Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
Hauptteil 2
Der Alchemist 2
Über die Geschichte der Alchemie 2
Die Umsetzung im Sandmann 4
Der Mechaniker 11
Die Hintergründe 11
Die Umsetzung im Sandmann 12
Schluss - Kritik an Wissenschaft und Technik 19
Literaturverzeichnis 20
Textausgaben 20
Sekund ärliteratur 20
Internetquellen 22
Anhang 22
Einleitung
Das erste Werk, welches unter dem Titel Nachtstücke veröffentlicht wurde, ist Der Sandmann, den E.T.A. Hoffmann laut eigener Angabe am 16.11.1815 nachts 1 Uhr zum Abschluss brachte. Früher war der Begriff „Nachtstück“ nur für Gemälde, die dem Betrachter besonders schaurige Anblicke oder nächtliche Szenerien boten, angewendet worden. Dass die Übersetzung der pictura opaca auch für den Sandmann treffend gewählt wurde, erahnt der Leser spätestens beim Auftritt des gefürchteten hässlichen Sandmanns. Das Schauerliche und die Grenzen der Naturgesetze Überschreitende im Sandmann scheint das Interesse der Leser mehr zu wecken als die inhaltlichen Aspekte, die über die damalige wissenschaftlichen Errungenschaften und die Einstellung der Gesellschaft dieser gegenüber Auskunft geben können. So wird neben den Motivkomplexen „Auge“ und „Automat“ in der Sekundärliteratur zum Sandmann nicht so sehr auf die schöpferischen Wissenschaftler als vielmehr auf die Kreaturen eingegangen, die von ihnen geschaffen worden sind. Es werden Fragen nach der Bedeutung von Olimpia gestellt, aber weniger oft wird gefragt, wie Spalanzani dargestellt wird und welche Interpretationen sich daraus ableiten lassen. Ebenso häufig charakterisiert man Nathanael und seine Angst vor dem unheimlichen Coppelius und dem seltsamen Coppola und lässt dabei den Vater Nathanaels, der an das „Ungeheuer“ durch eine Art Vertrag gebunden zu sein scheint, größtenteils ins Hintertreffen geraten. Die nachfolgende Arbeit soll sich nun damit beschäftigen, wie Forscher und Wissenschaftler sowie ihr Werk im Sandmann beschrieben werden und welche Deutungen sich daraus ergeben. Dabei ist es natürlich unerlässlich, auch Olimpia, Nathanael und Coppelius zu erwähnen −vor allem, wenn es darum geht, die Schöpferrolle der beiden letztgenannten Figuren darzustellen.
1
Hauptteil
Der Alchemist
Über die Geschichte der Alchemie
Bilder von zweifelhaften Gestalten, die im Verborgenen geheimnisvolle Versuche machen und Vorstellungen einer dunklen, mit Magie verbundenen Macht, haben dazu beigetragen, dass die alchemistische Wissenschaft oft nur als „ein dunkler Auswuchs eines merkwürdigen Zeitalters“ 1 verstanden wird.
Die Ursache dieser Fehleinschätzung liegt wohl zum einen darin, dass die Alchemie seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr als Wissenschaft akzeptiert wird und stattdessen in den Bereich des Okkulten abgedrängt und gar zum Thema diverser Geheimbunde wurde. 2 Zum anderen hat die kryptische Ausdrucksweise, in der alchemistische Schriften und Versuchsanleitungen geschrieben wurden, wohl die Phantasie der Leser beflügelt und allerlei Einbildungen verursacht. Hinzu kommt noch, dass die jüdischen und arabischen Alchemisten die Lehren der Kabbala einfließen ließen. 3
Trotz aller Mystik hat die Alchemie ihren Ursprung in der Naturphilosophie von Demokrit und wurzelt auch in den Prinzipien der aristotelischen Lehre der vier Elemente.
Im Grunde ging es bei der ursprünglichen Alchemie vordergründig nicht so sehr um die Transmutation irgendwelcher Metalle oder die Herstellung des lapis philosophorum, sondern um die Transmutation des Adepten selbst, die auf die Erkenntnis abzielt, was Schöpfer und Schöpfung miteinander
1 GEBELEIN, Helmut: Alchemie. München 1991, S. 99.
2 Vgl.: ebd., S. 19.
3 Auch diese auf Zahlenmystik beruhende Seelenlehre geht eigentlich auf den Neuplatonismus zurück und wurde erst später „mystifiziert“.
2
verbindet. Die Alchemie war zwar keine Religion, aber sie konnte nicht losgelöst von einer religiösen Einstellung betrieben werden. Um zu dieser höchsten Erkenntnis zu gelangen, musste der Alchemist die Natur erforschen. Dass dies nicht nur in praktischer Weise durch Experimente, sondern auch durch geistige und psychische Übungen erfolgte, beweisen die frühesten griechisch-alexandrinischen Schriften, die die Alchemie betreffen. In ihnen findet der Leser neben der Auflistung stofflicher Reaktionen auch etliche Symbole und Traumbilder, die viel über die menschliche Psyche verraten. 4 Die Alchemie ist also eigentlich ein „synthetisches, d.h. alles einbeziehendes, metaphysisch bestimmtes Konzept der Naturerforschung.“ 5
Die oben erwähnte kryptische Ausdrucksweise in den Aufzeichnungen sollte zum einen verhindern, dass Uneingeweihte das größte Geheimnis erfahren und zum anderen dem Alchemisten den Weg zur Erkenntnis erschweren. 6 Die für Außenstehende undurchschaubaren Formulierungen hatten aber auch zur Folge, dass sich im Laufe der Zeit die Meinung verfestigt hat, Alchemisten wollten menschliche Kreaturen im Glaskolben, sogenannte Homunculi erschaffen. Die Beschreibung der Erschaffung eines menschlichen Wesens ist nur allegorisch aufzufassen. Aus Gründen der Geheimhaltung wurden chemische Elemente personifiziert und konnten nur von Eingeweihten „übersetzt“ werden. Aber auch um die alchemistischen Bücher zu schmücken, wurden Bilder eingefügt, auf denen die chemische Reaktion als menschliche Vereinigung gleichnishaft dargestellt wird. 7
4 Vgl.: PRIESNER, Claus; FIGALA; Karin: Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft. München 1998, S. 9.
5 Ebd., S. 9.
6 Ein Lehrsatz, der in solchen Büchern immer wieder auftaucht, ist: „Du musst alles selber machen“ Vgl.: GEBELEIN, S. 88.
7 Im Anhang befindet sich ein solches Bild aus GEBELEIN, S. 277.
3
Ich denke, dass auch durch Werke wie Goethes Faust und natürlich Hoffmanns Der Sandmann diese nicht haltbare, aber umso geheimnisvollere und schaurigere Vorstellung des Menschen erschaffenden Alchemisten weiter verbreitet wurde.
Die Umsetzung im Sandmann
In E.T.A. Hoffmanns Werk Der Sandmann wird Nathanael in seiner Kindheit mit den -wahrscheinlich alchimistischen- Experimenten seines Vaters konfrontiert. Als kleiner Junge ist es ihm über Jahre hinweg nicht bewusst, womit sich eigentlich der Vater und der „fürchterliche Sandmann“ 8 , der sich später als der alte Advokat Coppelius entpuppt, was aber nicht minder Grauen erregend ist, beschäftigen. Das verängstigte Kind sieht den Familienvater und Patriarchen „stumm und starr“ sitzen und sich gegen Coppelius betragen, „als sei er ein höheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten müsse.“ 9 Darin sieht wohl das Kind seine Furcht vor Coppelius noch mehr begründet, da sogar der Vater, dem alle anderen Familienmitglieder Folge zu leisten haben, sich dem alten Rechtsanwalt unterwirft. 10
Nathanaels Schilderung seiner kindlichen Eindrücke lassen vermuten, dass es sich bei den Handlungen während der abendlichen Treffen seines Vaters mit Coppelius tatsächlich um „alchymistische Versuche“ 11 handelt,
8 Wenn nicht anders angegeben, wird nach folgender Ausgabe zitiert: E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag und einem Nachwort von Jochen Schmidt. Frankfurt a.M., Leipzig 1986, S. 14.
9 Vgl.: Hoffmann, S. 16.
10 Dass es sich beim Vater um die gebietende Person in der Familie handelt, wird am unterwürfigen Verhalten der Mutter deutlich. Sie kann den Vater nicht überzeugen, die Besuche des Coppelius zu unterbinden. Vgl.: S. 19.
11 Während Nathanael auch als Erwachsener nicht in der Lage ist, eine rationale Erklärung dafür zu formulieren, kann Clara dies umso besser. Vgl.: S. 22.
4
Arbeit zitieren:
Julia Braun, 2010, "Der Alte hat's verstanden!", München, GRIN Verlag GmbH
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