Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Abgrenzung 3
1.1. Merkantilismus als Begriff 4
1.2. Zeitliche Abgrenzung 6
2. Englische Vertreter merkantilistischer Wirtschaftslehren 7
2.1. Thomas Mun 7
2.2. Edward Misselden. 12
2.3. William Petty 17
2.4. William Temple 21
2.5. Thomas Culpeper 22
2.6. Josiah Child 24
2.7. John Cary. 29
2.8. John Pollexfen 30
2.9. Charles Davenant 31
2.10. James Steuart 35
3. Fazit 38
4. Literaturverzeichnis 44
1. Problemstellung und Abgrenzung
Der Begriff „Merkantilismus“ erlangte erst durch Adam Smith Bedeutung. Er dient dazu, das Muster der Wirtschaftspolitik der europäischen Staaten im Zeitalter des Absolutismus und die ihm zugrundeliegenden Wirtschaftslehren zu kennzeichnen. Jedoch erreichten diese Lehren zu keinem Zeitpunkt den Rang einer geschlossenen Theorie, die merkantilistischen Autoren hatten weder gemeinsame Grundsätze noch analytische Werkzeuge. Vielmehr bildeten die Lehren eine Vielfalt an praktischen, teils kontroversen, Empfehlungen und Rezepten. Dennoch tauchen bestimmte Doktrinen immer wieder auf, beispielweise das Streben nach einer aktiven Handelsbilanz, der Errichtung von Manufakturen und Wachstum der Bevölkerung. Außerdem werden in einigen Beiträgen merkantilistischer Schriftsteller die wirtschaftliche Zusammenhänge und Vorgänge mit großer Sorgfalt erläutert, dass es gerechtfertigt erscheint, die Arbeiten als Ansätze zu einer Wirtschaftstheorie einzustufen. 1 Dabei führte England die Entwicklung der merkantilistischen Theorie an, da dort die Herausbildung der industriellen Produktionsweise nicht durch eine lange Periode des niedergehenden Feudalismus unterbrochen wurde. Auf der Insel befanden sich Grund und Boden im Privateigentum, es wurde eine „kapitalistische“ Agrarwirtschaft betrieben. Ferner ergriff der britische Staat akkumulationsfreundliche Maßnahmen, so wurden billige Rohstoffe aus den Kolonien eingeführt und die königliche Flotte sicherte das Handelsmonopol. Darüber hinaus schützte die Navigationsakte von 1651, die festlegte, dass der Transport aller Export-und Importgüter durch englische Schiffe zu erfolgen habe, vor ausländischer Konkurrenz. Die bürgerliche Revolution in England trieb die Fortsetzung dieser Wirtschaftspolitik voran. 2 In der vorliegenden Arbeit werden die englischen Vertreter der merkantilistischen Wirtschaftslehren dargestellt. Zunächst ist es nötig sich mit dem Merkantilismus als Begriff auseinander zu setzen. Ferner wird eine zeitliche Abgrenzung der Epoche vorgenommen. Anschließend werden besonders wichtige Vertreter detailiert dargestellt, sowie die Beiträge weniger herausragender, aber dennoch bedeutender Vertreter erläutert. Der abschließende Teil der Arbeit fasst die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammen.
1 Vgl. Blaug M., 1978, S. 10; vgl. Blaich F., 1988, S. 33; vgl. Blaich F., 1973, S. 1.
2 Vgl. Helmedag F., 2010, S. 1-5; vgl. Blaich F., 1973, S. 85-90.
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1.1. Merkantilismus als Begriff
Merkantilismus als Begriff ist in der Literatur sehr umstritten. Es ist schwer die Frage zu beantworten, ob unter Merkantilismus ein System der theoretischen Wirtschaftspolitik oder eine Strömung in der Entwicklung der Wirtschaftstheorien zu verstehen ist. Handelt es sich dabei um einige bestimmte Maßnahmen der praktischen Wirtschaftspolitik, die in mehreren Staaten gleichzeitig angewendet wurden? Was zeichnet einen Schriftsteller, der sich mit Fragen der Wirtschaft befasste, als Merkantilisten aus? Diese Fragen werden in der Literatur sehr unterschiedlich beantwortet.
So sieht beispielweise Heckscher den Merkantilismus als eine Hilfsvorstellung zum besseren Verständnis eines Abschnitts der geschichtlichen Wirklichkeit. 3 Trotz dieser wesentlichen Einschränkung für den Gebrauch des Begriffs, bestreiten einige Autoren, dass diesem Term irgendein wissenschaftlicher Wert zukomme. Nach Auffassung von Judges muss ein System aus einer kohärenten Doktrin oder wenigstens einer Handvoll einheitlicher Grundsätze bestehen. „Der“ Merkantilismus erfülle weder die eine noch die andere Bedingung. 4 Ähnlich argumentiert Hutchison, der die Entfernung der Bezeichnung „Merkantilismus“ aus der wissenschaftlichen Terminologie fordert, da dieser Begriff die verschiedensten wirtschaftlichen Theorien und die wirtschaftspolitischen Maßnahmen von mehreren Jahrhunderten in allen führenden europäischen Ländern umschließe. 5 Heaton erkennt den Merkantilismus sogar nur als ein System der öffentlichen Finanzwirtschaft an. 6 Im Jahre 1957 vergleicht de Roover die Wirtschaftslehren der Scholastiker mit dem Merkantilismus und kommt dabei zum bemerkenswerten Ergebnis, dass Scholastik, im Gegensatz zu dem Merkantilismus, ein geschlossenes philosophisches System bildete. In dieser Hinsicht sei sie dem Merkantilismus überlegen, da dieser nie mehr als ein loser Konglomerat unkoordinierter Empfehlungen war, durch welche die Autoren die Wirtschaftspolitik im eigenen Interesse zu beeinflussen versuchten. 7
3 Vgl. Heckscher E., 1932, S. 1-3.
4 Vgl. Judges A.V., 1939, S. 41f; vgl. Blaich F., 1973, S. 5.
5 Vgl. Hutchison T., 1957, zitiert nach Blaich F., 1973, S. 5.
6 Vgl. Heaton H., 1937, zitiert nach Blaich F., 1973, S. 5.
7 Vgl. De Roover R., 1955, S. 185; vgl. Blaich F., 1973, S. 5.
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Dieser Argumentation wiederspricht Saitzew in einem entscheidenden Punkt. Anders als de Roover sieht er in dem Merkantilismus ein fest in sich geschlossenes System, das zwar der ökonomischen Theorie im Grunde abgeneigt ist, jedoch, wenn man die politischen Zielsetzungen betrachtet, als Ganzes ein System der Staatspolitik darstellt. 8 Ähnlich urteilt Heimann über die Frage, ob man von einer merkantilistischen Theorie sprechen könne. Nach seiner Ansicht begannen die groben Umrisse und Elemente eines Systems immer deutlicher zu werden, auch wenn man noch nicht von einem vollständigen Lehrgebäude sprechen könne. 9 Coats weist darauf, dass der theoretische Gehalt der merkantilistischen Wirtschaftslehren nicht an Maßstäben gemessen werden dürfe, die aus späterer Zeit stammten. Er rechnet Heckscher das Verdienst zu, mit der Vorstellung aufgeräumt zu haben, dass die Merkantilisten keine Theoretiker seien, nur weil sie sich überwiegend mit drängenden Fragen der praktischen Wirtschaftspolitik beschäftigten. Wenn man jedoch unter einen System die klassischen oder die keynesianischen Theorien verstehe, so gäbe es in der Tat kein merkantilistisches System, da die Autoren sich vornehmlich mit Lösungen von praktischen Problemen befassten und die Analyse der ökonomischen Prozesse durch Zufall zustande kam. 10 Auch Bürgin sieht den Merkantilismus als ein theoretisches Konstrukt an. Seiner Meinung nach bedeuten die merkantilistischen Theorien den ersten richtunggebenden Ansatz in der Entwicklung zur klassischen bürgerlichen Ökonomie. 11 Giersch weist darauf hin, dass die praktische Wirtschaftspolitik der europäischen Staaten in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zwar von Land zu Land erhebliche Unterschiede aufweist, es aber wichtige Gemeinsamkeiten und typische Kennzeichen gibt, die es erlauben, von Merkantilismus als einem besonderen System der Wirtschaftspolitik zu sprechen. 12 Darüber hinaus definierte Kellenbenz Merkantilismus als die Hauptrichtung der Wirtschaftspolitik und des dahinterstehenden wirtschaftspolitischen Denkens in der Epoche des europäischen Fürstenabsolutismus. 13
Aus dieser Argumentation kann geschlossen werden, dass der Begriff „Merkantilismus“ als Bezeichnung für eine bestimmte Richtung der theoretischen Wirtschaftspolitik und für eine bestimmte Ausprägung der darauf aufbauenden praktischen Wirtschaftspolitik durchaus
8 Vgl. Saitzew M., 1941, zitiert nach Blaich F., 1973, S. 7.
9 Vgl. Heimann E., 1949, zitiert nach Blaich F., 1973, S. 7.
10 Vgl. Coats A., 1957, zitiert nach Blaich F., 1973, S. 7.
11 Vgl. Bürgin A., 1961, S. 308f.
12 Vgl. Giersch H.., 1961, S.137f.
13 Vgl. Kellenbenz H., 1965, S. 4.
5
zulässig ist. Ferner kann konstatiert werden, dass die Wirtschaftslehren des Merkantilismus zumindest als Ansätze einer Wirtschaftstheorie oder als rudimentäre Wirtschaftstheorie bezeichnet werden kann. 14
1.2. Zeitliche Abgrenzung
Nicht weniger schwierig gestaltet sich die zeitliche Abgrenzung der Epoche des Merkantilismus. So definiert Heckscher den Merkantilismus als eine Phase zwischen der mittelalterlichen und der liberalen Wirtschaftspolitik. 15 Bürgin bezeichnet den Merkantilismus als eine Phase der Geschichte des ökonomischen Denkens und Handelns, die den Übergang von scholastischen Wirtschaftslehren hin zur autonomen ökonomischen Wissenschaft des Physiokratismus und der Klassik einleitete. 16 Blaich dagegen grenzt den Begriff enger ein, indem er zwischen den Vorläufern des Merkantilismus differenziert. So unterscheidet er zwischen der Epoche des Merkantilismus und dem Zeitalter des Bullionismus und des Monetarismus. Demnach beginnt seiner Meinung nach der eigentliche Merkantilismus in England mit der Kontroverse zwischen Misselden und Malynes. Während Malynes noch einen Bullionisten darstellt, überwindet Misselden den Bullionismus, obwohl er von dessen Dogmatik nicht völlig frei ist. 17
Ähnlich schwierig erscheint eine sinnvolle Abgrenzung für das Ende des Merkantilismus. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt in England die Industrialisierung ein, wobei das Merkantilsystem dem Industriesystem weicht und für eine merkantilistische Wirtschaftspolitik kein Bedarf mehr besteht. Während man damit hinsichtlich der praktischen Wirtschaftspolitik die Epoche des englischen Merkantilismus mit dem Jahre 1750 abschließen kann, ist das für die Theorie kaum möglich. Denn im Jahre 1750 veröffentlichte James Steuart sein Werk „An Inquiry into the Principles of Political Economy“, das Karl Marx als den rationellen Ausdruck des Merkantilismus lobte. Allerdings blieb seine Arbeit im Rahmen der praktischen Wirtschaftspolitik ohne jede Bedeutung. Auch innerhalb der Entwicklung der Wirtschaftstheorie stellt das Werk einen Nachzügler dar, der bereits neun Jahre später von Adam Smith vollständig in den Hintergrund gedrängt wird. Da die Arbeit jedoch eindeutig
14 Vgl. Blaich F., 1973, S. 9f.
15 Vgl. Heckscher E., 1932, S. 2.
16 Vgl. Bürgin A., 1961, S. 308.
17 Vgl. Blaich F., 1973, S. 21f.
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merkantilistische Züge aufweist, bedeutet unter theoretischen Aspekt erst das Jahr 1776 das Ende des Merkantilismus. 18
In der folgenden Arbeit soll daher die Epoche des Merkantilismus auf den Zeitraum zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert beschränkt werden. Nachfolgend werden die englischen Vertreter des Merkantilismus dargestellt, die als Theoretiker im Zeitalter des Merkantilismus führend gewesen waren. 19
2. Englische Vertreter merkantilistischer Wirtschaftslehren
2.1. Thomas Mun
Mun, einer der bedeutendsten Vertreter des englischen Merkantilismus, wurde als Sohn eines Kaufmanns und Enkels eines Vorstehers der Königlichen Münze im Juni 1571 geboren. Über seine Ausbildung ist wenig bekannt, jedoch war er relativ früh in Handelsgeschäften selbstständig tätig, vor allem in Italien und in der Levante. Nach eigenen Angaben hat er lange in Italien gelebt. Er trat in den Dienst der 1600 gegründeten Ostindien-Kompanie und betätigte sich so erfolgreich im Handel mit Ostindien, dass er 1615 Mitglied des Direktoriums wurde, dem er auch bis zu seinem Tode angehörte. Den Posten eines „deputy-governor“ lehnte er jedoch im Jahre 1624 ebenso ab, wie den 1621 an ihn ergangenen, wohl nicht ganz ungefährlichen Antrag, im Namen der East India Company eine Inspektionsreise nach Ostindien zu unternehmen. In Zeiten der Wirtschaftskrise um 1620 fungierte er, ein angesehener und erfahrener Kaufmann, als Berater der Regierung. Anschließend wurde er Mitglied der „Comission of Trade“, die im Jahre 1622 von der Regierung zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise eingesetzt wurde. Sein stattliches Vermögen erlaubte es ihm in Kent einen Landsitz zu erwerben, den er jedoch nicht ständig bewohnte. Mun starb als wohlhabender Mann im Juli 1641 in London. 20
Die bereits erwähnte Wirtschaftskrise der 1620er Jahre machte die Ostindische Kompanie zum bevorzugten Angriffsziel öffentlicher Kritik, da ein hervorstehendes Merkmal dieser Krise ein ständiger Geldmangel war. Deswegen lag es nahe, die Geldknappheit als Ursache
18 Vgl. Blaich F., 1973, S. 22f.
19 Vgl. Blaich F., 1973, S. 25; vgl. Helmedag F., 2010, S. 2.
20 Vgl. Klein E., 1973, S. 42f; vgl. Blaich F., 1973, S. 32; vgl. Schumpeter A.J., 1965, S. 447; Meyers
Enzyklopädisches Lexikon, 1982, S. 587.
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der Depression anzusehen. Folglich beschuldigte man die East India Company durch die Edelmetallausfuhr die Depression mit verursacht zu haben. Selbstverständlich ging es einigen Kritikern der Gesellschaft weniger um das öffentliche Wohl als um die Beseitigung der übermächtigen Konkurrenz. Jedoch wurde die Angelegenheit nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Parlament und Privy Council diskutiert, so das für die Handelsgesellschaft einiges, vermutlich sogar ihre Existenz auf dem Spiel stand. So meldete sich einer der führenden Vertreter der Kompanie zu Wort, um die Interessen der Kompanie zu vertreten. 21 Thomas Mun, schon damals einer der einflussreichsten und wohlhabendsten Kaufleute Londons, veröffentlichte sein erstes Traktat „A Discourse of Trade from England unto the East Indies“ im Jahre 1621. Das Werk stellt hauptsächlich eine Verteidigungsschrift für die East India Company dar, da es keinen anderen Zweck verfolgt als die Gesellschaft zu entlasten. Obwohl das Buch theoriegeschichtlich eine geringe Rolle spielt, finden sich darin einige Gedanken, die auf Muns späteres, berühmteres Werk hinweisen. Mun rechtfertigt die Tätigkeit der Kompanie mit dem Argument, dass die in Indien erworbenen Rohstoffe in England veredelt und mit Gewinn in andere Länder verkauft werden. Somit entsteht durch die Ausfuhr der Edelmetalle kein Nachteil für die Nation, vielmehr erwirtschaftet die englische Wirtschaft auf diese Weise ein Vielfaches der investierten Summe. Ferner behauptet Mun sogar, dass der Indienhandel mehr Geld ins Land brächte, als der gesamte übrige Außenhandel. Des Weiteren argumentiert er, dass durch den direkten Handel mit Ostindien der türkische Zwischenhandel ausgeschaltet werde, was die Importe beträchtlich verbillige. Schließlich weist Mun darauf hin, dass die aus Ostindien importierten Waren für die englische Wirtschaft unentbehrlich sind, seien es Drogen und Gewürze, die der Gesundheit dienen, oder Seide und Indigo, die als Rohstoffe für die Manufakturen nötig sind. Mun begrüßt also, im Gegensatz zu den Bullionisten, eine Ausfuhr des Geldes, sofern diese im Zusammenhang mit dem Außenhandel stattfindet. 22
Die Ursache für die Geldknappheit, argumentiert Mun ferner, seien folglich nicht die Handelsgeschäfte der East India Company, sondern die Überbewertung der fremden Währungen und Manipulationen der Wechselkurse. Bemerkenswert ist, dass Mun damit der Argumentation von Malynes folgt, den er später bekämpft. Am Schluss seines Werkes befasst er sich mit allgemeineren Überlegungen über den Reichtum eines Landes. Im Gegensatz zu den Monetaristen trennt Mun dabei klar die Begriffe „Reichtum“ und „Geld“. Er
21 Vgl. Klein E., 1973, S. 40.
22 Vgl. Blaug M., 1986, S. 175f; vgl. Klein E., 1973, S.41; vgl. Blaich F., 1973, S. 33.
8
unterscheidet zwei Arten des Reichtums: dem natürlichen Reichtum, vor allem durch Bodenschätze verkörpert, und dem künstlichen Reichtum, der durch das Geld repräsentiert wird. Wobei dem letzterem eine größere Bedeutung zukomme, da der durch Gewerbe und Handel vermehrt werden kann, während der natürliche Reichtum für den Menschen kaum beeinflussbar ist. Dabei bedeutet der Außenhandel für Mun das Mittel schlechthin, um den künstlichen Reichtum zu vergrößern, deswegen müsste der Staat die Gewerbe fördern. Dass Mun den Außenhandel einseitig in den Vordergrund stellt, ist eine typische Erscheinung in der englischen merkantilistischen Literatur. Die Handelsbilanz wurde noch nicht erwähnt, da Misselden, von dem noch die Rede sein wird, diesen Ausdruck noch nicht geprägt hat. 23 In den folgenden Jahren verfasste Mun eine Reihe von Denkschriften, die sich mit Ursachen der Krise befassten und in die Debatten eingriffen, die für die Ostindische Kompanie immer bedrohlicher wurden. Denn im Jahre 1625 brach die Pest in London aus, was den Handel für viele Monate lähmte. Besonders betroffen war der Tuchexport, und zu allem Unglück brachte das Jahr noch eine schlechte Ernte, so dass Getreide zur Versorgung der Bevölkerung eingeführt werden musste. Der Rückgang des Tuchexports und die Getreideimporte belasteten vermutlich die englische Zahlungsbilanz, so dass der Geldmangel auch künftig bestand und damit die East India Company weiterhin beschuldigt wurde. Im Jahre 1628 wurden die Direktoren der Gesellschaft vor das Handelskomitee bestellt, um sich gegen die Anklage zu verteidigen, dass ihre Edelmetallexporte einen unerträglichen Geldabfluss zur Folge hatten. In dieser bedrohlicher Situation, die durchaus das Ende der Existenz der von allen Seiten angefeindeten Gesellschaft bedeuten könnte, verfasste Thomas Mun eine Petition, um den König und das Parlament von dem Nutzen des Indienhandels und der Haltlosigkeit der gegen die Kompanie erhobenen Anklagen zu überzeugen. Die „Petition and Remonstrance of the Governor and Company of Merchants of London trading to the East Indies“ dient zwar dem selben Zweck wie das „Discourse“ von 1621, ist aber dennoch von einiger Bedeutung, weil Mun den Schwerpunkt seiner Argumentation auf das Problem der Handelsbilanz verlagert, so dass die Petition als Vorarbeit zu seinem berühmten Hauptwerk gewertet werden kann, da sie vollständig in das spätere Werk einging. Mun schrieb seine Abhandlung vermutlich sehr bald nach der Petition, im Jahre 1629 oder 1630, jedoch ohne sie zu veröffentlichen. Die Gründe dafür sind unklar, möglicherweise erzielte schon die Petition die gewünschte Wirkung, vielleicht aber rückten die zunehmenden Kämpfe zwischen Parlament und Krone die Interesse
23 Vgl. Blaich F., 1973, S. 33f; vgl. Klein E., 1973, S.41f.
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Arbeit zitieren:
Denis Reis, 2010, Grundzüge merkantilistischer Wirtschaftslehren, München, GRIN Verlag GmbH
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