Gliederung
Seite
1. Einleitung 1
2. Die Wiedergeburt der Parislyrik 2
3. Überblick über die lyrischen Werke Hugos und Entwicklung der 3
Gro ßstadtlyrik
4. Hugo und das zeitgenössische Paris - Die Stadt in der Julimonarchie 7
4.1. Voraussetzungen 7
4.2. Das Paris der Julimonarchie in der Darstellung Victor Hugos 9
4.2.1. Allgemeine Merkmale 9
4.2.2. Analyse des Gedichts Rêverie d’un passant à propos d’un roi 11
im Hinblick auf die Darstellung der Stadt
4.2.3. Zusammenfassung der Ergebnisse der Gedichtanalyse 15
5. Zusammenfassung 16
6. Anhang: Rêverie d’un passant à propos d’un roi 17
7. Literaturverzeichnis 19
1. Einleitung
„Paris ist die moderne Großstadt par excellence, wo das Ganze aller Lebenszusammenhänge, aller
Materialität und Immaterialität, aller Hoffnungen, Projekte, Ängste, Verzweiflungen, Erinnerungen
sich ins Unermessliche entzieht und wo in jedem Augenblick sich hinter dem Vertrauten das 1 Unerwartete, ganz andere, Unheimliche auftun kann.“
Victor Hugo, Autor zwischen Romantik und Moderne, erkennt erstmals dieses Potenzial der Stadt Paris und beginnt Mitte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts mit der poetischen Annäherung an das Sujet der Großstadt. Dies geschieht im Spannungsfeld vorherrschender romantischer Universalphilosophie und sich herausbildendem modernem Fortschrittsdenken und Dekadenzbewusstsein, zwischen „romantischem Kontinuitätsdenken und
diskontinuierlicher Zeitlichkeit der Moderne.“ 2 Die Bearbeitung des Themas Großstadt in seiner Stadtlyrik gerät für Hugo unter den epochalen Voraussetzungen zu einer Herausforderung. Inwiefern nimmt Hugo diese Herausforderung an? Wie nähert er sich dem Thema, unter welchen Blickwinkeln betrachtet er die Großstadt? Wie verarbeitet er die Erfahrungen der Großstadt in seiner Lyrik?
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich auf diese Fragen Antworten finden, die Großstadtlyrik Hugos unter verschiedenen Aspekten näher beleuchten und verschiedene Reflexionsansätze Hugos thematisieren. Einen Schwerpunkt lege ich dabei auf die Großstadtlyrik in der Julimonarchie (1830 - 1848) und die Einflüsse der politischen Geschehnisse auf das lyrische Schaffen Hugos.
Meinen Untersuchungen zu Grunde liegt das umfassende Werk Karlheinz Stierles, der der Stadtdarstellung Hugos ein eigenes Kapitel widmet. 3 Unter Einbezug des fragmentarischen Passagen-Werkes von Walter Benjamin 4 legt er seiner Studie die „Lesbarkeit der Stadt“ als
1 Stierle, Karlheinz: Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewusstsein der Stadt. München/Wien: Carl Hanser Verlag 1993, S. 636.
2 Ellmer, G. (2007): Stadterfahrung und Stadtdarstellung in der Lyrik Victor Hugos zwischen Romantik und Moderne. Dissertation, Universität des Saarlandes, S. 7. Zugriff am 2.10.2007 unter http://scidok.sulb.uni- saarland.de/volltexte/2007/1286/.
3 Stierle: Der Mythos von Paris, S.636ff., besonders zur Stadtvision.
4 Benjamin gilt als der erste Autor, der die Frage nach der Lesbarkeit der Stadt Paris und deren Bedingungen aufwarf. Er schließt von der Lesbarkeit des Buches der Natur auf die des Buches der Stadt: „Die Rede vom Buch der Natur weist darauf hin, daß man das Wirkliche wie einen Text lesen kann. So soll es hier mit der Wirklichkeit des neunzehnten Jahrhunderts gehalten werden. Wir schlagen das Buch des Geschehenen auf.“
Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Bd. V-1, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt: Suhrkamp 1991. S. 580
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zentrale Denkfigur der Lektüre und Interpretation von Großstadtliteratur zu Grunde. Die Stadt selbst avanciert zu einem lesbaren Text und neue Strukturen der Lesbarkeit werden
sichtbar: „Die Stadt, so ausgedehnt sie sein mag, ist nur ein begrenzter Ort, dessen gesellschaftliche Realität in der Signatur seiner Straßen, Plätze und Bauwerke zur Erscheinung kommt. […] Die große Stadt ist jener
semiotische Raum, wo keine Materialität unsemiotisiert bleibt.“ 5 Die Überlegung der Lesbarkeit bildet somit die Basis aller Reflexionsansätze, durch welche sich Hugo der Stadterfahrung nähert 6 . Besonders bei der Thematisierung der Monumentthematik in Kapitel 3 werde ich darauf zurückkommen.
Zunächst möchte ich aber eine allgemeine Einführung in das Thema der Parislyrik geben, um dann zu einem Überblick über das lyrische Schaffen Hugos im Hinblick auf das Großstadtthema zu kommen. Das Paris der Julimonarchie in der Darstellung Hugos nimmt den zweiten Teil meiner Arbeit ein; die Analyse des Gedichtes « Rêverie d’un passant à propos d’un roi » soll abschließend die wichtigsten Merkmale der Großstadtlyrik Hugos, besonders während der Julimonarchie, zusammenfassen.
2. Die Wiedergeburt der Parislyrik
Die Stadtgedichte Hugos stellen einen Wendepunkt im Parisdiskurs der französischen Literatur dar. Spielte im 18. Jahrhundert die Lyrik zwischen Theater, Romanen, philosophischen Abhandlungen und Satiren nur eine untergeordnete Rolle, so gewinnt sie im 19. Jahrhundert unter dem Aspekt der Großstadt extrem an Bedeutung: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Paris im Übergang von der Romantik zur Moderne zu einer modernen Großstadt. Sie wächst über ihre Grenzen hinaus, wird buchstäblich zu einem Labyrinth der Großstadt.
Hugo greift deshalb diese Entwicklung, ihre sowohl positiven als auch negativen Folgen und die Reaktionen darauf in der Stadtlyrik ab 1828 auf. Der lyrische Parisdiskurs erfährt somit eine grundlegende Neuerung: „Victor Hugo hat als erster in seiner lyrischen Dichtung Paris zum Ort mythischer Erfahrungen als einer Erfahrung des erhabenen gesteigert und damit der Erfahrung der Stadt eine
neue Dimension gewonnen. Seit Horaz und Juvenal war die Darstellung der großen Stadt im sich
Für eine ausführliche Darstellung der Welt [Natur] als Buch vgl. Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt a. M. 1981
5 Stierle: Der Mythos von Paris, S. 14
6 Vgl. Kapitel 3
2
herausbildenden europäischen Gattungssystem des poetischen Diskurses im wesentlichen an die Satire 7 gebunden.“
Hugo nimmt als erster Dichter die moderne Stadt als Erfahrungsraum der Möglichkeiten des Menschen ernst und macht sie somit für die Lyrik fruchtbar. Ihm gelingt es, das poetische Potenzial der modernen Großstadt und ihrer Erfahrungen zu erschließen Zum ersten Mal in der Tradition der Stadtdichtung löst sich Paris vom Bild der Kulisse und wird ein eigenständiges Sujet, welches ungeahnte Qualitäten birgt: sowohl Erhabenheit, Großartigkeit als auch Abgründigkeit und Schrecklichkeit, deren Zusammenspiel und Gegensätze sich in Hugos Gedichten widerspiegeln. 8
Hugos Schaffen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann somit als Stunde der Wiedergeburt des lyrischen Stadtdiskurses überhaupt verstanden werden 9 .
3. Überblick über die Werke und die damit verbundene Entwicklung der Großstadtlyrik
Im Verhältnis zum lyrischen Gesamtwerk Hugos nimmt das Thema der Großstadt nur einen relativ geringen Raum ein; es zieht sich jedoch durch beinahe all seine Gedichtsammlungen, begonnen bei seinem posthum unter dem Titel »Poèmes d’enfance et de jeunesse » veröffentlichten Jugendwerk. Eine Ausnahme bilden hierbei aber die dem Spätwerk zuzuordnenden Gedichtbände, welche vorwiegend auf religiösen, familiären und philosophischen Themen basieren, so zum Beispiel « L’art d’être grand-père » oder « Religions et religion » (1880). Vor allem in den auf das Jugendwerk folgenden Gedichtbänden « Odes et ballades » (1828), « Les Orientales » (1829) und « Les feuilles d’automne » (1831) rückt die Stadt ins Zentrum des literarischen Interesses. 10 Auch in den folgenden Gedichtbänden « Les chants du crépuscule » (1835), « Les voix intérieures »
7 Stierle: Der Mythos von Paris, S. 634.
8 Zum Begriff der Erhabenheit bei Victor Hugo vgl. ebd. S. 636ff., so zum Beispiel: „Die Erfahrung des Erhabenen ist eine Grenzerfahrung zwischen dem noch fasslichen und dem unfassbaren.“ S.636
„Zu Hugos privilegierten Anschauungskreisen des Erhabenen, dem Meer, dem nächtlichen Kosmos, der Geschichte, der Erinnerung, zählt auch die Große Stadt.“ S.636.
9 In der Antike ist die Stadt Gegenstand des Städtelobs, der Stadtbeschreibung und -satire (v.a. Horaz, Juvenal). Dies setzt sich bis ins Spätmittelalter fort; im 16. Jahrhundert spielen vor allem Städtelob und -preis eine große Rolle. Im 17. Jahrhundert kommt der poetische Parisdiskurs nahezu vollkommen zum Erliegen, da nun eher verschiedene Prosagattungen ins Zentrum des Interesses rücken. Diese Entwicklung hält bis zu den ersten großen Parisgedichten Hugos an.
10 Außerdem „konstruiert die romantische Lyrik [mit den beiden letzteren Gedichtbänden] neben den Liedern der Privatheit eine politische, dabei exotistisch verfremdete Sphäre der Freiheit.“ Engler, Winfried: Die französische Romantik. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003, S. 89.
3
(1837) und « Les rayons et les ombres » (1840) lassen sich einzelne Großstadtgedichte finden. Ab 1840 konzentriert sich Hugo vor allem auf politische Aktivitäten, sodass der nächste Band « Les châtiments » erst 1853 nach Louis-Napoléons Staatsstreich, jetzt aus dem Exil heraus, veröffentlicht wird. Die Stadt spielt hier jedoch eine marginale Rolle. Es folgen 1856 « Les Contemplations », die 1859, 1877 und 1883 in drei Serien veröffentlichte « Légende des siècles » und die « Chansons des rues et de bois » von 1865; diese Gedichtbände legen wieder größeres Augenmerk auf die Großstadt.
Separat zu erwähnen ist der Band « L’Année terrible » (1872), der im Zentrum des lyrischen Parisdiskurses Hugos steht. In ihm schildert Hugo nach dem Zusammenbruch des Second Empire im September 1870 und der damit verbundenen Rückkehr aus dem Exil nach Paris die Ereignisse des deutsch-französischen Krieges 1870/71 in Paris. Ein weiterer Höhepunkt in der Stadtdarstellung findet sich im 1881 veröffentlichten Gedichtband « Les quatre vents de l’esprit », eine seiner letzten Publikationen. Die Bearbeitung des Großstadtthemas und die poetische Annäherung an dieses geschehen im Schaffensverlauf Hugos unter verschiedenen Reflexionsansätzen, denen die Denkfigur der Lesbarkeit der Stadt zu Grunde liegt. 11
Im Folgenden möchte ich einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema der Stadt geben. Dabei werde ich nicht chronologisch vorgehen, da sich die Reflexionsansätze nicht in eine chronologische Linie bringen lassen; sie sind teilweise parallel, teilweise bei Gedichtbänden zu finden, deren Veröffentlichungen viele Jahre auseinander liegen.
Ein erster Ansatz ist die Thematisierung der Opposition Natur und Stadt, welche vor allem durch das Wachstum der Stadt ins Grenzenlose ausgelöst wird. Das neue Verhältnis zwischen der göttlichen Natur und dem romantischen Subjekt, konfrontiert mit den Eindrücken und Erfahrungen der immens wachsenden Stadt wirken sich negativ auf die Stadtdarstellung und schließlich auch auf die Darstellung der Figuren aus. Der dichterischen Inspiration, welche dem romantisch-philosophischen Weltbild zufolge mit dem Naturraum in Verbindung gebracht wird, steht nun die Erfahrung des Stadtraumes gegenüber. Hugo spürt: „Die verunsichernde Erfahrung der Stadt verlangt gleichsam nach poetischer Artikulation.“ 12
11 Vgl. Kapitel 1.
12 Ellmer: Stadterfahrung und Stadtdarstellung in der Lyrik Victor Hugos zwischen Romantik und Moderne, S. 23.
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Arbeit zitieren:
Elisa Schneider, 2008, Die Stadtdarstellung in der Lyrik Victor Hugos mit einem Schwerpunkt auf der Lyrik der Julimonarchie ab 1830, München, GRIN Verlag GmbH
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