Gliederung
I. VORWORT. 3
II. DER MENSCH, DAS MÄNGELWESEN 3
III. ENTLASTUNG DURCH INSTITUTIONEN 5
IV. DIE SUPERSTRUKTUR DER MODERNE. 7
V. DIE GESELLSCHAFT IN DER MODERNE. 8
VI. KONSEQUENZEN FÜR DAS INDIVIDUUM 10
VII. KRISTALLISATION DER INSTITUTIONEN 12
VIII. KRITIK 13
IX. FAZIT 16
BIBLIOGRAFIE. 18
2
I. Vorwort
In der heftig umstrittenen Rede, die Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 an der Universität Regensburg gehalten hat, beklagt der Theologe, dass im Westen die Meinung vorherrsche, „allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal“ 1 . Aufgrund der „selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare“ und die „Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft“, sei der Okzident gefährdet der „Wahrheit des Seienden verlustigt zu gehen und einen sehr großen Schaden“ zu erleiden.
Sieht man einmal ab von den Auswirkungen, die der ungeschickten Wahl des Zitats des byzantinischen Kaisers geschuldet sind und richtet das Augenmerk auf die formulierte Kritik an der Moderne, zeigen sich doch deutliche Parallelen zur Kritik, die Gehlen bereits 1957 in „Die Seele im technischen Zeitalter“ formuliert hat. ‚Der große Schaden’, wie ihn der Anthropologe versteht, besteht für die Gesellschaft des wissenschaftlich-technischen Zeitalters im Verfall ihrer Institutionen, die nur nach Aspekten der Nützlichkeit betrachtet werden und so ihre sinnstiftende Funktion verloren haben. Der Einzelne ist daher im extremen Maße gefährdet, da er der Institutionen zwangläufig bedarf, um seinen undefinierten Antrieben eine Richtung zu geben.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die spezifische Herangehensweise Gehlens an eine Kritik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation darzustellen und diese wiederum in Ansätzen zu kritisieren. Von daher wird eine Darstellung der zentralen anthropologischen Begriffe der Ausgangspunkt sein, von dem aus zu einem Verständnis der Institutionenlehre Gehlens zu kommen ist. Daraufhin werde ich auf die Superstruktur der Moderne und die daraus resultierende Kristallisation der gesellschaftlichen Institutionen eingehen, woraus sich dann, in Verbindung mit den ersten beiden Punkten, Gehlens These von der existenziellen Gefährdung des Menschen in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation verstehen lässt.
II. Der Mensch, das Mängelwesen
In Anlehnung an Nietzsche und Herder bezeichnet Gehlen den Menschen als ein „Mängelwesen“, welches im Unterschied zum Tier nicht durch die Ausstattung mit hochspezialisierten Organen und Instinkten in einen artspezifischen Lebensraum eingepasst ist. Von Natur aus stiefmütterlich ausgestattet, ohne wärmendes Fellkleid, ohne besonders ausgeprägte Sinne und ohne spezialisierte, instinktgesteuerte Überlebenstechniken, ist er
1 Papst Benedikt XVI.: Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen.
3
schon aufgrund seiner Verfassung darauf angewiesen, seine natürlichen Mängel durch planendes, auf die Zukunft bezogenes Handeln, selbsttätig zu überwinden. Erst in der intelligenten Veränderung der vorgefundenen Natur, d.h. in der bewussten Handlung, ist das Leben eines dermaßen riskierten Wesens möglich, und Technik, als die Summe der „Fähigkeiten und Mittel (…), mit denen der Mensch sich die Natur dienstbar macht (…).“ 2 , ist somit untrennbar mit dem natürlichen Wesen des Menschen verknüpft. Der Stellenwert dieser Beobachtung ist für eine Betrachtung der Technik nicht zu unterschätzen: Es kann den Menschen nicht ohne Technik geben und jede Sehnsucht nach einem ursprünglichen, einem „nackten“ Leben wird von Gehlen letztlich in den Bereich der Utopie verwiesen, da die Angewiesenheit des Menschen auf technische Apparaturen ihm jenen unmittelbaren Zugang zur Natur immer und überall verwährt.
Gerade durch diese Distanz unterscheidet sich der Mensch wesentlich von den Tieren, welche durch ihre morphologischen Besonderheiten und Spezialisierungen in eine artspezifische Umwelt nicht nur eingepasst, sondern auch eingebunden sind. Da für den Menschen diese Bindung nicht besteht, bezeichnet ihn Gehlen als „weltoffenes“ 3 Wesen, was im positiven Sinne die Freiheit bedeutet, sich überall heimisch zu machen, andererseits aber das Problem der Lebensführung aufwirft. Der Mensch „lebt nicht, (…) er führt sein Leben“ 4 schreibt Gehlen; Er muss sich seiner naturgegebenen Möglichkeiten bedienen, um durch planvolles Handeln sein Dasein in der Welt überhaupt erst zu ermöglichen. Sein Leben erweist sich ihm so gesehen als ein zu bewältigendes Problem und somit als Last.
Menschliche Daseinsfürsorge bedeutet demnach, sich dieser Last zu entledigen bzw. sie auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Diese Entlastung ist eine unabdingbare Vorraussetzung für den Menschen als nicht festgelegtes Wesen und Gehlen erhebt sie zu einem grundlegenden Prinzip seiner Theorie. Dort wo Organmängel und Instinktlosigkeit Sorge bereiten und Reize nicht durch angeborene Reaktionsschemata beantwortet können, sondern kanalisiert werden müssen, erfolgt jene Entlastung durch den Aufbau einer Kulturwelt. Sie ist die tatsächliche Lebenswelt des Menschen, der ursprünglichen Natur entwunden und als vom Menschen für den Menschen geschaffene Kunstwelt, der Sieg der Vernunft über die Natur. Dies ist ein Sieg, den der Mensch ferner nicht nur im Umgang mit der äußeren Natur erringt, sondern auch im Umgang mit der seinen, die sich ihm in Form seiner Triebe in den Weg stellt. Da planmäßige Handlung die Ausrichtung der Antriebe, also Konzentration, erfordert,
2 Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter - Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, Reinbek 1957, S. 8f.
3 Arnold Gehlen: Der Mensch, Frankfurt am Main 1962, S. 39.
4 Ebd.: S. 17.
4
muss er seine unmittelbaren Triebe aufschieben können, um einer Tätigkeit nachgehen zu können, welche die Befriedigung von Bedürfnissen in Zukunft sichert. Gehlen spricht daher von einem Hiatus, der zwischen den Antriebsregungen des Menschen und den Erfüllungssituationen steht. Durch ihn besteht für den Menschen die Möglichkeit einem Triebimpuls nicht sofort nachzugeben, sondern ihn willentlich zurückzuhalten und so den Freiraum zu bekommen, sich auf weiter entfernte Ziele zu konzentrieren. Die Möglichkeit dieses Aufschiebens ist die Bedingung der Möglichkeit von Lebensführung überhaupt und bedeutet die Emanzipation des Menschen von der Gegenwart. Von daher muss das Antriebsleben des Menschen sich auf abstraktere Vorstellungen projizieren lassen. Grundsätzlich sind der menschlichen Phantasie dabei keine Grenzen im Hinblick auf mögliche Zukunftsentwürfe, nach denen sich jene „höheren“ Wünsche richten, gesetzt, weshalb auch das Antriebsleben essentiell überschüssig ist. 5 In dieser Plastizität und Überschüssigkeit der menschlichen Antriebe besteht nun das Risiko, dass der Mensch sich in der potentiellen Grenzenlosigkeit seines Tuns selbst verliert. Unmittelbar zweckmäßige Bewältigung des Daseins, wie es das Tier erfährt, gibt es nämlich für ihn nicht, er muss sich selbst entwerfen und läuft damit Gefahr an dieser Aufgabe zu scheitern. Gehlen spricht daher vom Menschen als dem Wesen mit der „konstitutionellen Chance, zu verunglücken“. 6
III. Entlastung durch Institutionen
Die Antwort auf die Frage, „wie … es einem instinktentbundenen, dabei aber
antriebsüberschüssigen, umweltbefreiten und weltoffen Wesen möglich [ist], sein Dasein zu stabilisieren“ 7 , sieht Gehlen im menschlichen Bedürfnis nach Gewohnheit gegeben. Wenn die Plastizität der Antriebe dem Menschen einerseits die Chance bieten, sich seines Lebens selbst zu bemächtigen, ihn andererseits jedoch einer potentiell unendlichen Vielfalt von Handlungsspielräumen aussetzen, ist der Mensch selbst in den alltäglichsten und banalsten Situation einem Entscheidungsdruck ausgesetzt, der unbedingt der Entlastung bedarf. Dies wird erreicht in der Verselbstständigung bestimmter Handlungen durch Gewohnheiten. Der Impuls für eine bestimmte Tätigkeit geht dann gewissermaßen „von außen“ aus, wodurch Entscheidungen auf höhere Führungsebenen verlagert werden und der Gefahr der
5 Ebd. S. 58: „Nur ein Wesen, das dauernd akute Antriebe und also einen über jede augenblickliche
Erfüllungssituation hinaustreibenden Antriebsüberschuss hat, kann seine Weltoffenheit damit ins Produktive
wenden.“
6 Ebd.: S. 36.
7 Arnold Gehlen: Urmensch und Spätkultur, Bonn 1964, S. 42.
5
Arbeit zitieren:
Heribert Stenger, 2006, Die Riskiertheit des modernen Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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