Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 GESUNDHEIT 4
2.1 Pathogenese und Salutogenese. 4
2.2 Subjektive Gesundheitsvorstellungen 12
2.3 Dimensionen des Begriffs „Gesundheit“ 14
3 DIE FELDENKRAIS - METHODE 16
3.1 „Funktionale Integration“ 18
3.2 „Bewusstheit durch Bewegung“ 19
4 GESUNDHEITSWIRKUNG 20
4.1 Abgrenzung zur etablierten Medizin 20
4.2 Anwendung und Wirkung 21
5 FELDENKRAIS IN DER SCHULE 22
6 FAZIT 25
2
1 Einleitung
Vom „Einklang“ über die „Krankheitsprophylaxe“ zur „Lebensweise“: alle drei Begriffe stehen stellvertretend für unterschiedliche Betrachtungsweisen ein und desselben Untersuchungsgegenstandes: der Gesundheit. So liest man in Jean- Jacques Rousseaus Roman “Emilie oder über die Erziehung” von 1762 zwischen den Zeilen, dass der Mensch gesund sei, der sein „Können und Wollen in Einklang bringen würde“ 1 . Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dagegen, in seiner extremsten Ausformung während des Nationalsozialismus‘, herrschte ein Ge-sundheitsbegriff vor, der vor allem auf die Vermeidung und Prophylaxe von Krankheiten ausgerichtet war und zur Instrumentalisierung und Vergesellschaftung des Einzelnen beitrug.
Heute spricht die moderne Sozialmedizin von „Lebensweise“ 2 , wenn ein bestimmtes, „sozial akzeptiertes Muster der Problemlösung“ 3 zur Gesunderhaltung beschrieben werden soll.
So unterschiedlich, wie sich die Begrifflichkeiten im Verlauf der Zeit entwickelt haben, so groß ist das Spektrum an Theorien über/und Sichtweisen auf Gesundheit.
In dieser Ausarbeitung soll es zunächst darum gehen, verschiedene Auffassungen und Modelle von Gesundheit darzustellen. Währenddessen und im Anschluss daran soll der Versuch unternommen werden, diese auf der Grundlage der erarbeiteten Unterschiede zu bewerten. Im zweiten Teil der Arbeit wird das Feldenkrais- Modell näher beleuchtet und im Bezug auf seine Zuordnung zum Feld der Gesundheitsförderung näher untersucht.
Im letzten Abschnitt versuchen die Verfasser, einen praktischen Bezug für den theoretischen Rahmen herzustellen, indem untersucht wird, ob und inwieweit sich die Feldenkrais- Arbeit für den Schulunterricht eignet.
1 Schulz, N. (1991), S. 13
2 Hurrelmann, K. (1988), S. 139
3
2 Gesundheit
2.1 Pathogenese und Salutogenese
Die Beschäftigung mit der Thematik „Gesundheit“ ist so alt, wie die Menschheit selber. Jede Epoche und Gesellschaftsform hatte einen eigenen Gesundheitsbegriff, wobei im Verlauf des 20. Jahrhunderts erstmals versucht wurde, interdisziplinär zu arbeiten.
So hatte schon Hippokrates um 400 vor Christus die Vorstellung, dass, „wenn die vier Körpersäfte Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim im Menschen angemessen verteilt seien, der Mensch auch gesund bliebe.“ 4 500 Jahr später, in Rom, übernahm Galenus, ein griechischer Arzt und Anatom, die „Humoraltheorie“ 5 von Hippokrates und erweiterte sie um die Begriffe der Sexualität und der Seele. Daran zeigt sich, dass die Vorstellung von Gesundheit als einem Gleichgewichtszustand schon seit mehr als 2000 Jahren existiert und auch bis heute noch Beachtung in den Wissenschaften findet. Die Frage nach den Beweggründen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex der Gesundheit lässt sich gut mit einem Ausspruch Arthur Schopenhauers‘, einem deutschen Philosophen und Autor, der etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebte und forschte, erklären:
„Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ 6
Dieses höchste Gut des Menschen gilt, einfach ausgedrückt, als „Voraussetzung oder Basis für ein glückliches Leben“ 7 . Aber was genau ist eigentlich „Gesundheit“, wer ist gesund und wer ist krank?
In einer Definition der WHO (World Health Organisation) von 1946 heißt es:
3 ebd., S. 139
4 Franke, A. (1993), Vgl. S. 26
5 ebd., S. 26
6 Schulz, N. (1991), S. 15
7 Beckers, E. (1991), S. 35
4
„Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“ 8
Kritik an dieser Klassifizierung ist schnell gefunden und lässt sich auf zwei Positionen reduzieren: die Definition sei einerseits zu statisch und andererseits zu weitreichend.
Statisch insofern, als dass Gesundheit ein dynamischer, ständig in Anpassung zwischen Individuum und Umwelt befindlicher Prozess sei und kein Dauerzu-stand. Zu weitreichend in der Hinsicht, dass vollständiges Wohlbefinden eine Utopie oder gar ein Zynismus sei, beziehe man bei dieser Definition beispielweise auch die „Dritte Welt“ mit ein. Wohlbefinden orientiere sich unter den dort oft herrschenden, schlechten Lebensbedingungen vor allem an materiellen und sozialen Sicherheiten. 9
Positiv an dieser Definition wird der Zusatz „und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ beurteilt. Dadurch soll Gesundheit als eigenständiger Begriff Gestalt bekommen, die ihr, vor allem in den medizinischen Wissenschaften, lange verwehrt blieb. So scheibt Edgar Beckers, ein Sportwissenschaftler und Kritiker der pathogenen Sichtweise auf Gesundheit: „ [...] die medizinische Wissenschaft kann Gesundheit nur [...] von ihrem Gegenbild Krankheit ableiten, demnach Gesundheitserziehung nur als Krankheitsprophylaxe betreiben“ 10 .
Der Begriff „Pathogenität“ kommt aus dem griechischen und setzt sich aus „Pathos“ (Leid(en), Krankheit) und „gennan“ ((er)zeugen) zusammen. Deshalb gehen pathogenetische Ansätze davon aus, dass es für jede Krankheit bestimmte mikrobiologische, physikalische oder psychosoziale Faktoren gibt, die für die Entstehung des jeweiligen Krankheitsbildes vorausgehend und verantwortlich sind. Pathogene Ansätze stammen zumeist aus der Medizin, als Beispiel soll an dieser Stelle das „Risikofaktorenmodell“ 11 skizziert werden.
8 Franke, A. (1993), S. 17
9 ebd., Vgl., S. 17
10 Beckers, E. (1991), S. 37
11 Hurrelmann, K. (1988), S. 125
5
Es gehört zur Gruppe der sogenannten „ökologischen und systemischen Modelle“ 12 , die davon ausgehen, dass Entwicklung und Leben als „wechselseitige Anpassung von Umwelt, Organismus und Person“ 13 betrachtet werden kann. Es gibt bei dieser Entwicklung dabei keinen „fixierte[n] Ziel- und Endpunkt“ 14 , aber das Anstreben eines Gleichgewichtszustands aller Ebenen (Vgl. Hippokrates) wird als zentraler Aspekt innerhalb dieses Konzepts gesehen. Wird dieses Gleichgewicht durch externe oder interne Einflüsse (Risikofaktoren) gefährdet oder sogar gestört, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Gesundheitsbeeinträchtigungen kommt.
Da sich dieses Konzept vor allem für die Erklärung von Infektionskrankheiten eignete, musste, mit der Zunahme von chronischen Erkrankungen, die Definition, was ein Risikofaktor ist, erweitert und die starre Fixierung auf medizinischkörperliche Aspekte aufgegeben werden. Neuere Ansätze, wie der von Kagan und Levi von 1975 zum Beispiel, bezogen nun auch psychosoziale Stimuli in ihre Modelle mit ein. Ihnen wird das Potential zugeschrieben, Gesundheit beeinträchtigen zu können, wenn sie auf „keine adäquaten Verarbeitungsprogramme für diese Reize treffen“ 15 .
Auch die Sozialmedizin entwickelte ein Modell, dass, obwohl es in der Tradition der Pathogenese steht, interdisziplinärer ausgerichtet ist. Im Zusammenhang dieses Konzeptes sind Risikofaktoren Umweltbedingungen, die zu kurz-oder langfristigen Überlastungen und somit zu Fehlanpassungen der körperlichen, psychischen oder sozialen Kapazitäten führen können. Diese Fehlanpassungen führen in ihrer Konsequenz zur Entstehung von Krankheiten. Ge-sundheitsförderlich, statt Krankheitserzeugend wird in diesem Kontext der schon in der Einleitung auftauchende Begriff der „Lebensweise“ beurteilt. Sie beschreibt Verhaltensstrategien, die bei der Kontrolle und Bewältigung von Anpassungserscheinungen helfen können. 16 Aber auch bei diesem Ansatz wird die pathogenetische Orientierung deutlich sichtbar am Versuch, gesundheitsförderliches Verhalten ausgehend von Krankheit oder Beeinträchtigung zu erklären.
12 ebd., S. 122
13 ebd., Vgl., S. 123
14 ebd., S. 124
15 ebd., Vgl., S. 127
6
Kritik an der Pathogenese findet sich schnell. Peter Becker, ein Psychologe, bemängelt in seinem Aufsatz „Gesundheit und Gesundheitsmodelle“, dass das Risikofaktorenmodell nur einen „begrenzten Beitrag zu einem vertieften Verständnis von Gesundheit leisten könne“ 17 . Dies sei so, da „Gesundheit ausschließlich als Abwesenheit von Krankheit konzipiert werde und gesundheitliche Schutzfaktoren ausgeblendet seien“ 18 .
Klaus Hurrelmann, ein bedeutender deutscher Sozial- und Gesundheitsforscher, erweitert diese Kritik Beckers, indem er die Risikofaktoren in ihrer Funktion als eindeutig einer Krankheit vorausgehende Verursacher anzweifelt. Seiner Meinung nach könne man methodisch nur „Wahrscheinlichkeitsaussagen“ 19 über ihre Auswirkungen treffen. Des Weiteren seien die Verbindungsschritte zwischen Risikofaktor einerseits und ausgelöster Krankheit andererseits unklar, das Denkmodell sei „einseitig [und] monokausal“ 20 angelegt. Ein dritter hier zu nennender Kritiker und gleichzeitig der Begründer einer, der Pathogenese gegenläufigen Sichtweise auf Gesundheit, ist Aaron Antonovsky. Sein „Modell der Salutogenese“ 21 basiert auf den Annahmen einer „der menschlichen Existenz innewohnenden Heterostase (Ungleichgewicht) und Konflikthaftigkeit“ 22 .Die Kritik, die er im Zuge seiner Ausarbeitungen zum Thema „Gesundheitsforschung versus Krankheitsforschung“ an der pathogenetischen Sichtweise übt, soll an dieser Stelle immer mit, von Antonovsky in seinem Modell vorgeschlagenen Verhaltensweisen zusammen erklärt werden. Zunächst bemängelt Antonovsky die Klassifizierung von Menschen in „gesund“ oder „krank“. Aus salutogenetischer Sicht sind alle Menschen zu jedem Zeitpunkt teilweise gesund und teilweise krank. Das hängt mit der Vorstellung der menschlichen Existenz als Heterostase zusammen, jeder Einzelne bewegt sich jederzeit auf einem Kontinuum zwischen den Polen „Gesundheit“ und „Krankheit“. 23 Das Leben wird dabei als ständig wechselnder, dynamischer Span-nungszustand verstanden.
16 Hurrelmann, K. (1988), Vgl., S.139
17 Becker, P. (2003), Vgl., S. 35
18 ebd., Vgl., S. 35
19 Hurrelmann, K. (1988), S. 125
20 ebd., S. 125
21 Antonovsky, A. (1997), S.2
22 Antonovsky, A. (1993), S.3
23 Antonovsky, A. (1997), Vgl. S.23
7
Arbeit zitieren:
Julian Gotthardt, 2008, Gesundheitsförderung am Beispiel der "Feldenkrais-Methode", München, GRIN Verlag GmbH
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