scheint, unberührt von den bewegenden historischen Ereignissen und auch von den heftigen Kunstkämpfen seiner Zeit, gestützt durch sein Lebensmotto „Confiance et Conscience“, seinen eigenen Weg gesucht und gefunden zu haben. Für die Entwicklung der Landschaftsmalerei sind Corots empfindungsreiche, wahrheitsgetreue, den Licht- und Farbwerten nachspürenden Naturstudien von bleibender Bedeutung - die Impressionisten verdanken ihm nicht wenig. In seiner Salonkritik von 1845 bemerkte Baudelaire: „A la tête de l’école moderne du paysage se place Monsieur Corot“ und betont zugleich, dass Corots Einfluss in der Landschaftsmalerei der jüngeren Generation sichtbar sei. (6) Inmitten einer Zeit folgenreicher gesellschaftlicher Umwälzungen wurde Jean Baptiste Camille Corot am 17. Juli 1796 in Paris geboren. Die Mutter besaß ein in vornehmen Kreisen geschätztes Putzmacheratelier. So wuchs der Knabe in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf, absolvierte, ziemlich ehrgeizlos, das Gymnasium in Rouen und trat schließlich, dem Wunsche der Eltern folgend, eine kaufmännische Lehre bei einem Tuchmacher an. Schon während der Schulzeit nutzte er jede frei Minute für seine eigentliche Leidenschaft, das Malen und Zeichnen, entschied sich jedoch erst im Alter von sechsundzwanzig Jahren zu einem Leben für die Kunst. Eine von den Eltern gewährte Jahresrente von eintausendfünfhundert Francs gab ihm die finanzielle Sicherheit dazu und bewahrte ihn vor einem Existenzkampf, wie er zahlreichen seiner Künstlerkollegen auferlegt war.
Sein erster Lehrer, der gleichaltrige, hochbegabte Achille Etna Michallon (1796-1822), hatte 1817 als erster den Rom-Preis der Académie des Beaux-Arts für das Landschaftsfach errungen. Nach Michallons frühem Tod setzte Corot seine Studien bei Jean-Victor Bertin fort, der gleich Michallon ein Vertreter der klassischen französischen Landschaftsschule in der Nachfolge von Nicolas Poussin war. Diese folgte bekanntlich dem Grundprinzip, ausgewählte Partien realer Landschaft, deren Darstellung ein intensives Naturstudium voraussetzte, zu einer Ideallandschaft zu komponieren, die dann den Schauplatz für mythologische oder religiöse Szenen abgeben konnte. Corot unterbrach sein Studium häufig, unternahm ausgedehnte Streifzüge in die Natur, suchte in der Umgebung von Paris und Rouen, im Wald von Fontainebleau und im lieblichen Ville d’Avray, wo die Familie ein Landhaus besaß, nach Motiven. Früh wurde seine deutliche Neigung zur Landschaftsmalerei offenbar. Über seine Studienzeit urteilte er ganz lapidar: „Zuerst war ich Schüler von Michallon. Nachdem ich ihn verloren hatte, trat ich ins Atelier von Victor Bertin ein. Dann warf ich mich ganz allein auf die Natur, und das ist alles.“ (7) Corot, von Herkunft und Denken weit mehr ein Mann der Tradition als der Neuerung, hielt es zunächst auch auf seinem Ausbildungsweg mit den tradierten Gepflogenheiten; seit Dürer war die Studienreise nach Italien mehr und mehr zum festen Bestandteil künstlerischer Ausbildung geworden. So reiste auch
2
Corot im Herbst 1825 aus Paris ab und traf im Dezember in Rom ein. (8) Dort, wo seit 1666 als Niederlassung der Académie des Beaux Arts die Académie de France à Rome als Lehrstätte und Hort der offiziellen französischen Kunst bestand, begegnete er vor allem Landschaftern der neoklassizistischen Richtung, wie Guillaume Bodinier oder Francois Edouard Bertin. Anders, als viele Berufsgenossen vor ihm, zog es Corot nicht zu den Meisterwerken antiker oder klassischer Kunst. Er fand während der drei Jahre (1825-28) seines Rom-Aufenthalts nicht einmal den Weg in die Sixtina vor Michelangelos gigantische Fresken. Er sah sie erst während seines dritten Italien-Aufenthalts 1843. Ihm bot die Landschaft alles, was er zum Malen nötig hatte: das unmittelbare Naturerlebnis mit seiner unerschöpflichen Vielfalt und Wandelbarkeit im Spiel von Licht, Luft und Farbe. In jenen Jahren in Rom schuf er das Fundament seines Lebenswerks. „So überzeugter Realist ist Corot kaum je wieder gewesen… Manches der allerersten Zeit grenzt an das Topographische“, urteilte Julius Meier-Graefe. (9) Mit nahezu vedutenhafter Detailtreue erschießt sich sein Blick auf das Forum Romanum (1826, Paris, Louvre) dem Betrachter. Diese für sein Frühwerk so charakteristische Art des genauen Aufzeichnens (in einer Tagebuchnotiz gegen Ende seines ersten Rom-Aufenthalts formulierte er sein Credo: „Il ne faut laisser d’indécision dans aucun chose…“) soll bei den klassisch geschulten und technisch versierten Stipendiaten der Académie de France spöttische Heiterkeit ausgelöst haben. (10) Im Café Greco, Roms Künstlertreff, witzelte man über seinen Fleiß. Hingegen erkannte Théodore Caruelle d’Aligny (1798-1871), ein früherer Atelierkamerad aus der Zeit bei Bertin, Corots Talent; nun wurde der Jüngere dem Älteren zum Mentor. Gemeinsam arbeiteten sie dort, wo auch die deutschen, englischen und dänischen Malerkollegen bevorzugt ihre Studien trieben, in der römischen Campagna, in Olevano, La Cervara, Subiaco, Civita Castellana. „So unzählig sind die Motive in der Umgegend Roms und verblüffend mannigfach… es war, als suchte er möglichst viele Formen in sich aufzunehmen, um daraus nachher eine Einheit zu bilden. Tatsächlich hat er aus mancher Landschaft der ersten römischen Zeit ein viertel Jahrhundert später die Szene zauberischer Feste geschaffen“ (11), zum Beispiel aus jener Parklandschaft mit Kolosseum im Hintergrund (1826, früher Galerie Doria) sein im Salon von 1851 so erfolgreiches Gemälde Morgenfrühe. Tanz der Nymphen, mit dem er einen Bildtypus schuf, der ganze Fälscherwerkstätten in Frankreich und Südrussland angesichts einer überaus regen Publikumsnachfrage florieren ließ. Auch wenn man nicht so weit gehen will, Corots Schülerzeit bei den klassisch orientierten Malern Michallon und Bertin als „verlorene Zeit“ (12) anzusehen, so bleibt doch unübersehbar, dass sich an ihm wiederholte, was Generationen von Malern unter dem hohen, lichten Himmel des Südens widerfahren war: hier fand er die ihm gemäße Art zu malen. Wie er selbst diese erste Begegnung mit Italien empfand, verdeutlicht ein Brief an den Freund Abel Osmond vom März 1826: „Du kannst dir keinen Begriff von dem Wetter machen, das wir in Rom haben… es ist immer schön. Aber dafür strahlt die Sonne auch ein Licht aus, das
3
mich zur Verzweiflung treibt. Ich fühle die ganze Ohnmacht meiner Palette… Es gibt wahrlich Tage, an denen man alles zum Teufel wünschen möchte.“ (13) Der ersten, entscheidenden Italienreise folgten zwei weitere; sie konnten nur mehr befestigen, was den Gewinn der ersten ausmachte und führten ihn zu einem fast klassisch ausgewogenen Verhältnis von Struktur und Sinnlichkeit. Allerdings widerspiegeln bereits die frühen, mit breitem, energischen Pinselduktus und durchsichtig wirkendem, sprödem Farbauftrag hingeworfenen Naturstudien - so beispielsweise Der Albaner See (1826) - wie trefflich er mit der malerischen Herausforderung des südlichem Lichts und seiner Wirkung auf die Farben fertig zu werden verstand. Diese Skizze, leicht und zugleich sicher gebaut, zeigt eines der bevorzugten Motive in Corots Landschaftsmalerei: einen dieser Ruhe atmenden Teich- oder Seewinkel, eingebettet in üppige, frühlingsfrische Vegetation. Bis ins Spätwerk hinein - denken wir an Erinnerung an Mortefontaine (1864) oder Erinnerung an Coubron (1872)begegnen wir jenem einfachen Kompositionsschema immer wieder: wenige mächtige, meist weitausladende oder auch biegsam-zarte Bäume im Vordergrund geben dem im Mittelgrund liegenden, oft dunstig verschwommenen Wasserspiegel einen feingliedrigen Rahmen. Nicht selten verschmelzen Horizontlinie und Himmel in der Tiefe des Bildraums und menschliche Figuren erscheinen nicht, wie bei den klassischen Vorbildern, als Handlungsträger mythologischer oder religiöser Szenen, sondern sie gehen gleichsam in die Landschaft ein, antworten ihrer Stimmung, betonen und verstärken sie.
Als die Kontroverse zwischen der klassizistischen und der romantischen Schule der französischen Malerei ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand Camille Corot am Beginn seines Malerlebens. Er debütierte in jenem Salon von 1827, in dem zwei exemplarische Gemälde beider Richtungen - Dominique Ingres’ Apotheose Homers, gleichsam eine Manifestation klassizistischer Maltradition, dem glutvollen, emotionsgeladenen Tod des Sardanapal von Eugène Delacroix -einander gegenüberstanden. Bekanntlich ging der Salon von 1827 als Triumph der Romantik in die Kunstgeschichte ein.
Corot bestritt sein Salondebüt mit zwei noch von Italien aus eingesandten Gemälden, sorgfältig nach klassischem Formenkanon ausgeführten Kompositionen, die ihn als treuen Bertin-Schüler ausweisen. In ihnen war von der bestechenden Frische, Unverfälschtheit und Kühnheit der Sicht seiner Naturstudien nichts mehr übrig geblieben. Hatte er in den vor der Landschaft in oft genialem Wurf gewonnenen Skizzen - „fliegende Scherzos.. prestissimo heruntergespielt“ (14) - in denen sich Formvereinfachung, sicherer Bildaufbau, Klarheit des Freilichts und lebendige Handschrift zu einer neuen Landschaftsauffassung verbanden, die Grenzen der Tradition überschritten, Romantik wie auch Klassizismus hinter sich gelassen und dem Impressionismus Wege geöffnet, so nahm er in den Kompositionen für den offiziellen Salon
4
Arbeit zitieren:
Dipl.phil. Monika Spiller, 2011, Camille Corot - Meister der Stimmungslandschaft in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Kunst - Malerei: Camille Corot - Meister der Stimmungslandschaft in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Kunst - Malerei: neuer Titel erschienen: Camille Corot - Meister der Stimmungslandschaft in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts
Monika Spiller hat einen neuen Text hochgeladen
Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland /L'Antichita ...
Karl Christ, Arnaldo Momigliano
Das 19. Jahrhundert und seine Helden
Literarische Figurationen des ...
Jesko Reiling, Carsten Rohde
Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 in Schlachtenschilderungen von ...
Band 1 bis 19 der 19-bändigen ...
Carl Bleibtreu
0 Kommentare