Der Text ist hintern den Auftritt von Orest, Iphigenie und Pylades einzuordnen, in dem es um die Lösung Orests vom Fluch und seine Heilung vom Verfolgungswahn und der Lebensmüdigkeit geht. Nach dem Text folgt - wie eben erwähnt - der Dialog zwischen Iphigenie und Arkas, in dem das Mädchen den Boten anweist, dem König den Aufschub der Opferung mitzuteilen. In diesem Auftritt lügt Iphigenie, denn sie will ja nicht das Bild der Diana weihen, sondern es rauben und mit ihrem Bruder und dessen Freund nach Griechenland fliehen.
Der vierte Aufzug in diesem geschlossenen Drama mit Fünf-Akt-Struktur ist der Akt der fallenden Handlung. Er hat eine retardierende Funktion. Die Handlungsweise Iphigenies läuft auf die Lösung des Konflikts zu. Der Zuschauer weiß nur nicht, ob sie in einer Katastrophe endet oder nicht. Damit birgt der vierte Aufzug das Moment der letzten Spannung. Die Spannung beim Zuschauer kommt dadurch zustande, dass er nicht weiß, ob Iphigenie mit ihrer Lüge tatsächlich Erfolg haben wird, zumal sie selbst immer noch an der Richtigkeit dieser Vorgehensweise zweifelt. Den Monolog von Iphigenie kann man in fünf Abschnitte aufteilen. Im ersten Abschnitt (Verse 1369 - 1381) lobpreist Iphigenies die Götter. Dieser Abschnitt besteht aus einem einzigen Finalsatz. Dadurch wird Iphigenies unerschütterliche Überzeugung von der dort benannten Eigenschaft der Götter unterstrichen. Außerdem stehen die Verse dieses Abschnitts ein Stücken eingerückt, so als ob sie ein feststehendes Gesetz wären, das Iphigenie hier zitiert.
Der zweite Abschnitt (Verse 1382 - 1394) ist eine Anrufug der Götter, dass sie Pylades Segen spenden sollen. „O segnet, Götter, unseren Pylades und was er immer unternehmen mag!“ (Verse 1382f). Wie in der Inhaltszusammenfassung schon erwähnt lobpreist Iphigenie hier ihren Freund Pylades. Sie vergleicht ihn mit dem „Arm des Jünglings in der Schlacht“ (Vers 1384) und mit dem „leuchtenden Aug’“ (Vers 1385 eines weisen Greises. Sie sagt, er bewahre die Ruhe und könne durch seine Gelassenheit dem Ratlosen Rat und Hilfe geben (Verse 1386 - 1389). Im dritten Abschnitt (Verse 1395 - 1401) geht Iphigenie auf die weiteren Absichten des Planes ein. Hier gibt sie unter Anderem den wichtigen Hinweis, dass Pylades sich die Worte ausgedacht hat, die Thoas in die Irre führen wollen und die Iphigenie lügen lassen. „...und haben kluges Wort mir in den Mund gegeben, mich gelehrt, was ich dem
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König antworte, wenn er sendet und das Opfer mir dringender gebietet.“ (Verse 1398 -1401).
Im vierten Abschnitt (Verse 1401 - 1415) kommen Iphigenies Zweifel, Ängste und Befürchtungen zum Ausdruck. Es tauchen Worte wie „Ach!“ (Vers 1401), „Weh!“ (Vers 1404) und „O weh der Lüge!“ (Vers 1405) auf. Hier wird deutlich, dass Iphigenie bestrebt ist, das Ideal der schönen Seele, wie Schiller es formuliert hat, zu erreichen. In den folgenden Versen erkennt man Iphigenies Neigung zur Wahrheit: „O weh der Lüge! Sie befreit nicht, wie jedes andre wahrgesprochene Wort, die Brust; ...“ (Verse 1405ff). Der fünfte und letzte Abschnitt (Verse 1415 - 1420) stellt einen Übergang zur nächsten Szene dar. Iphigenie lauscht und hört den Boten herannahen und beschreibt, welches Gefühl sie dabei hat. „Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,“ (Vers 1418). Das ist ein Hinweis auf die Geschehnisse des zweiten Auftritts. Neben den inhaltlichen Aspekten, die in dieser Abfolge von Abschnitten zum Ausdruck kommen, komponiert Goethe hier einen Wechsel zwischen innerem und äußerem Geschehen. Zum inneren Geschehen gehören Gedanken, Gefühle und Vorstellungen Iphigenies. Diese kommen in dem ersten und vierten Abschnitt zum Ausdruck (Verse 1369 - 1381 und 1401 - 1415). Zum äußeren Geschehen gehören die Handlung, der Handlungsablauf und Tatsachen, von denen Iphigenie in ihrem Monolog berichtet. Dies geschieht in den Abschnitten zwei, drei und fünf (Verse 1382 - 1401 und 1415 - 1420). Dadurch entsteht ein Wechsel zwischen reflexiven und berichtenden Teilen. Iphigenies Göttervorstellung ist nicht stringent und erfährt im Laufe der Ereignisse einige Ambivalenzen. Zunächst denkt sie, dass die Götter für alles verantwortlich seien. Sie könnten einen Menschen so beeinflussen, dass er verwirrt ist und keinen Ausweg findet, dass er Kummer und Verzweiflung erleidet, aber auch so, dass er Freude und Glück erfährt (Verse 1369ff). Iphigenie führt also den Ursprung jeder Gefühlsregung auf den Willen und die Macht der Götter zurück.
Iphigenie hält die Götter für weise Wesen, die allwissend sind, die die Geschehnisse auf der Erde gerecht beurteilen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überblicken können. Das geht sehr deutlich aus folgendem Zitat hervor: „Du hast Wolken, gnädige Retterin, einzuhüllen unschuldig Verfolgte, und auf Winden dem ehrnen Geschick sie aus den Armen, über das Meer, über der Erde weiteste Strecken, und wohin es dir gut
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dünkt, zu tragen. Weise bist du und siehest das Künftige; nicht vorüber ist dir das Vergangene, ...“ (Verse 538 - 545).
Dem Monolog Iphigenies im ersten Auftritt des vierten Aufzugs kann man außerdem noch entnehmen, dass Iphigenie den Göttern einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zuschreibt. Das heißt, wer lügt oder ungerecht handelt, wird bestraft; wer eine gute Absicht verfolgt, wird unterstützt und wer Verwirrung und Not leidet, dem wird geholfen. Deshalb fürchtet Iphigenie die Lüge so sehr. In ihrem Monolog bringt sie ein bildhaftes Beispiel: „... und sie (die Lüge, A.d.V.) kehrt, ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte gewendet und versagend, sich zurück und trifft den Schützen.“ (Verse 1408ff).
An dieser Stelle kann man schon Iphigenies weiteres Handeln voraussagen. Da sie an diese Eigenschaften der Götter glaubt, muss sie der Überzeugung sein, dass sie durch ihre Lüge die Rache der Götter auf sich lenken und sich und Orest und Pylades dadurch ins Verderben führen wird. Iphigenie entschließt sich, die Wahrheit zu sagen. Einerseits könnte man sagen, sie tut dies, weil sie auf die Hilfe der Götter vertraut. Sie glaubt nicht, dass die Hilfe der gerechten Götter in Form eines Freundes auftaucht, der sie zu einer Lüge animiert.
Andererseits könnte man ihr Handeln auch als Zeichen von Autonomie deuten, und zwar, wenn man annimmt, dass Iphigenie in Pylades die von den Göttern angebotene Hilfe sieht. Ihre Zweifel zeigen dann Ansätze von Autonomie und richten sich gegen die Pläne des von den Göttern gesandten Helfers. Wäre sie nur bedingungslos göttergläubig, würde sie ohne zu zweifeln dem Helfer Pylades Folge leisten. Betrachtet man die Dinge so, muss man Iphigenie das Vermögen zu freiem und autonomen Handeln zuschreiben.
Bezüglich dieser Szene kann ansatzweise von autonomem Handeln gesprochen werden. Autonom zu handeln bedeutet selbstbestimmt zu handeln, also frei zu sein von den Befehlen und Anweisungen anderer, zum Beispiel denen des Königs, der Götter oder auch Orests und Pylades’. Um autonom zu handeln, muss man aber vor allen Dingen seine eigene Vernunft gebrauchen. Man kann hier eine Entwicklung von Iphigenie beobachten. Zunächst steht sie völlig unter dem Einfluss der Götter, da sie gewillt ist, dem von ihnen gesandten Retter zu gehorchen. Pylades sagt ihr, wie sie
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Arbeit zitieren:
Diplom-Pädagogin Anna Bachem, 1999, Goethe: Iphigenie auf Tauris - Analyse des 1. Auftritts des 4. Aufzugs, München, GRIN Verlag GmbH
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