2
1. Einleitung
Mit diesen Sätzen beginnt Rémond de Sainte Albine seine Abhandlung über den Comédien. Nach eigener Einschätzung die erste also, die sich nicht mit den Regeln zum Arrangieren eines Theaterstückes befasst, sondern sich derart ausführlich der Aufführung zuwendet. So gesehen ist er Pionier - keiner forderte vor ihm einen Schauspieler, der sein Handwerk zur Kunst erhebt und befreite sich dabei "définitivement des règles de l'action oratoire" 2 (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass schon gut 30 Jahre zuvor Franciscus Lang in seiner Abhandlung über die Schauspielkunst vom Schauspiel als "schickliche Biegsamkeit des ganzen Körpers und der Stimme, die geeignet ist, Affekte zu erregen" 3 sprach). Nachdem de Sainte Albine somit 1747 dem zeitgenössischen Schauspieler ein Regelwerk angeboten hatte, das Antworten auf alle Fragen liefern sollte, die sich beim Vorführen einer Rolle stellen mögen, meldete sich 1750 Riccoboni zu Wort. Auch wenn die zwei insofern dasselbe Ziel verfolgten, die Schauspielerei als Kunstform zu begreifen, unterschied sich Riccobonis Auffassung im Grundsatz von der de Sainte Albines.
In den 1770er Jahren entstand Diderots Paradoxe sur le comédien. Er nahm Bezug auf den Dialog zwischen de Sainte Albine und Riccoboni und entwickelte darüber hinaus das Paradoxe, in dem die Arbeit des sublimen Schauspielers seiner Auffassung nach besteht.
Im Folgenden soll anhand der theatertheoretischen Texte de Sainte Albines, Riccobonis und Diderots die Abwendung von der doctrine classique aufgezeigt werden. Auch das Anknüpfen an Verfahrensweisen der antiken Rhetorik, wie es für
1 SAINTE-ALBINE, Rémond de: Le Comédien in: Sept traités sur le jeu du comédien: de l'action oratoire à l'art dramatique (1657-1750), éd. par S. Chaouche, Paris 2001, S. 543.
2 CHAOUCHE, Sabine (Hg.): Sept traités sur le jeu du comédien: de l'action oratoire à l'art dramatique (1657-1750), Paris 2001, S. 515.
3 LANG, Franciscus: Abhandlung über die Schauspielkunst, in: Seelen mit Methode, hg. von J. Roselt, Berlin 2005, S.79.
3
die klassische Doktrin typisch war, soll verdeutlicht werden. Nicht zuletzt sollen die teils diametral entgegengesetzten Ansichten der drei Theoretiker untereinander verhandelt und verglichen werden. Interessant ist hierbei auch, die Neuerung, also die Aspekte um die die Schauspieltheorie jeweils bereichert wird, näher zu beleuchten. Hierbei wird keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, es werden lediglich einige exemplarische Punkte untersucht. Das heißt, es soll zunächst Grundlegendes aus dem Regelwerk der großen doctrine classique, die bis heute als "Zentralbegriff des 17. Jahrhunderts" gilt 4 , dargelegt werden, um dieses dann den neuen Vorstellungen, die heute als die des Illusionstheaters des 18. Jahrhunderts gelten, gegenüberzustellen. Wie sich im Verlauf der Untersuchung zeigen wird, ist es dafür sinnvoll die Klärung einiger Begriffe der antiken Rhetorik vorauszuschicken. Diese Fachtermini werden zur Transparenz und Vergleichbarkeit beitragen.
4 HARDT, Ulrike geb. Schenk: P. Corneille und die doctrine classique. Eine stilistische Untersuchung seiner Komödienvarianten., Köln 1987, S. 15.
4
2. Termini
Bereits in der Antike - bei Aristoteles, Cicero und Quintilian - ist das grundlegende System der Rhetorik vorhanden. 5 Stark vereinfacht sollen im Folgenden nun die für unser Thema relevanten Begriffe geklärt werden.
Ein jeder potentielle Redner hat von vornherein über gewisse Voraussetzungen zu verfügen. Das heißt lapidar zunächst einmal, dass er im Stande sein muss zu sprechen. Diese natürlichen Grundanlagen bezeichnet die antike Rhetorik als natura. Sie muss mittels Einübung (exercitatio) des Regelsystems (doctrina) trainiert werden, bis das Handwerk derart ausgefeilt ist, dass man es Kunst, also ars nennen kann. Dabei muss der Redner beachten, was sich auf der Bühne darzubieten geziemt, sowohl in Rede als auch in Ausdruck muss der Redner Rücksicht darauf nehmen, was als angemessen, schicklich, konvenient gilt. Dieser Aspekt wird als decorum bezeichnet.
Für die Darbietung auf der Bühne, findet man nach antiker Auffassung seine
6 . Diese Vorbilder in der Natur, beispielsweise in der außerliterarischen Realität Nachahmung hieß imitatio naturae, Nachahmung der Natur. 7 Die Nachahmung kann durch Ausmerzung von Fehlern prozesshaft verbessert werden, diesen Vorgang nennt man perfectio, das Ergebnis: die Überbietung, aemulatio. 8
5
vgl. Olaf Kramer: „Was ist Rhetorik?“,
6 UEDING, G. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1992 ff., Bde. I, III und IV.
7 Im Folgenden wird diese Sonderform der imitatio auch mit dem allgemeinen Begriff benannt werden, da es auf eine genauere Unterscheidung nicht ankommen wird.
8 alle Begriffe aus dem UEDING, G. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1992 ff.,
Bde. I, III und IV.
5
3. La doctrine classique d'Aubignac (1657)
Die doctrine classique, das Regelwerk der französischen Klassik, setzte der zeitgenössischen Dichtung und damit auch dem Theater enge Grenzen. Nicht selten wurden Theaterstücke seinerzeit überarbeitet, um dieser Doktrin gerecht zu werden. 9 Der Name classique rührt daher, dass sich zu dieser Zeit eine Rückkehr zu den klassischen Regeln der Kunst abzeichnete; will heißen eine Rückbesinnung auf schon erwähnte Philosophen der Antike und deren Theorien zur Kunst. So wurde die Poetik des Aristoteles ausgesprochen häufig paraphrasiert und war von großer Autorität, gleichfalls die Ars poetica des Horaz. 10 D'Aubignac, der bekannteste Theoretiker der doctrine classique, ist in seiner pratique du theatre bemüht, die pratique nicht zu kurz kommen zu lassen, also illustriert er seine Thesen mit Beispielen aus der Praxis. Er operiert im Wesentlichen mit drei Begriffen: imitatio, bienséance und vraisemblance. Jeder der Begriffe ist eng mit beiden anderen verstrickt:
3.1. Die imitatio bei d'Aubignac
Unter der imitatio ist hier etwas mehr zu verstehen, als die einfache Vorbildhaftigkeit einer außerliterarischen Realität. Begrenzt ist diese Vorbildhaftigkeit in der bienséance: "C'est une maxime général que le vrai n'est pas le sujet du théâtre, parce qu'il y a bien des choses véritables qui ne doivent
9 vgl. Hardt (1987): Die gesamte Dissertation behandelt Corneille und wie die doctrine classique beeinflusste.
10 BRAY, René: La formation de la doctrine classique en France, Paris 1963, S.368ff.
11 NEUSCHÄFER, Hans-Jörg: D'Aubignacs Pratique du théâtre und der Zusammenhang von imitatio, vraisemblance und bienséance, in: La pratique du théâtre (und andere Schriften), Genf 1971, S. XXI.
Arbeit zitieren:
Veronika Harder, 2008, Illusionstheater- Das Paradox des Schauspielers, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Romanistik - Französisch: neuer Titel erschienen: Illusionstheater- Das Paradox des Schauspielers
Veronika Harder hat einen neuen Text hochgeladen
Viaje a Tahití ; seguido de Suplemento al viaje de Bougainville o Diál...
Louis Antoine de Bougainville, Denis Diderot, Mateu Grimalt
Diderot on Art, Volume I: The Salon of 1765 and Notes on Painting
Denis Diderot, Diderot, John Goodman
Diderot Pictorial Encyclopedia of Trades and Industry, Vol. 2
Denis Diderot, Charles Coulston Gillispie
0 Kommentare