Mein Dank für die hilfreiche Unterstützung bei der Erstellung meiner Examensarbeit gilt Frau. Prof. Dr. Anja Saupe, deren Seminar mir den Denkanstoß für das Thema dieser Arbeit gab, sowie Herrn Dr. Dietmar Schubert.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
A : Voraussetzungen 7
1. Die Literaturverfilmung in der Wissenschaft 7
1.1. „Literaturverfilmung“ versus „Adaption“ - eine Begriffsbestimmung 7
1.2. Zur Problematik der Literaturverfilmung 9
1.2.1. Historischer Abriss der Adaption 9
1.2.2. Forschungsstand 12
1.2.3. Film und Buch - ungleiche Partner 16
1.3. Typologien der Literaturverfilmung 19
1.4. Schriftliterarisches und filmisches Erzählen 22
1.4.1. Gemeinsamkeiten 23
1.4.2. Unterschiede/ filmische Darstellungsverfahren 24
2. Literaturverfilmungen im Deutschunterricht 26
2.1. Stellenwert von Filmen 26
2.1.1. - bei Jugendlichen 26
2.1.2. - im Deutschunterricht 29
2.1.3. - im Lehrplan 31
2.2. Didaktische Standpunkte zur Nutzung von filmischen Adaptionen 36
2.2.1. Begründung 36
2.2.2. Ziele eines medienintegrativen Literaturunterrichts 38
2.2.2.1. Kompetenzdiskussion - Medienkompetenz 38
2.2.2.2. (Spiel-)Filmkompetenz 40
2.2.3. Methoden 42
2.3. Eigenes didaktisches Konzept 45
2.3.1. Begründung 45
2.3.2. Zielsetzung 47
2.3.3. Methoden/Verfahren 48
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B : Die Integration der Literaturverfilmung im Deutschunterricht am Beispiel
„Der Besuch der alten Dame“ 50
1. Sachanalyse: Ein Buch und seine Adaption im Vergleich: Dürrenmatts
„Der Besuch der alten Dame“ und die gleichnamige Verfilmung von Nikolaus
Leytner 50
1.1. „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt 50
1.1.1. Entstehung 50
1.1.2. Handlung 52
1.1.3. Analyse ausgewählter Aspekte der Darstellung 54
1.1.4. Interpretation 56
1.2. „Der Besuch der alten Dame“ von Nikolaus Leytner (2008) 58
1.2.1. Entstehung 58
1.2.2. Handlung 60
1.2.3. Narrations- und filmspezifische Merkmale 62
1.2.4. Interpretation 64
2. Didaktische Überlegungen für die Integration des ausgewählten Beispiels in den
Deutschunterricht 65
2.1. Warum „Der Besuch der alten Dame“? 65
2.2. Zielstellung 66
2.3. Methodisch-Didaktische Überlegungen 67
C : Fazit 71
Anhang 75
Quellen - und Literaturverzeichnis 81
Quellen 81
Internetquellen 81
Literatur 82
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Einleitung
Mehr als hundert Jahre ist das bewegte Bild nun alt und trotzdem bis heute nicht aus der Mode gekommen. Wie alle Berühmtheiten hat der Film seine Anhänger gefunden und wenngleich auch immer wieder Verächter seine Popularität und Qualität missbilligten, konnte das seiner Beliebtheit keinen Abbruch tun. Mittlerweile wird der Film als Kunstform neben den älteren Künsten, wie der Literatur oder der darstellenden Kunst, akzeptiert und gewürdigt und kann es sich so erlauben, seine Ideen aus diesen auch ohne Rechtfertigung zu entnehmen und sie mit all den spezifischen Mitteln, die dem Film zur Verfügung stehen, in eine spannende, humorvolle, komische, traurige oder auch beliebig andere Handlung umzuwandeln. Besonders beliebt für einen Rückgriff hat sich die Literatur herausgestellt, wobei die Vorlage von der nahezu wörtlichen Übernahme bis zur freien Motivinterpretation nahezu alle Möglichkeiten offen hält.
Nun sollte man meinen, dass diese Literaturverfilmungen aufgrund ihres Charakters, bereits bekannte Motive zu aktualisieren und damit eine neue Sichtweise zu geben, auch in der Forschung früh Befürworter fand. Im Gegensatz dazu wurde der Film, der den Inhalt einer literarischen Vorlage übernahm eher abwertend behandelt und stets seine Zweitrangigkeit zum Ausdruck gebracht. Anstatt das Potential für eine neue Leserschaft zu erkennen, wurde die Literaturverfilmung als minderwertig angesehen und anhand literarischer Kriterien gemessen und verurteilt. Gestützt wurde diese Ansicht durch die Tatsache, dass der Film, im Gegensatz zum Buch, besonders in seinen Anfangsjahren der Unterhaltung dienen und als kommerzielle Kunst vor allem der ein breites Publikum anziehen sollte. Im Kontrast zur Literatur, die erst besonders wertvoll galt, wenn nur eine auserwählte Leserschaft sich ihrer bediente und sie als herausragende Kunst verstehen und würdigen konnte, wollte der Film vor allem eines: so viele Zuschauer wie möglich in das Kino locken.
Das Misstrauen, welches dem Film entgegengebracht wurde, schlug sich in logischer Konsequenz in den Schulen nieder. Zwar wurde schnell erkannt, dass der Film als neues Medium nicht aus dem Unterricht ausgeschlossen werden konnte, allerdings unter der Prämisse, dass die Schüler durch einen kritischen Umgang vor den Inhalten des mehr und mehr zum Massenphänomen ausufernden Unterhaltungsmediums geschützt werden müssten. Vor dem Hintergrund, dass dem passiven Film schauen das aktive Buch lesen gegenüberstehe, sollten durch den Vergleich von Film und literarischer Vorlage keine Rückschlüsse über eine besondere Filmsprache gezogen werden, sondern allein die
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mangelnde Qualität des Films erkannt werden. Erst nach und nach wurde das Potential des Films entdeckt, was zu einer Aufwertung, wenn auch noch lange nicht zur Gleichstellung mit dem Buch, führte.
Trotz viel bemühter Versuche Filme besser in den Unterricht zu integrieren, musste Peter Kern 1 auch nach der Jahrtausendwende noch feststellen, dass es keine Filmdidaktik gibt. Und tatsächlich werden Filme, auch heute noch, vor allem als Belohnung eingesetzt, um den Schülern nach langer und beschwerlicher Textarbeit eine vermeintlich leichte Kost vorzusetzen und die zähen Klassiker in Form von vorgegebenen Bildern zu veranschaulichen 2 . Genährt wird dies durch die Tatsache, dass an vielen Schulen diese Vorgehensweise vor allem von älteren Lehrern praktiziert wird, viele jüngere Lehrer aber auch heut keine ausreichende Medienausbildung an den Universitäten erhalten 3 . Umso paradoxer erscheint es, wenn man die Lebenswelt der Schüler betrachtet. Gerade der tägliche Fernsehkonsum ist beinahe obligatorisch geworden und „Internet“ ist kein Fremdwort mehr, sondern Alltag. Während ältere Generationen dieses bestenfalls als nützliche Funktion ansehen, ist der Umgang, die Kommunikation, die Informationssuche, das Selbstdarstellen und das Erwachsenwerden mit und auch IN der grenzenlosen Welt des Internets Selbstverständlichkeit. In diesem Zusammenhang verwundert es, dass sich die Didaktik in so großer Entfernung dazu befindet und die Filmdidaktik so wenig ausgereift ist. Aus diesem Grund fragt die vorliegende Arbeit danach, ob sich Literaturverfilmungen für den Deutschunterricht eignen und wenn ja, wie man sie sinnvoll integrieren kann. Gerade weil an dieser Stelle das Buch und die Literaturlektüre nicht in den Hintergrund treten sollen, beschäftigt sie sich im Folgenden besonders mit diesem besonderen Filmgenre, um den Film als gleichberechtigten Partner neben das, keinesfalls zu vernachlässigende, Buch zu stellen. Um den Gegenstand Literaturverfilmung zu untersuchen, wird deren
medienwissenschaftlicher wie literaturwissenschaftlicher Aspekt zunächst der Betrachtung unterzogen, wobei zuvor die Begrifflichkeit geklärt werden soll. Auf dieser Grundlage wird anschließend gefragt, wie der derzeitige Stand in der Didaktik ist, sprich, welche Begründungen, Ziele und Methoden es für Filme im Allgemeinen und Literaturverfilmungen im Besonderen gibt und welchen Stellenwert Literaturverfilmungen
1 Kern, Peter Christoph: Film, In: Bogdal, Klaus Michael; Korte, Hermann (Hrsg.): Grundzüge der
Literaturdidaktik. München 2002, S. 217.
2 Vgl.: Staiger, Michael: Literaturverfilmungen im Deutschunterricht. München 2010, S. 8.
3 Siehe dazu beispielsweise die Studienordnungen der Universitäten Leipzig und Dresden. Zwar werden
vereinzelt medienwissenschaftliche Seminare angeboten, allerdings sind diese fakultativ zu belegen. Stand:
2009.
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für die wichtigsten Pfeiler des Unterrichts, also Schüler, Lehrer und Lehrplan einnehmen. Offene Probleme oder Fragen versucht die Arbeit in einem knappen didaktischen Konzept zudem zu lösen.
Anhand des gewählten Beispiels „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt respektive seiner aktuellen, gleichnamigen filmischen Umsetzung aus dem Jahr 2008 vom Regisseur Nikolaus Leytner, der als deutscher Fernsehfilm für das ZDF produziert wurde, soll anschließend exemplarisch die „Lösung“ für die oben formulierte Fragestellung aufgezeigt werden. Auch wenn es sich zu widersprechen scheint, dass zuvor literarische Erzählungen, also epische Texte behandelt und als Beispiel ein dramatischer Text gewählt wurde, soll dieser zum Einen zeigen, dass nicht nur epische Texte als Vorlage gewählt werden können und Zweitens, dass auch ein Drama eine Geschichte, also eine Handlung von Figuren erzählt, weshalb sie ebenso berechtigt sein sollte, als Vergleich mit ihrer Verfilmung untersucht zu werden.
Insgesamt wird somit der Frage nachgegangen, wie sich die Verfilmung eines klassischen Werkes, welches auch im Literaturkanon verzeichnet ist, sinnvoll in den Unterricht einbauen lässt, in der Form, dass die Schüler Erfahrungen im Umgang mit Medien erlernen und vertiefen, der Film zugleich Mittel und Gegenstand ist und trotzdem keine „Feiertagsdidaktik“ 4 erhoben wird. Dies wird auf der Grundlage der gewählten Ziele und Methoden (Kapitel 2.3.) vorgenommen, um diese an einer exemplarischen Literaturverfilmung zu veranschaulichen (Abschnitt B).
Als Basis für die vorliegende Arbeit ist der sächsische Lehrplan für Gymnasien für das Fach Deutsch anzusehen, der in seiner derzeitigen Form 2004 veröffentlicht wurde und 2009 letztmalig eine Aktualisierung erfuhr 5 . Alle Angaben, die in diesem Zusammenhang gemacht werden, beziehen sich, soweit nicht anders gekennzeichnet, auf diesen. Wenn in den folgenden Ausführungen weiterhin männliche Bezeichnungen von Personen und -gruppen wie „Schüler“ oder „Lehrer“ genutzt werden, dienen diese nur der Vereinfachung und werden idealtypisch verwendet, um Umständlichkeiten wie „Lehrerinnen und Lehrer“ zu vermeiden. Sie sollen keinesfalls eine diskriminierende Wirkung haben.
4 Vgl.: Abraham, Ulf; Kepser, Matthis: Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung. Berlin 3 2009, S. 173.
5 Dieser und weitere Lehrpläne sind online einzusehen unter: www.sachsen-macht-schule.de.
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A: Voraussetzungen
1. Die Literaturverfilmung in der Wissenschaft
Bevor das Thema Literaturverfilmung einer Betrachtung unter didaktischen Gesichtspunkten unterzogen wird, ist es zunächst einmal sinnvoll, die wissenschaftliche Seite näher zu beleuchten. Vorerst gilt es dabei zu klären, was unter „Literaturverfilmungen“ zu verstehen ist und warum auch andere Bezeichnungen wie die der „Adaption“ in der Literatur anzutreffen sind. Dem folgt die Untersuchung der derzeitigen und vergangenen Forschungsdiskussionen mit einem Blick auf die Geschichte der Literaturverfilmung, um auch den historischen Kontext einzubeziehen und die Diskussion im Längsschnitt betrachten zu können. Abschließend soll zu diesem Punkt dem Grundproblem zwischen Buch und Film nachgegangen werden. Andere Bezugspunkte der Verfilmung, wie das Theater, werden nicht weiter beleuchtet, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde und eigene Diskussionspunkte bietet. Das Kapitel endet anschließend mit der Sichtung verschiedener Typologien der Literaturverfilmung, die vergleichend aufgeführt werden, sowie eine Betrachtung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von filmischen und schriftliterarischen Erzählungen, da die meisten produzierten Literaturverfilmungen, die auch im Deutschunterricht Anwendung finden können, auf eine epische Vorlage beruhen.
1.1. „Literaturverfilmung“ versus „Adaption“ - eine Begriffsbestimmung
Wird eine literarische Vorlage in bewegte und vertonte Bilder transponiert, spricht man von einer „Literaturverfilmung“. In seine Einzelteile Literatur - „ver“ - Film- „ung“ zerlegt und diese genauer betrachtet, wirken die Bestandteile Literatur und Film zunächst unverfänglich und auch das Suffix „-ung“ deutet nur daraufhin, dass man es mit einem Substantiv, so gesehen einer „Sache“ zu tun hat. Wirft man nun jedoch einen Blick in den Duden, kann man unschwer erkennen, dass dem Morphem „-ver-„ häufig eine negative Konnotation zukommt: „verderben“, „Verfehlung“, „veralbern“. Folglich, so könnte man resümieren, kommt auch dem Begriff Literaturverfilmung eine negative Bedeutung zu. Der Film wird hier zweitrangig benannt und erhält somit, wie auch in der älteren Literaturwissenschaft,
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einen abwertenden Unterton. Eine Literaturverfilmung steht, wie Michael Staiger erklärt, „zwischen Buch und Film“ 6 und hat somit eine Art „Zwitterstatus“ 7 . Neben diesem Begriff steht ein zweiter, namentlich der einer „Adaption“, um das „Sichtbarmachen“ von Literatur mit einer alternativen Bezeichnung zu versehen. Doch auch dieser Begriff bezeichnet wenig anderes als die „Literaturverfilmung“. So bedeutet „adaptare“ vom lateinischen ins Deutsche übersetzt nichts anderes als „anpassen“. Allerdings bedeutet Adaption nicht grundsätzlich, dass es um Buch und Film geht, sondern zunächst, dass es sich um eine Anpassung handelt, die auch zwischen ein und demselben Medium statt finden kann, so dass erst der Terminus „filmische Adaption“ oder „Filmadaption“ eine genauere Angabe liefert. Aus dieser Begründung heraus bezeichnet Ulrike Schwab die Adaption als „Bearbeitung eines (fiktionalen) Stoffes für ein anderes Medium“ 8 , wodurch die Bedeutung vom negativ konnotierten „anpassen“ ins positive „umwandeln“ umgedeutet wird. Schwab bezeichnet außerdem den Begriff „Literaturverfilmung“ als älteren Begriff, was den Gebrauch von „Adaption“ weiterhin legitimiert.
Desweiteren existiert der Ausdruck „Transformation“, für den sich unter anderem Irmela Schneider 9 ausgesprochen hat, um zu bezeichnen, dass der Film das Zeichensystem des Buches in ein eigenes, ihm charakteristisches Zeichensystem versetzt, also transformiert. Dies ist zwar für eine Zahl der Literaturverfilmungen zutreffend, die sich nah an die Vorlage halten, werden jedoch, wie sich unten zur Frage der Typologie der Literaturverfilmungen zeigt, nur wenige Motive übernommen, weicht der Film also stark von der Vorlage ab, würde der Begriff „Transformation“ nur eine minimale Schnittmenge bezeichnen.
Da sowohl „Literaturverfilmung“ als auch „Adaption“ dagegen eine weite Definition zulässt, die alle Typen der Verfilmungen, egal ob nah an der Vorlage oder nicht, einschließt, werden in der vorliegenden Arbeit diese beiden Begriffe verwendet. Im weiteren Verlauf soll die Diskussion um den „richtigen“ Terminus nicht weiter ausgeführt werden, da die genannten gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen und ohne negative Bedeutung aufgefasst werden. Im Gegenteil, die Arbeit versteht sich als Befürworter von „Literaturverfilmung“ und „Adaption“ und will keine Abwertung des einen gegenüber dem anderen Medium sondern eine partnerschaftliche Gleichstellung von Buch und Film
6 Staiger 2010: S. 11.
7 Ebda.
8 Schwab, Ulrike: Erzähltext und Spielfilm. Zur Ästhetik und Analyse der Filmadaption. (=Geschichte -
Zukunft - Kommunikation, Bd. 4). Berlin 2006, S. 29.
9 Schneider, Irmela: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. (=Medien in
Forschung und Unterricht, Bd. 4) Tübingen 1981, S. 18.
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ausdrücken, deren Unterschiede keine Benachteiligung eines der Beiden bedeutet. Wenn im Folgenden der Begriff Adaption verwendet wird, ist damit also grundsätzlich die filmische Adaption, mit einer literarischen Vorlage gemeint.
1.2. Zur Problematik der Literaturverfilmung
Wird an dieser Stelle von einem „Problem“ gesprochen, stellt sich zunächst die Frage, inwiefern es Schwierigkeiten mit einem Thema geben kann, welches Jahr für Jahr Millionen Zuschauer in die Kinos zieht 10 . Doch eben jene Popularität, die, wie im folgenden Abschnitt anhand eines Längsschnittes gezeigt wird, führte auch zur Kritik an dem noch jungen Medium Film von seinem Beginn an. Unter dem Gesichtspunkt einer „Problematik der Literaturverfilmung“ werden anschließend die Forschungsmeinungen dargelegt und das spannungsreiche Verhältnis zum Medium Buch erläutert, um an dieser Stelle abschließend der Frage nachgehen zu können, ob man tatsächlich von einem Problem der Literaturverfilmung sprechen kann.
1.2.1. Historischer Abriss der Adaption
Die Geschichte der Literaturverfilmung ist in erster Linie natürlich Filmgeschichte. Da diese, wie auch später im didaktischen Schwerpunkt der Arbeit gezeigt wird, immer wieder als Grundwissen für Schüler gefordert wird, folgt in diesem Abschnitt ein kurzer Abriss, der sich zunächst mit der Filmgeschichte im Allgemeinen und anschließend mit der Tradition der Literaturverfilmungen beschäftigt. Außerdem liegt das „Problem der Literaturverfilmung“ auch in seiner Geschichte, wodurch dieses Kapitel unerlässlich für die Darstellung der Kontroverse ist. Weitaus detaillierte Ausführungen finden sich hingegen bei Peter Beicken 11 und Werner Faulstich 12 , der diesem Thema eine komplette Monografie gewidmet hat. Beide dienen als Grundlage für den folgenden Längsschnitt.
10 Ein Beispiel aus dem Jahr 2009 ist „Harry Potter und der Halbblutprinz“ nach dem gleichnamigen Buch der
Romanreihe von Joanne K. Rowling. An zweiter Stelle der, von der Filmförderanstalt geführten Filmhitliste,
sahen ihn 6.128.515 Zuschauer. Diese und weitere Daten finden sich auf der Homepage der
Filmförderungsanstalt: http://www.ffa.de/ [abgerufen am: 20.05.2010].
11 Beicken, Peter: Wie interpretiert man einen Film? Literaturwissen für Schüler. Für die Sekundarstufe II.
Stuttgart 2007.
12 Faulstich, Werner: Filmgeschichte. Paderborn 2005.
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Zunächst teilt Faulstich die Filmhistorie in acht Etappen 13 , beginnend ab 1895 bis zur heutigen Zeit. Als Geburtsstunde - die Entwicklung vollzog sich selbstverständlich nicht plötzlich, sondern erst technische Neuerungen und Erfindungen der Jahrzehnte und Jahrhunderte davor machten es möglich - gilt eben jenes Jahr 1895, in dem die Brüder Lumière den ersten Film zeigten 14 . Noch im gleichen Jahr wurde der erste Film gegen die Bezahlung eines Eintrittsgeldes öffentlich vorgeführt 15 . In den folgenden fünf Jahren, die die erste Etappe bilden, wurden zahlreiche kurze Filme gedreht, welche auf Jahrmärkten und in Form von Wanderkinos vor allem die breite Masse anzogen, während sich Intelektuelle schnell an der technischen Neuerung satt gesehen hatten und die noch große Begrenztheit und schlechte Qualität sie bald vom Kino fern hielten 16 . Bereits für die zweite Phase, die von 1900 bis zum Beginn des ersten Weltkrieges reicht, führt Faulstich 17 wichtige Merkmale an. Eines davon ist die Entwicklung vom Wanderkino mit Publikum aus einfacheren Schichten hin zum „Lichtspielhaus“, welches schon ein wenig mehr Seriosität mit sich brachte. Außerdem dominierten in allen Ländern vor allem wenige Anbieter von Filmen und es entwickelten sich, einhergehend mit dem Aufkommen von „Langfilmen“ zwei Besonderheiten: Filmstars, wie sie auch heute noch populär sind und verschiedene Genres, wie der Komödie in Frankreich, oder des Westerns in Amerika. 18 Bis 1933 dauerte die dritte Phase, in der der Stummfilm mit Ton unterlegt wurde und sich weiterhin nationale Besonderheiten herausbildeten, die bis heute Bedeutung haben 19 . Hollywood wurde zum Inbegriff populärer Massenfilme und Charles Chaplin ist bis heute ein Name, wenn es um wichtige Schauspieler und ihre erfolgreichen Filme geht. Dem expressionistischen Film in Deutschland folgten Science-Fiction Produktionen, die bis heute Klassiker deutscher Filmgeschichte sind, wie der erst kürzlich restaurierte Film „Metropolis“ 20 , seinerzeit die teuerste Anfertigung der Filmindustrie. Während der Zeit des Nationalsozialismus war eine weitere Phase der Filmgeschichte angebrochen, die von der Ideologisierung des Regimes nicht unberührt blieb. Durch Berufsverbote für Filmemacher, politische Zensur und Schaffung von Propagandafilmen, versuchte der NS-Staat seine Ideologie auch ins Kino zu bringen. Neben den letzteren, die
13 Vgl.: Ebda.: S. 15-311.
14 Vgl.: Ebda.: S. 19.
15 Vgl.: Ebda.: S. 19f.
16 Vgl.: Ebda.: S. 25.
17 Vgl.: Ebda.: S. 31ff.
18 Vgl.: Ebda.: S. 32ff.
19 Vgl.: Ebda.: S. 64.
20 Die Wiederentdeckung der verschollenen Szenen und die Restauration des Films:
http://www.zeit.de/online/2008/27/metropolis-vorab?page=all [abgerufen am: 20.05.2010]
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Faulstich in ihrer Quantität eher gering einschätzt 21 , wurden vor allem gehaltlose Unterhaltungsfilme produziert.
Eine fünfte Phase, die nach 1945 einsetzt und bis 1960 dauert, überschreibt Faulstich mit „Weltfilm“ 22 und meint damit die Blütezeit des Films, in der eine breite Masse an Filmen aller Genres und Themen entstand und in der wiederum nationale Besonderheiten zu Tage traten, wie der italienische Neorealismus. In Deutschland zeichnete sich die Filmkultur durch das Verdrängen des Nationalsozialismus aus, indem Heimatfilme die bürgerliche Idylle mit ihren traditionellen Rollenbildern von Frau und Mann widerspiegelten und so die simple Unterhaltungskultur der vergangenen Jahre weiter führte 23 . Amerikanische Größen, wie Alfred Hitchcock und Marilyn Monroe, prägten ebenfalls diese Zeit, bevor als weitere Epoche die Jahre zwischen 1960 und 1975 anbrachen, die mit dem „Oberhausener Manifest“ eine Wende für die Literaturverfilmung mit sich brachte, der wir uns anschließend widmen werden. 24 Eine Wende tritt ebenso für die Hollywood-Produktionen ein, deren Stellenwert durch neue Filme verschiedener Länder, wie dem neuen französischen Film, abnimmt. 25 In der vorletzten Phase zwischen 1975 und 1990 musste das Kino mit der sich schnell verbreitenden Videokassette in Konkurrenz treten, indem die Regisseure die Superlative ins Kino brachte: neue und alte Helden vereint mit Horrorgeschichten und körperlichen Reizen. 26
In der letzten Phase seit 1990 sind weiterhin große, oft auch mehrteilige, Blockbuster wie „Titanic“, „Hannibal“ oder „Der Herr der Ringe“ zu sehen, die auch Gewalt wieder in die Kinos bringen und einem großen Publikum zuführen. Was in den 80er Jahren die Videokassette war, ist nun die DVD und das Internet, in dem legal und illegal Filme verfügbar sind, die der Institution Kino Konkurrenz machen. 27
Der Abriss, der längst nicht vollständig ist und nur einen kurzen Ausschnitt jeder Epoche bietet, zeigt die noch vergleichsweise junge Filmgeschichte von ihrem Beginn an. Die Geschichte der Literaturverfilmung beginnt fast am gleichen Punkt, nämlich im Jahr 1896, in dem Goethes „Faust“ als erste Adaption, jedoch noch ohne Ton, in Episoden verfilmt wurde. Einige Jahre später erschien mit „Berlin Alexanderplatz“ 1931 die erste Literaturverfilmung, die sich so nah am Werk hielt, dass selbst der Autor Alfred Döblin am
21 Vgl.: Faulstich 2005: S. 90.
22 Ebda.: S. 119.
23 Vgl.: Ebda.: S. 143.
24 Vgl.: Ebda.: S. 172ff.
25 Vgl.: Ebda.: S. 189.
26 Vgl.: Ebda.: S. 240ff.
27 Vgl.: Ebda.: S. 288ff.
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Drehbuch mitarbeitete 28 . Damit zeigt sich auch ein erstes Stichwort, welches für die Geschichte der Literaturverfilmungen charakteristisch ist: Werktreue. Diese stand bis in die 60er Jahre im Vordergrund jeder Verfilmung eines Klassikers, indem der Film nahezu wortwörtlich übersetzt wurde, ohne auf seine eigene Sprache zu achten. Der Grund hierfür war die Abneigung seit Beginn des Filmwesens gegen den Film, da ein Verfall der Sitten und der Moral als logische Konsequenz der bewegten Bilder anstelle des geschriebenen Wortes erwartet wurde. Um das Buch somit nicht zu entwerten, wurde so wenig wie möglich Interpretation durch den Film vorgenommen, sondern die Vorlage lediglich abgefilmt, was das Werk zwar einer breiten Masse im Kino zugänglich machte, jedoch den Sinn des Kunstwerkes Film verfehlte. Erst mit dem „Oberhausener Manifest“, welches bereits oben genannt wurde, begann eine zweite Etappe, da nun ein Wandel zur Gleichwertigkeit unternommen wurde, um die Brücke zwischen Literatur und Film zu schlagen und das “Werktreuekriteriums als verfehlte Frage nach dem Besseren“ 29 abzuschaffen. Filme die nach dieser Wende produziert wurden, verpflichteten sich nun vor allem einer Interpretationstätigkeit, um sowohl Film, als auch Buch gerecht zu werden.
1.2.2. Forschungsstand
Das Thema dieser Arbeit widmet sich wortgemäß vor allem der didaktischen Perspektive von Literaturverfilmungen. Wie in den vorherigen Abschnitten gezeigt und erläutert, spielt jedoch auch die wissenschaftliche Seite eine wichtige Rolle, um ein Grundgerüst für die didaktische Vertiefung zum Thema zu bilden. So soll sich auch der vorliegende Abschnitt der wissenschaftlichen Seite der Forschung zuwenden. Wissenschaft ist hierfür primär in zwei Richtungen zu denken, zum einen die literaturwissenschaftliche und zum anderen die medienwissenschaftliche Ausrichtung des Themas, wobei darauf hinzuweisen ist, dass die Grenzen beider Disziplinen häufig fließend sind und eine strenge Schwarz-Weiß-Sicht in den seltensten Fällen anzutreffen ist - immerhin sprechen wir von einer „Literaturverfilmung“, was allein dem Wortsinn nach die Mittelposition zwischen dem medienwissenschaftlich interessantem Film und der Literatur, die für die Literaturwissenschaft von belang ist, einnimmt. Einige Kontroversen, die innerhalb und
28 Vgl.: Literaturverfilmung, In: Homberger, Dietrich (Hrsg.): Lexikon Deutschunterricht. Sprache - Literatur
- Didaktik. Stuttgart 2002, S. 250.
29 Kęsicka, Carolina: Adaption als Translation. Zum Bedeutungstransfer zwischen der Literatur- und
Filmsprache am Beispiel der Remarque-Verfilmungen. Dresden, Wroclaw 2009, S.89.
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zwischen diesen Gebieten geführt wurden und werden, sind in andere Kapitel bereits eingeflossen oder werden im Folgenden noch an dafür relevanten Stellen erläutert und somit in diesem Kapitel höchstens genannt. Betrachtet man zunächst Filme im Allgemeinen, erkennt man, dass Grundlagenliteratur hierfür nahezu unbegrenzt verfügbar ist. Hierbei sind besonders die Standartwerke zur Geschichte des Films, etwa die umfangreiche, bereits an obiger Stelle zitierte, Filmgeschichte von Werner Faulstich 30 und zur Analyse von Filmen, wie die grundlegend zu nennende Publikation von Knut Hickethier 31 zur Analyse der Film- und Fernsehsprache. Diese ist in vielen weiteren wissenschaftlichen und vor allem didaktischen Arbeiten als, meist gekürzte, Grundlage für weitere Fragestellungen zu finden und bietet eine Erläuterung zu Begriffen wie Einstellungsgrößen, Mise-en-scène oder Montage.
Genannte Werke sind vornehmlich medienwissenschaftlicher Natur, während sich die Literaturwissenschaft bisher weniger mit dem Thema Film auseinandergesetzt hat. Wenn ihre Vertreter Interesse zeigten, galt dies bisher vor allem den Literaturverfilmungen, da jene den Vergleich mit „ihrer“ Literatur antreten. Dieser jedoch fiel, zumindest in der Vergangenheit, meist zugunsten der Vorlage aus und der Film fand als eigene Mediengattung keine gleichberechtigte Akzeptanz. Dies führt zu dem Begriff der Werktreue, um den von Beginn der ersten Literaturverfilmungen an erbitterte Debatten geführt wurden. Denn auch wenn die Literaturverfilmung genauso alt ist wie der Film selbst, zeigt sich im vorherigen Kapitel, dass er ebenso heftige Diskussionen mit sich brachte. Der Grund hierfür war bereits von Beginn an der direkte Vergleich mit der literarischen Vorlage, die aufgrund ihrer langen Tradition das Prädikat „wertvoll“ erhielt, während das Ergebnis nur als „Plagiat“, welches den Verfall von Sitte und Moral förderte, betrachtet wurde. Dass sich diese Sicht geändert hat und in welchen Ausmaßen die Diskussion geführt wurde, soll das anschließende Kapitel darlegen, weshalb an dieser Stelle nicht weiter auf die Werktreue-Debatte eingegangen wird. Auch wenn diese Schwierigkeiten zu Anfang bestanden, wurde in den 70er Jahren die Medienwissenschaft in den ersten Universitäten etabliert, wodurch in den folgenden Jahrzehnten die Publikationen in diesem Gebiet anstiegen 32 . Auch wenn diese Tatsache erfreulich ist, zeigt sie, dass die Medienwissenschaft und mit ihr die Filmforschung eine äußerst junge Disziplin ist. Dies mag den Vorteil haben, das veraltetes Denken und
30 Faulstich, Werner 2005.
31 Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart, Weimar, 4 2007.
32 Vgl.: Hickethier 2007: S. 2.
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Traditionsbefangenheit in den Medienwissenschaften kaum eine Rolle spielen, allerdings fehlt es so auch an Vorlauf, Erkenntnisse müssen erst noch gesammelt werden und viele Diskussionen und Forschungsansätze stecken noch in ihren Kinderschuhen, zumal ihre Grundlage, die Medien an sich, oftmals selbst kaum älter als ein bis zwei Jahrzehnte sind und eine rasante Entwicklung durchlaufen, der die Forschung kaum folgen kann, wie dies beispielsweise beim Internet zu verfolgen ist. Im Vergleich dazu ist der Film beinahe alt, und weist trotzdem noch zwei weitere Probleme auf, wie Martina Sölkner 33 darlegt. Die erste Schwierigkeit ergibt sich aus der Stellung der Literaturverfilmung, die bereits besprochen wurde. Sie ist weder Buch noch Film sondern bewegt sich in beider Mitte, wodurch sich eine klare Positionierung nur schwer ermöglichen lässt (was in der heutigen Forschung auch nicht mehr notwendig ist). Zum anderen vereint sie, auch das wurde bereits erwähnt, verschiedenste Perspektiven. Ohne Zweifel sind das die der Medienwissenschaft und der Literaturwissenschaft. Handelt es sich jedoch um eine Literaturverfilmung mit beispielsweise historischem Hintergrund, dürfte sich auch die Geschichtswissenschaft für sie interessieren, wie dies bei einem Film wie „Schindlers Liste“ der Fall ist. Kommen besondere Mittel zur Gestaltung des Films zum Ausdruck, können diese in der Kunst zur Diskussion kommen.
Daher ist es schwer, die Literaturverfilmung zu fassen und im Ganzen wissenschaftlich zu betrachten, da eine Einzelperson kaum in der Lage sein wird, sich mit allen relevanten Forschungsfeldern ausreichend auseinanderzusetzen, um einem Film in all seinen Facetten gerecht zu werden. Die meisten Arbeiten setzen sich aus diesem Grund mit einzelnen Fragestellungen zu einem Film und seiner Vorlage auseinander 34 . Blickt man zurück, lassen sich in der früheren Diskussion grundlegendere Problemfelder erkennen. Dies war zum ersten die Frage, ob Literatur überhaupt verfilmbar ist. Da der historische Abriss gezeigt hat, dass die Adaption ebenso alt ist wie das bewegte Bild selbst, lautet die Antwort eindeutig: es funktioniert. Auch wenn man den Blickwinkel auf eine wissenschaftliche Ausrichtung lenkt, erkennt man, dass der Film zwar nicht in der Lage sein kann, die Vorlage wortgetreu nachzuahmen, da er die Mittel dazu nicht besitzt, aber er kann durchaus das Äquivalent sein, indem er mit den ihm eigenen Methoden, eine gelungene Übersetzung schafft. Damit gelangt man jedoch zu einer weiteren Frage, namentlich der, der bereits angesprochenen Werktreue, die fragt, wie weit sich die Adaption von der Vorlage entfernen
33 Sölkner, Martina: Über die Literaturverfilmung und ihren „künsterischen Wert“, In: Neuhaus, Stefan
(Hrsg.): Literatur im Film, Beispiele einer Medienbeziehung. Würzburg 2008, S. 55.
34 Siehe dazu beispielweise: Pietsch, Volker: Persönlichkeitsspaltung in Literatur und Film. Zur Konstruktion
dissoziierter Identitäten in den Werken E. T. A. Hoffmanns und David Lynchs. Frankfurt 2008.
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kann. Eine gelungene Antwort, welche die Erklärung von oben aufgreift und überspitzt beantwortet, gibt Brigitte Jeremias: „Die Frage, wie weit sich Film von Literatur entfernen kann, ist leicht zu beantworten: so weit er will. Filme, die sich ängstlich an die Buchvorlage klammern, sind meist langweilig. Im deutschen Fernsehen kann man sich davon allwöchentlich überzeugen, wenn da wieder einer so brav an einem Roman oder einer Novelle entlangfilmt. Schlafmittel!“ 35
Sie formuliert damit auch ein weiteres Kriterium, welches vor allem die Zuschauer häufig nach dem Konsum einer Adaption heranziehen: die Aussage über die Qualität einer Literaturverfilmung. Da häufig zuerst die Vorlage gelesen wurde, neigt der Zuschauer dazu, den Film als „gut“ oder „schlecht“ dem Buch gegenüber zu stellen. Die gleiche Fragestellung galt auch in der Forschung, die einen Film als gelungen oder nicht gelungen ansah, indem sie sie anhand ihrer vorgefertigten Werktreue-Kriterien mit der literarischen Vorlage verglich. Dass dabei falsche Maßstäbe angewendet werden, hat die neuere Forschung schon seit geraumer Zeit erkannt, und vergleicht ausgesuchte Motive nun eher nach ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Buch und Film, als den Film nur anhand seiner Vorlage zu beurteilen und damit seine eigene Ausdrucksform zu vernachlässigen.
Eine letzte, ebenfalls grundlegende Kontroverse betrifft den Terminus Literaturverfilmung, die bereits einleitend zu diesem Kapitel erläutert wurde. Voraussetzungen für weiterführende Ansätze zum Thema Literaturverfilmungen sind mit diesen Fragestellungen geschaffen.
Diese neuen Fragestellungen beziehen sich, wie bereits genannt, vor allem auf konkrete Vergleichspunkte und fragen beispielsweise nach der Erzählstruktur von Literatur und Film, wie Irmela Schneider 36 , die sich auf Hamburger und Metz stützt, indem sie das Erzählen als Vergleichsgrundlage ansieht. Ähnlich geschieht dies auch in der neuesten Wissenschaft bei Leubner und Saupe 37 , die literarisches Erzählen unter anderem neben filmisches Erzählen stellen und auf dieser Grundlage zudem eine didaktische Perspektive aufstellen. Eben die Didaktik ist es auch, die vor allem an der Literaturverfilmung, aufgrund der Nähe von Film und Literatur mehr als an anderen Filmgattungen, Interesse hat. Der Forschungsstand soll dazu weiter unten extra betrachtet werden.
35 Jeremias, Brigitte: Wie weit kann sich der Film von der Literatur entfernen? In: Bauschinger, Sigrid
(Hrsg.): Film und Literatur. Literarische Texte und der neue deutsche Film. Bern 1984, S. 9.
36 Vgl.: Schneider 1981.
37 Vgl.: Leubner, Martin; Saupe, Anja: Erzählungen in Literatur und Medien und ihre Didaktik.
Baltmannsweiler 2006.
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Als Fazit lässt sich feststellen, dass die Wissenschaft seit vielen Jahren wichtige Ansätze verfolgt und bereits zu genannten Ergebnissen kommen konnte. Trotzdem werden immer neue Fragen gestellt und diskutiert und somit ist zu hoffen, dass in der Zukunft weitere interessante Ansätze zum Thema Film im Allgemeinen und Literaturverfilmungen im Besonderen erörtert werden. Denn auch wenn neue Medien wie das Internet neue Forschungsfelder öffnen, so ist die Eruierung des Feldes Literaturverfilmung noch nicht abgeschlossen.
1.2.3. Film und Buch - ungleiche Partner
Auch hier beginnt die Kontroverse zwischen Buch und Film bereits zu der Zeit, als die bewegten Bilder noch in ihren Kinderschuhen steckten. Wie der historische Abriss gezeigt hat, fanden die ersten Vorführungen vor allem auf Jahrmärkten statt und erreichten damit ein Publikum der niederen Bildungsschicht, was ihnen die Missgunst gebildeter Bürger einbrachte. Schon damals galt, was sich lange Zeit nicht erheblich ändern konnte und in geringerem Ausmaß bis heute gilt: Die Literatur ist dem Film erhaben. Nicht nur, dass es das ältere beider Medien ist und somit einen ersten Anspruch des Überlegenen rechtfertigte, der Film wurde zudem als reines Industrieprodukt, was einzig der Unterhaltung der Masse dient, gewertet. Der Film barg somit Gefahren für die Gesellschaft, im Gegensatz zu den traditionellen Künsten, die Moral vermittelten und die eigenes Denken anregten. Dem aktiven Lesegenuss stand somit der passive Filmkonsum gegenüber, der das Buch als „reine“ vom Film als „kommerzielle Kunst“ abgrenzte. 38 Auch wenn, besonders in der ehemaligen Sowjetunion, viele Literaturverfilmungen produziert wurden und dort auch bereits früh Ansätze zu einer Gleichstellung der Medien aufkamen, dauert es bis 1952, als André Bazin einen Versuch wagte, die Literaturverfilmung als eigene Gattung wahrzunehmen, indem er „für ein unreines Kino“ 39 warb. Trotzdem blieb auch er weiterhin der Werktreue verhaftet, die ein Schlagwort für das Verhältnis von Literatur und Kunst ist und bereits mehrfach erwähnt wurde. Gemeint ist damit ursprünglich die unbedingt geforderte Nähe des Filmes zu seiner literarischen Vorlage, um diese nicht zu verraten. Demnach soll der Film keine Grenzen überschreiten und eine eigene Interpretationsleistung liefern, sondern die „richtige“ Deutung des
38 Schwab 2006: S. 38.
39 Bazin, André: Für ein „unreines“ Kino - Plädoyer für die Adaption, In: Ders. (Hrsg.): Was ist Kino?
Bausteine zur Theorie des Films. Köln 1975, S. 45-67.
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Arbeit zitieren:
Viktoria Dießner, 2010, Literaturverfilmungen im Deutschunterricht am Beispiel von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und der gleichnamigen filmischen Adaption von Nikolaus Leytner (2008), München, GRIN Verlag GmbH
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