1. Einleitung
Am Morgen des 6. August 1945 klinkte die Besatzung der Enola Gay ihre tödliche Fracht über der japanischen Stadt Hiroshima aus. Die Atombombe mit dem Namen Little Boytötete unmittelbar bis zu 90000 Menschen 1 . Weitere 40000 starben in den nächsten Monaten qualvoll an den Folgen ihrer Verstrahlungen (vgl. Hillgruber 1996: S.158). Nach dem Abwurf einer zweiten Bombe auf Nagasaki mit ähnlich hohen Opferzahlen kapitulierte Japan. Der Zweite Weltkrieg war beendet ein neues Zeitalter hatte begonnen.
Mit der sowjetischen Aufrüstung und dem sich abzeichnenden Wettrüsten der Supermächte wurde die Vernichtung der gesamten Menschheit im atomaren Höllenfeuer zur realen Möglichkeit. Aus heutiger Sicht ist der Kalte Krieg nicht nur gut ausgegangen, sondern er hat auch für eine Phase der gespannten Stabilität in Europa gesorgt. Für die Zeitgenossen aber war die totale Vernichtung nicht nur vorstellbar, sondern eine tatsächliche Bedrohung.
Ich werde im Folgenden zuerst die historischen Hintergründe der Atomwaffe 2 beleuchten, mich dann der Diagnose der Krise durch den deutschen Philosophen und Schriftseller Günter Anders widmen. Im weiteren Verlauf werde ich dann versuchen aufzeigen, wie sich diese Krise auf das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland ausgewirkt hat.
2. Die Atombombe
Um die Jahrhundertwende werden mit Marie Curies Entdeckung der Radioaktivität und der Aufstellung der Relativitätstheorie durch Albert Einstein grundlegenden Voraussetzungen für die Entwicklung von Nuklearwaffen geschaffen. Im Winter des Jahres 1938 gelang es Otto Hahn auf diesen Erkenntnissen aufbauend erstmals ein Atom zu spalten. Damit war der Weg zur Bombe vorgezeichnet (vgl. Mania 2010: S.187ff).
In Deutschland wiesen Paul Harteck und sein Assistent Wilhelm Groth das Heereswaffanamt in einem Brief auf die Möglichkeit hin, eine nukleare Kettenreaktion zu militärischen Zwecken aus-
einer Waffe um viele Größe (Mania 2010: S.199). Das Deutsche Reich
1 Die Opferzahlen schwanken in der Literatur sehr stark.
2 Die Bezeichnung Atombombe wird in dieser Arbeit für sämtliche Massenvernichtungswaffen verwendet,
die auf der Manipulation von Atomen basieren, also inklusive der Wasserstoff- oder Kobaltbombe. Der
Begriff Kernwaffe wird synonym verwendet.
1
und Uran wurde überall im Reich gesammelt (vgl. Mania 2010: S.200).
Von den Anstrengungen der Deutschen erschreckt, verfassten Albert Einstein und weitere führende Physiker in den USA einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, in dem sie vor den deutschen Bemühungen warnten und forderten, dass die Vereinigten Staaten selbst eine Kernwaffe entwickeln sollten.
Mit dem japanischen Überfall auf Pearl Habor und dem Kriegseintritt der Amerikaner wurden die
Robert Oppenheim gebündelt. Das Programm wuchs rasch an und beschäftigte zu Spitzenzeiten mehr als 100 000 Menschen. Die Gesamtkosten werden auf etwa 2 Milliarden US-$ geschätzt. Dieser Aufwand war erfolgreich und so konnte am 16. Juli 1945 die erste Atombombe mit dem Namen Trinity in der Nähe von Los Alamos getestet werden (vgl. Steiniger S.104).
Neben der Bombe für den Test waren noch zwei weitere Bomben, eine Uran- und eine Plutoniumbombe, gebaut worden, die unverzüglich in Japan verwendet wurde. Bei Abwurf der Atomwaffen war Japan militärisch bereits geschlagen. Truman begründete den Abwurf später mit dem Schutz des Lebens von amerikanischen Soldaten (vgl. Coulmas 2005: S.14). Der Einsatz der Bombe sollte aber auch dazu dienen, die enormen Anstrengungen und Kosten des Manhatten Projektes zu rechtfertigen (Vanden Berge 2002: S.88). Nicht von der Hand zu weisen ist auch, dass
waren die letzten Bomben des Zweiten Weltkrieges gleichzeitig die ersten Bomben des Kalten Kriegesebd.).
Unter dem Eindruck der beiden Explosionen forcierten die Russen ihr Atomprogramm und konnten so das atomare Monopol der USA im 1949 Jahr brechen. Die Amerikaner hatten bis dahin schon mehr als 200 Kernwaffen gebaut. In den folgenden Jahren produzierten beide Seiten immer mehr und immer zerstörerische Bomben. zentralen Austragungsebene des Ost-West- (Balbier u.a. S.26).
Der Koreakrieg war der dramatische Höhepunkt jenes Jahrzehnts nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die erfahrensten und klügsten Köpfe einen Dritten Weltkrieg nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich hielten (vgl. Friedrich 2007). So gab es in Washington ernsthafte Überlegungen für einen massiven Atombombeneinsatz in Korea und China (vgl. Steiniger S.106). Nie wieder kam die Welt dem atomaren Inferno so nahe wie damals.
2
3. Die Diagnose der Krise
Im Folgenden soll dargestellt werden, wie die dargestellte Krise von zeitgenössischen Philosophen aufgedeckt und analysiert wurde. Dazu beschäftige ich mich zunächst mit Günther Anders und anschließend mit Karl Jaspers.
3.1 Die Diagnose durch Günther Anders
des österreichischen Philosophen Günther Anders. Anders beschäftigt sich in seinem Werk kritisch mit Gesellschaft und Technik. Er versucht zu zeigen, welche Auswirkungen die Atombombe für den Menschen und sein Weltbild hat.
Anders argumentiert, dass die Macht des Menschen durch die Atombombe ins Unendliche gesteigert worden ist. Zwar ist der Mensch nicht unbegrenzt in der Lage, Dinge zu erschaffen, aber er kann alle Dinge zerstören. Dieser Machtgewinn, der mit der Atombombe gekommen ist, ist für den Menschen so bedeutsam, dass er die Menschheit grundlegend verändert hat. Diese Allmacht 1980: S.239).
Paradox an dieser neuen Allmacht ist aber, dass der Mensch nur solange allmächtig ist, wie er die Macht nicht ausgeübt hat. Wir können zwar alles zerstören, aber dann existiert nichts mehr. Die Menschheit als Ganze ist also ständig von der Auslöschung bedroht. Damit ist die Existenz des Menschen 1980: S.242).
Anders beschreibt Stufen in der Geschichte der Menschheit. Zuerst seien alle Menschen sterblich gewesen. Spätestens der industrialisierte Mord im zweiten Weltkrieg habe gezeigt, dass alle Menschen tötbar sind. Mit dem Aufkommen der Atombombe sei ein neues Zeitalter angebrochen, weil nun nicht mehr nur gilt, dass jedes Individuum tötbar ist, sondern dass die gesamte Menschheit tötbar ist.
Er beschreibt, dass der Mensch Trost in der Tatsache gefunden habe, dass man zwar sterblich sei, aber dass es einen überlebenden Raum gebe, der fortbestehe. Alles Streben der Menschen nach Ruhm und der Wunsch, nicht vergessen zu werden, kann aber nur gedacht werden, wenn jemand da ist, der sich erinnert. Wenn niemand mehr existiert, der sich an das Gewesene erinnert, dann gebe es keinen Unterschied mehr zwischen dem, was gewesen sei, und dem, was nie war (vgl. Anders 1980: 243ff).
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Anders geht nicht davon aus, dass die menschliche Moral den Einsatz der Bombe verhindern könnte. Er nennt zwei Argumente. Zum einen seien wesentliche Entscheidungen an den Computer verlagert. Der Computer aber rechnet ohne Berücksichtigung der Moral. Der Bediener gebe die Entscheidung an die Maschine ab. Es ist nicht vorgesehen, dass die Entscheidungen des Computers hinterfragt werden. Damit entscheiden nun Maschinen über das Leben von Menschen. Für die Berechenbarkeit wird das menschliche Leben quantifiziert und damit einer Kosten-Nutzen-Rechnung zugänglich.
Zum anderen nennt Anders als einen Grund die soziale Organisation, die zum Bau und Einsatz der Bombe benötigt wird: Die Kompliziertheit der modernen Organisation würde die Durchführung 1980: S.246). Moralisches Handeln wird von der Organisation nicht zugelassen. Der Einzelne in der Organisation kann also gar nicht moralisch handeln. Weil jeder nur für einen kleinen Teil zuständig ist, kann niemand den ganzen Prozess überblicken und beurteilen (Anders 1980: S.246ff).
Bezugnehmend auf die historischen Hintergründe (s.o.) kann man sogar argumentieren, dass die Größe der Organisation nicht nur die Verhinderung verhinderte sondern sogar einer der Gründe für den Einsatz der Waffen waren. Weil die Atombombe da ist, wird sie auch gegen das geschlagene Japan eingesetzt. Nur so schien die Existenz der Organisation gerechtfertigt werden zu können.
Anders beobachtet, dass die Menschen nicht angemessen auf die Situation reagieren. Die Menschheit ist zwar von der Auslöschung bedroht aber die Menschen verhalten sich nicht dementsprechend. Während in früheren Zeiten tologische [..] (Anders 1980S: 276) ausgelöst hätte, bleiben die Menschen zu Zeit von Anders erstaunlich ruhig. Eine angemessene Angst ist nur unter den Wissenschaftlern zu finden. Anders beschreibt somit ein elitäres Phänomen: Die breiten Massen nehmen die Gefahr nicht richtig wahr.
Anders versucht diese Wahrnehmungsdefizite durch den Fortschrittsglauben der Menschen zu erklären. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich ein Glaube an den automatischen Aufstieg der Geschichte durchgesetzt. Da der Fortschrittsglaube auf eine ständige Verbesserung der Dinge setzt, ist er ein ständig fortschreitender Prozess ohne Ende. Der Fortschritt hat kein Ziel, weil einmal Erreichtes immer noch mal verbessert werden kann: (Anders 1980: S.278). In der
Dialektik des 19. Jahrhundert mag es zwar das Negative gegeben haben, aber hier war es stets ein Zwischenschritt zu einer neuen Synthese.
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Arbeit zitieren:
Jan Wessel, 2011, Technik und Selbstzerstörung, München, GRIN Verlag GmbH
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