1. Erwartungen
Meine Erwartungen bezüglich des Schulpraxissemesters waren sehr hoch, denn galt es doch für mich während dieser Zeit hier an der Deutschen Schule Istanbul herauszufinden, ob der Lehrerberuf der Richtige für mich sei. Um ehrlich zu sein, hegte ich anfängliche Zweifel an meiner Eignung, doch je näher der Termin meines Praktikums rückte, desto größer wuchs die Spannung und Neugier auf diese neue Erfahrung. Eine Erfahrung von der ich mir erhoffte, dass sie mir nicht nur die Bestätigung meiner Studienwahl, sondern auch anderer Fähigkeiten wie z.B. Präsentieren vor einer Gruppe, Umgang mit Schülern etc. bringen sollte. Darüber hinaus erwartete ich mit Spannung meinen ersten Tag an der deutschen Schule Istanbul, die mich mit ihrer Auszeichnung „Exzellente deutsche Auslandsschule“ sowie dem Besuch Angela Merkels außerordentlich beeindruckte. Mir war bewusst, dass ich hier in Istanbul an dieser Schule etwas ganz Besonderes erleben konnte, denn nicht nur die Schule, sondern auch die historisch und kulturell reiche Stadt übte einen unvergleichlichen Reiz aus. Des Weiteren hatte ich seit Beginn meines Studiums immer mit dem Gedanken gespielt, später einmal in den Auslandsschuldienst zu gehen und somit sollte dieses Praktikum auch in dieser Hinsicht sehr hilfreich für meine weitere Laufbahn sein. 2. Erlebnisse
Auch wenn die eigene Schulzeit nicht allzu lange zurückliegt, war es für mich eine vollkommen neue Erfahrung, die bisher gekannte Schülerrolle in die des Lehrers einzutauschen. Ich sollte nun vor einer Gruppe von circa 20 Schülern stehen, diese selbst unterrichten und darüber hinaus auch noch meinen Lehrstil an unterschiedliche Klassenstufen anpassen. Aller Anfang ist schwer und so war es auch für mich nicht so einfach, den richtigen bzw. meinen eigenen Unterrichtsstil zu finden und diesen dann auch noch kindgerecht in der Unterstufe und erwachsenengerecht in der Oberstufe zu variieren. Während es in der Unterstufe vor Allem darum ging, die Schüler zum Zuhören und Mitarbeiten zu bewegen, lag der Schwerpunkt bei der Mittel- und Oberstufe vielmehr auf schneller Beurteilung der Ideen und Einwände der Schüler. Doch nicht nur den Altersunterschied der Schüler galt es zu beachten, sondern auch den kulturellen Unterschied zwischen türkischen und deutschen Klassen, der sich vor allem durch unterschiedliche Geräuschpegel bemerkbar machte.
Jedoch liegt eine ganz wichtige Aufgabe des Pädagogen darin, das Denken der Schüler anzuregen und ihre Kompetenzen zu stärken. Jede Klasse hat einen eigenen Charakter und diesem gilt es sich als Lehrer am bestmöglichen anzupassen. Dafür ist auch die Stoffauswahl ent- scheidend, wobei mir die Folgen des achtjährigen Gymnasiums hinsichtlich der Stoffauswahl
besonders aufgefallen sind. Um den straffen Zeitplan einhalten zu können, müssen den Schülern die Inhalte stark reduziert und meistens exemplarisch vermittelt werden. Dies geschieht unweigerlich zu Kosten der Schüler, die zudem unter enormem Zeitdruck stehen und deren Leben - vor allem der türkischen Schüler - von Zensuren und Noten bestimmt wird. Gründe hierfür sind sicherlich in der doppelten Belastung durch die Möglichkeit zweier Abschlüssedeutsches Abitur und des türkischen Äquivalents - sowie der nur 40 Minuten dauernden Schulstunde zu finden.
Nichtsdestotrotz gab es auch Dinge, die mich noch sehr an meine Schulzeit erinnerten. So fand ich in einem Kollegium mit 60 Lehrern 60 zum Teil völlig unterschiedliche Lehrerpersönlichkeiten vor. Dies gilt natürlich auch für die Schüler, die individuell betrachtet und angemessen behandelt werden sollten, um bei jedem einzelnen das Interesse am Fach wecken zu können. Dieses Interesse kann allerdings nur geweckt werden, wenn die Schüler erkennen, dass man als Lehrer für sein Fach „brennt“ und sich dementsprechend gut vorbereitet. Je besser die Vorbereitung und die Motivation des Lehrers, desto höher ist auch das Engagement und der Lernerfolg des Schülers. Jedoch kommt es oft auch auf die Tagesform der Schüler an und oftmals wird auch die bestgeplante Stunde nichts, da andere Faktoren wie beispielsweise die Müdigkeit der Schüler den Stundeverlauf negativ beeinflussen. Dies wurde besonders in den letzten Stunden des Schultags deutlich. Zu Beginn meines Praktikums machte ich den Fehler, eine schlechte Tagesleistung der Schüler persönlich zu nehmen, doch ist der richtige Weg Verständnis für die Schüler zeigen, die wirklich eine Menge leisten müssen. Neben dem eigenen Führen des Unterrichts bestand ein Großteil meines Schulpraktikums darin, bei Unterrichtsstunden meiner Kollegen zu hospitieren. Zu Beginn des Praktikums war dies sehr hilfreich, da ich viel beim Zuschauen lernen konnte. Es war interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich die Schüler bei verschiedenen Lehrern verhielten und welche Unterrichtsmethoden besonders gut ankamen. Paradoxerweise wurden in einer deutschen Klasse neue, schülerzentrierte Unterrichtsformen von den Schülern eher abgelehnt und klassische Unterrichtsformen bevorzugt. Dies galt jedoch nicht bei jeder Klasse und somit war es für mich faszinierend zu sehen, dass jede Klasse einzigartig ist und jeder Lehrer seine bestimmte Arbeitsweise hat. Während des Hospitierens ging ich hauptsächlich den Fragen der Lernmotivation und des Sozialverhalten der Schüler sowie der Problemlösungsfähigkeit und Schülermotivierung über 80 Minuten durch den Lehrer nach.
Während meiner Planung und Durchführung von eigenen Unterrichtsstunden wurde mir erst bewusst, wie viel Zeit dies erfordert und wie viel Dinge beachtet werden müssen. Niemals hätte ich gedacht, dass der Einsatz der Tafel und das Anfertigen eines Tafelaufschriebs so
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Frederik Unden, 2010, Schulpraktikum an der Deutschen Schule Istanbul, München, GRIN Verlag GmbH
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