1. Einleitung
Der kubanische Schriftsteller Heberto Padilla machte sich Ende der 1960er Jahre international einen Namen, als er für seinen revolutionskritischen Gedichtband m it dem Literaturpreis des nationalen Schriftstellerverbands Kubas (U.N.E.A.C.) geehrt wurd e. Seither stand er in Kuba unter der Beobachtung des Regim es und wu rde von der literarischen Gesellschaft ausgeschlossen, die in der Hand der omnipräsenten Staatsgewalt lag. Während dieser Zeit - Anfang der 1970er Jahre - verfasste er seinen autobiographischen
Roman En mi jardín pastan los héroes, in den er „die kubanische W irklichkeit projizierte“ 1 . Dieser Roman wurde zum Anlass genommen, ihn für „kontrarevolutionäre Um triebe“ (149) in Haft zu nehm en, wo er tagelang unter Gewalt- und Droge neinfluss verhört wurde. Der „Caso Padilla“ schlug in der internationale n Presse große W ellen und veranlasste viel e intellektuelle Linke wie Sartre, sich von de r kubanischen Revolution zu distanzieren. Aufgrund des starken Protests aus dem Ausl and wurde Padilla nach einem öffentlich
ausgesprochenen Schuldbekenntnis nach 37 Tage n Haft wieder frei gelassen. Allerdings konnte er nach diesem Ereignis keine weiteren Werke in Kuba veröffentlichen und wurde verpflichtet, als Übersetzer zu arbeiten, was für ihn ein Leben am Existenzminimum zur Folge hatte. Erst nach jahrelangen Bemühunge n von Freunden aus dem Ausland und linken Intellektuellen aus der ganzen Welt wurde ihm 1980 die Ausreise gewährt. In ein er Plastik tüte - unter vielen B riefen versteckt - gelang es ihm , seinen
autobiographischen Rom an En mi jardín pastan los héroes m itzunehmen, den er im darauf folgenden Jahr in den USA m it einem überarbeiteten Ende v eröffentlichte. Acht Jahre darauf, im Jahre 1989, schrieb er seine Autobiographi e, die seinen Lebensabschnitt kurz vor der kubanischen Revolution bis zur Abreise aus Kuba behandelt. Beide W erke wurden von der Weltöffentlichkeit mit hohen Erwartungen aufgenommen, denn man erhoffte sich von ihnenneben einem hohen literarischen Wert - Hint ergrundinformationen über Padillas Leben zu erfahren; wie er z.B. v on einem begeis terten Revolutionsanhänger zu einem Kritiker des Regimes wurde, wie es zu se iner Verhaftung kam, ob sein Schuldbekenntnis ehrlich gem eint war sowie vor allem intime Details über das Verhältnis zu Fidel Castro. In dieser Arbeit wird der Versuch unternomm en, die beiden Werke in Bezug zuein ander zu setzen und zu untersuchen, wie viel Fiktivität in der Autobiographie steckt. Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Biographie Padillas, lenk t aber im W eiteren das Augenm erk auf die
Erwartungen an die Autobiographie in den letzten 100 Jahren ihrer Gattungsgeschichte. Tiefer
1 Heberto Padilla: „La mala memoria“, Barcelona: 1989, S. 148. Im Folgenden beziehen sich die Seitenzahlen in
Klammern auf ebendiese Ausgabe. 2 von 28
eingegangen wird in diesem Zusa mmenhang au f die Therorie des „Autobiographischen
Pakts“ von Lejeune und die Neue Autobiographie, welche die grundlegende Unterscheidung zwischen Rom an und Autobiographie aufhebt, i ndem sie ihre „Fiktionalität“ of fenlegt. Anschließend wird La mala memoria auf die Merkm ale der neuen Autobiographie hin untersucht - insbeson dere auf diese fiktion alen Elem ente. Außerdem wird auf einige Besonderheiten dies es Werkes aufm erksam ge macht, welche zum außergewöhnlichen Stil Padillas beitragen. Schlussendlich wird eine Zusammenfassung gegeben, um deutlich zu machen, inwiefern dieses Werk fiktiv ist.
2. Padillas Biographie
Heberto Padilla wurde 1932 in Pinar del Río ge boren. Bereits im jungen Alter von 16 Jahren verfasste er sein ers tes W erk "Las rosas audaces". In La Habana absolv ierte er ein
Journalismus-Studium, was die Grundlage für se ine spätere Tätigkeit in vielen Zeitungen bildete. 1956 verließ er Kuba und arbeite zwei Jahre lang als Englischlehrer und comentador radial in Miam i. Noch vor der Jahreswende 1 959 zog er nach New York, so dass er die kubanische Revolution in der Silvesternacht 195 8, die sein eigenes Leben und die G eschichte Kubas veränderte, von dort aus mitverfolgte. Di eses Ereignis nahm sich Padilla auch als Einstieg in seine Autob iographie, denn anläss lich dieser R evolution - so erklärt er in seiner Autobiographie - „mi único anhelo era volver a c uba“ (9). Dementsprechend kehrte er bereits wenige W ochen nach dem Machtwechsel nach Kuba zurück, um seinen Anteil an der Revolution zu leisten (S. 30).
In Kuba arbeite te er be reits kur ze Zeit nach seiner Rückkehr als Journalist in der Zeitung Prensa Latina und verfasste nebenher seine literarischen Werke Buscavidas und El justo
tiempo humano. Außerdem engagierte er sich im Namen der kubanischen Revolution beim Aufbau mehrerer literarischer Organisationen wie der Unión de Escritores y Artistas de Cuba, der Zeitsch rift Unión und dem Consejo Nacional de Cultura. Ferner leitete er d as
Korrespondententeam der Prensa Latina in London.
In den ersten zwei Jahren nach der Revolution spitzte sich die po litische Stimmung in Kuba zu, sodass bereits in den eigenen Reihen Ma ßnahmen gegen angebliche konterrevolutionäre Mitglieder stattfanden. Russische Freunde rieten ihm dazu, Kuba für einige Zeit zu verlassen, um nicht selbst ins Visier der „Säuberungen“ zu geraten wie sie dies aus der russischen Revolution kannten. Dem Rat folgend ließ er sich 1962 nach Moskau versetzen. Dort lernte er
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die Prob leme der sowjetisch en Ges ellschaft kennen, die selbst sech s Jahre nach dem XX. Parteitag mit der Aufarbeitung der Verbrechen Stalins zu kämpfen hatte. Als er 1964 nach Kuba zurüc kkehrte, wurde er zum Generaldirektor des staatlichen Im port/ Exportunternehmens Cubartimpex ernannt, das für die Einfuhr internationaler Literatur und die Ausfuhr kubanischer literarischer W erke zu ständig ist. Auch war er als Berater des Handelsministeriums tätig, in dessen Auft rag er Kuba 1964 bis 1966 in verschiedenen osteuropäischen und skandinavischen Ländern ve rtrat. In dieser Zeit konnte er sich viele Freunde unter den damaligen großen linken In tellektuellen m achen und Eindrücke von den Diskursen linker politischer Strömungen in verschiedenen westeuropäischen Ländern sammeln.
All diese Erfahrungen in West- und Osteuropa ließen ihn nach seiner Rückkehr 1966 nach La Habana eine kritische Stell ung gegenüber dem Verlauf der Re volution einnehmen, der er in der komm unistischen Jugendzeitung Juventud Rebelde Ausdruck verlieh. Seine Artikel, die politische und kulturelle Problem e anschnitten, riefen heftige Attacken seitens reg imetreuer Organisationen hervor.
Nichtsdestotrotz erhielt er 1968 den Premio Nacional de Poesía de la Unión de Escritores y Artistas de Cuba für seinen regim ekritischen Gedichtb and Fuera del juego. Dies erweckte umso mehr den Zorn der om nipotenten Staatsgewalt, da Pad illa sein Gedichtband trickreich der Zensur entzogen hatte. Doch seine Kritik am Revolutionsgang blieb für ihn nicht ohne Folgen. Drei Jahre später, am 20. März 1971, wurde er ohne wirklichen Anlass - m it de m Vorwurf „s ubversive Aktivitäten“ zu betreibe n - m it seiner Frau verhaftet. Zu den
Hintergründen seiner Verhaftung sagt er in se iner Autobiographie, da ss er einen Tag zuvor eine vorläuf ige Version seines reg imekritischen Rom ans En mi jardín pastan los héroes einem befreundeten Universitätsprofessor zum Le sen gegeben hatte. Je doch hatte er bereits geahnt, dass dies Konsequenzen für ihn haben würde. Seine Verhaftung schlug große Wellen in der internationalen Pre sse; vor allem linke
Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, Sim one de Beauvoir, Alberto Mo ravia, Susan Sontag, Mario Vargas Llosa, Carlos Fuentes, Octavio Paz, Hans Magnus Enzensberger, Juan Goytisolo zeigten offen ihre Solidarität m it Heberto Padilla und distanzierten sich dam it von der kubanischen Regierung, die bis zu diesem Zeitpunkt eine Vorbildfunktion in linken
Kreisen auf der ganzen Welt eingenommen hatte. Nach 38 Tagen Verhör und Folter wurde Padilla schließlich wieder freigelassen, nach dem er eine öffentliche Selbstbes chuldigung verlesen hatte. Fortan lebte er unter stä ndiger Beobachtung der Geheimpolizei. A ußerdem
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wurde er dazu verordnet, für den staatlichen V erlag Arte y literatura für einen Mindestlohn Übersetzungen anzufertigen.
Trotz unzähliger Anträge und großem Druck aus dem Ausland wurde Padilla die Ausreise erst 1980 gewährt. In seiner Wahlheim at USA lehrte er an der U niversität Princeton, New York, und in Miam i. Ferner veröffentlichte er 1981 El hombre junto al mar und 1984 seinen aus Kuba geschmuggelten Rom an En mi jardín pastan los héroes, an dessen erster Version er noch Änderungen vornahm und eine zweite englis che Version 1986 herausgab, die u. a. auch ins Deutsche übersetzt wurde. 1989 erschien seine Autobiographie, die m it der kubanischen Revolution beginnt und m it seiner Ausreise aus Kuba endet. Im Jahr 2000 zog er nach Alabama, wo er an der Auburn University einen L ehrauftrag an genommen hatte. Dort verstarb er noch im selben Jahr.
Padilla war neben seinen literarisch en Werken vor allem wegen seiner Auseinandersetzungen mit der kubanischen Regierung bekannt ge worden, die unter dem Stichwort El Caso Padilla in der Presse geläufig waren. Viele linke Inte llektuelle, die m it der Regierung F idel Castros zuvor sympathisiert hatten und Kuba als gelungen es Beispiel des Sozialism us gelobt hatten, wandten sich nach diesem Ereignis von der ku banischen Revolution ab. Dies hatte für die kubanische Regierung einen großen Imageverlust zur Folge, von dem sie sich bis heute nicht erholen konnte.
3. Gattungsgeschichte der Autobiographie
Auf den ersten Blick ersche int es selbs tverständlich, dass eine Autobiographie die Nacherzählung des eigenen Lebens ist. Bereits nach einer kurzen Prüfung dieser ersten Definition f ällt auf, dass es sich immer u m das Leben von berühmten Persönlichkeiten
handelt. Vo r allem angesich ts der aktue llen Tendenz zur Öffentlichm achung privater Lebensdetails erwartet der Leser darin inti me Sc hilderungen bestimm ter Mom ente aus de m Leben des Autors, die die Öf fentlichkeit even tuell bere its über die Me dien m itverfolgt hat. Der Leser wünscht sich also in der Autobiogr aphie, das Innenleben des Autors kennen zu lernen und zu erfahren, wie dieser s ich in b edeutenden Situationen seines Lebens fühlte und aus welcher Motivation heraus er seine Entscheidungen getroffen hat. Ebendiese Erwartungen machen Autobiographien so beliebt bei den Lesern.
Doch wie wahrheitsg etreu is t das Geschrieb ene? Muss es überhaupt wahrheitsgetreu sein ? Kann es das überhaupt sein, da der Autor Situat ionen schildert, die zum Teil über 30 Jahre in der Vergangenheit liegen und damit dem norm alen Verfall des Gedächtnisses unterliegen?
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Ferner sieht der Autobiograph sein Leben au s der rückblickenden Perspektive und kennt das Resultat seines Handelns und seiner Entscheidu ngen. Doch beeinflusst dies nicht immens die Nacherzählung seines L ebens, da das Leben aus dieser Perspektive he raus wie ein Drehbuch erscheint, das einem roten Faden folgt? Gibt es diesen roten Faden im Leben überhaupt? Viele Literaturwissenschaftler m achen sich Ge danken darüber, welche Kriterien die Gattung Autobiographie erfüllen muss und wie weit Autobiographien ins Fiktionale gehen dürfen. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns m it de m Gattungsdiskurs über Autobiographie und
betrachten zwei wichtige Konzepte näher: den Autobiographischen Pakt von Lejeune und die Neue Autobiographie, welche maßgebende Rollen im Diskurs über Autobiographie spielen.
3.1 Von 1900 bis in die 1970er Jahre
Die Autobiographie w urde noch Anfang de s 20. Jahrhunderts als geistes- bzw.
sozialgeschichtliches Dokum ent verstanden. So legten die Leser ihr In teresse beso nders auf die Faktizität, weniger auf die literarische Qualität der autobiographischen Werke. Erst in den 1950er Jahren lernte m an diese als literarisches Kunstwerk kennen und sc hätzte sowohl ihren historischen als auch ihren ästhetischen W ert. Während in dieser Zeit der Kunstcharakter der Autobiographie betont wurde und sie sich damit von anderen historischen Quellen durch ihren Kunstcharakter unterschied, trat ab de n 1970er Jahren die Abgrenzung von anderen literarischen Nachbargenres in den Mittelpunkt. Insofern begann ab den 1970er Jahren der l iteraturwissenschaftliche Diskurs über die
Kriterien der Gattung „Autobiographie“, besond ers im Ve rgleich zum autobiographischen Roman und zur fingierten Autobiographie. 2
3.2 Lejeunes Definition und der „pacte autobiographique“
In diesem Zusamm enhang sind die Definition und der „pacte auto biographique“ 1973/1975 von Lejeune zu verstehen. Dieser definier t die Autobiographie als „[r]ückblickende
Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere die Geschichte ihre r Persönlichkeit legt“ 3 und ergänzt dazu, dass der Autor durch seine Namensidentität m it dem Erzähler u nd der
Hauptfigur dem Leser das Versprechen abgebe, ihm sein Leben oder einen Teil seines Lebens
2 Schabacher, Gabriele, S. 109-119.
3 Lejeune, S. 14. 6 von 28
zu erzählen. 4 Dieses Versprechen bezeichnet er als „Autobiographischen Pakt“. Dam it wird der Autorennam e zu einem „zugleich text uellen und unzweifelhaft referenziellen“ 5 Element und zum klar definierten Kriterium, das inne rhalb des Textes - wenn auch an seinem „äußersten Rand“ 6 auf dem Titelblatt oder dem Vorwor t - den geforderten Bezug auf die außersprachliche Wirklichkeit garantiert. Auf di ese Weise stellt Lejeune den Referenzbezug der Autobiographie nicht wie zuvor üblich über eine Ähnlichkeit mit dem Realen her, sondern ausschließlich über das äußerliche Kriterium des Namens. 7
Die Rolle der Nam ensidentität wir d in einem Kommentar zu seiner Def inition v erdeutlicht: Während die sprachliche Form , das behandelt e Them a sowi e die Rück schauperspektive für das Genre Autobiographie nur gr ob erf üllt se in m üssten, seien d ie Id entität von Autor und Erzähler bzw. von Erzähler und Hauptfigur unabdi ngbar. B ei dieser F rage der Identität von Autor und Erzähler bzw. von Erzähler und Hauptfi gur gäbe es Lejeune zufolge „weder
Übergänge noch Ermessensspielraum“, da Identität entweder vorhanden ist oder eben nicht. 8 9 Die Autobiographie ist also desw egen nich t f iktiv, weil sich der Autor du rch se ine Namensidentität auf ein wahres, erkennbares und stabiles Referenzsystem bzw. auf die Wirklichkeit bezieht.
Lejeune geht in seinem Werk auch auf den autobiographischen Roman ein und grenzt ihn von der Autobiographie ab. Denn dieser versuche nur, solch ein künstliches Referenzsystem durch Illusion bzw. Strategie nachzuahmen, um so den autobiographischen Pakt zu imitieren und sei deswegen fiktiv. 10
3.3 Die Neue Autobiographie
Jedoch setzt dieses Konzept der Autobiogra phie und des autobiographischen Rom ans eine Trennung von W irklichkeit und Fiktion, Leben und Schreiben voraus, die durch ein
verändertes Verständnis von W irklichkeit problematisch wird. Kr itiker von Lejeunes Theorie führen an, dass sich ein Text nicht mehr problemlos auf die Wirklichkeit beziehen könne, weil sich eine objektive Bestim mung als unm öglich erweist. 11 So könne auch zwischen
4 Ders., S. 17.
5 Ders, S.38.
6 Ebenda, S. 38.
7 Schabacher, Gabriele, S. 120f.
8 Lejeune, S. 15.
9 Schabacher, Gabriele, S. 136.
10 Toro, Alfonso de, S. 1417.
11 Siehe dazu „Radikaler Konstruktivismus“; dieser geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht zu erfassen sei,
weil alles, was durch die Sinne aufgenommen wird, mit dem Gedächtnis in Verbindung gebracht und 7 von 28
Arbeit zitieren:
Alona Gordeew, 2009, Wie fiktiv ist die Autobiographie "La mala memoria" von Heberto Padilla, München, GRIN Verlag GmbH
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