Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - 3 -
2. Die Gesellschaft im Ausgang des 19. Jahrhunderts. - 4 -
3. Soziale Schichtung - 7 -
3.1 Die Schichten im Einzelnen - 9 -
4. Die Familie - 11 -
5. Die Typen der Familie. - 12 -
5.1 Die bürgerliche Familie. - 13 -
5.2 Die ländlich- bäuerliche Familie - 15 -
5.3 Die Arbeiterfamilie - 17 -
6. Quellenverzeichnis: - 20 -
7. Literaturverzeichnis: - 20 -
8. Abbildungsverzeichnis - 21 -
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Im Rückblick gilt die Wilhelminische Ära vielen als „die gute alte Zeit“. Die Ältesten haben noch lebendige Erinnerungen; sie waren Kinder oder Jugendliche, gingen in Matrosenkleidung, auch die Mädchen hörten mitunter respektvoll von „Seiner Majestät“ reden, und wenn sie Glück hatten, erblickten sie einmal die stattliche Erscheinung in Uniform und Ordensschmuck, mit dem charakteristischen Zwirbelbart, den jeder zweite Bürovorsteher und Dorfpolizist zum Zeichen entliehener Würde trug (Zentner 1986, S.7).
1. Einleitung
Je weiter diese Zeit zurückliegt, und die Zeilen des Zitates sind mittlerweile auch vor über zwanzig Jahren geschrieben worden, desto mehr tritt Wissen über die Kaiserzeit in den Hintergrund. Es wird dazu noch überlagert durch die übermächtige Position der Zeit des Nationalsozialismus in der Geschichte, sowie der Schrecken des zweiten Weltkrieges. Diese Ausarbeitung stellt den schriftlichen Teil zum Referat dar, welches im Rahmen des Blockseminars „Kindheit und Jugend im Kaiserreich“ im Herbsttrimester gehalten wurde. Begreift man das deutsche Kaiserreich (1871-1918) als Keimzelle vieler moderner Bewegungen und als Ort der Entwicklung eines modernen bürgerlichen Systems wird klar, dass mit Blick auf aktuelles Geschehen die Retrospektive nicht vernachlässigt werden kann. Wenn es um das Kaiserreich geht, ist dieser Blick jedoch oft getrübt durch eine Versöhnlichkeit, die ferne Rückblicke oft mit sich bringen. Gerade vor dem Hintergrund der Schrecken des 2. Weltkrieges und der Verbrechen der Nationalsozialisten ist im Vergleich dazu die deutsche Kaiserzeit für die meisten mit wenig aber positiv gefärbten Wissen präsent. Aber vor welchem Hintergrund? Gerade das Kaiserreich ist in der Geschichtswissenschaft eines der Gebiete, welches die gravierendsten Veränderungen im gesellschaftlichen System erlebt hat.
Im Seminar beschäftigten wir uns im Schwerpunkt mit der Frage ob das Kaiserreich nun ein Obrigkeitsstaat war, welcher Kaiserhörig und unfähig zu Reformen war oder aber der sich durch die verschiedensten Prozesse sogar auf dem Weg der Demokratisierung befand. Mit Blick auf in der Prosa oftmals autoritär dargestellte Figuren der Zeit, wie den schlagenden Lehrer oder den herrischen Vater, stellte sich auch die Frage wie nun die sozialen System und Institutionen im Kaiserreich situiert waren. Autoritär oder auf dem Weg in die Liberalität? Im Kontext dieser Bezüge wurde unter anderem diskutiert, wie sich die Familienerziehung im
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Kaiserreich gestaltete und wie „modern“, mit Blick auf soziale Dynamik, das Bildungssystem war.
Ziel dieser Ausarbeitung ist die weiterführende Betrachtung der Sozialstrukturen von Familien in Abhängigkeit einer Schicht. Dazu soll zunächst das Kaiserreich geschichtlich verortet, Situation und Rahmenbedingungen dargestellt werden und um ein umfassendes Bild zu erhalten, soll weiterhin versucht werden, die Umstände der soziokulturellen Entwicklung im deutschen Reich anzureißen. Es werden gesellschaftliche Rahmenbedingungen beleuchtet und es soll auf Wandlungen innerhalb der Gesellschaft eingegangen werden, um dann die soziale Schichtung darzustellen.
Mit Blick auf die Schicht soll dann jeweils, repräsentativ, ein Familienkonstrukt näher beleuchtet und vergleichend dargestellt werden. Mit Blick auch auf Zahlenverhältnisse, ist es so möglich einen kritischen Blick auf soziokulturelle Strukturen des Kaiserreiches zu gewinnen.
2. Die Gesellschaft im Ausgang des 19. Jahrhunderts
1871 ist das Jahr der Gründung des Deutschen Reiches und soll als Ausgangspunkt für diese Betrachtung dienen. Mit der Krönung Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 begann eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs, welche als die Gründerjahre in die Geschichte eingegangen ist (vgl. Zentner 1986, S. 362). Ihr voraus ging die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, welcher hier in seiner politischen Bandbreite nicht weiter erläutert werden soll. Der offizielle Friedensschluss erfolgte am 10. Mai 1871 und hatte neben der Abtretung Elsass-Lothringens an das Deutsche Reich auch die Zahlung von Kriegskosten in Höhe von 5 Milliarden Goldfranc zur Folge. Das Kriegsende und die Gründung des deutschen Reiches, welche mit der Verkündung im Schloss zu Versailles schon am 18. Januar 1871 gebührend begangen wurde, waren der lang erwartete Anstoß für das Erwachen und Erstarken eines nationalen Stolzes, welcher sich seit Anfang des Jahrhunderts langsam entwickelt hatte (vgl. Tenbrock 1968, S.206ff). Eine tief greifende Veränderung für das nationale Bewusstsein zog sich durch alle Schichten. Zeitgenössisch notiert die Baronin Spitzemberg am 3. März 1871: „Und was für ein Friede für uns Deutsche! Herrlicher und glorreicher als wir je einen geschlossen! Vereint zu einem Reiche, dem größten, mächtigsten, gefürchtetsten in Europa, groß durch seine physische Macht nicht allein, größer noch durch seine Bildung und den Geist der das Volk durchdringt!“ (Vierhaus 1960, S.121). Sehr treffend beschreibt dieser Satz einen Prozess der Moderne; die Pragmatik liegt in der
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Erkenntnis der Macht durch Bildung, wobei dies in erster Linie die Haltung oberer Schichten repräsentiert.
Mit dem nun folgenden Aufschwung des Reiches, forciert durch Reparationszahlungen und die voranschreitende Entwicklung im Rahmen von Industrialisierung und technologischer Revolution, entwickelten sich soziale Strukturen, die nicht mehr nur von der Herkunft abhängig sind, sondern Status durch das Wesen dessen definierten, was im Laufe eines Lebens erreicht und geschaffen wurde. Hierauf soll im Folgenden noch näher eingegangen werden. Eine Folge dieses neuen Bewusstseins gepaart mit wirtschaftlichen Möglichkeiten ist die explosionsartige Vergrößerung des Mittelstandes (vgl. Groppe 2001, S.24). Politisch ist die folgende Zeit gekennzeichnet durch eine friedenssichernde Bündnispolitik Otto von Bismarcks, dem ersten Reichskanzler des deutschen Reiches. Deutschland etabliert sich und seine Stellung als mitteleuropäischer Ordnungsfaktor, wird toleriert und respektiert (vgl. Tenbrock 1968, S.210f). Dem Reich gibt Bismarck eine Verfassung die, in Relation zur vorherigen Zeiten, sehr liberal ist. Hinzu kommt ein weiterer, für die spätere Betrachtung wesentlicher Faktor, welcher die Gesellschaft im neuen deutschen Reich prägte und von Bismarcks Anhängern auch Kulturkampf genannt wurde. So betrachtete der Reichskanzler die Unfehlbarkeit des Papstes, welche 1870 zum Dogma erhoben wurde, als Schmälerung der staatlichen Autorität und brach die diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan ab. In seinem Wirken gegen die katholische Kirche verband sich Bismarck mit liberalen Kräften, was von Anhängern des Liberalismus als Chance zur Überwindung des Einflusses der Kirche und somit als Möglichkeit für kulturellen Fortschritt betrachtet wurde. Auch wenn Bismarck diesen politischen Weg wegen Friktionen mit weiten Kreisen von katholischen Gläubigen Preußens und deren Ansichten später wieder aufgab, blieb eine weit größere Distanz zur Kirche und mehr Eigenverantwortung als Ergebnis dieser Entwicklung zurück (vgl. Tenbrock 1968, S. 214f).
Die Erweiterung und Veränderung des geistigen und kulturellen Lebens hing zum einen mit den ökonomischen Veränderungen zusammen, beruhte aber zum andern auch auf dem Ausbau des Bildungswesens. Ein vielgestaltiges und sozial längst nicht mehr so stark differenziertes Schul- und Bildungssystem mit einem, für damalige Verhältnisse, immer größer werdenden Maß an Flexibilität war das Ergebnis der sukzessiven Umstrukturierung des Bildungssystems (vgl. Charle 1996, S.104f). Unabhängig von Herkunft, Stand oder Geburtsort wurde prinzipiell für jeden Bürger die Möglichkeit geschaffen, höchste Schulabschlüsse und Qualifikationen zu erwerben. Die Erweiterung des höheren Schulwesens umfasste unter anderem auch die
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Zulassung der Mädchen zu höherer Bildung. Dies hatte beträchtliche kulturelle Auswirkungen, da die erworbenen Qualifikationen nur begrenzt in einem beruflichen Kontext ausgeübt werden konnten. Eingedenk dessen, dass Bildung sehr Geld- und Zeitintensiv war und somit die weiblichen Schülerinnen in höheren Schulinstitutionen immer noch meist aus besseren Verhältnissen kamen, verwundert es nicht, dass diese Frauen später auch zu den Hauptkulturkonsumentinnen zählten (vgl. Charle 1996, S.106). Nicht zuletzt durch ihre immer gleichberechtigter werdende Partizipation am neuen Bildungs- und auch Kultursystem veränderte sich eben dieses System, unter anderem eben auch durch weibliche Initiative, insgesamt in eine liberalere Richtung. Dies alles natürlich im Kontext der Zeit; von Gleichberechtigung oder gleichen Aufstiegschancen in Bezug auf Herkunft oder Geschlecht kann noch keine Rede sein auch wenn mit dieser Entwicklung ein Grundstein hierfür gelegt wurde.
Auch nach dem Tod Wilhelm I. am 9.März 1888, der Einsetzung Wilhelm II. und dem bald folgenden Abtritt Bismarcks 1890 aus dem politischen Geschehen, war die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs weiterhin wirtschaftlich und sozialgesellschaftlich betrachtet vom Fortschritt geprägt (vgl. Tenbrock 1968, S. 219f). So fand nach und nach der Aufbau eines riesigen Beamtenapparates zur Koordination des Reiches statt und es war starkes Wachstum mit immer moderneren Produktionszyklen sowie wissenschaftlichem Fortschritt auf höchstem Niveau zu beobachten. Deutschland entwickelte sich vom Agrar- zum Industriestaat, der nahezu alle Aspekte des Lebens zu beeinflussen begann. Die Gründe für den wirtschaftlichen Anstieg waren vielfältig und werden in der Literatur unterschiedlich bewertet; sie sollen an dieser Stelle nicht ausführlicher betrachtet werden. Um also die Volksmentalität zusammenfassend zu beschreiben ist weitläufig Optimismus, Engagement, Aufbruchsstimmung und weichende Unsicherheit in Bezug auf die neuen, sich in stetigen Wandel befindlichen Lebensumstände zu konstatieren (vgl. Mommsen 1995, S.12). Treffend fasst es Rudolf Pörtner im Vorwort des Buches Kindheit im Kaiserreich zusammen: „Der Staat, um den es geht, funktionierte hervorragend, öffentliche Diener fühlten sich wahrhaft als Diener. Die innere Sicherheit war gewährleistet. Vaterländische Gefühle wurden weder gebrandmarkt noch verlacht. Die Wirtschaft gedieh. Die Preise waren stabil. Das deutsche Sozialsystem galt in der ganzen Welt als vorbildlich. Deutsche Technik war führend. Schulen und Universitäten leisteten Wertarbeit. In der Internationale der Wissenschaft gab der deutsche Gelehrte den Ton an. Kulturell herrschte Weltoffenheit, ja, ausgesprochene Aufbruchsstimmung. Und die Familie war ein Fels der Ordnung, des Fleißes, der Sparsamkeit“
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Arbeit zitieren:
B.A. Maximilian Stangier, 2008, Die Familie im Kaiserreich im Spiegel der Schichten, München, GRIN Verlag GmbH
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