- 2 -
5 Filmrezeption im Dritten Reich. 82
6 Abschließende Betrachtung. 84
7 Anhang. 87
7.1 Preußenfilme in Deutschland zwischen 1933 und 1945 Ein Überblick 87
7.2 Organigramm: Propaganda und Kultur im Dritten Reich 91
7.3 Auszug aus einer Rede von Joseph Goebbels über „Der große König“ 91
7.4 Postkarte anlässlich des Tags von Potsdam. 94
7.5 Der Tag von Potsdam: Hitler und Hindenburg. 94
7.6 Materialien zu „Bismarck“ 95
7.6.1 Produktionsdaten 95
7.6.2 Stammtafel I: Im Film vorkommende Mitglieder des Hauses
Hohenzollern 96
7.6.3 Illustrationen zu „Bismarck“ 97
7.6.3.1 Anton von Werner: Die Proklamierung des Kaiserreiches 97
7.6.3.2 Paul Hartmann als Otto von Bismarck 98
7.7 Materialien zu „Der große König“ 99
7.7.1 Produktionsdaten 99
Stammtafel II: Im Film vorkommende Mitglieder des Hauses
7.7.2
Hohenzollern 100
7.7.3 Illustrationen zu „Der große König“ 101
7.7.3.1 Anton Graff: Friedrich der Große. 101
7.7.3.2 Titelseite des Film-Kurier zu „Der große König“ 101
7.7.3.3 Christina Söderbaum und Otto Gebühr in „Der große König“ 102
8 Literaturverzeichnis. 103
8.1 Aufsätze 103
8.2 Quellen 104
8.3 Monografien 104
8.4 Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften. 106
8.5 Sammelbände und Lexika 107
8.6 Internetadressen 107
- 3 - 1Einführung
1.1 Vorstellung des Themas
Preußentum wird heute vielfach mit unbedingter Pflichterfüllung, Militarismus und Führerkult gleichgesetzt. Ein Umstand, der seinen Ursprung sicherlich auch in der Zeit des Nationalsozialismus hat. Nach dem Krieg wurde das Preußenbild der Nationalsozialisten vielfach übernommen, allerdings mit dem Unterschied, dass die vermeintlichen preußischen Tugenden, die im Deutschland von 1933 bis 1945 als Leitbild galten, nach Ende des Zweiten Weltkrieges als negativ und verurteilenswürdig angesehen wurden.
Nach dem Ende des Kaiserreichs im Jahre 1918 musste sich Deutschland großen Veränderungen stellen. Die Ausläufer der Weltwirtschaftskrise, das zerstörte nationale Selbstbewusstsein nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Mangel an orientierunggebenden, integrativen politischen Kräften hatten eine depressive Stimmung verursacht.
Propagandistisch war es durchaus sinnvoll, das Preußentum, das im Volksbewusstsein noch lebendig und gegenwärtig war, auszunutzen. Die geschichtsträchtige Geisteshaltung war positiv belegt, Friedrich der Große und Bismarck waren Identifikationsfiguren mit Vorbildcharakter. Und obschon die Führungsriege der Nationalsozialisten weder aus dem Königreich noch aus der Provinz Preußen stammte, hat sie sich preußischer Werte und pseudopreußischer Tugenden bedient, um ihre autoritäre Politik zu rechtfertigen.
Diese Arbeit beleuchtet zunächst den Mythos Preußen. Was verstand die nationalsozialistische Propaganda unter Preußen, inwiefern hat sie Preußen missbraucht? Die Nationalsozialisten haben Preußen schon im Wahlkampf instrumentalisiert, und auch der erste ganz große Streich des soeben entstandenen Propagandaministeriums, der Tag von Potsdam, hat mit der Instrumentalisierung Preußens zu tun.
Im weiteren wird beleuchtet, wie Preußen vor 1933 im Film dargestellt wurde, was sich nach der Installierung des Nationalsozialismus geändert hat. In diesem Zusammenhang wird das Verhältnis des Propagandaministers, der ja für das Erscheinungsbild des Nationalsozialismus in der Bevölkerung verantwortlich war, zu Friedrich dem Großen, einem der Protagonisten des Preußentums, näher thematisiert.
- 4 -Ein wichtiger Komplex dieser Arbeit ist die Beschäftigung damit, was Propaganda überhaupt ist, was die Nationalsozialisten darunter verstanden haben und warum Propaganda so wichtig in diesem Herrschaftssystem war.
Insbesondere nutzte die nationalsozialistische Propaganda das Medium Film, um die Massen für sich zu gewinnen. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass der Filmkonsum anstieg, je länger der Krieg dauerte. Da die nationalsozialistische Filmpropaganda nicht - wie man erwarten könnte - aus simpel strukturierten Hetzfilmen besteht, ist eine Abgrenzung zwischen Propaganda- und Unterhaltungsfilmen vonnöten. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, inwieweit Goebbels selbst auf die Filme Einfluss nehmen konnte und tatsächlich nahm. Darüber hinaus werden die institutionellen Voraussetzungen der Lenkung analysiert. Wie wurde nach 1933 die Filmwirtschaft umgebaut zum Zwecke der besseren Überprüfung im Sinne der Propaganda und der Zensur? Im Anschluss an diesen Exkurs wird ein Blick auf die bevorzugten Themen im nationalsozialistischen Film geworfen. Im besonderen werden hier exemplarisch die historischen Begebenheiten aufgegriffen, die für die weiter unten behandelten Filme wichtig sind. Die dort auftauchenden Propagandaaspekte werden näher erläutert und auch in den Zusammenhang mit weiteren Filmbeispielen gebracht. Die Instrumentalisierung Preußens im Film des Dritten Reichs wird veranschaulicht anhand von zwei Beispielen, den Filmen „Bismarck“ von 1940 und „Der große König“, ein Film über Friedrich den Großen, der 1942 in die Kinos kam. Die Filme werden auf propagandistisches Potenzial und Inhalt überprüft, und es wird der zeitgenössische Kontext diskutiert und mit der Rezeption der Zuschauer verglichen. Abschließend wird noch ein kritischer Blick auf die tatsächlichen Möglichkeiten der Propaganda und der Rezeption im Kriegsalltag geworfen.
1.2 Quellen und Forschungsstand
Sehr aufschlussreich für die Bewertung der Propaganda sind Äußerungen von Joseph Goebbels selbst. Hierzu zählen sowohl seine Tagebucheintragungen als auch Reden. Das Thema ‚Film im Dritten Reich“ erfuhr seine erste Aufarbeitung erst gegen Ende der sechziger Jahre. 1966 fand in Oberhausen das erste Symposion zu diesem Thema statt, bei dem nur geladene Teilnehmer zugelassen waren. Einer der ersten, der sich in ausgiebig mit dem Thema Film im Dritten Reich
- 5 -beschäftigt hat, ist der Medienwissenschaftler Gerd Albrecht. Seine viel beachtete und ausführliche Untersuchung von 1969 ist bis heute eines der wichtigsten Werke auf diesem Gebiet. Eine umfangreiche Aufarbeitung des Themas ‚Preußen im Film’ ist eine gleichnamige Textsammlung, die anlässlich der Ausstellung „Preußen -Versuch einer Bilanz“ im Jahre 1981 erschienen ist.
In den letzten Jahren beschäftigt sich die Forschung eher mit zentralen Figuren des nationalsozialistischen Films, namentlich mit Joseph Goebbels sowie mit Veit Harlan, der neben dem hier besprochen Film „Der große König“ zwei weitere äußerst umstrittene Filme des Dritten Reichs gedreht hat, nämlich „Jud Süß“ und „Kolberg“. Der letztgenannte Film kam noch am 30. Januar 1945, am zwölften Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in Berlin und La Rochelle, einer der letzten deutschen Festungen im Zweiten Weltkrieg, zur Uraufführung. Es sollte die letzte Filmpremiere des Dritten Reiches sein, die Rote Armee stand schon 80 Kilometer vor Berlin. Für den noch heute verbotenen Film „Jud Süß“ musste sich Harlan später vor Gericht verantworten.
In der Filmforschung der siebziger und achtziger Jahre stützt sich die Argumentation meist auf Filmdialoge, die die Propagandawirkung unterstreichen sollen. Es fehlt aber oftmals eine kritische Unterscheidung zwischen der Propagandaabsicht und ihrer Wirkung. Die vorliegende Arbeit versucht, auch äußere Determinanten wie historischen Kontext und Kriegsalltag einzubeziehen.
- 6 - 2Das Preußen der Nationalsozialisten
Mit Preußen verbindet man auch heute nicht nur den Staat, sondern viel mehr einen Mythos, der die verschiedensten Assoziationen hervorruft. Die Nationalsozialisten setzten derlei Assoziationen für sich ein. Der Historiker Gerd Heinrich ist der Meinung, dass in den Anfängen vor allem aus wahltaktischen Gründen Namen und
Fragmente aus der preußischen Geschichte verwendet wurden. 1 So ist es nicht verwunderlich, dass Goebbels in einer Wahlkampfrede deutlich macht, wie er Preußen versteht:
„Der Nationalsozialismus darf mit Fug und Recht von sich behaupten, dass er heute Preußentum sei. Wo immer wir Nationalsozialisten heute auch stehen, in ganz Deutschland sind wir die Preußen. Die Idee, die wir tragen ist preußisch. Die Wahrzeichen, für die wir fechten, sind vom Preußengeist erfüllt. Die Ziele, die wir zu erreichen trachten, sind in verjüngter Form die Ideale, denen Friedrich Wilhelm I., der große Friedrich und Bismarck nachstrebten. Was verstehen wir unter Preußentum? [...] Was ist das Wesen des preußischen Geistes? Es war von jeher und ist bis zum heutigen Tage aufs engste verbunden mit dem, was wir Pflichterfüllung nennen. [...] Aus ihr heraus erwuchs der Geist der Disziplin; der wahre Preuße diente einem Prinzip, das für ihn gleichbedeutend war mit dem Staat. Der Staat war kein Formalbegriff, sondern etwas, das aus der Gemeinschaft des Blutes entsprang. [...] Deshalb gab es eine verbindende Linie vom König bis zum letzten Soldaten und kleinsten Beamten, deshalb verehrten sie alle das Prinzip der Autorität, ordneten sich ihm willig ein und unter. Disziplin, die unten innegehalten wird, bedingt stets eine Autorität nach oben; ohne sie ist jene undenkbar und umgekehrt. [...] Das Volk will sich gar nicht selbst regieren, das ist eine Weisheit, die die Judenpresse erst erfand. [...] Es will überhaupt keine Wünsche äußern, solange es weiß, dass die Autoritäten, denen es unterstellt ist, bereit sind, nur dem Volke und sonst niemandem zu dienen.“ 2
Im Preußenbild der Nationalsozialisten kommen Werte wie Toleranz und Verankerung im christlichen Glauben nicht vor. Auch die Behauptung, dass Preußen
„aus der Gemeinschaft des Blutes entsprang“ 3 , lässt sich nicht halten. 4 Versuchte also Goebbels, den Mythos Preußen zu aktualisieren und damit den nationalsozialistischen Machtanspruch zu legitimieren? Karl Dietrich Bracher argumentiert, dass die Instrumentalisierung Preußens ein Versuch der
1 Vgl. Heinrich, Gerd: Geschichte Preußens, Staat und Dynastie, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1981, S. 511.
2 Goebbels, Joseph: „Preußen muß wieder preußisch werden“, in: Schlecht, Hein: Revolution der Deutschen - 14 Jahre Nationalsozialismus, Oldenburg 1933, S. 68f.
3 Ders. ebda.
4 Vgl. Schoeps, Hans-Joachim: Preußen, gestern und morgen, Eutin 1982, S. 8.
- 7 -„Manipulierung von Gefühlen und Erwartungen sei“, um durch den Versailler
Vertrag verletzte Nationalgefühle zu heilen. 5
Noch heute streiten Historiker über die Kontinuität von Bismarck zu Hitler: Was verbindet Bismarck und Friedrich mit Hitler? Warum zitiert die Propaganda diese historischen Persönlichkeiten so oft? Der Historiker Dirk Blasius schreibt, dass sich typisch nationalsozialistische Eigenschaften schon in der Bismarckzeit eingeschliffen haben. Er erwähnt in diesem Zusammenhang Antiliberalismus,
Demokratiefeindschaft und Antiparlamentarismus. 6 Dies sei unter anderem der Nährboden für den Nationalsozialismus gewesen. Und obwohl die Nationalsozialisten geschichtlich gewachsene Strukturen niederrissen, bedienten sie sich der Geschichte, um sich zu legitimieren und um alte Eliten für den neuen Staat zu gewinnen. Über die „Gewaltformen der betriebenen Politik warf man den Mantel
einer großen Geschichte.“ 7
Die Nationalsozialisten gaben also historische Motive vor und orientierten sich dabei an den Epochen mit dem höchsten Prestige: Dem Friderizianischen Preußen, der Zeit der Befreiungskriege und der Reichsgründung. Offensichtlich verfolgten sie damit einen Imagewechsel weg vom Bild der braunen Straßenkämpferhorden, die sich mit Kommunisten prügeln, hin zu den Fortführern einer großen Tradition. Obwohl diese Epochen missbraucht wurden, brachte man auf diese Weise Teile der traditionellen Führungsschichten hinter sich. Verantwortlich für den Erfolg war hierbei das „Anstoßen emotionaler Prozesse mit Hilfe zurechtgeschnittener Geschichtsbilder von
großer Bedeutung.“ 8
Es ist nicht einwandfrei zu belegen, wie Hitler abseits des Propagandistischen zu Friedrich dem Großen stand. Bis zum Schluss hat er den König als Vorbild beschworen. Er war ihm ein Held der Entschlusskraft und Willensstärke, der über einen weit überlegenen Feind triumphieren konnte. Im Führerbunker unter der Reichskanzlei hing bis zum Ende das berühmte Bild Friedrichs des Großen von
5 Bracher, Karl Dietrich: Dualismus oder Gleichschaltung. Der Faktor Preußen in der Weimarer Republik, in: Bracher, Karl Dietrich/Funke, Manfred/Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.): Die Weimarer Republik 1918-1933, Bonn 1987. S. 141.
Siehe auch Osten, Ulrich v.d., NS-Filme im Kontext sehen! Staatspolitisch wertvolle Filme 1934-1938, München 1998, S. 92.
6 Dies sind aber auch gleichzeitig national-konservative Eigenschaften, Nationalsozialismus ist auch immer eine Massenbewegung.
7 Blasius, Dirk: Von Bismarck zu Hitler, Kontinuität und Kontinuitätsbegehren in der deutschen Geschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 51/98, 11. Dezember 1998, S. 5.
8 Blasius, Dirk, a.a.O., S. 6.
- 8 -Anton Graff. 9 Der Zeitzeuge Heinz Guderian zitiert Hitler, dass er aus diesem Bild Kraft schöpfe, „wenn die schlechten Nachrichten mich niederzudrücken drohen“ 10 . Gerd Heinrich allerdings glaubt, Friedrich der Große sei für Hitler nur ein „Dekorationsstück“ gewesen. Das bereits erwähnte Bild im Führerbunker hätte nur dazu dienen sollen, die „Generalität an die Durchhaltekraft des Königs zu
erinnern.“ 11
Die bekannte Postkarte mit Friedrich, Bismarck, Hindenburg und Hitler trägt die Bildunterschrift „Was der König eroberte, der Fürst formte, der Feldmarschall
verteidigte, rettete und einigte der Soldat.“ 12 Die Instrumentalisierung Preußens für die nationalsozialistische Ideologie war jedoch relativ einseitig, denn nicht alles, was zum Preußentum gehörte, war universell für die Propaganda einsetzbar. Auf der anderen Seite war es schwierig, mit Germanen und mittelalterlichen Kaisern
emotional und assoziativ denselben Effekt hervorzurufen wie mit dem Preußentum. 13 Die alten preußischen Führungsschichten ließen sich schwer instrumentalisieren, darüber hat sich Hitler keine Illusionen gemacht. Aus der Führungsriege von SS und Partei, zusammen etwa 500 Personen, stammten nur 17 aus preußischen Provinzen, das entspricht etwa 3,4 Prozent. Relativ zur Bevölkerung der preußischen Provinzen
des Reichs, die ca. zwei Drittel betrug, hätten es 328 Personen sein müssen. 14 Gerd Heinrich ist der Ansicht, es sei kein Zufall, „daß unter den Verschwörern von 1943/44 einige Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten von preußischer
Herkunft gewesen sind.“ 15 Gleichzeitig weist er darauf hin, dass mehr als zwei Drittel der am 20. Juli 1944 Beteiligten „dem preußischen Milieu im Reich“ 16 zuzurechnen sind.
Am 11. April 1933 wurde der Bayer Hermann Göring zum Ministerpräsidenten des
Landes Preußen ernannt. Er bezeichnete Hitler als echten Preußen 17 und sagte, Friedrich sei der erste Nationalsozialist auf dem preußischen Königsthron gewesen. Im übrigen aber müsse Preußen nun vorangehen und den Rest an demokratischer Staatsgestaltung ausmerzen. Dies sei „die deutsche Mission, die Preußen im Dienst
9 Vgl. Görtemaker, Manfred in: Schoeps, Julius H.: Preußen: Geschichte eines Mythos, Berlin 2000, S. 199f. Bild: siehe Anhang: 8.7.1
10 Hippler, Fritz: Betrachtungen zum Filmschaffen, Berlin 1942, S. 79, zitiert nach Hoffmann, Hilmar: „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“, Propaganda im NS-Film, Frankfurt/M. 1988, S. 56.
11 ders. ebda.
12 Siehe Anhang.
13 Vgl. Görtemaker, Manfred, Das Ende Preußens in: Schoeps, Julius H (Hrsg.): Preußen, Geschichte eines Mythos, Berlin 2000, S. 200.
14 Vgl. unter www.preussenweb.de/prgesch6.htm und Heinrich, Gerd, a.a.O., S. 511.
15 Heinrich, Gerd, ebda. S. 512.
16 Ders., ebda. S. 522.
17 Diese Ansicht steht im direkten Gegensatz zu Hitlers österreichischer Herkunft.
- 9 - desReiches noch zu erfüllen habe.“ 18 Das Land Preußen jedoch wurde bald in das Reich eingegliedert. Am 30. Januar 1934 wurde der Landtag, der formal noch bestand, aufgelöst. Die Eingliederung Preußens in die Verwaltung blieb gleichwohl bis zum Schluss unvollendet. Die preußische Verfassung wurde bis 1947 nicht außer
Kraft gesetzt, was für die politische Wirklichkeit allerdings kaum relevant war. 19
2.1 Der Tag von Potsdam
Ein prägnantes Beispiel für die Instrumentalisierung Preußens im Nationalsozialismus ist der Tag von Potsdam. Hitler hatte, nachdem der Reichstag am 27. Februar 1933 in Flammen gestanden hatte, dem Parlament den Vorschlag unterbreitet, die konstituierende Sitzung im Potsdamer Stadtschloss abzuhalten. Da weder das Schloss noch irgendein anderer Raum in Potsdam 600 Abgeordnete fassen konnten, fiel die Wahl auf die Potsdamer Hof- und Garnisonskirche, die zwar als Kirche genutzt wurde, gleichzeitig aber Grabstätte Friedrichs des Großen war. Hitler war begeistert von dem Vorschlag, denn das Dritte Reich konnte so seine
Legitimation durch die Anknüpfung an das 1918 untergegangene Zweite Reich 20 der Bevölkerung gegenüber leichter nahe bringen. Der Vorschlag scheiterte jedoch an dem Widerstand der kurmärkischen Oberkirchenleitung. Letztlich wurde die Versammlung in die Kroll-Oper verlegt, in Potsdam sollte nur eine Zeremonie ohne politische Bedeutung stattfinden.
Doch nun trat Goebbels, der erst am 13. März zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda berufen worden war, auf den Plan: Er machte diese Zeremonie zu einem Medienereignis, das bisher seines Gleichen suchte. Für die Vorbereitungen blieb ihm kaum mehr als eine Woche. Mit dem Tag von Potsdam sollte die Reichstagseröffnung „zum ersten Mal im Stil nationalsozialistischer
Formgebung“ 21 stattfinden.
Der 21. März war ein Datum besonderer Art: Der Tag bezeichnete nicht nur den Frühlingsanfang, sondern war auch der Jahrestag der Eröffnung des ersten Reichstages im Jahr 1871. Friedrich P. Kahlenberg geht sogar so weit, den Tag von
18 Görtemaker, Manfred, a.a.O., S. 201.
19 Vgl. ders. ebda.
20 Gemeint ist das Deutsche Kaiserreich von 1871-1918.
21 Sabrow, Martin: Der Tag von Potsdam - Zur Karriere eines Politischen Symbols, Vortrag Altes Rathaus Potsdam, 21. 3. 2003, unter www.politische-bildung- brandenburg.de/programm/veranstaltungen/2003/mythospotsdamvortrag.htm am 1.3.2004.
- 10 -Potsdam als „symbolische Krönung der nationalsozialistischen Revolution“ zu
beschreiben.“ 22
Hitler erschien nicht in Uniform, sondern in Cutaway und Zylinder, der alte Reichspräsident von Hindenburg in seiner Generalfeldmarschalls-Uniform aus dem Ersten Weltkrieg.
In seiner Rede sprach Hitler davon, dass die „Vermählung vollzogen [sei] zwischen
den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft.“ 23 Diese Vermählung, wie sie auch in dem beliebten Postkartenmotiv 24 dargestellt wird, implizierte also die Traditionslinie Friedrich der Große, Bismarck, Hindenburg, Hitler. Der Dokumentarfilm der deutschen Produktionsfirma Tobis „Der Tag von Potsdam“ wurde vielfach gezeigt. Dem Zuschauer sollte hierbei der Preußenbezug des Dritten
Reichs suggeriert werden. 25 Doch nicht nur in dem Dokumentarfilm erfuhr man über diesen Tag, es waren alle Radiosender zugeschaltet, er wurde auch in der Presse
ausreichend dokumentiert und in Büchern verarbeitet, es erschienen Briefmarken 26 und Münzen zum Tag von Potsdam. 27
Aber wozu war dieser Festakt noch gut? Ulrich von der Osten ist der Ansicht, dass dieses offensichtliche Anbiedern an das Preußentum auch ein Versuch war, die Reichswehr hinter die neuen Herrscher zu bringen, indem sie diese von der Loyalität der Nationalsozialisten gegenüber preußischen Persönlichkeiten überzeugten. Dazu wurde nicht nur Hindenburg genutzt, der als Held des Ersten Weltkrieges galt, sondern auch der damals schon 84jährige Feldmarschall von Mackensen, der auch
international eine gute Reputation genoss. 28 Sogar der Kronprinz Wilhelm war an diesem Tag anwesend: Hitler hatte ihn mit der Versprechung gelockt, dass in
absehbarer Zeit die Hohenzollernmonarchie wiederhergestellt würde. 29 Goebbels sprach vom „geheiligten Potsdam als jener Stadt, in der das unsterbliche Preußentum die Grundlage zu der späteren Größe der deutschen Nation gelegt
hat.“ 30
Der Zeitzeuge Alexander Stahlberg beschreibt seinen Eindruck von dem Tag so:
22 Kahlenberg, Friedrich P.: Preußen als Filmsujet in der Propagandasprache der NS-Zeit, in: Marquardt, Axel/Rathsack, Heinz (Hrsg.): Preußen im Film, Reinbek bei Hamburg, S. 141.
23 Kahlenberg, Friedrich P., ebda.
24 Siehe Anhang.
25 Vgl. Osten, Ulrich von der:, a.a.O., S. 92.
26 Es erschienen drei Briefmarken mit einem Friedrich-Motiv von Adolph von Menzel, siehe Michel-Deutschland-Katalog 2004
27 Vgl. Görtemaker, Manfred, in: Schoeps, Julius H., a.a.O., S. 200 und Siehe Anhang,
28 Vgl. Osten, Ulrich von der, a.a.O, S. 92.
29 Vgl. Görtemaker, Manfred: Das Ende Preußens in: Schoeps, Julius H., a.a.O., S. 200
30 Ders. S. 198.
- 11 -„Potsdam war in ein Meer von Flaggen getaucht, Hakenkreuzflaggen befanden sich in der Minderheit. Dafür sah ich viele alte preußische, schwarz-weiße Flaggen, einige mit dem preußischen Adler. Oft war das Weiß vom Alter vergilbt.“ 31
An anderer Stelle schreibt er über die Einschätzung von Freunden, die diesen Tag mit ihm erlebt haben. Ein Mitglied dieses Freundeskreises war Henning von Tresckow, der sich später im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 erschoss:
„Es gab einige, die meinten, Papens Politik der Integration des Nationalsozialismus zeige ihre ersten Erfolge. Andere gingen noch weiter und sagten, es habe eine Entwicklung eingesetzt, die einmünden werde in eine konstitutionelle Monarchie unter einem der Hohenzollernprinzen. Es gab aber auch Stimmen, dieser Tag sei ein bedeutender Schachzug und großer Erfolg Hitlers, um die der Tradition und dem Geiste Preußens anhängenden Teile unseres Volkes sich selbst und seiner Partei dienstbar zu machen. Niemand vermochte sich der Faszination dieses Tages zu entziehen. [...] Wie auch immer die Urteile ausfielen, die Mehrheit der Deutschen war in diesen Tagen dabei, mit fliegenden Fahnen zu Hitler überzulaufen. Sie waren eingefangen von der Illusion, am Horizont zeige sich eine große und strahlende Zukunft.“ 32
Auch der Schriftsteller Erich Ebermayer, ebenfalls Zeitzeuge, schrieb bewundernd in sein Tagebuch:
„Es ist nicht zu leugnen: er [Hitler] ist gewachsen. Aus dem Demagogen und Parteiführer, dem Fanatiker und Hetzer scheint sich - für seine Gegner überraschend genug - der wirkliche Staatsmann zu entwickeln. Also doch ein Genie, in dessen rätselhafter Seele ungeahnte und unerhörte Möglichkeiten liegen.“ 33
Hatte der Schachzug also gefruchtet? Manfred Görtemaker 34 sieht in dem Tag von Potsdam ein Placebo, um der Bevölkerung die Angst vor einer unkontrollierten Machtausübung der Nationalsozialisten zu nehmen. Durch den Tag von Potsdam
seien die Nationalsozialisten in der Meinung von Zeitgenossen hoffähig geworden. 35 Mit diesem Tag sollte also der „Mythos Hindenburg“ vom „Mythos Hitler“
31 Stahlberg, Alexander: Die verdammte Pflicht, Berlin und Frankfurt/M. 1987, S. 46.
32 Stahlberg, Alexander, a.a.O., S. 46-47.
33 Zitiert nach: Barth, Erwin: Joseph Goebbels und die Formierung des Führer-Mythos: 1917-1934, Jena 1999, S. 185.
34 Jahrgang 1951, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Potsdam
35 Vgl. Görtemaker, Manfred, in: Schoeps, Julius H., a.a.O., S. 200.
- 12 -aufgesogen werden. Politische Tradition und revolutionärer Gedanke der
Nationalsozialistischen Bewegung sollten nun eins werden. 36 Die ebenfalls am 5. März gewählten sozialdemokratischen Abgeordneten hatten nicht an der Veranstaltung teilgenommen, auch „der Terror und die Verfolgung der politischen Gegner des NS-Regimes liefen rigoros weiter. Statt Wiederherstellung der Monarchie verfolgte die Führung der NSDAP entschieden das Ziel ihres totalen
Herrschaftsanspruchs.“ 37
Was Goebbels, aber auch der Historiker Friedrich Meinecke 38 als „Rührkomödie“ bezeichneten, verfolgte jedoch ein ganz pragmatisches Ziel: am 23. März, zwei Tage nach dem Tag von Potsdam, wurde das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ durchgesetzt, mit dem die bürgerlichen Parteien der eigenen Entmündigung zustimmten. Das Gesetz ist besser bekannt unter dem Namen
„Ermächtigungsgesetz“. 39
2.2 Preußen im Film
Preußenfilme gibt es, solange es in Deutschland Filme gibt. Einer der ersten Filme, die überhaupt gedreht wurden, handelte vom Leben Friedrich des Großen. Von diesem Film, der 1896 entstand, ist allerdings nur noch der Name, „Der Alte Fritz“, überliefert.
Durch den starken Anschein von Authentizität der Filme verschwimmen mitgebrachte Vorstellungen mit den Bildern auf der Leinwand. Gerhard Schoenberner ist der Auffassung, dass neben Büchern und Plaketten vor allem der Film das Preußenbild der Deutschen sehr geprägt hat:
„Das Geschichtsbild von Millionen Deutschen wurde von diesen Bildern gespeist. Friedrich Wilhelm I., Friedrich II., Bismarck lebten in ihrer Phantasie, wie sie sie aus den Darstellungen von Jannings, Gebühr und Hartmann kannten.
So sehr waren diese Filme auf ihre Botschaft aus, dass sie sich nicht einmal die Mühe machten, außenpolitische Konstellationen, Kriegsverlauf und Abfolge der einzelnen Schlachten zu entwirren. Wie undeutlich das Geschehen im einzelnen blieb, klar hob sich heraus,
36 Vgl. Barth, Erwin, a.a.O., S. 183f.
37 Kahlenberg, Friedrich P., a.a.O.,. S. 141.
38 Vgl. ders., ebda.
39 Vgl. Görtemaker, Manfred, in: Schoeps, Julius H., a.a.O., S. 200.
- 13 - woraufes allein ankam: das Vorbild, das Grundprinzip, die Einübung einer Haltung. Alles andere war Beiwerk.“ 40
Im Preußenfilm werden immer wieder dieselben Themen aufgegriffen: die friderizianische Ära, hier meist der Siebenjährige Krieg, die Zeit Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise, namentlich die Napoleonische Zeit bzw. die der Befreiungskriege, die Amtszeit Bismarcks und sogar der Erste Weltkrieg. Nicht gezeigt werden die Reformen nach 1806, auch Friedenszeiten werden filmisch wenig beachtet. Wenn man untersucht, welche Figur aus der preußischen Geschichte am meisten auftaucht, so ist Friedrich der Große sicherlich mit fast zwanzig Filmen der Spitzenreiter. Danach kommen auf Platz zwei und drei Königin Luise und Fürst Bismarck mit jeweils vier Filmen.
Die meisten Friedericus-Filme, 13 Stück, stammen allerdings aus der Weimarer Zeit. Während des Dritten Reichs wurden sechs gedreht, vor 1918 immerhin vier. Allein
sechzehnmal wurde der „Alte Fritz“ von Otto Gebühr 41 verkörpert. In sämtlichen Filmen wird mit dem Thema Preußen unkritisch umgegangen. 42 Schon in der Frühphase der Weimarer Republik sollten Preußenfilme das Publikum von den angespannten wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen ablenken. In den zwanziger Jahren trieb eine vierteilige Fridericus-Serie die Menschen ins Kino. Arzen von Czerépy drehte die Filme mit Otto Gebühr in der Titelrolle in den Jahren 1920-23. Bei den Sozialdemokraten rief die Serie Proteste hervor, der Filmerfolg jedoch überwog. Es gab sogar eine erste Merchandising-Welle im Zuge dieser vier Filme: es wurden Notenauszüge von der Stummfilmmusik verkauft, in den Kinos wurde eine Friedericus-Rex Postkarten-Serie vertrieben, ebenso wie Mappen mit
Aufnahmen der Hauptdarsteller. 43
Nach Czerépys Erfolg und vor 1933 gab es nicht weniger als 14 Preußenfilme.
40 Schoenberner, Gerhard: Das Preußenbild im deutschen Film, Geschichte und Ideologie in: Marquart, Axel/Rathsack, Heinz (Hrsg.): a.a.O., S. 10.
41 Vor dem Ersten Weltkrieg spielte Otto Gebühr Theater in Görlitz, Dresden und Berlin, meist als jugendlicher Liebhaber. Nach 1918 hatte er ein Engagement am Deutschen Theater in Berlin. Wirklich berühmt wurde er durch seine Darstellung Friedrichs II. in zahlreichen UFA-Filmen. 1921 begann die Serie der Fridericus-Filme. Zu ihnen gehörten „Die Mühle von Sanssouci“ und „Der alte Fritz“. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs folgten die Tonfilme „Das Flötenkonzert von Sanssouci“, „Die Tänzerin Barberina“, „Der Choral von Leuthen“, „Das schöne Fräulein Schragg“, „Fridericus“ und schließlich „Der große König“. Otto Gebühr musste sich später vorwerfen lassen, in den Dienst deutschnationaler bzw. nationalsozialistischer Interessenpolitik gestellt worden zu sein. Nach dem Krieg war er nie wieder in seiner Paraderolle als „Alter Fritz“ zu sehen. Vgl. unter www.preussen-chronik.de/person.jsp?key=Person_Otto_Geb%FChr am 01.07.04. Vgl. zum Thema Fridericus-Filme: Feld, Hans: Potsdam gegen Weimar oder wie Otto Gebühr den Siebenjährigen Krieg gewann, in: Marquardt, Axel/Rathsack, Heinz (Hrsg.), a.a.O., S. 68.
42 Vgl. Schoenberner, Gerhard, Preußenbild im deutschen Film, a.a.O., S. 10.
43 Vgl. ders., ebda.
- 14 -Gegen Ende der zwanziger Jahre sprach man sogar von einer nationalistischen Filmwelle. Auf diese Preußenfilm-Begeisterung konnte nach 1933 leicht aufgesattelt werden. Das Thema „Friedrich der Große“ eignete sich nicht zuletzt hervorragend, um Topoi wie Führerprinzip, Einkreisung durch andere Europäische Mächte, Unvermeidlichkeit des Krieges und die Notwendigkeit eines schlagkräftigen Heeres
zu thematisieren. 44
Doch nicht nur im Film wurde Preußens Gloria beschrieben, auch in der Literatur, im Theater und natürlich im Kino nahm der Nationalsozialismus das Preußentum, den preußischen Staatsgedanken, seinen Militarismus und seinen Patriotismus für sich in Anspruch. Preußische Zucht und Ordnung, sowie Untertanentreue, Fleiß und
Gehorsam wurden immer wieder zitiert. 45
Helmut Reger beschreibt ein Rezept für die Instrumentalisierung Preußens im Film:
„Man konstruiert zunächst durch verfälschende Darstellung der Friderizianischen Zeit eine Parallele zur Gegenwart, und zwar werden typische Einzelzüge des NS-Staats bzw. des Führers in die Vergangenheit zurückprojiziert. Durch diese Einzelparallelen wird der Betrachter dann suggestiv zu einem totalen Analogieschluß veranlasst, ihm wird die vollständige Deckungsgleichheit des Führers mit DEM FÜHRER aufgedrängt. Damit werden automatisch alle Leistungen, alle Erfolge und alle Werte, die sich mit dem Staat Friedrichs verbinden, diesem neuen Staat hinzugefügt.“ 46
In Analogie bedeutet dies: der neue Staat, das Dritte Reich, wird genau so aufsteigen, wie Preußen es unter Friedrich dem Großen getan hat. Der Analogiestrom lässt sich sogar noch ausbauen: Die Geschichte wiederholt sich mit dem neuen Friedrich in Form eines Adolf Hitler. Am Ende wird die preußische Geschichte also als Vorform
des NS-Staates propagiert. 47
Nicht thematisiert im Fridericus-Film des Dritten Reichs werden freilich Friedrichs Seiten, die nicht im deutsch-nationalen Sinn zu verwerten sind, zum Beispiel seine ideengeschichtlichen Wurzeln in der Aufklärung französischer Prägung, kosmopolitische Züge oder die Tatsache, dass er kaum Deutsch sprach, auch erscheint er meist als Mann um die Fünfzig, also im selben Alter wie Adolf Hitler
zum Zeitpunkt der Filmuraufführungen. 48
Im historischen Film des Dritten Reichs werden immer wieder Werte wie Treue,
44 Vgl. ders., S. 12ff.
45 Vgl. Drewniak, Boguslaw: Der deutsche Film 1938-1945, Ein Gesamtüberblick, Düsseldorf 1987, S. 190.
46 Reger, Helmut, in: Marquardt, Axel/Rathsack, Heinz (Hrsg.), a.a.O., S. 126.
47 Vgl. Reger, Helmut, a.a.O., S. 126f.
48 Vgl. Reger, ebda.
- 15 -Kameradschaft, Opfersinn, Stolz, Gehorsam, Mut und Vaterlandsliebe thematisiert. All diese Themen lassen sich assoziativ leicht auf das Preußentum projizieren. Überdies ist die Instrumentalisierung preußischer Geschichte für das Dritte Reich
möglicherweise ein groß angelegter „Legitimierungsfeldzug“ 49 . Durch die Gleichsetzung Preußens mit dem Dritten Reich soll das NS-Regime historische Weihe erhalten und ehrlich erscheinen.
Nicht zuletzt fühlte man sich mit Preußen als Propagandamittel auf der sicheren Seite: Auch wenn die meisten der etwa 1.000 Filme, die zwischen 1933 und 1945 gedreht wurden, keine Preußenfilme waren, so war der Preußen- und auch der Friedrich-Mythos in den Köpfen der Menschen zu dieser Zeit sehr stark vorhanden. Deshalb war die propagandistische Nutzung Preußens auch so beliebt. Konrad Barthel nennt dies „die Ausbeutung der borussisch-nationalen Geschichtserziehung
des deutschen Volkes seit der Reichsgründung“. 50
Ein Preußenfilm wurde allerdings nicht zugelassen, das Verbot hatte jedoch weniger
mit dem Inhalt zu tun: Die „Preußische Liebesgeschichte“ mit Lida Baarova 51 in der Hauptrolle wurde 1938, unmittelbar nachdem sie abgedreht wurde, verboten. Die Hauptdarstellerin war wegen eines Verhältnisses mit Joseph Goebbels in Ungnade gefallen. Später passte der Film nicht mehr in die Zeit und wurde erst nach 1945
uraufgeführt. 52
2.3 Filmische Darstellung Friedrichs des Großen
Friedrich II. von Preußen ist vielfach apostrophiert in die Geschichte des Films eingegangen: als ‚Sieger von Leuthen’, als ‚erster Diener des Staates’, und - immer für eine Anekdote gut - als ‚Alter Fritz’ Überdies war er der ‚Philosoph auf dem Königsthron’, der ‚Flötenspieler von Sanssouci’. Die Liste ließe sich sicherlich fortsetzen. Seine Popularitätskurve stieg in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als „Die Geschichte Friedrichs des Großen“ von Franz Kugler mit Illustrationen von
49 Kampen, Wilhelm van: Das preußische Beispiel als Propaganda und politisches Lebensbedürfnis, in: Marquardt, Axel/Rathsack, Heinz (Hrsg.), a.a.O., S. 174.
50 ders., ebda.
51 Joseph Goebbels wollte für die tschechische Schauspielerin sogar seine Frau Magda verlassen, jedoch scheiterte das Unterfangen am Veto Hitlers. Vgl. unter http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/GoebbelsJoseph am 12. 7. 2004.
52 Vgl. Drewniak, Boguslaw, a.a.O., S. 190.
- 16 -Adolph von Menzel erschien. 53 Nach 1918 wurde Friedrich der Große zum Leitbild derer, die das zusammengebrochene Kaiserreich wiedererstehen lassen wollten. Auch die Nationalsozialisten vereinnahmten den König für sich. In „Mein Kampf“ brachte Hitler seine Bewunderung für preußische Disziplin zum Ausdruck, die Nationalsozialisten „priesen Preußen als Keimzelle der neuen Ordnung. [...] Friedrich [...] erschien ihnen als der Mann, der das Reich neu gegründet und die
Grundlagen geschaffen hatte, auf denen Bismarck und Hitler aufbauen konnten.“ 54 Eine Hitler-Biografie von 1936 endet mit den Worten: „So haben wir Frontsoldaten
den Geist Friedrichs des Großen in uns fortwirken gespürt.“ 55 Tatsächlich kann man Parallelen zwischen Friedrich und Hitler ziehen: So wie Friedrich, Herrscher in der Zeit des Absolutismus, stand auch Hitler an oberster Spitze des Staates, ihm war das letzte Wort vorbehalten. Ebenso ließ er Kanäle und Manufakturen anlegen, und auch Hitler schaffte Arbeitsplätze, das meistzitierte Beispiel ist der Bau der Autobahnen. Friedrich war ein guter Feldherr, der wenig auf die Generalität hörte; ebenso sah sich später auch Hitler. Wie auch Friedrich wollte Hitler sein Reich vergrößern. Als Franklin D. Roosevelt starb, glaubte Hitler sogar, das Glück sei ihm ebenso hold wie Friedrich, der vom Tode der Zarin Elisabeth
profitierte. 56
Hätte Friedrich der Große im Dritten Reich gelebt, er wäre großen Gefahren ausgesetzt gewesen angesichts seiner Verbindungen zu Freimaurern und Juden. In
dem Film „Der große König“ hätte er sich vermutlich selbst nicht wiedererkannt. 57 Gerhard Schoenberner sieht in dem Film den Höhepunkt des Führerkultes im Preußenfilm. Im Vergleich hierzu erscheinen ihm alle vorhergehenden Friedrich-Filme als magere Vorstufen. Friedrich erscheint hier definitiver und radikaler.
„Das ist nicht mehr der volkstümliche „Alte Fritz“, der das Publikum der zwanziger Jahre umwarb, sondern ein Feldherr und Staatenlenker von einsamer Größe, der den Willen der Geschichte vollstreckt. Einem solchen Führer, suggerierte der Film, muß das Volk folgen, auch wenn es seine Wege nicht versteht. Sein Genie führt sicher durch alle Krisen bis zum Sieg, solange die Gefolgschaft nicht wankt und fest im Glauben bleibt.“ 58
53 Vgl. Ohm, Bernd: Große Taten Großer Männer - Geschichtsdarstellung in drei FilmBiografien, Augsburg 1996, S. 47f.
54 Duffy, Christopher: Friedrich der Große - Ein Soldatenleben, Zürich und Köln 1986, S. 408ff.
55 Ritter, Gerhard: Friedrich der Große, Ein historisches Profil, Leipzig 1936, zitiert nach: Ohm, Bernd, a.a.O., S. 49.
56 Vgl. Ohm, Bernd, a.a.O. S. 53ff.
57 Vgl. Duffy, Christopher, a.a.O., S. 409.
58 Schoenberner, Gerhard, Preußenbild im deutschen Film, a.a.O., S. 26.
- 17 -„Das Flötenkonzert von Sanssouci“ von Gustav Ucicky, ein sehr populärer Film aus dem Jahr 1930, wurde in einer Zeit aufgeführt, als die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg noch immer ein kontrovers diskutiertes Thema in Deutschland war. Im Film wird der Anfang des Siebenjährigen Krieges dargestellt. Friedrich widmet sich dem Flötenspiel, der Philosophie und den schönen Künsten, und während man am sächsischen Hof gegen ihn intrigiert, gerät Preußen politisch in die Isolation. Der Preußenkönig jedoch erfährt von der Verschwörung und unternimmt einen Präventivschlag gegen das scheinbar neutrale Sachsen. Dies kann als Rechtfertigung und Parallele zur Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich und Russland 1914 verstanden werden.
Schon „Der alte und der junge König“ von 1935 weist starke antifranzösische Tendenzen auf: Die Franzosen werden als Falschspieler dargestellt, französische
Literatur als seicht und obszön, der Soldatenkönig wirft sie entrüstet ins Feuer.. 59 Der nächste Friedrich-Film ist „Fridericus“, in dem Johannes Meyer Regie führte und Friedrich einmal mehr durch Otto Gebühr dargestellt wird. Auch er passt thematisch in die Zeit, wieder wird die Einkreisung Preußens durch fremde Mächte
thematisiert. Es folgt 1940 „Trenck, der Pandour“. 60
2.4 Goebbels und Friedrich der Große
Goebbels sah in Friedrich dem Großen ein Symbol für nationale Größe, für Heldentum in schwierigen Zeiten und Gleichgültigkeit gegenüber wechselnden Launen des Schicksals. Im Jahre 1943 sollen allein sechs Portraits des Königs das Goebbelssche Haus auf Schwanenwerder geschmückt haben. Ganz offen bezeichnete er Hitler als „Vollender einer heldischen Tradition der deutschen Reichsidee, die von
Friedrich dem Großen ausging und von Bismarck fortgesetzt wurde.“ 61 Goebbels baute Friedrich zur nationalen Vorbildfigur aus. Im Dezember 1941 zitierte Goebbels
59 Vgl. Reger, Helmut, a.a.O., S. 128f.
60 Regie: Herbert Selpin, Prädikate: volkstümlich wertvoll, jugendwert, Handlung: Im Jahre 1846 hat Franz Freiherr von der Trenck acht Jahre im militärischen Dienst anderer Länder hinter sich. Nach seiner unfreiwilligen Flucht aus Rußland, besteht sein Vater darauf, dass Trenck von seinem Erbteil ein Pandurenregiment gründet und fortan im Dienste der Kaiserin Maria Theresia gegen Frankreich kämpft. Er verliebt sich in die Prinzessin Theresia Deinartstein, die allerdings dem Fürsten Solojew versprochen ist. Doch Trenck erkennt bald, dass dieser und die Gräfin St. Croix in eine Spionageaffäre verwickelt sind. Vgl. unter www.deutscher-tonfilm.de am 29.06.04.
61 Bramsted, Earnest K.: Goebbels und die nationalsozialistische Propaganda 1925-1945, Frankfurt/M. 1971, S. 577.
- 18 -Friedrich II. mit den Worten, „daß man sich in Sturm- und Notzeiten mit Eingeweiden aus Eisen und mit einem ehernen Herzen versehen müsse, um alle
Empfindsamkeit loszuwerden.“ 62
Durch den Film „Der große König“ - so sieht es der amerikanische Historiker Earnest K. Bramsted - hatte sich Goebbels eine Stärkung der Volksmoral erhofft. Friedrich war Vorbild für Gleichmütigkeit trotz des Krieges und Tapferkeit. Goebbels berief sich auf die Tradition und ließ sie in neuem Licht erscheinen. Immer wieder zitierte er Friedrich, der sein Volk durch schwierige Zeiten geführt hat und dabei stets das Beste des Volkes im Auge hatte.
„Die Preußen im fünften oder sechsten Jahre des Dritten Schlesischen Krieges mögen wohl so gedacht und empfunden haben, wie wir heute manchmal denken und empfinden. Sie wären sicherlich unter der Wucht des Unglücks, das sie traf, zusammengebrochen, hätte sie nicht der herrische Geist ihres großen Königs immer wieder aufgerichtet. Die Geschichte weiß davon zu erzählen, dass er manchmal der einzige war, der den Schicksalsfügungen eine feste, männliche Haltung entgegenstellt und damit jede, auch die schwerste Krise überwand. Ohne ihn wäre Preußen zweifellos ein kleiner deutscher Zwischenstaat geblieben, durch ihn wurde es zur Großmacht und damit zur Führungsmacht des Reiches. Es musste ein tiefes Tal des Leidens und der Drangsale durchschreiten, bis es auf die Höhe steigen konnte. Was wir heute an ihm als eine Summe von Heroismus und Charakterstärke bewundern, war damals nur eine Summe von tragischen Opfern, Schmerzen und Entbehrungen. Die Geschichte verschenkt nichts, zumal ihre kostbarsten Geschenke und wie die Mutter jedes Mal aufs neue ihr Leben einsetzen muß, wenn sie das neue Leben gebären will, so müssen die Völker ihr Leben zum Einsatz bringen, um ihr Leben neu zu formen, ja, um es nur zu erhalten! 63
Immer wieder schreibt Goebbels in seinen Tagebüchern über Friedrich II. von Preußen. Eines der letzten Bücher, die er gelesen hat, ist eine Friedrich-Biografie von Thomas Carlyle. Am 25. März 1945, etwa fünf Wochen vor seinem Freitod, schreibt der Minister in sein Tagebuch:
„Carlyle ist ein glühender Verehrer Friedrichs des Großen, und er schildert sein Leben wie ein Heldenepos. Aus dieser Schilderung kann man wieder ersehen, in welch einer souveränen inneren Gelassenheit und welch einem bewundernswerten Stoizismus er es immer gemeistert hat. Auch er glaubte manchmal an seinem guten Stern verzweifeln zu sollen: aber wie es meistens in der Geschichte so ist, so ging auch ihm in
62 ders. ebda.
63 ders. ebda.
- 19 - derdunkelsten Stunde ein heller Stern auf, und Preußen wurde gerettet in einer Situation, in der er schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatte. Aus welchem Grunde sollten wir nicht auf eine ähnliche wunderbare Wendung der Dinge hoffen können!“ 64
Er verheimlicht seine Ehrfurcht vor Hitler nicht, im Gegenteil, er vergleicht Hitler direkt mit Friedrich :
„Wir müssen so sein, wie Friedrich der Große gewesen ist, und uns auch so benehmen. Der Führer stimmt mir völlig zu, wenn ich ihm sage, dass es unser Ehrgeiz sein soll, dafür zu sorgen, dass, wenn in Deutschland einmal in 150 Jahren eine gleich große Krise auftaucht, unsere Enkel sich auf uns als das heroische Beispiel der Standhaftigkeit berufen können. Auch die stoisch-philosophische Haltung zu den Menschen und zu den Ereignissen, die der Führer heute einnimmt, erinnert stark an Friedrich den Großen. Er sagt mir zum Beispiel, daß es nötig sei, für sein Volk zu arbeiten, aber dass auch das nur begrenztes Menschenwerk sein könne. [...] Trotzdem aber müsse es unsere Aufgabe sein, unsere Pflicht zu erfüllen bis zum letzten. In diesen Dingen ist der Führer auch ein Stoiker und ganz ein Jünger Friedrichs des Großen. Ihm eifert er bewusst und unbewusst nach. Das muß auch für uns alle ein Vorbild und ein Beispiel sein. Wie gerne wollten wir dieses Vorbild und Beispiel aus vollstem Herzen nachahmen.“ 65
Somit ist es wenig verwunderlich, wenn Goebbels so besonderes Augenmerk auf Harlans Friedrich-Film gelegt hat.
64 Fröhlich, Elke (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil II, Diktate 1941-45, Band 15, Januar-April 1945, München et al. 1995, S. 587f.
65 Fröhlich, Elke (Hrsg.), Band 15, a.a.O., Eintrag vom 28. Februar 1945, S. 383.
- 20 - 3Die Bedeutung der Propaganda
Der Begriff Propaganda stammt aus dem Lateinischen. 66 Bekannt wurde der Begriff durch Papst Gregor XV. Er gründete im Jahre 1622 in Rom die „Sacra congregatio de propaganda fide“ zur Verbreitung des Glaubens im Sinne der Gegenreformation.
Diese diente der Zentralisierung der Mission der Katholischen Kirche. 67 Bis ins neunzehnte Jahrhundert stand Propaganda für „religiöse Verkündung“. Später wurde der Begriff säkularisiert, hatte jedoch schon früh eine negative Konnotation. Er wurde häufig als Synonym für Lügen, Manipulation, Gehirnwäsche oder Verzerrung
verwandt. 68 Bis heute hat der Begriff Propaganda einen negativen Beigeschmack. Richard Taylor schreibt, Propaganda sei immer das, was der Feind betreibt, „während die eigene Propaganda unter dem Deckmantel der Information oder
Öffentlichkeit daherkommt.“ 69
Es ist schwierig, Propaganda von Erziehung, Information und Werbung abzugrenzen. In der vorliegenden Arbeit wird Propaganda definiert als
„[...] zielgerichtete Überzeugungsarbeit im Sinne manipulativer Werbung für politische, wirtschaftliche und religiöse und weltanschauliche Güter bzw. Ideen. Im Unterschied zur kurzfristigen, auf aktuelle Beeinflussung abzielenden Agitation ist die Propaganda auf planvolle Verbreitung und langfristig wirksame Bewusstseinsbildung eines breiten
Empfängerkreises angelegt. Die Indoktrination durch Massenmedien und durch Massenkommunikation politischer Führungsgruppen ist dazu ein zentrales Instrumentarium. Sie wird jedoch mitunter gefiltert durch die interpersonale Primärkommunikation der Adressaten und deren selektive Informationsaufnahme und -verarbeitung. Propaganda wird sowohl zur Konsolidierung als auch zur Erosion politischer Herrschaft eingesetzt; besonders autoritäre und totalitäre Systeme benutzen Propaganda als bevorzugtes Mittel, sich die Gefolgschaft der Bevölkerung zu sichern.“ 70
66 Das Verbum „propagare“ bedeutet „verbreiten, ausbreiten“. Genau genommen bildet sich „propagare“ aus „pagus, i m. - das Gebiet, Region“, und dem Präfix „pro - für/vor“. Propagare bedeutet also „voran/hinaus in ein Gebiet bringen“, so kommt es zu der Bedeutung „verbreiten“. Die Form „propaganda“ ist dazu das Gerundivum im Nominativ Plural Neutrum und bedeutet: „die Dinge, die zu verbreiten sind = das zu Verbreitende“.
67 Vgl. Kosyk, Kurt: Propaganda, in: Kosyk, Kurt/Pruys, Karl Hugo (Hrsg.): Handbuch der Massenkommunikation, München 1981, S. 258.
68 Vgl. Jowett, Garth S./O’Donnell, Victoria: Propaganda and Persuasion, London 1986, S. 15.
69 Taylor, Richard: Film Propaganda. Soviet Russia and Nazi Germany, New York 1979, S. 19 zitiert nach: Hachmeister, Sylke: Kriegspropaganda gegen Kranke, Baden-Baden 1992, S. 78.
70 Brinkmann, Heinz: Propaganda, in: Holtmann, Everhard (Hrsg.), Politik-Lexikon, Wien 2000.
- 21 -Der Politikwissenschaftler Wienand Gellner geht sogar noch weiter: „Entscheidend ist dabei die geschickte Auswahl und gegebenenfalls Manipulation der Nachricht,
nicht ihr Wahrheitscharakter.“ 71
Propaganda wirbt für politische oder gesellschaftliche Ideale oder Ideologien. Der Propagandist gibt zum Zweck der Propaganda Botschaften weiter, um den Empfänger der Botschaft in eine bestimmte, von ihm beabsichtigte Richtung zu lenken. Propaganda ist einseitig und zielgerichtet. Jedoch sind die Übergänge
zwischen Information, Erziehung, Rhetorik und Propaganda fließend. 72 Joseph Goebbels versuchte, den Begriff aufzuwerten. Für ihn war „die Propaganda der anderen keine Propaganda, sondern Agitation. Und eine Zahnpastafabrik etwa
machte selbstverständlich keine Propaganda, die trieb Reklame.“ 73
3.1 Propaganda und Nationalsozialismus
Wie wichtig die Propaganda für das nationalsozialistische System ist, zeichnet sich schon früh ab: Bereits in „Mein Kampf“ widmet Adolf Hitler der Propaganda zwei
Kapitel. 74 Ein wesentliches Kennzeichen nationalsozialistischer Propaganda ist deren Anspruch auf permanente Präsenz, auf völlige Indoktrination nationalsozialistischer Ideologie mit dem Ziel der totalen Unterordnung. Der einzelne Mensch soll sein ganzes Leben lang „nicht mehr frei werden“ und keine Möglichkeit mehr haben, als
„nationalsozialistisch zu denken oder zu handeln.“ 75 Schon in ihren Anfängen ist die Propaganda für die NSDAP sehr wichtig. Hitlers Propagandakonzept entspricht dem von Gustave Le Bon, der davon ausgeht, dass man den Menschen sehr gut beeinflussen kann, soweit er Triebwesen in einer psychologischen Masse ist. Die nationalsozialistische Propaganda hat sich durch permanente Wiederholung ihrer Inhalte und „Wahrheiten“ ausgezeichnet, aber auch
durch verkürzte oder verfälschte Wiedergabe von Aussagen politischer Feinde. 76
71 Gellner, Wienand: Propaganda, in: Nohlen, Dieter: Lexikon der Politik, Band 7, Politische Begriffe, München 1998. S. 68.
72 Hachmeister, Sylke, a.a.O., S. 86.
73 Heiber, Helmut (Hrsg.): Goebbels-Reden, Band 2, 1939-1942, Düsseldorf 1972, S. 137.
74 Vgl. Grill, Johnpeter: Germany 1933-1945 in: Cole, Robert (Hrsg.): International Encyclopedia of Propaganda, Chicago 1998, S. 266f.
75 Goebbels, Joseph, zitiert nach Dustdar, Bianca, Film als Propagandainstrument in der Jugendpolitik des Dritten Reiches, Alfeld 1996, S. 12.
76 Vgl. Mannes, Stefan: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film Jud Süß und Der ewige Jude, Köln 1999, S. 11f.
- 22 -Die schwedischen Soziologen Folke Isaksson und Leif Fuhrhammar behaupten sogar, dass es „in der nazideutschen Propaganda nichts Originelles gab, aber dass
die äußere Organisation eindrucksvolle (oder erschreckende) Ausmaße annahm.“ 77
3.2 Bedeutung des Films für die Propaganda
Das Thema Propaganda im nationalsozialistischen Film weckt Erwartungen von Hetzfilmen antisemitischer Art oder kriegsverherrlichenden Geschichten. Jedoch besteht tatsächlich nur ein kleiner Teil der zwischen 1933 und 1945 entstandenen Produktion aus plumper Volksverhetzung. Es gibt genug Wochenschauberichte und vor allem erfolgreiche Spielfilme, die auf den ersten Blick keine propagandistischen Ziele verfolgen. Denn der nationalsozialistische Film hat sich am Zeitgeschmack orientiert, und es ist auch zweifelhaft, ob jeder Film, der in dieser Zeit in die
Filmtheater kam, als Teil des politischen Machtapparats zu sehen ist. 78 Die Bedeutung des Films für die nationalsozialistische Propaganda kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Film ist ein durchaus wichtiges Propagandainstrument, wenn nicht vielleicht sogar das wichtigste. Auch wenn er - im Gegensatz zu Radio und Zeitung - nicht ganz aktuell ist, so besitzt er doch eine weitaus größere Tiefenwirkung.
Der Reichsfilmintendant Fritz Hippler schreibt 1944 in der Zeitschrift „Illustrierter Filmkurier“:
„Im Vergleich zu den anderen Künsten ist der Film durch seine Eigenschaft, primär auf das Optische und Gefühlsmäßige, also Nichtintellektuelle einzuwirken, massenpsychologisch und
propagandistisch von besonders eindringlicher und nachhaltiger Wirkung. Er beeinflusst nicht die Meinung exklusiver Kreise von Kunstkennern, sondern er erfasst die breiten Massen. Er erzielt damit soziologische Wirkungen, die oft nachhaltiger sein können als die von Schule und Kirche, ja sogar von Buch, Presse und Rundfunk. Es wäre daher auch aus ganz außerkünstlerischen Gründen geradezu frevelhaft und leichtsinnig, wenn ein verantwortungsbewusstes Staatsregiment sich des Führungsanspruchs über dieses wichtige Element begeben würde.“ 79
77 Isaksson, Folke/Fuhrhammar, Leif: Politik und Film, Ravensburg 1974, S. 65.
78 Vgl. Lowry, Stephen: Pathos und Politik, Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus, Tübingen 1991, S. 3ff.
79 Hippler, Fritz, in: Illustrierter Filmkurier, Berlin, 5. April 1944.
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