Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Allgemeine Einleitung 3
1.2 Die Quellenlage zur Schlacht von Cannae 4
2. Historischer Kontext 6
3. Die Schlacht von Cannae 9
3.1 Die Vorbereitung zur Schlacht 9
3.2 Der Schlachtverlauf 10
3.3 Das Ergebnis 12
4. Die drei entscheidenden Gründe für die vernichtende Niederlage 13
4.1 Das Wirken der schweren karthagischen Reiterei 14
4.2 Das Standhalten des karthagischen Zentrums 16
4.3 Das Versagen der römischen Militärführung 18
4.3.1 Die römische Schlachtaufstellung 18
4.2.2 Die Fehlentscheidungen der Konsuln während der Schlacht 20
4.2.3 Das Versagen der römischen Führung nach der Einkesselung 21
5. Die Auswirkungen der Schlacht von Cannae 24
6. Fazit 26
7. Literaturverzeichnis 28
8. Quellenverzeichnis 28
9. Quellen im Internet 28
10. Literatur im Internet 29
2
1. Einleitung
1.1 Allgemeine Einleitung
Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Feldherrn? Glaubt man dem alten deutschen Sprichwort, dass ein guter Feldherr so gut wie eine halbe Armee ist, dann war der Karthager Hannibal Barkas ein guter Feldherr. Denn obwohl die Aussage des deutschen Sprichwortes nicht sonderlich realistisch erscheint, gelang es Hannibal mit seiner Armee während des Zweiten Punischen Krieges im Jahr 216 v. Chr. anscheinend tatsächlich die doppelte Armeestärke der Römer auf der Hochebene Apuliens mit dem Namen Cannae vernichtend zu schlagen. Diese Niederlage ging als eine der schwersten römischen Niederlagen in die Geschichte ein, denn schätzungsweise 65 % der römischen Soldaten überlebten diese Schlacht nicht. Wenn man bedenkt, dass sich die Verluste bei klassischen Schlachten auf ungefähr 5% beliefen, 1 dann kann man bei einer Armeestärke von über 80.000 Legionären erahnen, wie blutig die Schlacht von Cannae verlaufen sein muss.
So ist es kein Wunder, dass der römische Geschichtsschreiber Livius, der von ca. 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. lebte, den Zweiten Punischen Krieg in seinem Werk als „bellum maxime omnium memorabile quae unquam gesta sint“ - „den denkwürdigsten aller Kriege, die je geführt worden sind“ bezeichnete, 2 denn Roms Schicksal war nach der Schlacht sprichwörtlich auf Messers Schneide.
Doch wie war es dem karthagischen Feldherrn Hannibal gelungen, die Römer mit der doppelten Armeestärke nicht nur zu besiegen, sondern vernichtend zu schlagen? Ziel dieser Arbeit ist es, genau diese entscheidenden Gründe für Hannibals überragenden Sieg bzw. für die katastrophale Niederlage Roms zu thematisieren und zu untersuchen. Zunächst ist es jedoch notwendig das vorliegende Quellenmaterial genauer zu betrachten und die Schlacht von Cannae zum besseren Verständnis in den historischen Kontext einzufügen, denn Hannibal hatte nicht nur „den denkwürdigsten aller Kriege“ initiiert, sondern sich bereits kurze Zeit später aufgrund seines militärischen Könnens den Ruf als trickreicher Heerführer erarbeitet.
1 vgl. Canales, Carlos: Hannibals Armee. Karthago gegen Rom, Berlin 2005, S. 42
2 Liv. 21,1,1
3
Der Inhalt der Quellen zeigt, dass folgende Thesen zur Schlacht von Cannae aufgestellt werden können: Hannibal zeigte bei der Wahl der Taktik in der Schlacht von Cannae sein ausgezeichnetes militärisches Geschick und Können, indem er zahlenmäßig weit unterlegen der Nachwelt ein Musterbeispiel für eine erfolgreiche Umfassungsschlacht bzw. für einen perfekten Sieg lieferte. Die entscheidenden Gründe für die katastrophale römische Niederlage waren jedoch nicht nur das Wirken Hannibals schwerer Reiterei und das Standhalten des karthagischen Zentrums, sondern vor allem das Versagen der römischen Militärführung während, aber auch bereits vor der Schlacht.
An dieser Stelle sei zum besseren Verständnis daran erinnert, dass die Römer die Karthager als Punier bzw. lat. Poeni bezeichneten; diese Bezeichnung verlieh den drei Punischen Kriegen ihren Namen. Alle folgenden Jahresangaben sind - falls nicht gegenteilig gekennzeichnet - vor Christus datiert.
1.2 Die Quellenlage zur Schlacht von Cannae
Die Quellen rund um die Schlacht von Cannae findet man bei den antiken Autoren Titus Livius 3 und Polybios 4 . Die Schilderung des Schlachtverlaufs ist in Polybios‘ „Historíai“ und in Livius „Ab urbe condita“ nahezu identisch; einzelne Abweichungenwie beispielsweise unterschiedliche Angaben über die gefallenen Soldaten - sind allerdings dennoch erkennbar.
Beide Quellen legen deutlich dar, dass die Römer zwar die Schlacht verloren, aber die Soldaten tapfer und ehrenvoll bis zum bitteren Ende gekämpft haben. Zwar habe vor allem das Wirken der numerisch überlegenen Reiterei der Karthager Hannibal den Sieg beschert, doch die beiden antiken Autoren lassen in ihren Werken keinen Zweifel darüber zu, dass die Römische Republik - abgesehen von der Unfähigkeit eines Mannes - im Grunde schuldlos am dem Debakel war. Der Ausgang der Schlacht hing vielmehr von einer Reihe unglücklicher Umstände ab. Der Historiker Jakob Seibert kommentiert die Vielzahl an Erklärungen und Entschuldigungen der
3 Polyb.3, 113-117
4 Liv.22, 45-49
4
beiden antiken Autoren mit dem Satz „Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.“. 5 Ein gutes Beispiel dafür stellt die Schilderung von Livius dar, dass vor der Schlacht 500 Numidier übergelaufen seien und während der Schlacht ihre unter den Mänteln versteckten Dolche gezogen und die Römer im Rücken angegriffen hätten. 6 Polybios berichtet diesen scheinbar ehrlosen Trick von Hannibal nicht.
Damit zeigt sich auch das entscheidende Problem dieser beiden Quellen: Beide Quellen sind aus römischer Sicht geschrieben und beziehen dabei eine klare pro römische Stellung. Da Karthago allerdings im Dritten Punischen Krieg im Jahr 146 vollständig von den Römern zerstört wurde, sind somit keine historischen Quellen aus punischer Sicht erhalten geblieben. Es ist daher fraglich, ob Polybios und Livius, die beide ihre Werke erst nach der Zerstörung Karthagos verfasst haben, überhaupt auf schriftliche karthagische Quellen zurückgreifen konnten oder diese nutzen wollten.
Der vermeintliche Sündenbock dieser Niederlage ist in beiden Quellen schnell ausgemacht: Es ist der Konsul Gaius Terentius Varro, dem als Oberbefehlshaber die Alleinschuld an dieser Niederlage zugeschrieben wird. Denn obwohl beispielsweise einen Tag zuvor noch sein anscheinend besonnenerer Amtskollege Lucius Aemilius Paullus eine Schlacht auf diesem Gelände für zu riskant gehalten hatte, da das Terrain ideal für ein Reitergefecht geschaffen war, ließ Varro dennoch die Truppen zur Schlacht aufstellen und flüchtete - im Gegensatz zu seinem Kollegen - nach dem ver-lorenen Reitergefecht. 7 Überhaupt wird in den Quellen deutlich, dass der Konsul Lucius Aemilius Paullus der ehrenvollere der beiden Konsuln gewesen sein soll. Deutlich ist dies an der Schilderung von Livius zu erkennen, Paullus habe anstatt mit dem Pferd eines Militärtribuns zu flüchten den heroischen Tod auf dem Schlachtfeld gesucht. 8
5 Seibert, Jakob: Hannibal, Darmstadt 1993, S. 197
6 vgl. Liv.22, 48,1-4
7 vgl. Polyb.3, 116; vgl. Liv.22, 49, 7
8 vgl. Liv.22, 48, 6-12
5
Ein anderes Werk, das im Vorfeld als Quelle rund um die Schlacht von Cannae geeignet schien, stellt das Werk des römischen Historikers und Biographen Cornelius Nepos „Liber de excellentibus ducibus exterarum gentium“, also das Buch von den ausgezeichneten Heerführern, dar. In diesem sind 23 Kurzbiographien nichtrömischer Feldherren bis heute erhalten geblieben, unter anderem auch die Kurzbiographie des Hannibal Barkas. 9 Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Quelle jedoch als völlig ungeeignet. Den Grund dafür stellt der Mangel an Details dar, der die Biographie mit ihrem schlichten Schreibstil eher wie eine unterhaltsame Geschichte als eine ernsthafte Lebensbeschreibung Hannibals wirken lässt. Dies zeigt sich leider auch bei seinen Ausführungen über die Schlacht von Cannae deutlich, denn obwohl sie ohne Zweifel eine - wenn nicht sogar die berühmteste - Schlacht von Hannibal gewesen ist, findet diese nur in einem Satz Erwähnung: „quamdiu in Italia fuit, nemo ei in acie restitit, nemo adversus eum post Cannensem pugnam in campo castra posuit.“ - „solange er in Italien blieb, hielt ihm niemand im offenen Kampf stand, nie-mand schlug seit der Schlacht bei Cannae ihm gegenüber auf offenem Feld ein Lager auf [besser: gegen ihn in offener Feldschlacht gekämpft].“ 10
2. Historischer Kontext
Auch wenn Karthago gerne als Widersacher Roms angesehen wird, so entspricht „[…] diese Vorstellung nur teilweise den Sachverhalten […], weil Karthago und Rom jahrhundertelang in freundschaftlichen, vertraglich geregelten Beziehungen standen.“ 11 . Der erste große Konflikt - der Erste Punische Krieg - ereignete sich von 264 bis 241 und zeigte, dass sich Rom erfolgreich gegen die Großmacht Karthago behaupten konnte. Als direkte Folge der Niederlage musste Karthago ganz Sizilien räumen, diese Gebiete und alle Inseln zwischen Sizilien und Italien an Rom abtreten und binnen zehn Jahren 2.200 Talente, aber sofort 1.000 Talente zahlen. 12 Einige Jahre später besetzte Rom zusätzlich die karthagischen Inseln Sardinien und Korsika. Um einen weiteren Krieg zu vermeiden, sah sich Karthago gezwungen, nicht nur diese rechtswidrigen römischen Besetzungen zu tolerieren, sondern den schon von
9 Nep., Hnn. 1-13
10 Nep., Hnn. 5, 4
11 Huß, Werner: Karthago, 3. Aufl. München 2004, S. 50
12 vgl. Polyb. 3,27,1-6
6
den Römern beschlossenen Krieg mit einer Zahlung von weiteren 1.200 Talenten abzuwenden. 13 Nach der Abwendung eines neuen Krieges mit den Römern begann Karthago unter dem Kommando von Hamilkar Barkas - der Oberbefehlshaber über das karthagische Heer auf Sizilien am Ende des Ersten Punischen Krieges - mit der Expansion Spaniens, um so die materiellen und territorialen Verluste wieder auszugleichen. Begleitet wurde Hamilkar von seinem neunjährigem Sohn Hannibal und seinem Schwiegersohn und späteren Nachfolger Hasdrubal. Auch wenn Rom zu Beginn kein Interesse an Spanien gezeigt hatte, änderte sich dies mit zunehmender Provinzialisierung: Um der karthagischen Expansion Einhalt zu gebieten, wurde mit Hasdrubal der Ebro-Vertrag beschlossen, der es den Karthagern nicht gestattete, den Fluss Ebro in kriegerischer Absicht zu überschreiten. 14
Nachdem Hasdrubal von einem iberischen Sklaven ermordet worden war, übernahm Hannibal im Jahr 221 den Oberbefehl. Als er zwei Jahre später die mit den Karthagern verfeindete Stadt Sagunt nach achtmonatiger Belagerung eroberte, hatte dies weitreichende zukunftsträchtige Konsequenzen. Denn Sagunt lag zwar südlich des Ebro und somit im vertraglich zugesicherten Herrschaftsgebiet der Karthager, aber die Stadt stellte für die Römer eine ihrer Bundesgenossen dar. Nachdem Karthago die vom römischen Senat geforderte Auslieferung Hannibals abgelehnt hatte, erfolgte im Jahr 218 die römische Kriegserklärung, die somit den Zweiten Punischen Krieg einläutete.
Um sicherlich einem römischen Angriff zuvorzukommen, begann Hannibal seinen Feldzug bereits im April 218 mit über 100.000 Soldaten. Nach seinem berühmten, aber verlustreichen Übergang über die Alpen erreichten Hannibals Truppen schließlich die Po-Ebene und standen somit zur Überraschung der Römer bereits Ende 218 in Oberitalien. Nach unbedeutenden Scharmützeln siegte Hannibal erstmals über die Römer bei den Schlachten am Ticinus und an der Trebia. Im Frühjahr 217 lockte Hannibal die Römer am Trasimenischen See in einen Hinterhalt und fügte ihnen eine
13 vgl. Polyb. 1,88,8-12
14 vgl. Polyb. 2,13,3-7
7
katastrophale Niederlage zu, bei der 15.000 Römer und der Konsul Gaius Flaminius fielen. 15
Nach dieser Niederlage wurde Quintus Fabius Maximus zum Diktator gewählt, der eine andere römische Strategie verfolgte: Durch ständiges Bedrängen und Attackieren, aber ohne entscheidendes Treffen wollte er Hannibal und seine Truppen buchstäblich in Italien aushungern. Obwohl diese Strategie sehr effizient war, betrachteten die römische Bevölkerung und der Senat diese Hinhaltetaktik allerdings missmutig und forderten eine Entscheidungsschlacht. Am Rande sei erwähnt, dass diese Taktik dem Diktator den Beinamen Cunctator, also Zauderer einbrachte.
Im Jahr 216 wurden die Konsuln Lucius Aemilius Paullus und Gaius Terentius Varro gewählt. Um dem römischen Staatsfeind ein für allemal den Garaus zu machen, entschieden sich die beiden Konsuln Hannibal mit der bis dato gewaltigsten Streitmacht in der römischen Geschichte entgegenzutreten: Denn anstatt wie je her vier römische Legionen ins Feld zu führen, stellte man nun acht Legionen zu je fünftausend Mann auf. Die Bundesgenossen stellten etwa die gleiche Anzahl an Fußvolk. Hinzu kamen noch etwa 6.000 römische und alliierte Reiter. Wenn man Polybios‘ Angaben Glauben schenken mag, dann bestand die römische Streitmacht demzufolge aus über 86.000 Soldaten(!). 16 Dem entgegen standen das karthagische Fußvolk bestehend aus angeblich 40.000 Libyern, Iberern und Kelten und etwa 10.000 Reiter.
Doch nicht nur die Römer, sondern auch Hannibal wünschte sich eine baldige Entscheidungsschlacht, denn die römischen Bundesgenossen waren zum Bedauern Hannibals Rom treu geblieben - 50% der ausgehobenen römischen Armee bestand aus Bundesgenossen - und die Versorgung seiner Armee wurde zunehmend schwieriger. Im Sommer 216 trafen sich schließlich beide Armeen in der Nähe der Ortschaft Cannae, nordwestlich der heutigen apulischen Hauptstadt Bari. Der genaue Austra-gungsort der Schlacht kann heutzutage leider nicht exakt bestimmt werden, soll auf-grund der Thematik dieser Arbeit jedoch von nebensächlicher Bedeutung sein. Zunächst schlugen beide Parteien nahe des Flusses Aufidus ihre Lager auf. Hannibal
15 vgl. Polyb.3,75-85; vgl. Liv.21,63-22,7
16 vgl. Polyb.3,107,9-15; vgl. Liv.21,36,4
8
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André Miething, 2010, Cannae - Vorbereitung und Verlauf der Schlacht von Cannae, München, GRIN Verlag GmbH
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