I. Einleitung. 3
II. Vorgeschichte: das schwere Erbe Bonifaz’ VIII. 5
Konflikt mit den Colonna. 6
II.1
Chaotische Verhältnisse auf italienischem Boden. 7
II.2
Ungleicher Machtkampf zwischen Kurie und Frankreich. 8
II.3
III. Der Weg nach Avignon unter Clemens V. 11
III.1 Konklave und Krönungsfest als Wegweiser nach Avignon. 12
III.2 Unvorstellbarer Druck Frankreichs. 14
III.3 Die Rede von Poitiers. 17
III.4 Erfolglose Bemühungen um ein mächtiges deutsches Kaisertum 18
III.5 Warum Clemens Kurs auf Avignon nahm. 21
IV. Schluss. 22
V. Karte. 23
VI. Bibliographie. 24
2
I. Einleitung 1
In den Jahren von 1309 bis 1376, also fast 70 Jahre lang, kehrte die päpstliche Kurie ihrem traditionellen Aufenthaltsort in Rom den Rücken und residierte in der kleinen, heute südfranzösischen Stadt Avignon. Der gotische Papstpalast entstand in seiner endgültigen Größe und Pracht in den 30er und 40er Jahren des 14. Jahrhunderts unter den Pontifikaten Benedikts XII. und Clemens VI. und ist heute Sehenswürdigkeit und Kulturerbe der Stadt.
In wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht war es sicherlich ein Segen für die Kleinstadt, dass sie Anfang des 14. Jahrhunderts allmählich in das Zentrum religiösen Lebens rückte, früher wie heute war die bloße Anwesenheit des Papstes ein Garant für den Ansturm der Massen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass zur Zeit Phillips des Schönen von Frankreich neben der religiösen Komponente auch die politische eine außerordentlich wichtige Rolle für diesen Zustrom spielte: Die Korrespondenz mit dem Papst war zu dieser Zeit umständlich, langwierig und unzuverlässig. Nur wer ständig vor Ort war, hatte optimale Chancen, seine Interessen gegenüber der Kurie zu verfolgen. Ob für die päpstliche Kurie der Gang nach Avignon gleichermaßen ein Glücksgriff war, muss an dieser Stelle bezweifelt werden. In der Tat hinterließ Bonifaz VIII. nach seinem Tod am 11. Oktober 1303 Gegensätze zwischen der päpstlichen Kurie und dem französischen König, die äußerst gespannt waren. Der ständige Konflikt mit Philipp dem Schönen verringerte die päpstliche Machtstellung immens und hinterließ eine ungewisse Perspektive für den apostolischen Stuhl. Schon elf Tage nach Bonifaz’ Tod wurde der Kardinal Nikolaus Boccasini, Benedikt XI., zum Papst gewählt, er starb aber bereits 1304. Zumindest gelang es ihm in dieser kurzen Zeit, Philipp den Schönen vom Bann zu lösen und die Beziehungen der Kurie zu Frankreich weitgehend zu
1 Vitae Paparum Avenionensium 1, S. Baluze / G. Mollat (Edd.), Seite 15.
3
neutralisieren. In einem zehnmonatigen Konklave gelang es schließlich, den Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Got, für das hohe Amt zu gewinnen. Der neue Papst nannte sich Clemens V. Obwohl ein Verwandter von ihm seine erzbischöfliche Erhebung Bonifaz verdankte, unterhielt Clemens gleichzeitig gute Beziehungen zum französischen König. Nicht wenig staunten bestimmt seine Wähler, als er sie, anstatt nach Italien zu kommen, zu seiner Krönung nach Lyon einlud: Unter seinem Pontifikat fand jene Annäherung an Frankreich statt, die letztlich zum „avignonischen Exil“ des Papsttums führte. Viele Geschichtswissenschaftler und Theologen machen dafür die persönliche Schwäche Clemens V. verantwortlich. So schreibt beispielsweise Franz Xaver Seppelt in seiner Papstgeschichte: „Es ist verständlich, dass Klemens V., von Natur ein schwacher, nachgiebiger Charakter [...], in drückende, unwürdige Abhängigkeit von dem skrupellosen, rücksichtslosen französischen König geriet. Durch diese seine haltlose Schwäche und Nachgiebigkeit ist Klemens V. der schlimme Ruhm zuteil geworden, eine unerfreuliche Periode in der Geschichte des Papsttums einzuleiten, [...].“ 2 Diese Erklärung liegt freilich nahe: Sie ist einfach, einleuchtend und bringt auf einen sehr kleinen Nenner, was in Wirklichkeit sehr viel schwieriger zu erklären ist. Mit Sicherheit führte nicht allein der erahnte Wankelmut eines Papstes zu einem Zustand, der sieben Jahrzehnte später im großen abendländischen Schisma münden sollte. Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, warum Clemens V. nicht nach Rom zurückging, sondern die Leitung der Kirche nach Avignon verlegte. Sie soll zeigen, dass nicht die Charakterschwäche dieses Papstes allein das avignonische Exil zur Folge hatte. Aus diesem Grund darf ihr Schwerpunkt nicht nur auf der persönlichen Bilanz des besagten Papstes liegen. Clemens V. musste das schwere Erbe seines Vorgängers antreten und fand sich vielen mächtigen Interessengruppen gegenüber. Die Altlasten vergangener Päpste, insbesondere Bonifaz’ VIII., und die politischen Interessen, mit denen Clemens konfrontiert wurde sind also zu berücksichtigen bei der Bewertung eines Papstes, der zweifelsohne keine Lichtgestalt war.
Leider wird das Thema der vorliegenden Arbeit nicht erschöpfend behandelt werden. Prinzipiell ist weder der Umfang noch der zeitliche Rahmen einer Hauptseminararbeit dem Thema angemessen. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, die wesentlichen Ursachen für das „Babylonische Exil“ aufzuzeigen - dass manche Themen dabei ausgeblendet werden müssen, versteht sich von selbst.
2 Franz Xaver Seppelt / Klemens Löffler, Papstgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Seite 206.
4
II. Vorgeschichte: das schwere Erbe Bonifaz’ VIII.
Um der Fragestellung dieser Arbeit auf den Grund gehen zu können, muss der Pontifikat Bonifaz’ VIII berücksichtigt werden.
Bonifaz’ Vorgänger, Cölestin V., legte nach fünfmonatigem Pontifikat sein Amt nieder und stellte damit eindrucksvoll unter Beweis, dass bloße Frömmigkeit und Bescheidenheit bei weitem nicht ausreichten, um den Anforderungen gerecht zu werden, mit denen das Oberhaupt der Kirche konfrontiert wurde. Die romantische Vorstellung der Traditionsbewussten wurde schnell von der Realität eingeholt. Ein erfolgreicher Papst musste eine machtbewusste Person sein, welterfahren, juristisch gebildet, geschickt im Umgang mit Geld und gewandt auf dem diplomatischen Parkett des 14. Jahrhunderts. Mit edler Gesinnung allein und ohne entsprechendes Durchsetzungsvermögen konnten die Interessen des Papsttums niemals die Oberhand bekommen. Am 24. Dezember 1294 wurde nach kurzem Konklave der Kardinal Benedikt Gaetani zum Papst gewählt. Seppelt beschreibt ihn als eine „weit hervorragende Persönlichkeit in der langen Reihe der Päpste“, schildert aber auch unschmeichelhafte Charakterzüge des neuen Papstes: „Seine außergewöhnliche Begabung haben auch seine Gegner anerkennen müssen; schon als Kardinallegat hatte er seine hervorragende Geschäftsgewandtheit und seine glänzende Kenntnis des kanonischen Rechts bewährt;[...] Er war ein Menschenverächter, in seinen Urteilen lieblos, hart und höhnisch, eine rücksichtslose Kraftnatur, [...]. Maßlos wie sein Haß war aber auch seine Liebe zum Geld und zu seinen Verwandten.“ 3 Der neue Papst schien jedenfalls allen bereits genannten Anforderungen gerecht zu werden; wie wir später sehen werden, scheiterte er letztlich an der Ermangelung diplomatischen Geschicks und seiner Machtgier. Im Handbuch der Kirchengeschichte steht, dass Bonifaz ein bedeutender Papst gewesen sei, der zusammen mit Innozenz III. und Innozenz IV. genannt werden könne. 4 Mit kraftvoller Energie stellte sich dieser Papst in den Dienst einer durchgreifenden Kirchenreform. Allem voran stand dabei eine Lockerung der Ketten, welche die Bischöfe an den Staat fesselten: Die Schaffung eines tadellosen Episkopates und die Einflussnahme der Kirche auf das Staatsleben waren bedeutende Ziele für Bonifaz VIII. Seine strenge Herrschaft war geprägt von Besorgnis erregenden Differenzen zwischen weltlicher Macht und päpstlichem Anspruch. Während der machtbewusste Papst auf seinem universalen Anspruch beharrte und seine Herrschaftsrechte konsequent einforderte, gab der französische König eindeutig zu verstehen, dass er die reale Macht innehatte: „Utique,
3 Franz Xaver Seppelt / Klemens Löffler, Papstgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Seite 200.
4 Handbuch der Kirchengeschichte. Vom kirchlichen Mittelalter bis zum Vorabend der Reformation, Bd. 3,
Hubert Jedin (Hg.), Seite 344.
5
Domine, sed vestra [potestatem] est verbalis, nostra autem realis“ 5 Bonifaz VIII. musste kurz vor seinem Tod auf schmerzliche Art und Weise zur Kenntnis nehmen, dass er in Philipp dem Schönen von Frankreich einen überlegenen Gegner gefunden hatte. Dieser trug kurzerhand Wilhelm von Nogaret und Sciarra Colonna die Durchführung des Attentates von Agnani auf; am 8. September 1303 wurde der Papst in seinem Geburtsort, den er als Sommerresidenz erwählt hatte, gefangen genommen. Diese Demütigung mag ihm wohl stark zugesetzt haben: Am 11. Oktober 1303 starb er nach der Gefangenschaft und hinterließ seinen Nachfolgern zerworfene und unsichere Verhältnisse. Ausgerechnet der Pontifikat eines machtbesessenen Papstes hatte zur Folge, dass sich die machtpolitische Stellung der Kurie nach dessen Tod auf einem absoluten Tiefpunkt befand. Die Ansprüche, zu denen sich Bonifaz bekannte, sind durchaus mit einer gewissen päpstlichen Tradition in Einklang zu bringen, jedoch wurde dieser Papst mit einem staatlichen Selbstbewusstsein Frankreichs konfrontiert, dem er auf Dauer nicht standhalten konnte. Der Bogen war schlicht überspannt worden und das Auftreten des Papsttums ist diplomatisch untragbar und der Zeit nicht angemessen gewesen; nicht zuletzt aus diesen Ursachen heraus konnte das Papsttum einige Jahre später in derartige Abhängigkeit zu Frankreich geraten - die Grundvoraussetzungen für das Babylonische Exil wurden geschaffen im Pontifikat Bonifaz’ VIII. Aber wie konnte sich die Lage derart zuspitzen?
II.1 Konflikt mit den Colonna
Das Geschlecht der Colonna , eine reichbegüterte Familie im direkten Umfeld Roms, zeigte seit jeher gibellinische Neigungen und war es gewohnt, selbstständige Politik zu betreiben. Zwei Angehörige des Hauses, nämlich Jakob und Peter Colonna, waren im Kardinalskollegium vertreten und arbeiteten insbesondere bezüglich der sizilianischen Frage gegen Bonifaz. Darüber hinaus wurden seitens der Colonna immer wieder Stimmen laut, Bonifaz sei aufgrund der Abdankung seines Vorgängers nicht rechtmäßiger Bischof von Rom. 6 Wenn man sich die kompromisslose Herrschernatur dieses Papstes ins Gedächtnis ruft, wird sofort klar, dass zwischen diesen beiden mächtigen Parteien enormes Konfliktpotential bestanden haben muss. Als der Papst ein Grundstück erwerben wollte, an dem auch die Colonna interessiert waren, kam es zum offenen Konflikt. Stefan Colonna beraubte den Geldtransport des Papstes, um sich für dessen rücksichtsloses Verhalten zu rächen. Bonifaz forderte daraufhin die Auslieferung des Täters und des Geldes; die Colonna jedoch waren nur
5 Peter de Flotte gegenüber dem Papst, nachdem dieser an den franz. König seinen Anspruch gerichtet hat. Aus:
Chronica et annales, regnatibus henrico tertio et edwardo primo. A.D. 1301, Seite 197.
6 Handbuch der Kirchengeschichte, Seite 384.
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Arbeit zitieren:
Florian Schomanek, 2011, Das „Babylonische Exil“ - Gründe für den Gang der päpstlichen Kurie nach Avignon, München, GRIN Verlag GmbH
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