Historische Rekonstruktion des
Zusammenhangs zwischen dem Bürgertum
des 18. Jahrhunderts und der Entwicklung
der Geschlechtscharaktere
Einleitung…………………………………………………………………………3
1. Historisch-soziologische Rekonstruktion der Entwicklung des Bürgertums…...4 2. Die Entstehung der Geschlechtscharaktere……………………………………10 3. Zusammenschau……………………………………………………………….13 4. Literaturverzeichnis……………………………………………………………17
2
Einleitung
Das Thema der Geschlechter ist in unserem täglichen Leben in verschiedensten Bereichen allgegenwärtig. Gesellschaftliche Veränderungen wie z.B. von der Wohn- und Arbeitssituation bis hin zur Industrialisierung sowie der Einfluss neuer geistiger Strömungen wie z.B. der Rationalismus machen deutlich, inwieweit die unterschiedlichsten Bereiche miteinander verflochten sind und sich wechselseitig beeinflussen. Da das Thema Geschlecht in den verschiedenen Bereichen stets involviert ist bedeutet dies, dass das Thema Geschlecht selbst ein Bereich unter anderen Bereichen ist und daher eine reziproke Beziehung mit ihnen haben muss. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass das Thema Geschlecht für die Soziologie ein bedeutsames Forschungsgebiet ist, weil es einen relevanten Beitrag zur Erklärung von soziologischen Problemen in anderen Bereichen liefert wie z.B. in der Arbeitssoziologie.
Dass es Männer und Frauen gibt, ist unbestritten. Warum sind die heutigen Vorstellungen 1 der Geschlechter soziologisch betrachtet so wie sie sind, d.h. warum haben Männer und Frauen als Geschlechter ihre jeweiligen Rechte, Pflichten und Rollen inne? Da die Momentaufnahme der Geschlechter nur die Gegenwart abbilden kann, bedeutet das, dass die Geschlechter wie wir sie erleben etwas Gewordenes sind. Es ist nun einem besseren Verständnis von Geschlecht äußerst förderlich, wenn man die historische Entwicklung soziologisch rekonstruiert. Insbesondere sollten relevante Zeitabschnitte in der Entwicklung der Geschlechter hervorgehoben werden. Ziel dieser Arbeit ist eine soziologische Rekonstruktion der Entwicklung der Geschlechter mit dem Fokus auf der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, weil sich hier entscheidende Veränderungen ergeben haben und diese deswegen in diesem Kontext besonders relevant ist.
1. Historisch-soziologische Rekonstruktion der Entwicklung des Bürgertums Beginnen wir unsere Betrachtungen in der Zeit vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, d.h. vor der Industrialisierung. Die vorindustrielle, ständische Gesellschaft war eine Hausväter-Gesellschaft, in deren Mittelpunkt das so genannte „ganze Haus“ als Produktions-, Konsum- und Lebensgemeinschaft stand. 2 In der Hausväter-Gesellschaft war der Vater, der
1 Unter dem Begriff „Vorstellung der Geschlechter“ verstehe ich alles, was ein Mensch mit den jeweiligen
Begriffen Mann und Frau assoziiert wie z.B. biologische Merkmale, Eigenschaften, Präferenzen, Dispositionen,
Lebensbereiche, Rechte und Pflichten.
2 Vgl. Behnke, 1997, S. 20.
3
Mann der Familie, die uneingeschränkte Autorität in der Familie. Das bedeutet, dass die Frau sowie alle anderen Mitglieder oder Anwesenden des Haushalts dem Mann unterstellt waren. Die Familie der vorindustriellen Zeit grenzt sich von der heutigen Familie dadurch ab, dass die Wohnverhältnisse keine Trennung zwischen einem Bereich der Eltern und einem der Kinder oder auch familienfremden Personen gab. 3 Nave-Herz unterscheidet in der vorindustriellen Zeit zwei Arten von Familientypen: Familien mit Produktionsmittel und Familien ohne Produktionsmittel. 4
In Familien mit Produktionsmittel wurde am selben Ort gelebt und gearbeitet wie z.B. auf einem Bauernhof. Außer der Küche erfüllten die Räume eines Hauses keinen bestimmten Zweck und waren daher Allzweckräume, d.h., dass diese auch von allen sich im Haushalt befindlichen Personen genutzt werden konnten und auch wurden. Aus dem Gesagten geht ferner hervor, dass die Zahl der sich im Haushalt befindlichen Personen stark fluktuierte. Z.B. waren im Sommer und Herbst auf einem Bauernhof mehr Leute wegen der Feld- und Erntearbeit, des Hütens von Vieh und diverser Reparaturen oder Bauarbeiten im bäuerlichen Haushalt untergebracht als im Winter, in dem es diese Arbeiten nicht gab oder diese nicht ausgeführt werden konnten.
Diese Leute, die nicht zur Kernfamilie gehörten wie z.B. Knechte, Mägde, Handwerker, Lehrlinge etc., hielten sich nun mit der Kernfamilie in einem Haushalt in den Allzweckräumen auf. Durch diese Wohnsituation wurde eine eigene Privatsphäre oder ein Refugium für den Einzelnen unmöglich. Es gab auch keine getrennten Arbeitsbereiche für Männer und Frauen. Sowohl Männer als auch Frauen arbeiteten auf dem Feld, im Stall, bei Reparaturen am Haus etc.
Bei Familien ohne Produktionsmittel wurde an verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet. Gelebt wurde im Haus und gearbeitet außer Haus. Wohnen und Erwerbstätigkeit waren also getrennt. Während sich die Männer als z.B. Gerichtsdiener, Türsteher, im Bau- und Transportgewerbe verdient machten, halfen die Frauen in fremden Haushalten als Wasch-oder Nähfrau. Auch in den Familien ohne Produktionsmittel gab es im Haushalt keine Privatsphäre für die Anwesenden. 5
Die beiden Familientypen haben eine Sache gemein: In keiner der beiden Typen gibt es eine eigene Privatsphäre für die Mitglieder des Haushalts. Erwähnenswert ist auch, dass in der
3 Ein weit verbreiteter Irrtum sei an dieser Stelle ausgeräumt: Die Vorstellung, dass damals der Großteil
vorindustrieller Haushalte Mehrgenerationenhaushalte waren, ist falsch. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen,
die Mehrzahl der Haushalte damals umfassten jedoch selten drei Generationen. Dies liegt an der wesentlich
höheren und früheren Sterberate der Menschen damals.
4 Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 45f.
5 Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 47.
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Familie mit Produktionsmittel überhaupt keine Trennung der männlichen und weiblichen Arbeitsbereiche erfolgte, wohingegen in den Familien ohne Produktionsmittel sich zwar die Tätigkeitsfelder von Mann und Frau unterschieden, jedoch nicht der Ort dieser Tätigkeitsfelder. Der Ort der Erwerbstätigkeit von Mann und Frau war derselbe: Er war außer Haus und nicht im Haus!
Allmählich bildete sich das Bürgertum des 18. Jahrhunderts heraus.
Hier verlor das Haus erst allmählich den Charakter eines öffentlichen Versammlungsortes, der das Kennzeichen aller vorindustriellen, nordwestlichen und mitteleuropäischen Familien war. 6 Als Ursachen sind Veränderungen in den Wohnsituationen der Familien zu nennen. Ab dem 18. Jahrhundert zogen einige vermögende Familien aus dem Stadtkern in die idyllische und ruhige Vorstadtgegend. Die Erwerbstätigen machten sich z.B. als Banker, Ärzte oder Kaufleute verdient. Mit dem Umzug in die Vorstadt fand in diesen Familien zum ersten Mal eine Trennung von männlichen und weiblichen Tätigkeitsbereichen statt - vor allem am Ort dieser Tätigkeitsbereiche. Insbesondere waren die Frauen davon betroffen, weil diese nun im Gegensatz zum Mann, der außerhaus erwerbstätig war, den ganzen Tag auf den Innenbereich des Hauses verwiesen waren. 7 An dieser Stelle tritt das erste Mal eine klare Zuweisung von Männern und Frauen in getrennte lokale Bereiche ihres Wirkens auf und somit kann das als eine Weichenstellung für zukünftige Rollenvorstellungen angesehen werden. Es setzte sich also sukzessiv die Trennung von Haushalt und Betrieb und somit die Trennung von Privatleben und Berufsarbeit durch.
Für diese Entwicklung sind zwei Ursachen zu nennen: 8 Erstens war eine vermehrte Produktion von Waren für den Markt und die damit verbundene Ausbreitung von Manufakturen und später Fabriken zu verzeichnen. Zweitens setzten sich nach und nach Bürokratie und Formalia durch, die wiederum ihrerseits das Behörden- und Beamtentum zur Folge hatten. Es ist ersichtlich wie das Privatleben (Wohnsituation, Rollenverteilung etc.) durch Veränderungen im wirtschaftlichen Sektor beeinflusst wurde, weil die Veränderung der privaten Wohnsituation und die damit einhergehenden Veränderungen auf die Wirkbereiche von Mann und Frau, die wiederum deren Rollenverständnis beeinflussen, eine Reaktion des Privaten auf Veränderungen im Wirtschaftlichen war.
Ein weiteres Merkmal der neuen Wohnsituation war die Vereinzelung der Zimmer, was durch die Einrichtung von Fluren, die bis dahin unbekannt waren, ermöglicht wurde. Es entstanden so Esszimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer etc., die den im Haus lebenden Menschen
6 Vgl. ebd. S. 48.
7 Vgl. ebd. S. 49.
8 Vgl. Behnke, 1997, S. 21.
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Arbeit zitieren:
Marcus Gießmann, 2010, Historische Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen dem Bürgertum des 18. Jahrhunderts und der Entwicklung der Geschlechtscharaktere, München, GRIN Verlag GmbH
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