macht ihn zum Gespött der Leute und bringt ihm keine einzige Münze ein. Wie kann es also möglich sein, dass Jakob mit „ungetrübter Heiterkeit“ [S.8/24-25f] seinen leeren Hut aufsetzt und mit den Worten „Sunt certi denique fines“ das Volksfest, wo er noch so viel verdienen hätte können, verlässt?
Eben diese Frage weckt den „anthropologischen Heißhunger“ [S.8/31-32f] des Erzählers: Er und der Leser beginnen Vermutungen über diesen merkwürdigen Spielmann aufzustellen, die nicht nur den unfruchtbaren Kunsteifer, sondern auch die lateinischen Worte betrifft, die auf eine gute Erziehung schließen lassen. Was der Erzähler auf seine Fragen jedoch zur Antwort bekommt, ist lediglich die Aussage: „Erstens war ich nie ein Nachtschwärmer und halte es auch nicht für recht, andere durch Spiel und Gesang zu einem solchen widerlichen Vergehen anzureizen; zweitens muss sich der Mensch in allen Dingen eine gewisse Ordnung festsetzen, sonst gerät er ins Wilde und Unaufhaltsame. Drittens endlich- Herr! Ich spiele den ganzen Tag für die lärmenden Leute und gewinne kaum kärglich Brot dabei, aber der Abend gehört mir und meiner armen Kunst.“ [S.11/6-7f] Hier kommt die philosophische Seite des Spielmannes, als auch sein Verständnis der Musik zur Geltung: Für ihn stellt diese Tonkunst keine Sammlung von lediglich einstudierten Gassenhauern oder Melodien von Deutschwalzern dar; er spielt und phantasiert für Gott und macht Musik zum zentralen Bestandteil seines Lebens. Denn was hätte ihm noch übrig bleiben können? Er selbst ist immer schon ein schwacher und träumerischer Mensch gewesen, der sich gegen alles, was in seiner Umwelt passiert, abkapselt. Er kümmert sich weder um seinen Stand, noch um seine Rechte und fühlt sich in der Rolle als Kanzleischreiber, wo ihn jeder in Ruhe lässt am wohlsten. „Da war ich recht an meinem Platze. Ich hatte immer das Schreiben mit Lust getrieben, und noch jetzt weiß ich mir keine angenehmere Unterhaltung, als mit guter Tinte auf gutem Papier Haar- und Schattenstriche aneinanderzufügen zu Worten.“ [S.22/23-27f] Aber selbst als Kanzleischreiber kann er sein Glück wegen seiner Weltfremdheit und seinem Widerwillen gegen die gesellschaftlichen Mechanismen, die ihm gegenüberstehen („Sie spielen Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner.“ [S.25/8-10f]), nicht finden. Grillparzer kritisiert oder zeigt zumindest mit Jakobs Versagen in Beruf und Gesellschaft auf, dass eine solche Abkehrung zur Verarmung führt, also Lebensstandard nur durch Leugnung der
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eigenen Einstellung, durch Konformität gegenüber der Gesellschaft erreicht werden kann. Dass der Spielmann diese einfache Wahrheit nicht begreift, macht ihn in den Augen des Lesers naiv, ja fast zum törichten Menschen, dem es an Intelligenz mangelt. Selbst Barbara, die der Spielmann als ein nicht sehr schönes, zu kleines, stämmiges Mädchen mit Pockengruben beschreibt, sieht ein, dass der Alltag mit vielen kleinen Notlügen gepflastert ist, und dass damit das gesprochene Wort nichts mehr bedeutet. „Erstlich meinte sie, man müsse entweder singen oder das Maul halten, zu reden sei da nichts.“ [S.41/6-8f] Von einem Vater aufgezogen, der ein typischer Bürger dieser Zeit, traditionell und engstirnig ist, ist sie sich deshalb auch bewusst, dass dieser sie nur des Geldes wegen an Jakob anzubringen versucht. Man denke nur an die Szene, wo Jakob ihren Vater, den Griesler, darauf aufmerksam macht, dass er der Sohn des Hofrats ist: „Mir sind im Leben viele Veränderungen vorgekommen, aber noch keine so plötzliche, als bei diesen Worten in dem ganzen Wesen des Mannes vorging. Der zum Schmähen geöffnete Mund blieb offen stehen, die Augen drohten noch immer, aber um den untern Teil des Gesichtes fing an eine Art Lächeln zu spielen, das sich immer mehr Platz machte.“ [S.33/31-35f] Mit dieser offenkundigen Darlegung, dass es ihm nur darum geht, dass der Bewerber seiner Tochter ein wohlhabender Mann ist, wird auch klar, dass dem Griesler Barbaras eigentliches Glück, das sie mit Jakob hätte teilen können, herzlich egal ist. Denn, obwohl Barbara Jakobs Lebensuntüchtigkeit verachtet, fühlt sie sich doch von seiner Liebenswürdigkeit und seinem Charakter angezogen. So ist sie entzückt als der „Liebhaber der Tonkunst“ [S.28/31f] sie bittet ihm die Noten eines Liedes zu besorgen, das sie immer singt und das ihm besonders gefällt. Sie spielt sogar später auf eine gemeinsame Zukunft an: „Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben und gerne in meiner Nähe sind, so bringen sie den Putzladen an sich […] Was sich etwa noch weiter ergäbe, davon wollen wir jetzt nicht reden.“ [S.44-45/34-35f,1-7ff] Es stellt sich dem Leser jedoch immer wieder die Frage, ob es eigentlich die Liebe ist, die das arme Mädchen dazu drängt, solche Äußerungen zu machen: Nicht nur, dass sie nicht sicher sein kann, ob Jakob sie wirklich liebt (immerhin zeigt er seine Zuneigung immer nur dann, wenn sie das bestimmte Lied singt), es ist möglich, dass ihr Wunsch mit Jakob zusammen zu leben, auf reinem Selbsterhaltungstrieb beruht. Sie ist sich bewusst, dass er schwach und „immer auf Nebendinge gerichtet“
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[S.43/34f] ist, aber- wohlwissend, dass ihr Vater nur den reichen Jakob und den wohlhabenden Fleischhauer als Bewerber akzeptiert, zieht sie den ersteren dem „derben, rüstigen Mann“ [S.32/4f] vor. Als Jakob nun die ganze Erbschaft verliert, ist sie enttäuscht und meint: „Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen. Ja, erschrecken Sie nur. Ist’s doch Ihr Werk. Ich muss nun hinaus unter die groben Leute, wogegen ich mich so lange gesträubt habe.“ [S. 49/19-21f] Bei solchen Worten, die noch dazu von Tränen und von unwilligem Kopfschütteln begleitet sind, wird dem Leser klar, dass sich hinter der resoluten Barbara, die eigentlich nie ihre Gefühle preisgibt, eine Frau versteckt, die verzweifelt versucht ihrem Schicksal auszuweichen, das ihr herzloser Vater anmaßt zu gestalten- „von ihrem Vater gedrängt and an allem übrigen verzweifelnd“ [S.50/24-25f]. Dennoch hat Barbara auch echte Liebesgefühle für Jakob empfunden, wie Grillparzer am Schluss zeigt: Nicht nur Mitleid scheint in dieser Beziehung eine große Rolle gespielt zu haben, auch wahre Liebe hat sich eingemischt. Als der Ich- Erzähler nämlich die Geige des Verstorbenen kaufen will, weigert sich Barbara mit den Worten: „Die Geige gehört unserem Jakob (sie hat ihren ersten Sohn so genannt), und auf ein paar Gulden mehr oder weniger kommt es uns nicht an!“ [S.56/20-22f], während ihr Tränen stromweise über die Backen laufen.
Letztere Szene ist besonders wichtig, da es auch die Veränderung des Erzählers, des „dramatischen Dichters“ [S.5/22f], zeigt: Hat er vorher nur ein berufliches Interesse an Jakob, so ist er nun besorgt um den Bettelmusikanten und hat erkannt, dass Barbara die Geige viel bedeutet. Als er sich am Anfang nämlich unter das Volk mischt, sucht er nur ein Beobachtungsobjekt, das für eine interessante Geschichte sorgen könnte. Er amüsiert sich regelrecht beim Anblick des armen Musikanten, indem er ihn als ein „Original“ [S.8/16f] beschreibt und das Verständnis für die Ansichten Jakobs nur vorheuchelt. Dies kann man besonders gut am Ende der erzählten Lebensgeschichte erkennen: „Endlich hatte ich’s satt, stand auf, legte ein paar Silberstücke auf den nebenstehenden Tisch und ging, während der Alte eifrig immer fortgeigte.“ [S.52/19-22f] Sein Interesse ist damit verflogen- „Die neuen Bilder hatten die alten verdrängt...“ [S.52/25-26f] Bei optimistischer Betrachtung lässt sich eine positive Schreibintention des Ich- Erzählers am Schluss herauslesen: Er, der die Welt immer nur nach materiellen Werten betrachtet hat, hat aus dieser Geschichte selbst gelernt
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Arbeit zitieren:
Bsc Natalie Romanov, 2008, Franz Grillparzer: "Der arme Spielmann." Eine Erzählung (1848) - im Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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