Inhalt:
Die Konstruktion des schwulen Staatsfeindes’ 3
Homosexualit ät als grundsätzlich heilbares Übel’ 6
Lesbische Frauen im NS-Staat 7
Die Praxis der Verfolgung homosexueller Männer 9
Die gesellschaftliche Akzeptanz der Verfolgung 14
Die Homosexuellenverfolgung im NS-Staat: Ein Homocaust’? 15
Literatur : 16
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Die Konstruktion des ‚schwulen Staatsfeindes’.
Die Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen ist kei ne spezifische Erscheinung des Nationalsozialismus. Die Kri minalisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe lässt sich bis ins frühe Mittelalter verfol gen 1 , in Deutschland gab es seit 1871 mit dem § 175 RStGB eine reichsweite Strafverordnung die die gesetzliche Grundlage zur Verfolgung von Homosexuel len schuf. Gleichwohl nahm die Verfolgung insbesondere schwuler Männer im Dritten Reich spezifische Züge an. Grund legend dafür war die Herauslösung des Homosexuellendiskur ses aus den bisher zuständigen Agenturen der Medizin und Justiz und seine politi sche Aufladung. Schwule waren nicht mehr länger ‚nur’ Kranke oder Kriminelle, sondern wurden in der NS Propaganda zu Feinden der Volksgemeinschaft und da mit zu Staatsfeinden stilisiert. „Nicht ‚arme kranke Menschen’ sind zu ‚be handeln’ sondern Staatsfeinde auszumerzen“ 2 so der Schlusssatz eines einschlägigen Artikels im ‚Schwarzen Korps’, dem propagan disti schen Zentralorgan der SS aus dem Jahre 1937. Im Sinne des Ideals einer völkisch formierten Gesell schaft galt es für die Natio nalsozialisten all diejenigen ‚auszu merzen’ oder ‚umzuerzieh en’, die sich der Volksgemeinschaft widersetzten oder entzogen. Auch die Verfolgung schwuler Männer war Element dieser Politik. Dabei basierte die Kon struktion des Homosexuellen als Staatsfeindes vor allem auf drei Argumenten, die sich immer wieder in der nationalso zialis tischen Propa ganda finden lassen: Zum einen fürchtete man eine Beeinträchtigung des Bevölke rungswachstums durch die ‚Zeu gungsverweigerung’ schwuler Männer. In einer Rede des Reichsführer SS Heinrich Himmler, die er am 18. Februar 1937 in Bad Tölz vor Höhe ren SS- Führern hielt, heißt es:
1 Vgl. Grau, Günter (Hrg.), Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung, Frankfurt/M 1993, S.29.
2 Zit. nach Rönn, Peter von, Politische und psychiatrische Homosexuellenkonstruktion im NS-Staat. Teil I Die Politische Genese des Homosexuellen als Staatsfeind, Zeitschrift für Sexualforschung 11 (1998), S.123.
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„Es gibt unter den Homosexuellen Leu te, die stehen auf dem Stand punkt: was ich mache, geht nie manden etwas an, das ist meine Pri vatangelegenheit. Alle Din ge, die sich auf dem geschlechtlichen Sektor bewegen, sind jedoch keine Pri vatangelegenheiten, sondern sie bedeuten das Leben und das Ster ben des Volkes, bedeuten die Weltmacht und die Verschweize rung.“
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Vor dem Hintergrund des Fortbestehens der Volksgemeinschaft ver-lor die Sexualität im NS jeglichen priva ten Charakter. Sie wurde rein auf die Fortpflanzung hin definiert. Und so verwun dert es auch nicht, dass in der Ideologie der Machthaber jede Abweichung im s e xuellen Verhalten, insbesondere die Homose xualität, sofort das Fortbestehen des Volkes in Frage stellte. Himmler hantierte in verschiedenen Zusammen hängen immer wieder mit einer ganzen Reihe von Zahlenbeispielen, die die Relevanz dieser Gefahr verdeutlichen sollten
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. Aller dings griff er dabei auf völlig unterschiedliche Zahlen zurück, was ver deutlicht, wie wenig durchdacht die These vom bevölkerungs p o liti schen Schaden durch die Homosexualität war. Sie fand auch kei nen ernsthaften Einzug in die Überlegungen der NS Bevölkerungsforschung, die sich ansonsten akribisch mit den Ursachen des Bevölkerungsrückganges im Dritten Reich ausei nandersetze. Vielmehr diente sie fast ausschließlich als Argu ment für die Diskriminierung und Verfolgung von Schwulen. De ren Homosexualität sollte als Symptom sterbender Völker dar gestellt werden. Aber nicht nur den Fortbestand der Volksgemeinschaft, son dern auch deren Funktionstüchtigkeit sahen die NS- Ideologen durch die Homosexualität in Gefahr. Die Furcht vor der Fremd heit der Homosexuellen, ihre Interna, ihren Geheimnissen und ihrer nur Eingeweihten zugänglichen Art des Vergnügens wurde überhöht zu der Behauptung, Schwule hätten die Eigen schaft einen ‚Staat im Staa-
3 Hierund im Folgenden zit. nach Smith, Bradley F. ; Peterson Agnes F., Heinrich Himmler. Geheimreden 1933 bis 1945, Frankfurt/M u.a. 1974, S.93ff.
4 Vgl. Jellonnek, Burkhard, Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn 1990, S. 27.
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te’ zu bilden. So warnte Himmler in der Rede in Bad Tölz eindringlich davor, dass die Auswahl von Un tergebenen nach dem „erotischen Prinzip“ die Zerstörung des Staates zur Folge hät te 5 . Homosexuelle hätten die Eigenschaft, sich wiederum mit Homosexuellen zu umge ben und dabei Hete rosexuelle nicht nur auszu schließen, sondern geradezu „ka puttzumachen“. Himmler befürchte te also nicht nur, dass sich die Homosexuellen der Kontrolle des Staates entziehen wür den, sondern auch dass sie ihr ‚Anders sein’ gegen diesen Staat ein setzten. Die homophobe Angst vor dem Fremden ließ diese Schwulen nicht nur als unkontrollierbar, sondern auch als ag gressiv erscheinen, was die Behauptung, sie seien eine Gefahr für den Staat zusätzlich legitimieren sollte. Aber nicht nur durch ihren angeblichen Hang zur Gruppenbil dung sollten Homosexuelle den Staat gefährden. Dieser Staat war als Männerstaat konzipiert, der getragen werden sollte von Kameradschaft, Mut und Ritterlichkeit. Genau diese Eigen schaften wurden Homosexuellen aber abgesprochen. Um den homosexuellen Mann als Gegenbild zum Männerideal des Drit ten Reiches zu konstruieren, bedienten sich die Nationalsozia listen einer ganzen Reihe von Stereotypen, die einem sexisti schen Frauenbild entnommen und auf die Schwulen übertragen wurden: sie seien verweichlicht, feige, hätten eine Neigung zur Lüge und ein unstillbares Mitteilungsbedürfnis. Diese ‚weibi schen’ Männer wa ren aber im von klaren Geschlechterrollen bestimmten Gesell schaftsbild der Nationalsozialisten ein Fremdkörper, der nicht zu dulden war. Insbesondere da er drohte, die ,saubere’ Kameradschaft unter Männern ero tisch aufzuladen, ein unverzeihliches Verbrechen vor dem Hinter grund einer g erade auf dieser Kameradschaft aufbauenden Staatsideologie.
5 Interessanterweise begründet Himmler die Behauptung, Schwule würden ihre Untergebenen nicht nach dem Prinzip der Leistung auswählen mit dem Hinweis, dies sei ja bei der Auswahl von weiblichen Untergebenen durch Heterosexuelle auch selten der Fall. „Es sind nur Männer hier, folglich kann man das sehr ruhig sagen“. Die untergeordnete Rolle, die Frauen im NS-Staat spielen mussten, schien dies allerdings nicht zum Problem werden zu lassen.
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Arbeit zitieren:
Jost Wagner, 2001, Die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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