kommt der Schluss schnell und ruckartig und kaum ist man sich bewusst, dass der Held tot ist, schon ist das Buch zu Ende. Ein recht eigenartiger Aufbau, der aber doch Zusammenhänge mit dem eigentlichen Leben aufweist: Zweifeln wir nicht auch bevor wir etwas tun? Befindet sich jeder Mensch sofort in der Lage einen verhassten Menschen zu töten? Die Antwort auf diese Frage gibt Shakespeare mithilfe der Hauptfigur Hamlet: Als der Geist seines Vaters ihn besucht, so ist er sehr spontan mit seiner Antwort „Eil, ihn zu melden: daß ich auf Schwingen, rasch wie Andacht und des Liebenden Gedanken, zur Rache stürmen mag“ [S.25-26/1-2ff], was sich allerdings im Dritten Aufzug bereits ändert. Von allen Seiten eingekreist und nicht sicher, ob er überhaupt „Grund und Willen und Kraft und Mittel“ [S.87/17-18f] hat einen Mord zu begehen, verfällt er, wie alle gebildeten Intellektuellen, in eine philosophische Meditation, die er einsam vor dem Publikum mit dem Satz „Sein oder Nichtsein“ [S.54/39f] beginnt. In diesem Monolog wird Hamlets Charakter sehr deutlich: Er leidet nicht an Melancholie, womit er heutzutage häufig in Verbindung gebracht wird, und ist auch kein Wahnsinniger, denn seine Überlegungen und Erkenntnisse sind rein humanistischer Natur. Er sieht, dass die „Zeit aus den Fugen ist“ [S.30/21f] und erkennt sogar, am Rande des Selbstmordes, dass Verrat und Verbrechen keine zufälligen Einzelerscheinungen sind, sondern das gesamte Hofleben in Helsingör prägen. „Des Mächt’gen Druck, des Stolzen Misshandlungen, verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub“ [S.55/15-16f]- bei solchen Erkenntnissen könnte einem das „unentdeckte Land“ [S.55/23f], sprich der Tod, wirklich sympathisch erscheinen. Und erst recht einem Menschen wie Hamlet! Nicht nur, dass es ihm an Entschlossenheit und Tatkraft fehlt, was er im Dritten Aufzug mit den Worten „Jetzt könnt’ ich’s tun, bequem; er ist im Beten, jetzt will ich’s tun- und so geht er gen Himmel, und so bin ich gerächt?“ [S.72-73/1-2f] unter Beweis stellt; er ist den mörderischen Intrigen seines Onkels Claudius weitaus unterlegen.
Denn letzterer, den man sich, im Gegensatz zur schmächtigen und blassen Gestalt Hamlets, als einen sehr üppigen Intriganten vorstellen kann, scheut sich nicht davor seinem eigenen Bruder Gift in die Ohren zu gießen, um König von Dänemark zu
werden. Und, bei dem geringsten Verdacht Hamlet könne irgendwas wissen, reagiert er wie ein Politiker, der darauf aus ist seine Position beizubehalten „Ich mag ihn nicht, auch steht’s um uns nicht sicher, wenn frei sein Wahnsinn schwärmt“ [S.70/36-37f] Er weiß sehr wohl, dass das, was er getan hat von Gott nicht gebilligt werden kann, ist aber gleichzeitig Shakespeares Darstellung des bösen Menschen, der nach Macht strebt und der die Welt als eine Landschaft „verderbter Ströme“ sieht, wo „eine vergold’te Hand der Missetat das Recht wegstoßen“ und „das Gesetz mit einem schnöden Preis erkaufen kann“ [S.72/24-27f] Wohlgemerkt, Hamlet würde diese Aussage nur bestätigen, würde aber darin versagen diese „verderbten Ströme“ zu nutzen und von ihnen, wie Claudius, zu profitieren. „KÖNIG: Mir bleibt ja stets noch alles, was mich zum Mord getrieben: meine Krone, mein eigner Ehrgeiz, meine Königin.“ [S.72/20-22f] Die Königin Gertrude, die ihm, nach allen Traditionen der damaligen Zeit, gehorcht und gemeinsam mit Ophelia die Aufgabe eines Katalysators im Stück übernimmt.
Man denke nur an den Dritten Aufzug, wo Hamlet den Leser zum ersten Mal verunsichert und seine „wahnsinnige“ Seite zeigt: „HAMLET: Seht Ihr dort nichts? KÖNIGIN: Gar nichts; doch ich sehe alles, was dort ist. […] HAMLET: Ha, seht nur hin! Seht, wie es weg sich stiehlt! Mein Vater in leibhaftiger Gestalt. Seht, wie er eben zu der Tür hinausgeht! KÖNIGIN: Dies ist bloß Eures Hirnes Ausgeburt. In dieser wesenlosen Schöpfung ist Verzückung sehr geübt.“ [S. 77-78/1-3ff] Die Szene verunsichert das Publikum: Es fragt sich, ob Hamlet wirklich noch ein ernst zunehmender Mensch ist oder nur noch das schreckliche wahnsinnerfüllte Resultat seiner Trauer.
Durch ihr Handeln gelingt es der schönen „reizende Ophelia“ [S.55/31f] den bereits verwirrten Leser noch mehr zu vernebeln: Anfangs die große Liebe Hamlets darstellend- mit allen Tugenden und der blanken Unschuld- wird sie von Hamlet mit den Worten „In ein Kloster! Geh! Und das schleunig!“ [S.57/9-12ff] abserviert und am Ende sogar von ihm zum Selbstmord getrieben. Letztere Tatsache macht Hamlets Aussage „Ich liebt’ Ophelien; vierzigtausend Brüder mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten nicht meine Summ’ erreicht.“ [S.110/13-15ff] völlig
irrelevant. Denn hätte Hamlet diese Frau wirklich geliebt, dann hätte er versucht, sie aus dem Spiel zu halten anstatt sie kalt und ohne Anstand zu verlassen. Ein Benehmen, das dem Analytiker eigentlich missfallen sollte, was auf die zahlreichen Dialoge, die das gesamte Stück prägen und nur selten von Beschreibungen wie „Er tötet Polonius mit einem Stoß durch den Vorhang“ [S.74/29f] unterbrochen werden, zurückzuführen ist.
Shakespeare war nicht nur ein Meister der ausgefeilten Sprachkunst („ROSENKRANZ: Was habt Ihr mit dem Leichnam des Polonius gemacht? HAMLET: Ihm mit dem Staub gepaart, dem er verwandt.“ [S.82-83/39ff]), sondern besaß noch dazu „die Kunst Symbole zu gebrauchen, wo die Natur nicht kann dargestellt werden“, wie Schiller meinte. Denn der aufmerksame Leser wird feststellen, dass sehr viele sprachliche Bilder verwendet werden; von Metaphern, wie es beispielsweise der „Ruhstand“ [S.55/19f] (Tod) und die „Schlange“ [S.26/8f] (Verräter) sind, bis zu den vielen verschiedenen Allegorien, die von den Zuschauern der elisabethanischen als auch der heutigen Zeit nicht so leicht erkennbar sind: So muss man sich einige Phrasen Hamlets noch einmal durch den Kopf gehen lassen, um am Schluss festzustellen, dass Shakespeare in Hamlet den Virtus, die Tugend sieht, die, laut Aristoteles, „den sittlich vollkommen Zustand als Grundlage oder als Ziel menschlichen Handels“ darstellt. „Nun tränk’ ich wohl heiß Blut und täte Dinge, die der bittre Tag mit Schaudern säh’“ [S.70/19-21f], „Schmach und Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten kam!“ [S.30/20-21f]- das sind Aussagen, die den Leser davon überzeugen, dass Hamlet nicht handeln will, sondern jedes unsittliche Benehmen von sich stößt und die Welt von seinem fixen Standpunkt, der Tugend, aus erblickt. Ein ganz gutes Beispiel stellt der Dialog zwischen der Königin und ihrem Sohn dar, wo die „Tugend“ die Königin ihres Benehmens wegen mit harten Worten verurteilt: „KÖNIGIN: O Hamlet, sprich nicht mehr! Du kehrst die Augen recht ins Innre mir, da seh ich Flecken, tief und schwarz gefärbt, die nicht von Farbe lassen. HAMLET: Nein, zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in Fäulnis […] KÖNIGIN: O sprich nicht mehr!“ [S.76/22-30ff] Es wird Hamlet bewusst, dass er, aufgrund dieser Einstellung, leicht den Wahnsinnigen
Arbeit zitieren:
Bsc Natalie Romanov, 2008, William Shakespeare: Hamlet. Prinz von Dänemark. Eine Tragödie: Eine Rezension, München, GRIN Verlag GmbH
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