1 Einleitung 1
2 Hauptteil 2
2.1 Thelyphron und die Totenwache (II, 20-26) 2
2.2 Thelyphron und die Totenbeschwörung (II, 27-30) 6
2.3 Die Geschichte als Beispiel für die Immutatio desultoriae scientiae 15
2.4 Die Einbettung der Novelle in das Gesamtwerk 17
3 Schluss 20
4 Literaturverzeichnis 21
4.1 Primärliteratur 21
4.2 Sekundärliteratur 21
1 Einleitung
Apuleius wurde um 125 n. Chr. in Madauros im heutigen Algerien geboren. Er gehörte aber keiner afrikanischen Unterschicht an, sondern verinnerlichte die römische und griechische Kultur wie ein wohlgebildeter Römer. 1 Mit diesen Informationen sieht sich der Rezipient von Apuleius schon zu Beginn der Lektüre seines Werkes Metamorphoseon Libri XI vor ein Rätsel gestellt. 2 Apuleius ist keinesfalls ein Stümper, was seine Wortwahl in den Geschichten der Metamorphoses bezeugt. Er imitiert die Werke namhafter Poeten, verweist in Sprache und Ausdruck auf rhetorische Größen und verleiht seinem Werk durch zahlreiche Neologismen eine einzigartige Opulenz. Diese Äußerung des Autors kann demnach als Scherz oder auch als warnender Hinweis gesehen werden, nicht alle Begebenheiten, die dem Leser begegnen werden, unvoreingenommen für Tatsachen zu halten. Nicht umsonst hat Apuleius das Land, in dem sich alle Metamorphoses abspielen werden, als „Thessalien“ vorgestellt, ist es doch das Land, über das die berühmte Hexe Medea flog und dessen Einwohnerinnen angeblich den Mond vom Himmel hexen können. 3 Dieses Land ist gerade richtig für die phantastischen Hexen- und Spukgeschichten, die Apuleius der von Lukian überlieferten Vorlage, die Lucius Verwandlung in einen Esel zum Inhalt hat, hinzufügt, ist in Thessalien doch nichts so, wie es scheint.
Eine der zahlreichen Geschichten thematisiert die unheilvolle Totenwache des Thelyphron und die darauf folgende Totenbeschwörung. In dieser Arbeit sollen diese zehn Kapitel des zweiten Buchs interpretiert werden, wobei der Schwerpunkt auf die inhaltlichen Besonderheiten gelegt wird. Es soll über die unterschiedlichen kulturellen und religiösen Einflüsse, die Apuleius in seinem Werk thematisiert, Aufschluss geben und über die Art und Weise, wie Apuleius seine Geschichte strukturierte. Außerdem bleibt noch die Frage zu klären, wie die kleine Geschichte in das Gesamtwerk eingebaut wurde und zu welchem Zweck sie Lucius und dem Rezipienten erzählt wird.
1 Vgl.: HARRISON, S. J.: APULEIUS. A Latin Sophist. Oxford 2000, S. 3.
2 en ecce praefamur veniam, siquid exotici ac forensis sermonis rudis locutor offendero. (I, 1).
3 Vgl.: PHILLIPS, Oliver: The Witches’ Thessaly. In: Magic and Ritual in the Ancient World. (=Religions in the Graeco-Roman World 141). Leiden 2002, S. 378.
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2 Hauptteil
2.1 Thelyphron und die Totenwache (II, 20-26)
Die Geschichte wird mit Lucius’ zwiespältigen Empfindungen gegenüber der Stadt eingeleitet. Er erwähnt die ihn ängstigende Vorstellung, dass Hexen Tote und Leichenteile ad exitiabiles viventium fortunas (II, 20) verwenden. Dieser Aspekt tritt auch in anderen Hexengeschichten auf. 4 Die Steigerung der gängigen Hexengeschichte soll Lucius wohl noch mehr Angst einjagen. Thelyphron, der Erzähler und Leidtragende wird als eine Person vorgestellt, die in angulo (II, 20) gelagert ist. Durch die Betonung der räumlichen Trennung der lachenden Gesellschaft von der Person des Geschädigten, wird auch die soziale Distanz verdeutlicht. Erst auf Zuspruch von Byrrhena darf Thelyphron in gewisser Weise an der Tischrunde teilhaben. Es ist bezeichnend, dass kein anderer aus der Runde den Geschädigten beim Namen nennt. Sie weisen nur mit Augen und Fingern auf die Gestalt, die zu ihrer Erheiterung beiträgt. Durch Byrrhena erfährt Thelyphron eine gewisse Erhöhung, was er dankend annimmt. 5 Die auffällige Rednerpose, die der Außenseiter einnimmt, symbolisiert den Wunsch, seine Stellung innerhalb der Gesellschaft zu verbessern, indem er etwas zu deren Zerstreuung und Erheiterung beiträgt. Schon in den ersten Worten findet der aufmerksame Rezipient Parallelen zu der Geschichte, die Aristomenes erlebt hat: Thelyphron kommt wie er in die Stadt, um den Spielen beizuwohnen und hat wenig Geld bei sich. Im Rückblick auf den Ausgang der Geschichte bei Aristomenes beschleicht den Leser ein ungutes Gefühl bei der Frage, wie es wohl Thelyphron ergehen werde. Man könnte fast Mitleid mit dem jungen Thelyphron haben, wäre sein Verhalten gegenüber dem alten Mann, der eine Totenwache anzubieten hat, gemäßigter. Im Gespräch mit dem Ausrufer macht sein Auftreten eine auffällige Wandlung durch. In den ersten Worten 6 liegt nur Spott, wenngleich die Frage nach dem Sinn einer Totenwache durchaus berechtigt ist, da die
4 In Petronius’ Satyricon reliquiae wird sogar eine ganze Leiche gestohlen, während der Wächter abwesend ist. Vgl.: PETRONIUS: Satyricon reliquiae edidit Konrad Müller. (Bibliotheca Teubneriana) München, Leipzig 2003. 112,5
5 tu quidem, domina […] in officio manes sanctae tuae bonitatis […]. (II, 20).
6 […] hicine mortui solent aufugere? (II, 21).
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Totenwache, wie sie im Folgenden beschrieben wird, in der Antike nicht gängig war. Der Leichnam wurde zwar im Haus für mehrere Tage aufgebahrt, aber es wurde von Angehörigen die conclamatio begangen. Durch die Erklärungen des Ausrufers wird Thelyphrons Neugier geweckt. Er will genau wissen, wie solch eine Totenwache abläuft: ‚et quae […] custodela ista feralis?’ (II, 22). Dass Thelyphron aus Neugier Gefallen an der Totenwache hat und nicht aus Geldsorgen, lässt sich dadurch beweisen, dass er erst dann nach der Höhe der Bezahlung fragt, als er sich schon längst entschieden hat, den Toten zu bewachen. Trotz der Warnungen fühlt er sich dazu bereit und ist sich des Bestehens der Aufgabe allzu sicher. Zu dieser grandiosen Selbstüberschätzung gesellt sich noch eine Portion Hochmut, als er sich mit Argus vergleicht. Wobei in diesem Vergleich auch eine Vorwegnahme seines Schicksals gesehen werden kann: Argus wird von Merkur eingeschläfert und dann getötet, Thelyphron wird von den Hexen eingeschläfert und dann zweier Sinnesorgane beraubt, nachdem die Augen schon versagt haben.
Dass Thelyphron die Situation unterschätzt, zeigen seine Gedanken, die er beim Anblick der Witwe hegt. Sie ist so ansehnlich, dass sogar die Trauerkleidung ihrer Schönheit nichts anhaben kann. 7 Diese unpassende, wenngleich auch heimliche Bemerkung bewirkt beim Zuhörer oder Leser, dass er seine Aufmerksamkeit auf die erotische Nuance in der Geschichte richtet und geradezu darauf wartet, dass Thelyphron in ein amouröses Abenteuer verwickelt wird. Die Bemerkung soll aber nicht nur Thelyphron, sondern auch die Witwe charakterisieren und kann eine Vorwegnahme der Geschichte sein. Immerhin überrascht es den Rezipienten nach dieser Äußerung Thelyphrons nicht mehr, dass die Witwe einen Liebhaber haben könnte. Ein weiterer Anhaltspunkt für Thelyphrons Pietätlosigkeit und Unüberlegtheit ist die Tatsache, dass er für das Bewachen der Leiche eine Lampe und die Reste der letzten Mahlzeit verlangt. Empört weist ihn die Witwe zurecht, denn Thelyphron unterstellt ihr, den Toten nicht ordnungsgemäß zu würdigen. 8 In dieser Forderung liegt nicht nur Unverschämtheit, sondern auch ein Mangel an Ernsthaftigkeit: Thelyphron glaubt, sich
7 etiam in maerore luculentam […] faciem […]. (II, 23).
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In der Antike war das Trauerfasten, d.h. Fasten angesichts des eingetroffenen oder zu erwartenden Todes, gängig. Das drücken auch die Worte der Witwe aus:
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während der Nacht ein Festmahl gönnen zu können und außerdem noch dafür bezahlt zu werden. Ihm wird stattdessen ein kleines Öllämpchen gewährt, ein für die Nacht ausreichendes Utensil. Es verleiht der Situation aber auch etwas Magisches. Immerhin benutzt Pamphile eine Lampe, um das kommende Wetter zu verkünden. 9 Auch in einer der berühmtesten Spukgeschichten begibt sich der Held nur mit einer Lampe ausgerüstet in das Geisterhaus und ist erfolgreich. 10 Da sich Thelyphron nun nicht mit Essen ablenken kann, befällt ihn Furcht, die er durch Singen zu vertreiben versucht. Die durch einen Klimax beschriebene hereinbrechende Nacht steigert die Spannung. Der Tiefpunkt der Nacht wird durch iam nox intempesta (II, 25) ausgedrückt. An dieser Stelle weiß der Rezipient, dass die Rahmenbedingungen für den Auftritt der Hexen geschaffen sind. 11 Auch durch das dreimal erwähnte Wort nox 12 kann der negative Ausgang von Thelyphrons Totenwache vorausgeahnt werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Thelyphron das Erscheinen des Wiesels völlig aus der Fassung bringt. Das Verhalten des Wiesels, das Thelyphron als unnatürlich empfindet, 13 entlarvt es als verwandelte Hexe. Nach der erfolgreichen Vertreibung des Wiesels befällt Thelyphron ein Schlaf, der offensichtlich auf die Unterwelt bzw. den Tod verweist. Nec mora, cum me somnus profundus in imum barathrum repente demergit, ut ne deus quidem Delficus ipse facile discerneret duobus nobis iacentibus, quis esset magis mortuus. Sic inanimis et indigens alio custode paene ibi non eram. (II, 25)
Das imum barathrum bedeutet die Unterwelt, der delfische Gott, also Apollo, ist neben der Musik auch für die Mantik zuständig und bringt den Toten bis zu den Ufern des Styx, wo er auf den Fährmann wartet. Apollo ist der Gott, der am urteilsfähigsten sein sollte, wenn es darum geht, Tote von Schlafenden zu unterscheiden. Hier versteckt sich
9 Siehe II, 11.
10 Bei der Geschichte handelt es sich um eine griechische Sage, nach der der Pythagoräer Arignotus ein Spukhaus exorziert. Vgl.: OGDEN, Daniel: Magic, Witchcraft, and Ghosts in the Greek and Roman Worlds. A Sourcebook. Oxford 2002, S. 154.
11 Das Adjektiv intempestus, a, um kann schlichtweg „ungünstig der Zeit nach“ bedeuten. Für Thelyphron ist diese Nacht wirklich ungünstig, da er Opfer der Hexen wird. Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort.
12 Die Nachtzeit kündigt oft etwas Unheimliches an. Außerdem wird durch die Nachtgöttin Nox, der Fokus auf den Tod gerichtet, da diese dort ihren Sitz hat.
13 Eigentlich ist das starre Blicken eines überraschten Wiesels nichts Seltenes.
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Arbeit zitieren:
Julia Braun, 2010, Totenwache und Totenbeschwörung in Apuleius' "Metamorphoses", München, GRIN Verlag GmbH
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