Die Erfassung und Bewertung von Schmerz stellt für den klinischen Alltag und die Berufsgruppen, die ihn regelmäßig bewältigen, eine äußerst wichtige Aufgabe dar. Ethische, juristische - vor allem aber menschliche Prinzipien (Herr, Coyne, Key et al. 2006a) besagen, dass jede Patientin und jeder Patient das Recht auf eine adäquate Schmerzbehandlung hat.
Wird dieses wichtige Element in der Arbeit mit PatientInnengruppen nicht fachgerecht durchgeführt, ergeben sich häufig schwerwiegende Konsequenzen: neben der Gefahr für klinische Praktiker, neue Erkrankungen zu übersehen, verbleiben betroffene Menschen in häufig sehr leidvollen Zuständen, die wahrscheinlich verhindert hätten werden können. Vor allem also großes menschliches Leid, aber auch explodierende Kosten im Gesundheits- und Pflegesystem, zählen zu den gravierenden Folgen vernachlässigter und / oder fehlerhafter Schmerzbeurteilung (Chapman 2009).
Es muss aber auch angeführt werden, dass Schmerzerfassung häufig ein recht schwieriges Unterfangen ist, das selbst Fachleute vor sehr große Hindernisse zu stellen vermag. Dies erklärt sich aus der Eigenschaft des Schmerzes, in erster Linie ein sehr subjektives Erlebnis zu sein (Herr et. al 2006a). Aus diesem Grund ist es auch kaum oder nur sehr schwer möglich, dieses Phänomen mit Hilfe eines objektiven Tests zu erfassen. Die Methode der Wahl ist demnach wohl, den Patienten selbst zu Wort kommen zu lassen, um sein individuelles Schmerzerlebnis in eigenen Worten zu umschreiben (ebd.). Doch was, wenn der Patient dazu aus bestimmten Gründen nicht in der Lage ist? Was, wenn er oder sie wegen einer fortschreitenden dementiellen Entwicklung eine schwere kognitive Beeinträchtigung aufweist?
Bekannt ist, dass die Fähigkeit, Schmerzempfinden zu beschreiben, bei dementen Patienten eingeschränkt ist (Kunz et al. 2007). Zudem beschweren sie sich seltener über Schmerz. Ihnen werden deshalb auch weniger Schmerzmittel verabreicht. Verändert sich also bei diesen Patienten die Schmerzverarbeitung durch ihre Erkrankung (Lautenbacher et al. 2007)?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. HERKÖMMLICHE INSTRUMENTE ZUR SCHMERZERFASSUNG
3. THEORETISCHE HINTERGRÜNDE
4. SCHMERZERFASSUNG BEI KOGNITIV BEEINTRÄCHTIGTEN PATIENTEN
4.1. Die Studie von Kunz et al. (2007)
4.2. Ähnliche Studien
5. SCHLUSSFOLGERUNGEN
6. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen der Schmerzerfassung bei kognitiv beeinträchtigten Patienten und evaluiert alternative Ansätze zur traditionellen Selbsteinschätzung, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Analyse des schmerzbezogenen Gesichtsausdrucks liegt.
- Problematik der klassischen, subjektiven Schmerzerfassung
- Kognitive Einschränkungen bei dementen Patienten
- Das Facial Action Coding System (FACS) als diagnostisches Instrument
- Empirische Validierung durch aktuelle Studien
- Perspektiven für die klinische Anwendung
Auszug aus dem Buch
4. SCHMERZERFASSUNG BEI KOGNITIV BEEINTRÄCHTIGTEN PATIENTEN
Nun zu einigen, für diese neue Technologie beispielhaften Studien. Gerade bei Patienten mit Alzheimer gewinnen die Methoden zur Erfassung von Anzeichen für Schmerzempfinden im Gesicht immer mehr an Bedeutung, weil sich die Fähigkeit die Schmerzintensität selbst zu beurteilen mit abnehmenden kognitiven Funktionen verringert (Lindts-Martindale et al. 2007).
Bislang wurden nur wenige wichtige Studien zur Schmerzerfassung im Gesicht bei dementen Patienten durchgeführt. Die Studien unterschieden sich in der Art der Schmerzinduktion, kamen aber trotzdem zu ähnlichen Ergebnissen. Es wurde herausgefunden, dass zugeführter Schmerz sehr wohl in den Gesichtern dementer Patienten abgelesen werden kann (Kunz et al. 2007).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die ethische Notwendigkeit einer adäquaten Schmerztherapie und diskutiert die Schwierigkeiten bei der Erfassung von Schmerz bei Patienten, die aufgrund kognitiver Beeinträchtigungen keine verbale Selbsteinschätzung abgeben können.
2. HERKÖMMLICHE INSTRUMENTE ZUR SCHMERZERFASSUNG: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen klinischen Standard, wie Beobachtungsskalen und Fremdbeurteilungen, und kritisiert deren mangelnde Validität in der täglichen Praxis.
3. THEORETISCHE HINTERGRÜNDE: Hier wird das Facial Action Coding System (FACS) eingeführt, dessen Grundannahme darin besteht, dass Schmerz durch spezifische, reflexartige Muskelbewegungen im Gesicht kodierbar ist.
4. SCHMERZERFASSUNG BEI KOGNITIV BEEINTRÄCHTIGTEN PATIENTEN: Das Kapitel analysiert empirische Studien, wie jene von Kunz et al., die belegen, dass Schmerz bei dementen Patienten auch ohne verbale Kommunikation physiologisch und mimisch präzise erfassbar ist.
5. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Die Autoren fassen zusammen, dass die Analyse des Gesichtsausdrucks eine vielversprechende Methode darstellt, deren praktische Umsetzung jedoch durch den Bedarf an geschultem Personal und automatisierten Computerlösungen noch eingeschränkt ist.
6. LITERATUR: Auflistung der im Text zitierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Schmerzdiagnostik, Kognitive Beeinträchtigung, Demenz, Gesichtsausdruck, FACS, Facial Action Coding System, Schmerzintensität, Klinische Praxis, Beobachtungsskalen, Schmerztherapie, Validität, Reliabilität, Physiologische Schmerzmessung, Fremdeinschätzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik, bei kognitiv beeinträchtigten Patienten, die ihren Schmerz nicht verbal äußern können, dennoch eine akkurate Schmerzerfassung und in der Folge eine adäquate Behandlung sicherzustellen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Grenzen herkömmlicher Beobachtungsinstrumente, die Bedeutung mimischer Ausdrucksformen bei Schmerz und die Validität technischer Kodierungssysteme wie dem FACS.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie mittels der Analyse von Gesichtsausdrücken objektivere Indikatoren für Schmerz bei dementen oder anderweitig kognitiv eingeschränkten Personen gewonnen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär diskutiert?
Der Fokus liegt auf der wissenschaftlichen Kodierung von Gesichtsmuskelbewegungen, insbesondere durch das sogenannte Facial Action Coding System (FACS) und ergänzend durch elektromyographische Messungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil evaluiert den theoretischen Hintergrund der Schmerzmimik, stellt die Ergebnisse spezifischer Forschungsstudien (z.B. von Kunz et al.) dar und diskutiert die klinische Anwendbarkeit dieser Erkenntnisse.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Wesentliche Begriffe sind die Schmerzerfassung bei nicht-verbalen Patienten, der Einsatz des FACS, die Überwindung subjektiver Einschätzungsfehler und die Entwicklung validerer Messmethoden.
Warum ist die traditionelle Selbsteinschätzung bei Alzheimer-Patienten oft unzureichend?
Mit dem Fortschreiten der kognitiven Einschränkungen verlieren betroffene Patienten die Fähigkeit, ihr Schmerzempfinden zu reflektieren und in Form von standardisierten Skalen quantitativ zu bewerten.
Welche praktische Einschränkung wird für das FACS-System angeführt?
Die derzeit größte Hürde für den klinischen Alltag ist der hohe Aufwand der Videoanalyse, der aktuell zwingend geschultes Personal erfordert, weshalb zukünftig Computerprogramme zur Unterstützung nötig sind.
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- Kerstin Schatzig (Author), Christina Linda Köfeler (Author), 2011, Progress in Pain Assessment - The Cognitively Compromised Patient, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166748