Universität Augsburg
Lehrstuhl für Komparatistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
HS Uwe Johnsons „Jahrestage“
SS 2002
Verfasserin: Anne-Bärbel Kirchmair
I
Inhalt
1 Einleitung 1
2 Heimatkonzeptionen in Mutmaßungen über Jakob
und Jahrestage 2
2.1 Personelle und landschaftliche Verortung 2
2.1.1 Heinrich Cresspahl 2
2.1.2 Das Kind Gesine Cresspahl 4
2.2 Die Arbeit als identitätsstiftende Kraft 6
3 Auf der Suche nach Verortung 8
3.1 Der Intellektuelle - Sehnsucht nach dem praktischen Leben 8
3.2 D.E. - personelle Bindung als Weg aus dem ennui 10
4 Die Destruktion des Heimatmotivs 13
4.1 Heinrich Cresspahl - Die Rolle der Zeitgeschichte 13
4.2 Jakob Abs - Der Eingriff des Systems 16
5 Heimatverzicht und Problematik eines Gegenentwurfs 18
6 Gebrochene Lebensläufe - Diskontinuität als inhaltliche Konstante 21
7 Schluß 23
II
1 Einleitung
Zahlreichen Schriftstellern bot die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts − geprägt von zwei Weltkriegen und einer einschneidenden Zäsur 1945 − bereits Anlaß zu tiefgreifender Auseinandersetzung und Reflexion. Mit seinem Roman „Jahrestage“ richtet Uwe Johnson sein Augenmerk auf die Geschicke der Familie Cresspahl, schildert mit Blick auf drei Generationen ein äußerst komplexes Beziehungs- und Motivationsgefüge. Als kennzeichnend für dieses, sein Spätwerk, erweist sich vor allem ein Motiv: Verlust, die Erfahrung eines schmerzlich empfundenen Mangels.
Keine Romangestalt, deren Leben nicht von diesem Prinzip durchdrungen und bestimmt wird, keine Person, die nicht Entscheidendes entbehrt. Vor diesem Hintergrund nun mündet der Weg in die dringliche Suche nach dem Verlorenen, ohne daß jedoch die Suchenden ihr Ziel erreichen. Der Roman dehnt sich so auf eine weitere Dimension − die Utopie in verschiedenen Entwürfen − aus.
Vereinzelt, verloren und isoliert bleiben seine Gestalten zurück, oftmals Spielball sie überrollender Zeitläufte, dennoch handelnd schuldig geworden. Einzig das Bewußtsein, die Kenntnis ihrer Schuld dauert fort. Welche Gründe und Erfahrungen nun mögen den Schriftsteller zu einer derartigen Gestaltung seiner Welt bewogen haben? Die Fiktion, die Züge der Realität − und dies beileibe nicht nur für Johnson selbst − trägt, welchem Ziel strebt sie zu, warum stellt sie das Prinzip des Scheiterns in den Mittelpunkt? „Jahrestage“ schildert den Verlust einer Welt und kann vor diesem Hintergrund zugleich als Roman der Heimatlosen, Entwurzelten, aber auch Heimatsuchenden begriffen werden. Der Roman thematisiert Heimat in verschiedenen Entwürfen und Ausprägungen, ohne jedoch der Verklärung anheim zu fallen. Stets ist es die Historie, die dem Idyll entgegenwirkt, Bedrohung und Gefahr in seiner unmittelbaren Umgebung ansiedelt und es so problematisiert. So irren letztlich alle maßgeblichen Gestalten im Beziehungsgeflecht der „Jahrestage“ umher, auf der Suche nach Heimat − im Gegenüber, in der Arbeit, in abstrakten utopischen Entwürfen.
Zum Gegenstand dieser Untersuchung sei deshalb die Thematik der verlorenen Heimat gewählt, die eine wesentliche Verbindung zwischen den Männerfiguren − Heinrich Cresspahl, Jakob Abs, Jonas Blach und Dieter Erichson alias D.E. − und natürlich der Hauptperson Gesine Cresspahl schafft. Der frühe Roman „Mutmaßungen über Jakob“ wird aufgrund der engen Verflechtung mit den Jahrestagen in die Arbeit einbezogen.
1
2 Heimatkonzeptionen in Mutmaßungen über Jakob und Jahrestage
2.1 Personelle und landschaftliche Verortung
2.1.1 Heinrich Cresspahl
In jüngeren Jahren präsentiert sich Heinrich Cresspahl dem Rezipienten als Vorform des modernen Europäers, ein ungebundener Charakter, flexibel in der Wahl seines Wirkungsortes: Obgleich in Mecklenburg geboren, scheut er sich nicht, in die Niederlande und nach England zu emigrieren und sich dort eine Existenz als Tischler aufzubauen. 1931, in seinem 43. Lebensjahr, tritt jedoch eine Wendung in seinem Leben ein: Heinrich Cresspahl, der bis zu diesem Zeitpunkt keine langfristige Bindung eingegangen war, verliebt sich in Lisbeth, die Tochter des Jerichower Unternehmers Albert Papenbrock. Mittelbar erfährt der Leser von seinem Werben um das Mädchen, Unverständnis klingt aus den Worten der Tochter Gesine: „Wie weit war Cresspahl vom Ekel, als er Tag nach Tag im August 1931 in Jerichow vertat, ein gesunder Mensch als Müßiggänger mitten in der Ernte, blind vor Verstrickung in sein Bild von der jüngsten Tochter Papenbrocks, als sei sie für sein Leben die einzig Nötige?“ 1 Später dann bestätigend, bekräftigend: „Er hat sich vergessen.“ 2 Der lebensbezogene Praktiker verliert sich beinahe in seiner Verliebtheit, blendet demzufolge alles Störende aus. Lisbeths strenge Religiosität, die wenige Jahre später in einer Schuldpsychose gipfeln wird, bleibt ihm verborgen. Binnen kürzester Zeit gründet er seine Welt, sein Leben auf diese Frau − oder eher die Vorstellung, die er sich von ihr macht −, die Tischlerei als konstitutives Element tritt in den Hintergrund.
„Jahrestage“ propagiert jedoch kein familiäres Idyll, trägt doch die Ehe von Anfang an den Keim des Zerfalls in sich. Zu tief wurzelt Lisbeth im heimatlichen Mecklenburg, als daß sie in Richmond glücklich werden könnte. Ihre Identität ist allzu eng mit der Landschaft, den Menschen, der Seinsart dort verknüpft. Vor diesem Hintergrund können Cresspahls Bemühungen nichts fruchten, insofern er ihre Not nicht richtig deuten kann, sie verkennt: „Und Cresspahl sah nicht, dass sie getröstet werden wollte! Cresspahl kam vergnügt zu den Mahlzeiten heraufgestiegen und streckte die Beine lang unter den Tisch und lobte das Essen. Und sie sah etwas Neues an ihm: er vermochte seine Ohren zu verschließen. Was er nicht hören wollte lief ab wie Wasser an seiner wachsamen freundlichen Miene.“ 3
1 Johnson, Uwe, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Bd. 1, Frankfurt/M. 1993, S. 85 (14. Sept.).
2 Ebd., S. 88.
3 Ebd., S. 123 (27. Sept.).
2
Von Anfang an erscheint die Kommunikation zwischen den Ehepartnern fundamental gestört. Lisbeth erwartet sich größeres Einfühlungsvermögen von Seiten Heinrichs, während dieser auf klare Worte angewiesen wäre. Ihre Seelennot, die aus der Tatsache resultiert, daß sie von all ihren Erfahrungen und vertrauten Bindungen abgeschnitten ist, dringt nicht an sein Ohr. Als erschwerend, ja kommunikationshemmend, erweist sich der strenge, unnachsichtige Glaubensansatz der jungen Ehefrau. Cresspahl, der solide, praxisbezogene Handwerker und in sozialdemokratischen Grundsätzen verhaftet, schließt sich bewußt aus diesem wesentlichen Teil ihres Lebens aus. Trotz aller Hemmnisse birgt die Zeit in Richmond für das Paar Augenblicke ungetrübten Glücks. Auf lange Sicht jedoch muß die junge Frau in die identitätsstiftende Umgebung und Welt, nach Mecklenburg, zurückkehren. Wie stark ihre Anziehungskraft auf Cresspahl ist, wie tief er sich an sie gebunden fühlt, erweist sich, als er sich zur Rückkehr nach Jerichow entschließt. Um Lisbeth nicht zu verlieren, verschließt er die Augen vor der drohenden Gefahr der heraufdämmernden Diktatur, handelt wider besseres Wissen. Seine Frau erscheint ihm als die sinnstiftende Kraft im Leben, als Fundament, als Zielpunkt.
Mit der Ansiedelung in Jerichow vollzieht Heinrich Cresspahl einen endgültigen Schritt, wird er doch die Stadt bis zu seinem Tod − mit Ausnahme seiner Haftzeit − nicht mehr verlassen. Im Gegensatz zu Lisbeth, die buchstäblich an der Heimat zugrunde geht − genauer an der Umkehr und Pervertierung ihr vertrauter Wertvorstellungen − übersteht er die Wechselfälle der Geschichte, wenngleich nicht unbeschadet und mehr als einmal in seinem Lebensnerv getroffen. Der Landstrich, in den er wider alle Vernunft zurückkehrt, nimmt ihn nach und nach in sich auf, ergreift Besitz von ihm. Nicht einmal die neuerliche Errichtung einer Diktatur bewegt ihn zu einem Sinneswandel, so tief wurzelt er in der vertrauten Umgebung. Mutmaßungen über Jakob zeichnen von Cresspahl das Bild eines heimatverbundenen, bodenständigen Mannes: „Mein Vater war achtundsechzig Jahre alt in diesem Herbst und lebte allein in dem Wind, der grau und rauh vom Meer ins Land einfiel hinweg über ihn und sein Haus“ und weiter heißt es: „Er ging viel über Land in Manchesterzeug und langen Stiefeln, da suchte er nach alten Truhen und Bauernschränken.“ 4 Vollkommene Harmonie, trautes Glück in heimatlicher Umgebung, stellen sich jedoch auch für den alten Mann nicht ein. Allein lebt er, „entbehrt“ seine Tochter Gesine und mit ihr die Kommunikation über gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen. Cresspahl ist einsam, kein Gedanke an ein privates Idyll oder erfülltes Alter.
4 Johnson, Uwe, Mutmaßungen über Jakob, Frankfurt/M. 1992, S. 8f.
3
Verklärende, harmonisierende Darstellungen liegen Johnson fern, sind sie doch nicht in seiner Vorstellungs- und Erfahrungswelt verankert. Statt dessen entsteht der schmerzhafte Eindruck eines blinden Flecks, einer Leerstelle, unter der alle Betroffenen leiden. Das Gefühl des Mangels durchzieht alle Tiefenschichten des Johnsonschen Werks, läßt dauerhaftes Glück oder zufriedene Ausgeglichenheit nicht zu.
2.1.2 Das Kind Gesine Cresspahl
In dieser Phase ihres Lebens ist auch Gesine auf der Suche nach Vorbildern und Identifikationsmöglichkeiten. In der Regel eifern Kinder ihren Eltern nach, bemühen sich demnach das Verhalten der Bezugspersonen zu übernehmen.
Gesine Cresspahl kennt von klein auf nur einen Fixstern an ihrem Horizont, den Vater. Lisbeths religiöser Wahn verschärft sich in Alternation mit dem Machtausbau der Nationalsozialisten und bald schon wirkt sich die Verstrickung der Mutter gravierend auch auf das Leben der Tochter aus. Heinrich Cresspahl, machtlos angesichts des Leidens seiner Frau, sucht Gesine vor dem Zugriff Lisbeths zu schützen. Besonders das Regentonnen-Erlebnis prägt das Mädchen und wird als traumatische Erinnerung seinen weiteren Weg überschatten. Zwar tritt die Mutter aus Gesines Leben, die Spur, die sie hinterläßt, ist jedoch nicht auszulöschen. Ausgeblendet wird der mütterliche Teil, als Cresspahl die Tochter aus der Wassertonne zieht. Nach dieser „zweiten Geburt“ empfindet sie sich endgültig als „Vaters Tochter“ 5 . Die Rolle der Mutter als Lebensspenderin, als schützende und bewahrende Instanz, wird mit dieser Szene in ihr Gegenteil verkehrt: In ihrer Verblendung will Lisbeth ihr Kind dem gestrengen Gott opfern und es gleichzeitig vor dem Sündenfall, der Schuldverstrickung bewahren. Mit dem Sturz Gesines in die Regentonne verknüpft sich somit auch die Selbstaufgabe der Mutter, die Resignation angesichts einer Schuld, die nicht vermieden werden kann. Cresspahls Eingreifen durchbricht dieses Kontinuum im Bezug auf die Tochter. Nie wird Gesine unter der Last zusammenbrechen wie Lisbeth, im Gegenteil, sie nimmt die Verantwortung an, stellt sich sowohl der Schuld- als auch der Erinnerungsproblematik. Dies impliziert auch den Verzicht auf Harmonisierung der Vergangenheit, den bewußten Umgang mit der eigenwilligen, kaum faßbaren „Katze“ Erinnerung, der schließlich in die Auseinandersetzung mit dem kindlichen Trauma mündet. 6
Das Wassertonnen-Erlebnis zieht die vollständige Fixierung Gesines auf den Vater nach sich. Mit dem Tod der Mutter wird die Vater-Tochter-Bindung endgültig auf Exklusivität, auf
5 Johnson, Uwe, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Bd. 2, Frankfurt/M. 1993, S. 619 (19. Jan.).
6 Vgl. Hofmann, Michael, Uwe Johnson, Stuttgart 2001, S. 211ff.
4
Arbeit zitieren:
Anne-Bärbel Kirchmair, 2002, Beziehungsgeflecht im Zeichen von Heimat- und Identitätsthematik. Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" und "Jahrestage", München, GRIN Verlag GmbH
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