkeit eine Voraussetzung für urbanes Kommunikationsverhalten" (Janson et al. 2002). Der Mechanismus wird folgendermaßen dargestellt: "Szenische Mittel zielen auf die Steigerung von atmosphärischen Intensitäten, auf die Dramaturgie von Bewegungsabläufen, den Wechsel von Spannung und Entspannung, Vergeben und Preisgabe" (ibid). Die Divergenz zwischen der Wahrnehmung des Planers und derjenige des Nutzers kann dazu führen, dass ein mit besten Absichten geplanter Raum gar nicht in Benutz genommen wird. Vor allem in der Stadtplanung ist dies sichtbar, wo die
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individuelle subjektive Wahrnehmung des Planers einer Vielfalt subjektiven Empfindungen der Stadtraumnutzer gegenüber steht. Ein erster Versuch diese Distanz abzubauen war die von Kevin Lynch entwickelte "Mental Mapping" Methode (Lynch 1962), in der Stadtbewohner gefragt wurden eine bestimmten Stadtteil aufzuzeichnen. Diese Methode gibt Informationen über die Orte, an dem man sich erinnert [memorialized locales], und erfasst dadurch die spezifische subjektive Beziehung von Individuen zum Stadtraum. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse können Informationen über die soziale Bedeutung eines Stadtraumes geben, aber durch der Prisma des Individuums.
1.2.3. Platz-Raum Ebene: J. Gehl, W.H. Whyte, deutsche Forscher 6
Die ersten Studien, die anhand einer empirischen Betrachtung kleinere städtische sozialräumliche Einheiten unter die Lupe genommen haben, wurden Anfang der 1970er Jahre gemacht. Sie wurden parallel, aber unabhängig voneinander, von Jan Gehl in Kopenhagen ab 1968, von William H. Whyte in New York ab 1970 (vgl. Gehl 1986, Whyte 1988), und 1972 von eine Gruppe deutscher Forscher in mehreren europäischen Städten, darunter Burano, Caen und Eisenheim durchgeführt (Dellemann et al. 1972, Dardel et al. 1973, Günter 1980). Alle diese Untersuchungen haben sich auf Plätze, oder andere offene öffentliche Räume mit vorwiegend statischem Charakter konzentriert.
Während die ersten zwei Forschungen kontinuierlich bis heute weiterentwickelt und eingesetzt werden, mit konkretem Einfluss auf die Stadtplanung der jeweiligen Städten (vgl. Gehl 1996) oder sogar mit Einfluss auf die gesamte Planungspraxis der jeweiligen Länder (vgl. PPS 2000), sind die in Deutschland ausgeführten Untersuchungen vereinzelt geblieben, und selten weitergeführt worden (vgl. Riege et al. 2002). Eine der wenigen Ausnahmen und deshalb erwähnenswert ist die weitergeführte Methode der Tätigkeitskartierung in der ethnographischen Erforschung kleinerer sozialräumlicher
6 siehe Anlage 1: Überblick empirischer Untersuchungen des öffentlichen Raumes durch Beobachtung, die auf die Erfassung der Beziehung Umwelt-Verhalten abgezielt sind.
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Territorien, wie etwa der von Ortsmittelpunkten im Main-Taunus Gebiet (vgl. Welz 1986).
Der Grund, warum in Deutschland die Methode der Beobachtung so selten angewendet wird, scheint ihre allgemeine theoretische Bewertung zu sein, die als viel weniger akkurat eingeschätzt wird als die der Befragung (vgl. Kromrey 2002). Kennzeichnend ist auch, dass die zwei wesentlichsten Publikationen, mit der Resultaten der Forschungen aus Kopenhagen und New York, ursprünglich schon 1971 und 1980 erschienen, bis heute nicht auf Deutsch übersetzt wurden. Deshalb wird hier ein kurzer Überblick skizziert, der zwei wichtige Inspirations- und Vergleichsquellen dieser Untersuchung präsentieren soll.
JAN GEHL - KOPENHAGEN
Anhand seiner Beobachtungen konnte Gehl viele Regeln des Verhaltens im öffentlichen Raum dekodieren, die er zusammengefasst in seinem ersten Buch "Life Between Buildings" darlegt. Seine Sicht ist humanistisch, sieht die gebaute Umwelt als einen Unterstützer gemeinschaftlichen Lebens, als ein Mittel zum Zweck und nicht als Ziel selbst: "First life, than spaces, then buildings - the other way around never works" 7 . Demnach unterscheidet er zwischen notwendigen, optionalen und sozialen Aktivitäten. Notwendige Aktivitäten finden in jedem öffentlichen Raum statt unabhängig von dessen Qualitäten. Optionale Aktivitäten sind von der Qualität der Umwelt abhängig, während soziale Aktivitäten spontan stattfinden, dort wo es ein breites Spektrum anderer Aktivitäten gibt (Gehl 1987: 11-16). Darüber hinaus hat Gehl eine eigene Methode entwickelt, um die Qualität öffentlicher Räume zu quantifizieren. Diese Untersuchungsmethode wurde auf mehrere innerstädtische Stadtgebiete angewendet, darunter: Stockholm, Oslo, Riga, Perth, Adelaide, Melbourne und London (www.pps.org 2004). Seine Qualitätseinschätzungen gehen davon aus, dass vor allem die stationären Aktivitäten den Charakter eines Raumes bestimmen (Gehl 1987: 81). Je mehr Leute sich auf einem Platz oder einer Straße aufhalten, und desto vielfältiger deren Tätigkeiten sind, umso lebhafter ist der Raum selbst. Er hat durch zeitliche Vergleiche am Beispiel Kopenhagens nachgewiesen, dass die im öffentlichen Raum verbrauchte Zeit direkt proportional zu dem Angebot an fußgängerfreundlichem öffentlichen Raum ist. Die Dauer des Aufenthalts im öffentlichen Raum ist wiederum direkt proportional zu der Frequenz von zwischenmenschlichen Kontakten (ibid: 35). Seine Untersuchungen zum direkten Einfluss der gebauten Umwelt auf das menschliche Verhalten haben ergeben, dass nicht die Morphologie, sondern die Detailplanung eines Raumes dessen Nutzbarkeit bestimmt (ibid: 133).
7 "Erst Leben, dann Raum, dann Gebäude - der andere Weg funktioniert nie". Quelle: www.pps.org, 2004
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W.H. WHYTE - NEW YORK
Whytes Untersuchung öffentlicher Räume in New York ist direkt aus dem von der Stadt erkannten Handlungsbedarf entstanden, nachdem die meisten in den 1960er Jahre gebauten kleinen öffentlichen Plätzen [Plazas] nur geringfügig benutzt wurden. Whytes systematische Beobachtungen, die er mit Hilfe von Videoaufnahmen sechs Monate lang durchgeführt hat, haben zu scheinbar sehr simplen, aber genauso grundsätzlichen Erkenntnissen geführt. Eine seiner ersten Feststellungen war, dass die Benutzung von Plätzen weder von deren morphologischen Eigenschaften oder von der Menge der vorhandenen öffentlichen Fläche, noch von mikroklimatischen Faktoren beeinflusst wird, und auch nicht von irgendeiner anderen in der damaligen Städtebaudiskussion angedeutete Ursache, sondern ganz einfach vom Angebot an Sitzmöglichkeiten determiniert wird. Wo es keine Sitzmöglichkeiten gibt, da werden sich keine Menschen hinsetzen. Wo es Sitzgelegenheiten gibt, da werden diese auch benutzt und wenn sich viele Menschen auf einem Platz aufhalten, dann kommen noch mehr dazu. Dadurch wird ein Platz sozial belebt (Whyte 1988).
Bei der Untersuchung des direkten Einflusses der Gestaltung auf das Verhalten von verweilenden Menschen, hat Whyte bemerkt, dass die Ausnutzung von Sitzgelegenheiten sehr stark von deren Detailgestaltung abhängig ist. Wie Gehl hat auch Whyte versucht die Sozialität und die Qualität öffentlicher Räume zu quantifizieren. Seine zwei wichtigsten Indikatoren sind der Anteil von Menschen in Gruppen und der Anteil von Frauen. Der erste ist ein Indikator von Soziabilität, denn Menschen treffen sich an Orten, die sie gemeinsam gerne erleben. Der zweite Indikator steht für Qualität, denn Frauen sind selektiver als Männer und suchen dadurch vor allem die Orte auf, die am besten gestaltet sind. Diese Quantifizierungen sind in den USA inzwischen allgemein verbreitet, nicht zuletzt durch die "Project for Public Spaces" (PPS), eine 1975 gegründete Organisation, die sich die Weiterführung der Forschungen Whytes zum Ziel gesetzt hat. Seitdem hat PPS nach eigenen Angaben für über 1.000 Gemeinden in den USA und in elf weiteren Ländern ähnliche Forschungen durchgeführt (www.pps.org 2004).
DEUTSCHE FORSCHER
Die in der 1970er Jahren durchgeführten Untersuchungen deutscher Forscher waren ein Versuch einen einheitlichen Forschungsansatz zu etablieren. Das daraus hervorgegangene, auch unter der Bezeichnung "Burano-Methode" (Riege et al. 2002: 46) bekannte Verfahren, stützt sich auf die Tätigkeitskartierung sozialer Situationen zu ausgewählten charakteristischen Tageszeitpunkten. Die Methode wurde von einer Gruppe von Sozialwissenschaftlern erst in Burano, danach in Caen und Eisenheim angewendet (vgl. Dellemann et al. 1972, Dardel et al. 1973, Günter 1980). Diese Methode konnte sich offensichtlich nicht durchsetzen, denn sie wurde danach nur vereinzelt, etwa von der Ethnologin Gisela Welz wieder aufgenommen (vgl. Welz 1986).
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Den Gründen der geringen Popularität dieses Vorhabens in der Fachwelt kann hier nicht nachgegangen werden, sondern es können nur ein paar mögliche Ursachen genannt werden. Erstens waren die Untersuchungen nur auf eine sehr geringe Anzahl von Beobachtungen gestützt: einmalige Momentaufnahmen über kurze Beobachtungszeiträume, und eine geringe Anzahl von beobachteten Personen (vgl. Anlage 1). Deshalb ist die Repräsentanz dieser Datenerhebungen begründet als skeptisch zu betrachten. Zweitens gibt es ein Missverhältnis zwischen der sparsamen Vorgehensweise der empirischen Forschung und den sehr weitgehenden Schlussfolgerungen, die oft am Befund nicht direkt nachvollziehbar sind.
Andererseits gibt es schon unter diesen ersten Forschungen auch besonders akkurate, und dennoch anscheinend ignorierte Arbeiten, wie zum Beispiel die Untersuchung des Lebens auf der Spanischen Treppe in Rom von Roland Günter oder die Studie über Wohnverhalten im Bezug zum Wohnumfeld in Karlsruhe von Janos Zimmermann (vgl. Günter et al. 1978, Zimmermann 1978). Bezüglich der Umwelt-Verhalten Beziehung kommt die Untersuchung der Spanischen Treppe in Rom zu den selben Ergebnisse wie die Forschungen von Gehl und Whyte, dass nämlich die Detailgestaltung des Platzes ausschlaggebend ist. Ein breites Aktivitätenspektrum wird von einer vielfältigen Gestaltung beeinflusst (Günter et al. 1978).
Dieser Überblick zeigt, dass trotz der derzeit verbreiteten Meinung, dass es kaum empirische Untersuchungen öffentlicher Räume gibt (Berding et al. 2003: 41-42), ein kontinuierliches Interesse der Stadtforschung in dieser Richtung besteht. Meistens schlägt sich dies nicht in der Fortsetzung bisheriger Untersuchungen nieder, sondern führt zu einzelnen explorativen Untersuchungen (vgl. Nohl et al. 1995, Seggern 2002, Wildner 2003, Wüstenrot 2003). In dieser Arbeit wird versucht eine integrative Rolle zu übernehmen und frühere Studien ähnlichen Ansatzes einzubeziehen, oder zumindest wahrzunehmen.
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Arbeit zitieren:
Elek Pafka, 2004, Stadtgestaltung und Sozialverhalten, München, GRIN Verlag GmbH
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