Inhalt
Vorwort 1
1. Erec und Enite sind füreinander bestimmt 1
2. Begehren und verlîgen 3
2.1. Enite verschweigt Kritik des Hofes 4
2.2. Erecs unhöfisches Verhalten 4
3. Reifungsprozess 5
3.1. Erecs erste âventiure und Enites höfisches Verhalten 5
3.2. Erecs zweite âventiure 8
4. Herrscherpaar und höfische Liebe 10
Schluss 12
Bibliographie 13
Bibliographie 13
Bibliographie 13
Vorwort
Hartmanns ‚Erec‘ ist der erste, in deutscher Sprache erschienene Artusroman des 12. Jahrhunderts und wurde in der Ambraser Handschrift fast vollständig überliefert. Das charakteristische Merkmal des Artusromans ist der Statusverlust des Helden. Der Held löst sich durch unhöfisches Verhalten aus der gesellschaftlichen Bindung löst und muss folglich âventiuren bestreiten, um einen Selbstfindungsprozess und eine Neueingliederung in die Gesellschaft zu vollziehen.
In ‚Erec‘ bestreiten zwei Figuren den Weg der Reintegration, nämlich Erec und Enite. Es geht um die Problematik, den Ansprüchen des Individuums (minne) einerseits und den Ansprüchen der Gesellschaft (Verantwortung) andererseits, gerecht zu werden, was den Protagonisten vorerst nicht gelingt. Die verlîgen-Problematik durch bedingungslose minne und die damit verbundene Entwicklung eines Gleichgewichts zwischen Liebe und Herrschaft als gesellschaftliche Pflicht, sind zentrale Themen.
Ausschlaggebendes Moment bei der thematischen Wahl der Hausarbeit war die Dichotomie „Liebespaar-Herrscherpaar“, wie sie Joachim Bumke verwendet, um den Entwicklungsprozess der minne zwischen Erec und Enite zu beschreiben. Er ist der Meinung, dass sich die Beziehung zu Beginn der âventiuren lediglich als „Liebespaar“ beschreiben lässt und am Ende der epischen
Dichtung als „Herrscherpaar“. 1
Ob diese Unterscheidung des Begriffspaares, und vor allem, ob eine eindeutige Trennung der beiden so einfach ist, wird sich zeigen, wenn im Folgenden der Entwicklungsprozess der Protagonisten untersucht wird.
1. Erec und Enite sind füreinander bestimmt
Dass Erec und Enite füreinander bestimmt sind, beweisen sie sogleich zu Beginn des Romans, da sie sich im Sperberabenteuer als „der Beste und die Schönste“ auszeichnen. Die anfänglichen Zweifel des Lesers, dass Enite Erec nicht würdig sei, da sie von niedrigerem Stand ist, stellen sich schnell als Trugschluss heraus. Der Autor gebraucht im Zusammenhang mit Enite, stets Schönheitsattribute wie wîz alsam ein swan (V. 330), alsam diu lilje (V. 337), von schœne und
von sælekeit (V.341). 2 Folglich erscheint sie nicht weniger erhaben als Erec. Enite beweist sich
1 Bumke, Joachim: Der ‚Erec‘ Hartmanns von Aue. Eine Einführung. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2006, S.104.
2 Alle folgenden Zitate aus dem Primärtext Hartmanns von Aue beziehen sich auf folgende Ausgabe: Hartmann von Aue: Erec. Hrsg. und Übers. von Thomas Cramer. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1972 (= Bücher des Wissens).
1
bereits allein durch ihre Schönheit als Adlige, denn Schönheit verkörpert innere
Tugendhaftigkeit und moralische Vollkommenheit 3 . Desweiteren gibt der Erzähler zu verstehen, dass der Vater einst ein grâve rîche (V.402) gewesen sei, womit eventuelle Standesunterschiede zwischen den beiden kompensiert wurden.
Doch wie kommt es nun zur Ehegemeinschaft? Erec befindet sich durch die „Zwergenschande“ in einem Moment sozialer Kränkung und möchte seine verlorene êre wiederherstellen, indem er sich bei Iders rächt. Dazu benötigt er jedoch ein wîp, und bittet Koralus um Enite. Einerseits für den Sperberkampf, als „Objekt“, welches ihm Ansehen bringen soll und andererseits betont er, sie im Falle eines Sieges als Frau nehmen zu wollen. Es ist demnach auffällig, dass Erec sehr eigennützig handelt und noch dazu hat Enite kein Mitspracherecht, was für die damaligen Verhältnisse jedoch üblich ist. Bereits im Kampf wendet sich das Blatt, denn die Schönheit Enites bestärkt Erec in seinem Tatendrang und führt letzten Endes zum Sieg:
und als er dar zuo ane sach/ die schœnen vrouwen Ênîten, / daz half im vaste strîten: / wan dâ von gewan er dô/ sîner krefte rehte zwô. (V. 935-39).
Erec beweist sich sogleich durch seinen ersten Schlag und zeigt ritterlichen Mut (V.767f. „dô bevant er wærlîchen/ daz Êrec degenes ellen truoc.“), sodass Iders in die Knie gezwungen wird. Der Erfolg ergibt sich demnach durch das Zusammenwirken des Paares, sodass die vermeintliche „Zweckehe“ aufgehoben, und eine gegenseitige Abhängigkeit angedeutet wird. Diese gegenseitige Abhängigkeit soll sich später noch als Notwendigkeit der höfischen Liebe herausstellen. Ein weiterer Beweis der gemeinsam errungen êre ist die anschließende Feierlichkeit auf Tulmein (V.1387ff.) und der große Empfang der beiden, von einer tugenthaften schar (Vgl.V.1695), am Artushof. Durch den „Artuskuss“ (V.1792ff.) wird noch einmal untermalt, dass Enite auch wirklich die Richtige und Schönste ist. Der sich im späteren Verlaufe des Romans als irrtümlich herausstellende Höhepunkt folgt mit der anschließenden Hochzeit und der übertragenen Regentschaft des Königs Lac (V.2918ff.), sodass die Zusammengehörigkeit der beiden in der Gesellschaft als akzeptiert gilt: „wâ möhte grœzer vreude sîn/ dan man dâ hâte zaller zît?“ (V.1801f.).
Dass die Hochzeit nur einen „als ob“- Höhepunkt darstellt, beweist Hartmann, indem dem eigentlichen Akt der Hochzeit nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird: „zesamene gap si dô/ eines bischoves hant/ von Cantwarje ûz Engellant.“ (V. 2123ff.).
3 Siehe auch: Bumke in Wolf, Jürgen: Einführung in das Werk Hartmanns von Aue. Hrsg. von Gunter E. Grimm und Klaus‐Michael Bogdal. Darmstadt: WGB 2007, S. 50 „[…], wobei der höfische Terminus schœne deutlich über den modernen Begriff Schönheit hinausreicht und ein ganzes Spektrum herausragender Tugenden und die Gottesausgewähltheit umschreibt.“ 2
Dem Leser wird indirekt zu verstehen gegeben, dass die Hochzeit noch nicht alles gewesen sein kann und sich das Paar diesbezüglich irrt. Ebenfalls wird Erec mehrfach als der junge und somit als „unerfahren“ charakterisiert (V.757, 930), was ein weiterer Beweis der Verkennung ist.
2. Begehren und verlîgen
In den Versen 2924 bis 2927 kündigt der Erzähler mit dem Tempus der Vergangenheit bereits eine Situationsänderung (was, stuont), vielmehr sogar eine Charakteränderung Erecs an. Mit der verwendeten Zeitadverbiale „ê“, welche so viel wie „bevor“ bedeutet, wird das Augenmerk ausdrücklich auf Enite gelegt, sodass sie als Ursache der Situationsänderung fungieren muss. Die Ursache liegt eindeutig in der zuvor langbeschriebenen Phase des Begehrens, welche durch die zuvor existierende, höfische Kontrollinstanz nicht ausgelebt werden konnte (V.1845ff.). Anhand einer Gleichnisrede von „Habicht und Beute“, wird das triebhafte Verlangen der beiden untermalt, ebenso wird die bereits vorhandene innere Verbundenheit (V.1492 minne, V.1497 triuwe und stæte) betont. Worin sich das junge Paar die ganze Zeit zurückhalten musste, kann jetzt ich vollsten Zügen in Destregales ausgelebt werden: des morgens er nider lac, / daz er sîn wîp trûte/ unz daz man messe lûte. / sô stuonden si ûf gelîche (V.2937ff.); sô was der imbîz bereit. / swie schiere man die tische ûf zôch, / mit sînem wîbe er dô vlôch/ ze bette von den liuten. (V.2946ff.). Der „ritterliche“ Tagesablauf besteht nun nur noch aus der Komposition Bett-Tisch-Messe-Tisch. Die zuvor durch ritterliche Tugend aktiv erarbeitete êre ist in den Hintergrund gerückt, jetzt zeichnet sich ihr beider Leben, und v.a. Erecs durch erhebliche
Passivität aus. W. Wetzlmair spricht sogar von einer „Verabsolutierung der Minnebeziehung“ 4 . Erec wird seinen Herrscherpflichten nicht gerecht, aus der Ehe erwachsen bislang keine dynastischen Verhältnisse, schnell hat das junge Paar Land und Leute gegen sich: „des begunde mit rehte/ ritter unde knehte“ (V.2974f.). Schande und Ärger kommt nun über sie, die vreude am Hof ist nicht mehr vorhanden (Vgl.2989). Es ist auffällig, dass der Erzähler immer nur von Erec spricht, „unz daz er sich sô gar verlac“ (V. 2971); „deheinen zwîvel dar an, / er enmüeste sîn
verdorben:“ (V.2981f.) 5 und das Volk jedoch Enite die Schuld zuschreibt (V.2996ff). Hier scheint eine gewisse Diskrepanz vorzuliegen und schnell stellt sich die Frage, was Enite falsch gemacht haben könnte. Die Frage ist jedoch nicht so einfach zu beantworten, wie sie sich stellt und sie würde auch in eine andere Forschungsrichtung führen.
4 Wetzlmair, Wolfgang: Zum Problem der Schuld im „Erec“ und im „Gregorius“ Hartmanns von Aue. Hrsg. von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer Göppingen: Kümmerle Verlag 1997 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Bd. 643), S.64.
5 weitere: V. 2934 und V. 2984 3
Arbeit zitieren:
Pauline Heckelmann, 2010, Entwicklung der Liebesbeziehung in Hartmanns von Aue "Erec". Erec und Enite: Herrscherpaar oder Liebespaar?, München, GRIN Verlag GmbH
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