und Alfred Ill, „dem verschmierten Krämer“, der in seiner Jugend die Zachanassian
schwanger sitzen gelassen hat. „Ein alter Sünder“ [S.56/11f] oder doch der tragische Held,
der am Ende ein sittliches Bewusstsein entwickelt und seinen Mitbewohnern mit Würde
entgegentritt? „Ihr müsst nun meine Richter sein. Ich unterwerfe mich eurem Urteil, wie es
nun auch ausfalle. Für mich ist es Gerechtigkeit, was es für euch ist, weiß ich nicht“
[S.109/4-7ff].
Überraschend ist jedoch, dass Dürrenmatt die „geldgierigen Lügner der Stadt Güllen“, wie
man sich als Leser denkt, als Helden auftreten lässt: Der Bürgermeister, der Polizist, der
Lehrer, der Pfarrer- kurz: die wichtigen Charaktere, die die Gemeinde bilden- sind „nicht
böse, nur schwach wie alle“. Stehen sie alle zuerst auf Ills Seite, so finden sie langsam
einen Weg, mit ausgefeilter Sprachtechnik, die Situation so zu drehen, dass sie keine andere
Wahl haben, als ihn zu töten: „BÜRGERMEISTER: Es wäre doch nun eigentlich Ihre
Pflicht, mit Ihrem Leben Schluss zu machen, als Ehrenmann die Konsequenzen zu ziehen,
finden Sie nicht? Schon aus Gemeinschaftsgefühl, aus Liebe zur Vaterstadt. Sie sehen ja
unsere bittere Not, das Elend, die hungrigen Kinder…“ [S.108/16-21ff] Aber es ist nicht
nur der Bürgermeister, sondern auch der Pfarrer, der der Versuchung eine Milliarde
geschenkt zu bekommen nicht widerstehen kann: „ILL: Auch Sie, Pfarrer! […] PFARRER:
Flieh! Wir sind schwach, Christen und Heiden. Flieh, die Glocke dröhnt in Güllen, die
Glocke des Verrats.“ [S.76/1-3ff] Obwohl Dürrenmatt jegliche politische oder religiöse
Fixierung ablehnt, hat er doch die Kirche, die doch das „Zentrum der Moral“ bildet, in ein
gänzlich schlechtes Licht gestellt, während der Lehrer, der den Humanismus verkörpert, am
längsten gegen die überhand nehmende Korruption kämpft. „LEHRER: Lassen Sie den
unheilvollen Gedanken der Rache fallen, Frau Zachanassian, treiben Sie uns nicht zum
Äußersten, helfen Sie armen, schwachen, aber rechtschaffenen Leuten, ein etwas
würdigeres Leben zu führen, ringen Sie sich zur reinen Menschlichkeit durch!“ [S.90-91/26-30ff] Am Ende ist es aber genau dieser überzeugte Humanist, der die pompöse Rede
hält, in der er den zukünftigen Tod Ills rechtfertigt: „Es geht nicht um Geld- es geht nicht
um Wohlstand, […], es geht darum, ob wir Gerechtigkeit verwirklichen wollen, und nicht
nur sie, sondern auch all die Ideale...“ [S.121/18-22f]
Diese interessante Entwicklung der Güllener, die das Stück selbst so einmalig macht, äußert
sich vor allem im zweiten Akt, wo sich die Dialoge von belanglosem Ladengeschwätz zu
einer hochdramatischen Szene steigern: „DER ZWEITE: Du bist schließlich die beliebteste
Persönlichkeit. DER ERSTE: Die wichtigste. DER ZWEITE: Wirst im Frühling zum
Bürgermeister gewählt. DER ERSTE: Todsicher. DIE FRAUEN: Todsicher, Herr Ill,
todsicher.“ [S.57/3-9ff] An diesem Beispiel sieht man auch gleich gut, dass Dürrenmatt es
liebt mit zweideutigen Anspielungen zu arbeiten und oft Wiederholungen in die Dialoge
einbaut. Warum? Es scheint, dass er damit eine gesellschaftliche Harmonie wiedergeben
will; sagt ein Bürger etwas, so löst er eine Kettenreaktion aus. Es ist also nicht
verwunderlich, dass dieses Verhalten dem Plan der alten Dame sehr entgegen kommt, da
sich das Problem der Pro- und- Contra Diskussion erst gar nicht stellen wird.
Genauso wie es für den Leser kein Problem darstellt, sich die Szenen gut vorzustellen!
Bevor ein Akt beginnt, beschreibt Dürrenmatt die Kulissen, die manchmal mit sehr großem
technischem Aufwand verbunden sind (mehrere Böden, Seitenbühnen, etc.). Trotzdem
kann man z.B. folgende Anmerkung „Drückten die immer besseren Kleider den
anwachsenden Wohlstand aus, diskret, unaufdringlich, doch immer weniger zu übersehen,
wurde der Bühnenraum stets appetitlicher…“ [S.131/15-18f] nicht als Regieanweisung
bezeichnen, sondern eher als ein Mittel des Erzählens.
Ein Mittel, wie es beispielsweise der Humor ist, der in jedem Werk Dürrenmatts eine große
Rolle spielt, sei es nun in seinen Detektivgeschichten („Der Richter und sein Henker“, „Der
Verdacht“, …), in seinen 23 Dramen („Die Physiker“, „Der Blinde“,…) oder in seinen
Kurzgeschichten („Die Panne“, „Der Tunnel“, …).
Der Schriftsteller, Dramatiker und Maler Friedrich Dürrenmatt scheint in seinem ganzen
Leben (1921-1990) immer nach seinem Leitspruch „Die Komödie ist die einzig mögliche
dramatische Form, heute das Tragische auszusagen“ gegangen zu sein. Als Sohn eines
Pfarrers blieb er seit seiner Jugend zwar ein Einzelgänger, verlor aber doch nicht seinen
Humor, den er bereits während des Studiums der Literatur, Philosophie und der
Naturwissenschaften in seinen ersten Erzählungen wie „Weihnacht“ und „Der
Folterknecht“ anwandte. Diese Tatsache und sein Job als Grafiker und Zeichner konnten
jedoch nicht verhindern, dass die finanzielle Situation Dürrenmatts und seiner Familie im
Jahre 1956 brenzlig wurde. Da kam dem Dramatiker bei einem Aufenthalt in der Berner
Gemeinde Ins eine Idee- eine Idee, die in Form der Tragikomödie Der Besuch der alten
Dame seinen Welterfolg besiegeln würde. Daraufhin folgten andere Werke und mehrere
Preise, bis Dürrenmatt am 14. Dezember. 1990 an einem Herzinfarkt starb.
Und „mit Friedrich Dürrenmatt (†1990) und Max Frisch (†1991), starb die Schweizer
Literatur“ (Schweizer Wochenzeitschrift)- eine Epoche, die unweigerlich mit dem
„Mythos“ Schweiz und dem rapiden Wirtschaftsaufschwung nach dem 2. Weltkrieg
zusammenhängt. Es sind ja vor allem die Schweizer, die den neuen Wohlstand genießen
und denen Werte wie Moral, Familie und Religion nichts mehr bedeuten. Frisch und
Dürrenmatt sind die Ersten, die sich mit diesem Problem in der Literatur auseinander zu
setzen beginnen. Wie sieht unsere heutige Gesellschaft aus? Welche Auswege und
Lösungen gibt es? Das sind auch die Fragen, die sich Dürrenmatt in Der Besuch der alten
Dame stellt:
Er präsentiert in diesem Theaterstück eine ziemlich unwahrscheinliche Situation, die, laut
seiner Anmerkung „Zeit: Gegenwart“ und aufgrund der mangelnden Währung
(„ZACHANASSIAN: Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür Gerechtigkeit“
[S.45/9-11f]), auf jede Zeit übertragbar ist. Es ist wie in Frischs Prosatext „Andorra“ eine
Darstellung einer übertriebenen Situation- eine Verzerrung, die doch im Kern der Realität
entspricht. Genau um diesen Kern geht es, wenn man, als Leser, Werke von Frisch oder
Dürrenmatt interpretieren will. Oberflächliche Beobachter schreien auf, wenn sie denken,
sie hätten diese tiefgründigen Werke verstanden und reden davon das System, die
Gesellschaft, Recht und Gerechtigkeit zu hinterfragen. Andere sind vor allem vom
Benehmen der alten Dame beeindruckt oder, besser gesagt, von ihrer Macht und legen
jedem ahnungslosen Zuhörer die banale Wahrheit „Mit Geld lässt sich alles kaufen!“ auf
den Tisch. Dürrenmatt war nicht der erste, der gewusst hat, dass der Mensch eine käufliche
Ware ist!
Stellt sich die Frage: Was versucht uns Dürrenmatt mit diesem Stück zu sagen? Der Autor
zeigt uns eigentlich ein doppeltes Bild der Schweiz- das, was die Realität ist, und das, was
seiner Meinung nach sein sollte. Er stellt in dieser Geschichte hochgeschätzte Werte der
Schweizer, wie Ehrlichkeit, Voraussicht, Skepsis, Geschäftssinn und Sparsamkeit in Frage
und verdeutlicht uns auf schauerliche Art und Weise, dass Gerechtigkeit korrupt ist:
„ZACHANASSIAN: Die Menschlichkeit, meine Herren, ist für die Börse der Millionäre
geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung. Die Welt machte
mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. […] Anständig ist nur, wer zahlt,
und ich zahle.“ [S.91/3-9ff] Was ist also Gerechtigkeit? Schaut man im Wörterbuch nach,
findet man „lat. Justitia, erhöhte Norm des menschlichen Zusammenlebens, die „jedem das
Seine“ zukommen lässt“, Harmonie in der Menschenwelt, Grundlage der
Gemeinschaftsordnung“ (Quelle: Bertelsmann Lexikon). Überaus schöne Worte, aber, wie
es scheint, ist die ursprüngliche Bedeutung aus dem menschlichen Bewusstsein gewichenes ist nur noch eine Illusion. Ist es gerecht, wenn heute unschuldige Menschen gegen ihren
Willen gefangen gehalten werden oder wenn die ganz Reichen das heutige politische und
wirtschaftliche Geschehen bestimmen, mit den Politikern wie mit Marionetten umgehen?
Mit welchem Recht kommt Claire Zachanassian dazu, überhaupt eine Gerechtigkeit
einzufordern? Wenn man bedenkt, dass ohne Alfred Ill ihr Schicksal komplett anders
verlaufen wäre („ILL: Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist, eine Frau von Welt, und
mich zu dem, was ich bin, ein verschmierter windiger Krämer.“ [S.102/26-28f]), stellt man
sich die Frage, ob Ills Schicksal nicht Gerechtigkeit genug ist. Warum verdient er unter den
vielen Sündern in dieser „Gülle“ den Tod? „LEHRER: Noch weiß ich, dass auch zu uns
einmal eine alte Dame kommen wird, und dass mit uns geschehen wird, was nun mit Ihnen
geschieht, Ill.“ [S.103/18-21f]
Der Leser kann sich jedoch nicht auf die Seite von Ill schlagen und meinen, dass er nicht so
gehandelt hätte, wie Dürrenmatt mehrmals betonte: Alle Menschen sind schwach, „die
Versuchung ist zu groß, die Armut zu bitter“. Diese Tatsache wird vor allem am Ende des
Stücks verdeutlicht, wo der Chor, gleich einem antiken Theaterstück, von der bitteren
Armut und der Wohltäterin Claire Zachanassian erzählt.
Diese letzte Szene wirkt sicher dramatischer in den zahlreichen Aufführungen,
Verfilmungen und der Oper von Gottfried von Einem, zu der Dürrenmatt selbst das Libretto
schrieb, als auf dem Papier: Haltet der Zuschauer bis zu Ills scheinbaren „Tod aus Freude“
die Güllener für geldgierige korrupte Betrüger, die sich hinter der Maske der Ehrlichkeit
verbergen, so macht ihm der Chor am Schluss klar, dass sich die Güllener nicht von unserer
heutigen Gesellschaft unterscheiden.
Und schlussendlich wird mir, als Leser, klar, dass ich mir über dieses Buch keine Meinung
bilden kann: Ich habe dieses Buch schon mehrmals gelesen und mir hat die Handlung
eigentlich immer gefallen. Viele Passagen erheiterten mich, erschreckten mich- kurzum:
Die Wirkung einer Groteske, eine Mischung aus Komischem und Schrecklichem. Es ist
völlig richtig, wenn Dürrenmatt zu diesem Werk meint: „Die Alte Dame ist ein böses Stück,
doch gerade deshalb darf es nicht böse, sondern muss aufs humanste wiedergegeben
werden, mit Trauer, mit Zorn, doch auch mit Humor, denn nichts schadet dieser Komödie,
die tragisch endet, mehr als tierischer Ernst.“
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Bsc Natalie Romanov, 2011, Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie - Ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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