Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. Was macht einen Helden aus? Ein Annäherungsversuch 4
2. Forschungsstand 7
3. Heldengenese von der Antike bis in die Moderne 18
3.1 Helden der Antike 18
3.2 Der mittelalterliche Helden 20
3.3 Der deutsche Nationalheld 23
4. Der überhöhte Kriegsheld und die Demontage des Heldentum.s 26
4.1 Die Helden eines industrialisierten Krieges 26
4.2 Der Opfertod als Heldentod 29
4.3 Die Heldenmüdigkeit der Nachkriegszeit 32
5. Die Helden des Medienzeitalters 33
5.1 Comichelden 34
5.2 Hollywood als Heldenfabrik 36
5.3 Idole - die neuen Helden? 37
6. Fazit 39
Anhang 43
Bibliografie 44
Vorwort
Im Juli 2010 besuchte ich eine Sonderausstellung im LWL-Industriemuseum Heinrichshütte in Hattingen, die den Titel "Helden. Von der Sehnsucht nach dem Besonderen." trug. Die Ausstellung vermittelte auf anschauliche und informative Weise den Wandel des Heldentums im Laufe der Jahrhunderte und weckte mein Interesse an diesem Thema. Die Exponate, von antiken griechischen Vasen über Kriegspropaganda bis hin zu Superheldencomics, verifizierten die Existenz von Helden seit Menschengedenken. Dabei erschien mir das Heldentum auf den ersten Blick als eine Konstante, die sich im Laufe der Jahrhunderte nur kaum verändert hatte. Im weiteren Verlauf der Ausstellung sollte ich jedoch Gegenteiliges erfahren, möchte aber an dieser Stelle der folgenden Studie nicht vorgreifen. In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Heldentum. Dabei möchte ich den Blick vor allem auch auf die empirische Sichtweise, der Herologie richten. Die Herologie erforscht als Wissenschaft das Heldentum und soll einen Teil dieser Studie einnehmen. Im ersten Teil der Arbeit möchte ich mich mit Hilfe von verschiedenen Definitionsversuchen dem Begriff des Helden nähern. Im weiteren Verlauf werde ich den bisherigen Forschungsstand der Herologie in Augenschein nehmen und bestimmte Interessenschwerpunkte besonders hervorheben. Im Hauptteil werde ich einen historischen Überblick über die Geschichte und Entwicklung des Heldenbildes vornehmen, angefangen bei der Antike, über das Mittelalter, bis hin zum Helden des modernen Nationalstaates sowie abschließend auf den Medienhelden eingehen. Es ist mir besonders wichtig, bei der Entwicklung des Helden auf etwaige Brüche und Veränderungen hinzuweisen und diese herauszuarbeiten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der von Ute Frevert geprägten Bezeichnung der "Demokratisierung des Heldentums". 1 Im Verlauf der Arbeit möchte ich versuchen herauszufinden, in welchem Ausmaß diese Veränderung sich auf die Forschungen im Bereich der Herologie ausgewirkt haben könnte.
Münster, September 2010 Laura Noushin Forouher
1 Siehe u.a. Frevert 2010 : 13.
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1. Was macht einen Helden aus? Ein Annäherungsversuch
"Es scheint, daß der Held die Möglichkeiten dessen absteckt, was der Mensch in
extremen Äußerungsformen wollen und tun kann. Er ist [...] eine der Urformen menschlicher Selbstdarstellung." 2
Die Herkunft des Begriffes "Held" lässt sich nicht klar bestimmen. Im Lateinischen taucht das Wort heros nur als Lehnwort aus dem Griechischen (ἥϱωϛ) auf und bezieht sich zunächst auf den homerischen Heros, wandelt sich dann aber zur Bezeichnung für den "Ehrenmann" ab, z.B. heros noster Cato (Cicero) (Vgl. von See 1978 : 1). Somit bedeutete heros damals noch lange nicht das, wofür es heute steht. Denn in der Antike bildete der Krieg die natürliche Grundlage einer Gesellschaft, die von kämpferischen Auseinandersetzungen und hierarchischen Strukturen geprägt war. Held bedeutete zu Homers Zeiten nichts anderes als Herr, Kämpfer oder Krieger, wurde jedoch durch seine Epen über die Jahrhunderte bis ins Mythische romantisiert. Der Weg des Begriffs in die germanischen Sprachen ist bis heute ungeklärt. So verweist der Duden auf das altgermanische Substantiv *halud bzw. *halid, (freier) Mann, Krieger, gibt hier jedoch keinen genaueren Ursprung an. Das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache gibt ein Fehlen des Wortes "Held" im Althochdeutschen an, mit der Begründung, es wäre erst im 12. Jahrhundert von Nordwesten ins Hochdeutsche vorgedrungen. 3 Der mittelhochdeutsche und mittelniederdeutsche helt stand für den einfachen Mann, im Altnordischen auch für Erbauer und lässt sich möglicherweise auf den urtümlichen Hirten zurückführen, der gegen menschliche und tierische Räuber zu kämpfen hatte (Vgl. Kastberger 2006 : 19). Auch die germanischen Kriegerbezeichnungen, wie bspw. mhd. wîgant, degen oder recke können sich nicht mit der Bedeutungsschwere, welche dem heutigen Heldenbegriff zugrunde liegt, messen. Demnach hat ein klares Bewusstsein darüber, was ein Held bzw. eine Heldensage sei, womöglich nie bestanden (Vgl. von See 1978 : 2). Seit dem 18. Jahrhundert wird der Begriff des Helden auch im Sinne einer Hauptperson oder eines Handlungsträgers in einem literarischen Werk verwendet, wobei er nichts über die Eigenschaften oder Charakteristika dieser Person aussagt. Der Brockhaus definiert den Helden wie folgt: "Jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt oder eine ungewöhnliche,
3 Vgl. Kluge, Friedrich (Hrsg.): „Held.“ In: Ebd.: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.“ 24. Aufl., Berlin 2002, CD-ROM-Version.
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bewundernswürdige Tat vollbringt." 4
Die Enzyklopädie des Märchens wiederum tut sich mit einer konkreten Definition des Heldenbegriffs etwas schwerer. Sie erklärt, der Held sei zum einen nicht auf einen Typus reduzierbar, zum anderen bekleide "jeder Heldentyp historisch und sozial wandelnde Funktionen, wenn auch seine jeweilige Gestalt anthropologisch konstante Züge" aufweise (Horn 1988 : 722). Aber wie wird jemand zu einem Helden?
Helden entstehen in erster Linie aus dem Akt der Zuschreibung. Dadurch, dass man sie als solche erkennt und bekannt macht. Das bedeutet, Helden kreieren sich nie selbst, sondern werden von der Masse erschaffen. Es gehören zur Entstehung eines Helden immer wenigstens drei Dinge: die außerordentliche Tat seiner Person, Zeugen, die darüber Auskunft geben können sowie ein Publikum. Jeden Helden macht in der Regel eine Grundkonstante aus: die Übermenschlichkeit. Demnach handelt der Held auf eine Art und Weise, die der gesellschaftlichen Norm widerspricht bzw. er vollbringt eine Tat, die das Handlungsvermögen des Durchschnittsmenschen übersteigt. Man könnte sagen, er übersteige damit in gewissem Maße das Leben - und "zitiert damit dessen Gegenteil", den Tod. (Vgl. Schneider 2009 : 92). Denn der Tod, genauer gesagt der Mord, ist meist Teil der Heldenbiografie. "Denn die archaischste Schicht des Helden ist, dass er die grundlegende Zivilisationsbedingung, das Tötungsverbot, außer Kraft setzt." (Schneider 2009 : 93). Der Held missachtet diese Grundregel nicht, im Gegenteil, es wird nahezu von ihm verlangt, dieses fundamentale Gebot der Menschlichkeit zu überschreiten. Der Mord, das willentliche Auslöschen menschlichen Lebens, ist ein fester Bestandteil des Helden. Nichtsdestotrotz reicht es nicht, ungeheuerliche Taten zu vollbringen. Es bedarf eines Erzählers, der davon kündet, ebenso wie der Masse, die die Erzählung aufnimmt und verarbeitet. Dabei handelt der klassische Held, der im Krieg gegen den Feind für seine Gemeinschaft kämpft, immer zum Wohle dieser. Durch das Handeln für die Gemeinschaft legitimiert der Held sein Vorgehen. Am entscheidendsten ist jedoch, ob die Tat eines Helden sich auf die Kultur auswirkt und diese verändert. Dabei folgt aus der Handlung des Helden eine Kausalität, die die kulturelle Realität folgenreich umgestaltet. Ein geeigneter Beispielheld hierfür wäre, im Kontrast zum homerischen Krieger, die Figur des Ödipus. 5
4 Zitiert aus: "Bockhaus Enzyklopädie." 21. Auflage [red. Leitung Annette Zwahr] Band 12, Hanf-Hurr, Leipzig Mannheim 2006, Artikel "Held", S. 266.
5 Ödipus (altgriechisch Οἰδίπους, Oidípous, heute Οιδίποδας, Idípodas) ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Er ist ein Sohn des Laios, des Königs von Theben, welchen er in einem Handgemenge tötet. Später erhält er als Belohnung dafür, dass er Theben von der Sphinx befreit, Iokaste, die Witwe des Königs und damit seine eigene
5
Der ödipale Held, der sich durch seine tragische Gestalt deutlich von den üblichen Helden wie Achilleus oder Ajax abhebt, leistet ebenso wie seine Kameraden Notwendiges für die Gesellschaft. Denn dadurch, dass er mit seinem Handeln die Gemeinschaftsnorm verletzt, verhilft er der Gesellschaft zur gleichen Zeit auch dazu, sich zu verändern, zu entwickeln. Man könnte ihn daher auch als Helden des Fortschritts bezeichnen. Er vertritt nach Lévi-Strauss die Logik der "heißen" Kulturen, agiert als ihr Vorläufer gegen das vorherrschenden Gebot der "kalten" Kulturen, bei denen trotz Generationswechsel keine qualitative Entwicklung stattfindet und deren Gemeinschaften scheinbar unausweichlich mit dem Aspekt der Gewalt verbunden sind (Vgl. Lévi-Strauss 1972 : 34-42). Schneider stellte dazu fest:
"In kalten Kulturen ist die Gewalt des Übergangs institutionalisiert, in Riten eingefroren. Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass dies - in schwächerer Form - auch für heiße Kulturen gilt [...] Der ödipale Held zeigt paradigmatisch die inwendige Gewalt jeden kulturellen Übergangs, das Mörderische im scheinbar biologisch verbürgten Wechsel der Alterskohorten. Er ist der Repräsentant des »Heißen«, gleichgültig in welcher Kultur. Er steht damit, anachronistisch und paradox, an der Schwelle von Antike und Moderne - eine in sich unzeitgemäße Gestalt, die deshalb permanent Wiedergänger zeitigen wird." 6
Die Psyche des Helden ist etwas, das jeder verstehen kann. Daher fällt es auch nicht schwer, sich mit dem Helden zu identifizieren. Seine Performanz hingegen ist etwas Besonderes. Mit der Heldentat vollführt er eine Art Selbstüberschreitung und bietet der Masse somit, um es mit den Worten des Homer-Forschers Gerhard Nebel zu umschreiben, "die Gelegenheit, das dürftige Jetzt zu verlassen und, sei es in den Anfang, sei es in eine stärkere Zeit, hinüberzuwechseln" (Nebel 1959 : 61). Betrachtet man einmal die "Ilias" von Homer: in der Aristie wird den archaischen Helden ermöglicht, ihr Transzendierungspotenzial auszuschöpfen. 7 So erleben wir in der entscheidenden Aristie des Buches, der des Helden Achilleus, wie er durch den Tod seines Freundes Patroklos in einen Zustand der Unmenschlichkeit getrieben wird: "Also wütete rings mit dem Speer Achill wie ein Dämon" (XX, 493). Achilleus befindet sich
Mutter, zur Ehefrau. Erst im Nachhinein erfährt er, dass Iokaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Wie es von einem Orakel vorausgesagt wurde, beging Ödipus also sowohl Vatermord als auch Inzest. Die Gestalt des Ödipus steht sinnbildlich für die griechische Tragödie (Vgl. Heinrichs, Albert: "Oidipus." In: "Der
Neue Pauly."
Cancik, Hubert (Hrsg.): Brill, 2010. Brill Online. Universitäts- und Landesbibliothek Münster.
6 Schneider 2009 : 94-95.
7 Bei der Aristie (ἀριστεία/aristeía von ἀριστεύειν/aristeúein, “der Beste sein, sich auszeichnen, sich hervortun”) handelt es sich um eine literarische Verherrlichung der überragenden kämpferischen Leistung eines Helden im griechischen Epos und gilt als Hauptform homerischer Erzählkunst (Vgl. S.MO: "Aristie." In: "Der
Neue Pauly."
Cancik, Hubert (Hrsg.): Brill, 2010. Brill Online. Universitäts- und Landesbibliothek Münster.
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also zur Zeit seiner vermeintlichen Heldentaten in einem Zustand der Raserei. Für diesen Zustand gibt es einen Terminus technicus: Das Beserkertum. Der amerikanische Psychiater Jonathan Shay prägte diesen Begriff in seiner Studie über kriegstraumatisierte Vietnamveteranen. Interessant ist dabei, dass Shay die Beschreibungen der Veteranen über diesen psychischen Ausnahmezustand in identischer Form in der Ilias wiedergefunden hat und in einer Liste zusammengefasst hat. Darunter fallen Beschreibungen wie: "wie ein Tier sein", "wie ein Gott sein", "grausam ohne Hemmung oder Unterscheidungsvermögen", "erregt, berauscht, rasend", "kalt, indifferent", "Unbekümmertheit, das Gefühl nicht verwundbar zu sein", etc. (Vgl. Shay 1998 : 126). Die ersten beiden Merkmale stechen dabei besonders heraus: In beiden Aspekten findet ein Verlassen des Menschlichen statt, im Tier als Akt der Unterschreitung, im Gott in Form der Überschreitung des Menschlichen. Christian Schneider fragt in einem Aufsatz von 2009 wozu man Helden brauche und beanwortet diese Frage sogleich selbst: "Um einen Transzendenzentwurf unserer selbst zu haben; einen Orientierungs- und Projektionspunkt unserer Möglichkeiten [...] Helden bezeichnen die Grenzregion menschlichen Verhaltens" (Schneider 2009 : 102).
2. Forschungsstand
Für die Forschung ist das Gebiet der Herologie, der Wissenschaft des Helden, längst kein Neuland mehr. Die mythische und psychologische Heldenforschung will die Ursprünge des Helden in zeitlichen und seelischen Tiefenschichten verorten und darüber hinaus übergeschichtliche Aspekte des Heldenlebens isolieren. Die kulturwissenschaftliche Seite hingegen interessiert sich mehr für den Entstehungsprozess des Helden, des "making of a hero", als "Interaktion von Angebot und Nachfrage" (Vgl. Horn 1988 : 724). Am prominentesten scheint unter den Forschern dabei die Frage nach einem wiederkehrenden Heldentypus zu sein. Danach, ob es im Grunde genommen nur eine Form von Helden gibt, den Universalhelden, der lediglich seiner jeweiligen kulturellen Epoche entsprechend angepasst wird bzw. sich mit ihr entwickelt. Naumann weist darauf hin, dass in sogenannten "Heldenzeitaltern" 8 ,
8 s. hierzu auch Johann Samuel Ersch u. Gottfried Gruber: "Allgemeine Encyclopädie des Wissenschaften und Künste", Leipzig 1818-1889, Artikel "Heldenalter, heroisches Zeitalter": "Heldenalter, heroisches Zeitalter nennt man denjenigen Zeitraum in der Geschichte eines Volkes, in welchem es sich überhaupt durch große Kriegsthaten und bewundernswerthe Beweise von Muth und Tapferkeit oder doch eine Reihe von kräftigen und tapferen Männern aufzuweisen hat, deren heldenmüthiger Kampf das Vaterland oder die Vaterstadt vertheidigt, und befreit, und furchtlos jeder Gefahr trotzt. [...] Gemeiniglich jedoch gehört das Heldenalter derjenigen Geschichtsperiode an,
7
welche in der Regel mit sozialen und politischen Veränderungen einhergehen, das Bedürfnis nach dem einen "großen Menschen" wachse. Dieser sei dazu da, als fiktives oder auch historisches Idealbild die Gruppenidentität und -dynamik zu stärken (Vgl. Naumann 1984 : 67). Durch seinen Symbolcharakter lässt er sich aber auch als Archetypus einstufen. 9
Vergleicht man verschiedene Heldenbiografien miteinander, wird man schnell Ähnlichkeiten feststellen können. Sabine Wienker-Piepho verwendet in ihrer Dissertation "Frauen als Volkshelden - Geschichtlichkeit, Legendenbildung und Typologie" aus dem Jahre 1987 den von J. G. von Hahn geprägten Begriff der "hero patterns". Von Hahn verglich in seiner Arbeit über die "Arische Aussetzungs- und Rückkehrformel" (1876) die Biografien von vierzehn mythischen und historischen Helden unterschiedlicher kultureller Hintergründe und legte daraufhin sechzehn heldenspezifische Biografie-Kriterien fest, die sogenannten patterns (Vgl. Wienker-Piepho 1987 : 168; Dundes 1980 : 229). Bereits 1841 entwickelte der Londoner Universitätsdozent Thomas Carlyle eine erste Heldentypologie, bei der er die heroischen Gestalten zugleich auch hierarchisch einteilte:
1. Der Held als Gottheit (Odin) 2. Der Held als Prophet (Mohammed) 3. Der Held als Dichter (Dante, Shakespeare) 4. Der Held als Priester (Luther, Knor) 5. Der Held als Schriftsteller (Johnson, Rousseau) 6. Der Held als König oder Herrscher (Cromwell, Napoleon)
Carlyle sah in der Gottheit die Urform des Helden. Aus seiner puritanisch-geprägten Sichtweise galten wichtige Männer als von Gott auserkoren, um Heldentaten zu vollbringen. Im Grunde genommen versuchte er damit, die Führungsansprüche einzelner Herrscher zu legitimieren. Mit seinem Werk traff Carlyle den Nerv der Zeit, das Werk wurde vom vorherrschenden Idealismus getragen zum Bestseller und damit zu einem der meistverkauften Werke des 19. Jahrhunderts (Vgl. Carlyle 1917 : 5-12;
welche in den Bereich der Überlieferung fällt und wird von der Sage getragen, ausgeschmückt und fortgebildet. Man stößt daher in der mythischen Zeit fast aller bekannten Nationen [...] auf einzelne heroische Gestalten, welche als Repräsentanten und Stütze ihrer Zeit mit dem Glanze des Heldenthums umkleidet sind."
9 Zur Konzeption des Archetypus nach Jung siehe Jung, Carl Gustav/Kerényi, K.: "Einführung in das Wesen der Mythologie", Zürich 1951, S.226, sowie zum Archetypus in der Volkserzählung siehe Ranke, Kurt.: "Einfache Formen." In: "Fischer Lexikon. Literatur 2/1. Frankfurt am Main, 1997, 198ff.
8
Wienker-Piepho 1987 : 167).
Daraufhin erschienen mehrere Werke zur Untersuchung und zum Vergleich von Helden, darunter ein Essay des französischen Volkskundlers Emmanuel Cosquin mit dem Titel „Le Lait de la Méré et Le Coffre Flottant“ (1908), mit welchem Cosquin versuchte, Parallelen innerhalb der Biografien von Sargon, Romulus und Remus, Perseus, Karna, Kyros, Judas und Moses aufzuzeigen. Ein Jahr später folgte schließlich die Monographie „Der Mythos von der Geburt des Helden - Versuch einer psychologischen Mythendeutung“ des Wiener Psychoanalytikers Otto Rank, der fünfzehn Heldenbiografien zu seinem Untersuchungsgegenstand machte (Vgl. Dundes 1980 : 230). 10 Unter den frühen Untersuchungen von Heldentypologien war Rank der einzige, der die aus religiösen sowie ethnopsychologischen Gründen bisher ignorierte Figur des Jesus Christus in seiner Untersuchung berücksichtigte (Vgl. Wienker-Piepho 1987 : 169).
Es erschienen weitere Studien zur Herologie unter Bezugnahme von Vergleichsmodellen: 1925 verglich Eugene S. McCartney etwa vierzig klassische Versionen des von Tieren genährten bzw. groß gezogenen kindlichen Helden (u.a. Romulus und Remus, Kyros und Gilgamesch) (Vgl. Dundes 1980 : 230; McCartney 1925).
1934 veröffentlichte Lord Raglan den Essay „The Hero of Tradition“, welcher als Basis für sein mehrere Jahre später erschienenes Buch „The Hero“ fungierte. Auch Raglan verglich verschiedene Helden (in seinem Fall jedoch ausschließlich Helden aus der klassischen, überwiegend griechischen Mythologie) miteinander und setzte bestimmte Typologien fest. Offenbar unternahm er seine Forschungen in völliger Unwissenheit gegenüber den bereits veröffentlichten Ergebnissen seiner Vorgänger, wie von Hahn und Rank, was jedoch die These, dass verschiedene Heldenbiografien Gemeinsamkeiten aufweisen, durchaus unterstützen dürfte (Vgl. Dundes 1980 : 231). Raglans Vergleichsmodell umfasst einundzwanzig Heldengestalten und gehört damit zu einem der kompliziertesten Modelle dieser Art.
1956 veröffentlicht der jungianische Mythograph Joseph Campbell eine Arbeit mit dem Thema „The Hero with a Thousand Faces.“ In ihr versucht er, einen Monomythos zu finden, der auf die Helden unterschiedlichster Kulturkreise anzuwenden ist. Er erklärt:
10 Bei den von Rank untersuchten Helden handelt es sich um Sargon, Moses, Karna, Ödipus, Paris, Telephus, Perseus, Gilgamesch, Kyros, Tristan, Romulus, Herkules, Jesus, Siegfried und Lohengrin (Vgl. Dundes 1980 : 230).
9
„Mag der Heros lächerlich sein oder erhaben, Grieche oder Barbar, Heide oder Jude, der wesentliche Umriß seiner Abenteuer variiert kaum. Volkssagen stellen Heldentaten als körperliche Leistung dar, die höheren Religionen als moralische, aber in der Morphologie des Abenteuers, der beteiligten Personen und errungenen Siege findet man erstaunlich wenige Abwandlungen. Wenn das eine oder andere Element des Archetypus in einem bestimmten Märchen, Bericht, Ritual oder Mythos nicht erscheint, dann sicher implizit oder an anderer Stelle.“ 11
Für ihn ist ein Held jemand, der sein Leben für eine höhere Sache aufopfert . Er unterscheidet zwischen zwei Arten von Heldentaten: Die konkrete Tat, in der sich der Held z.B. durch Tapferkeit im Kampf auszeichnet sowie die geistige Tat. Bei der geistigen Tat hat der Held den übernormalen Bereich menschlichen geistigen Lebens kennengelernt und ist mit einer Botschaft zurückgekommen. Campbell führt weiter aus, dass das geläufige Heldenabenteuer damit beginnt, dass dem Helden etwas genommen wird oder ihn seine gesellschaftlich-soziale Umgebung nicht vollends ausfüllt und er somit zu seiner Reise aufbricht (Vgl. Campbell 1989 : 149). Er vergleicht die Struktur des Heldenabenteuers mit Pubertäts-und Initiationsritualen früherer
Stammesgesellschaften. Während der Kindheit, so erklärt er, befinden sich die meisten Menschen in einem Zustand der Abhängigkeit und unter dem Schutz anderer Menschen.
"Um aus dieser Position seelischer Unreife zum Mut der Selbstverantwortung und Selbstsicherheit zu erwachsen, bedarf es eines Todes und einer Auferstehung. Das ist das Grundmotiv der weltweiten Fahrt des Helden - das man einen Zustand verläßt und den Ursprung des Lebens findet, durch den man in einen reicheren und reiferen Zustand befördert wird." 12
Man nehme das Beispiel des biblischen Helden Moses. Er stieg auf einen Berg, traf auf dem Gipfel des Berges den Gott Jahwe und kehrte zurück mit den Gesetzen für die Bildung einer neuen Gesellschaft. Nach Campbell ist dies ein typischer Heldenakt: Weggang, Erfüllung und Rückkehr (Vgl. Campbell 1989 : 161). Campbell spaltet die Abenteuerfahrt des Helden in diese drei Phasen auf, welche er wiederum in Unterkategorien aufteilt. In einem kreisrunden Schaubild versucht er, die Heldenreise, in welcher ihr Held am Ende wieder an seinen Anfangspunkt gelangt, nach seiner Theorie des Monomythos zusammenzufassen: 13
11 Campbell 1953 : 41-42.
12 Campbell 1989 : 150.
13 Graphik entnommen aus: Campbell 1953 : 227.
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Laura Forouher, 2010, Die Demokratisierung des Helden, München, GRIN Verlag GmbH
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