1. Suzanne Prou
Suzanne Prou wurde 1920 in Grimaud (Département Var) geboren. Als Offizierstochter hat sie bereits in ihrer Kindheit und Jugend viel von der Welt gesehen, z.B. Algerien und Indochina. In Marseille hat sie ihre Schulzeit beendet, in Aix-en-Provence Literatur studiert. Nach kurzer Lehrtätigkeit und anschließender Heirat ist sie mit ihrem Mann nach Paris gezogen, wo sie heute noch [1990] im 15. Arrondissement wohnt, das sie in „La petite boutique“ beschrieben hat. Suzanne Prou ist erst relativ spät eine professionelle Schriftstellerin geworden: Mit 46 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Les Patapharis“, dem dann Jahr für Jahr weitere Werke folgten, darunter Erzählungen oder andere epische Texte, die in der Provence spielen, aber auch Szenen aus dem Provinzleben und aus den Orten ihrer erdachten oder verwirklichten Reisen. Daneben gehören Kinderbücher zu ihrem Werk, schließlich (auto-)biographische Schriften, ein ausgesprochener Kriminalroman und die Studie „Mauriac et la jeune fille“. Übersetzt liegen bisher nur vier ihrer Romane vor: „Die Terrasse der Bernardinis“ (Langen/Müller 1976); „Edmée im Spiegel“ (Nymphenburger 1978); „Die Schöne“ - gemeint ist „Le Pré aux narcisses“ - (Hoffmann und Campe 1984) und „Die Freunde des Monsieur Paul“ (Hoffmann und Campe 1986). Durch die Darstellung und Interpretation ihrer Erzählung „La Dépêche“ 1 , durch die Textedition dieses Werkes als Schulausgabe 2 und durch zwei Interviews 3 ist Suzanne Prou dem deutschen Fachpublikum bereits vorgestellt worden, so dass hier auf weitere Angaben zu Person und Werk verzichtet werden kann. 2. Themen und Formen
Suzanne Prous Werk ist vor allem durch ihre Kindheit und Jugend und durch die Orte bestimmt, an denen sie lange Zeit gelebt hat. Die Erlebnisse der Kindheit, die erste Liebe der Jugendlichen und die Erinnerungen der mittleren und ältern Generation bilden zentrale Themen ihrer Romane. Dabei dominieren als literarische Figuren das Mädchen und die Frau; sehr gerne zeigt Suzanne Prou dies auch durch die jeweils gewählte Romanperspektive. Neben den Personen spielt der genius loci in ihrem Werk eine große Rolle. Suzanne Prou hat ein sehr inniges Verhältnis zur Natur und zur Landschaft. Wenn sie auch den (Groß-)Stadtroman kennt, so bevorzugt sie es doch, das Geschehen ihrer fiktiven Welt im Dorf, auf dem Land, in der Provinz ablaufen zu lassen. Verschiedene Titel deuten dies an: „Les Demoiselles sous les
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ébéniers“; „L’Eté jaune“; „Méchamment les oiseaux“; „La Terrasse des Bernardini“; „Les Femmes de la pluie“; „Le Voyage aux Seychelles“; „Jeanne l’hiver“; „Le Cygne de Fanny“; „Le Pré aux narcisses » ; « La petite Tonkinoise ». Suzanne Prous Vorliebe für Natur und Landschaft zeigt sich in den zahlreichen Porträts ihrer Protagonisten und in ihrer Vorliebe vor allem für die Blumen ihrer Heimat, für ihre Farben und Düfte. Ausführliche Beschreibungen (der Narzissenwiese) und Schilderungen (eines Unwetters, eines Brandes und der Weinernte) wie z.B. in „Le Pré aux narcisses“ werden von sparsamen Federstrichen abgelöst, die aber gerade dadurch ein ebenso deutliches Licht auf eine Person oder ein Ereignis werfen können: Das ausführlich dargestellte Hochzeitsmahl kontrastiert mit der knappen Schilderung der standesamtlichen und der kirchlichen Trauung von Marie und Gilles; die detaillierte Beschreibung des Zimmers, das Isabelle bekommt, erhält durch die kurzen Hinweise zur Unterkunft ihres Bruders nur noch größeres Gewicht. Bei Suzanne Prou herrscht die Kunst der Symbolik und Metaphorik (besonders: die Symbolik bestimmter Blumen!), der Evokation und Allusion, der Antizipation und Retrospektive vor. Ihre besten - meist ihre kürzeren (!) - Romane und Erzählungen wie z.B. „La Dépêche“ müssen immer wieder auf dem Hintergrund des Ausgesparten, des Ungesagten interpretiert werden. Dabei zeigt sich, dass Suzanne Prou „ewige Fragen“ - wie sie in einem Interview sagt - stellt, nämlich nach Liebe und Hass, nach Langeweile und Einsamkeit, nach Angst und Tod. Suzanne Prou ist vom französischen Romanschaffen vor allem seit Flaubert beeinflusst. Zu ihren Vorbildern zählen Proust und Mauriac, Colette und Nathalie Sarraute. Der moderne amerikanische Roman hat sie ebenso sehr geprägt wie natürlich der nouveau roman. So findet sich in ihrem Werk einmal mehr eine traditionelle, zum andern aber gerade auch eine modernere Erzählform, bei der es weniger um das Ereignis und die Handlung als um die Art und Weise der Darstellung geht, wie sie es in vollendeter Form in „La Dépêche“ gezeigt hat. Die prismenhaft veränderte Wirklichkeit in der romanesken Fiktion ist es, was Suzanne Prou mit ihrer schriftstellerischen Arbeit anstrebt. Daher ist sie fast ausschließlich an Beschreibung und Darstellung in der ersten oder dritten Person (Singular), in der indirekten Rede oder im inneren Monolog interessiert - direkte Rede und Dialoge sind bei ihr nur selten anzutreffen. Wenn diese die Welt wie in einem Spiegel erscheinen lassen, so sucht Suzanne Prou eine Schreibweise, bei der das Licht der außerliterarischen Wirklichkeit wie durch eine Linse fällt und damit gebrochen wird.
Über Suzanne Prous Romanschaffen könnte ein Zitat aus ihrem mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten - und auch verfilmten - Roman „La
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Terrasse des Bernardini“ stehen: „Il n’existe pas de vérité. L’une et l’autre interprétation des faits (…) peut se soutenir. Il est probable, même, que les deux sont justes, tant les sentiments des humains sont mêlés, tant leurs mobiles secrets leur demeurent à eux-mêmes souvent cachés. » 4
3. « Le Pré aux narcisses » - kurze Inhaltsangabe
In der Nähe des provenzalischen Dorfes Suviane - das an Lacoste oder auch Oppède erinnert, ohne mit dem einen oder anderen identisch zu sein - wird eines Tages die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt. Es steht bald fest, dass die schöne Unbekannte vergewaltigt und ermordet worden ist. Dieses außergewöhnliche Geschehen ist Anlass für mannigfaltige Spekulationen der verschiedenen Dorfbewohner. Als nach der von den örtlichen Behörden angeordneten kirchlichen Bestattung der „Schönen“ - wie sie nun allgemein genannt wird - etwa ein Viertel Jahr später eine unbekannte Familie sich in Suviane ein Hotel sucht, regt dies die inzwischen beruhigten Gemüter erneut an. Schnell spricht sich herum, dass es sich hierbei um die engsten Angehörigen der Toten handelt, die der Vermissten aufgrund einer Zeitungsanzeige auf die Spur gekommen sind. Durch entsprechende Kontakte der Familie der etwa 15jährigen Erzählerin erfährt der Leser einiges über das Vorleben der Schönen, deren wirklicher Name Adrienne ist. Ihre jüngere Schwester Isabelle gleicht der toten Adrienne so sehr, dass Arnaud, der Zwillingsbruder der Erzählerin, spontan seine ursprüngliche Zuneigung zu Adrienne nun auf Isabelle überträgt und konzentriert. Durch den vorübergehenden Aufenthalt Isabelles und ihres Bruders Francis im Haus der Erzählerin ergeben sich für Arnaud und Isabelle Möglichkeiten der Vertiefung ihrer Jugendliebe. Die tote Adrienne scheint vergessen. Parallel zu dieser Handlung verläuft die Geschichte von Marie, der älteren Schwester von Arnaud und der Erzählerin. Sie hat - obwohl immer kränklich und äußerlich wenig attraktiv - in dem jungen Tierarzt Gilles aus dem Nachbarort Rouvier einen Verlobten gefunden, der sie bald zum Traualtar führen möchte.
Als das Ende der Sommerferien naht, bittet Isabelle die Erzählerin, die insgeheim an ihren Bruder Arnaud gerichteten Briefe diesem weiterzureichen, um so die Korrespondenz der Verliebten zu ermöglichen und fortzuführen. Darüber hinaus bietet sich um Allerheiligen - also anlässlich der traditionellen schulischen Kurzferien, „Brücktage“ genannt - für Arnaud und Isabelle die Chance des
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Wiedersehens in einem Hotel in Marseille, was den strengen Eltern mit Hilfe der Erzählerin verheimlicht wird. Inzwischen beginnen die Vorbereitungen für die Hochzeit der älteren Schwester Marie. Die Trauung findet in den Weihnachtsferien statt, so dass nicht nur die Erzählerin und Arnaud, die in einer anderen Stadt das Gymnasium - mit angeschlossenem Internat - besuchen, sondern auf Wunsch von Arnaud auch Isabelle an den Feierlichkeiten teilnehmen kann. In den Osterferien sind Arnaud und seine Schwester wieder zu Hause in Suviane. Sie erfahren dort von ihrer Mutter, dass sie die Entwicklung ihrer nun verheirateten Tochter Marie mit Sorge begleitet. Nachdem die beiden Jugendlichen sich selbst bei Marie ein Bild von ihr verschafft haben, vermögen sie ihre Mutter zwar zu beruhigen, aber der Schein trügt: Am Morgen des Ostersamstags findet sie ihre völlig verstörte Tochter vor der Terrassentür liegen. Maries Bericht zufolge hat sie in einem Wandschrank die Handtasche und den Personalausweis der ermordeten Adrienne gefunden. Ihr blieb nur noch die Flucht über die Narzissenwiese zu ihrem Elternhaus. Abends erscheint der Polizeimeister, der lakonisch Gilles’ Selbstmord mitteilt. Der Roman schließt mit der Erwartung, dass Marie von nun an immer in ihrem Elternhaus bleiben wird und mit der Information, dass die Jugendliebe zwischen Arnaud und Isabelle bald beendet ist. Dadurch stellt sich das frühere, sehr innige Verhältnis zwischen Arnaud und seiner Schwester wieder ein, die - als Ich-Erzählerin - ihren Bericht in einer sehr glücklichen Verfassung abschließt. 4. Die drei Einheiten: Aspekte der Erzählstruktur Wie z.B. in „La Dépêche“, so scheint sich Suzanne Prou auch in „Le Pré aux narcisses“ an der klassischen Lehre der drei Einheitenursprünglich für das Theater entwickelt, dessen Darstellungsmöglichkeiten und Zuschauererwartungen ganz andere als beim Roman sind - zu orientieren. 4.1. Die Einheit der Zeit
Text- und Handlungsstrukturierung erfolgen durch den chronologischen - und als solchen auch explizit festgehaltenen - Fortschritt der erzählten Zeit, der durch entsprechende zeitliche Angaben markiert ist: durch die Hinweise auf die vier Jahreszeiten, auf die christlichen Feste wie Ostern und Weihnachten (zusätzlich: Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen) und
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auf den Rhythmus von Schul- und unterrichtsfreier (d.h. Ferien-)Zeit. Die 22 typographisch abgesetzten Kapitel des Romans lassen sich unter dem Aspekt der Zeit wie folgt gliedern:
Kap. 1 u. 2: außerhalb der erzählten Zeit, da Einführung allgemeiner Art Kap. 2: Überblick über Jahreskreis mit drei Höhepunkten: Oster-, Weihnachts- und Sommerferien Kap. 3: Woche vor Palmsonntag Kap. 3, 4 u. 5: Osterferien Kap. 6: Ende des 3. Trimesters Kap. 6: 1. Teil des Abiturs Kap. 7: Sommerferien (bis Kap. 14) Kap. 8: August Kap. 9 u. 10: Sommerferien (Forts.) Kap. 11: 15. August Kap.12: Nach dem 15. August Kap. 13: Sommerferien (Forts.)
Kap.14: Nach dem 15.September; „rentrée“ (= Beginn des neuen Schuljahres) Kap. 14: Allerheiligen-Ferien
Kap. 15: Ende des 1. Trimesters; Beginn der Weihnachtsferien Kap. 16-19: Weihnachtsferien Kap. 19: u.a.: 1. Januar; Ende der Weihnachtsferien Kap. 20: 2. Trimester; Beginn der Osterferien Kap. 20: Karfreitag Kap. 21: Karsamstag Kap. 22: 3. Trimester; Ende der Osterferien Diese Gliederung erlaubt es einerseits, von der Eindimensionalität, Linearität und Unumkehrbarkeit der Zeit zu reden; andererseits lässt Suzanne Prou wohl nicht zufällig ihr Romangeschehen durch alle Jahreszeiten laufen, wobei Anfang und Ende jeweils in die Osterferien, die Zeit der Narzissenblüte, fallen. Liegt es hier nicht nahe - auch unter inhaltlicher Perspektive -, mehr an eine zyklische Struktur zu denken: von Ostern zu Ostern; von der Angst Adriennes zur Angst Maries; vom Tod Adriennes bis zum Selbstmord Gilles’; vom ursprünglichen Glück der in der heilen Welt aufgewachsenen Erzählerin zum wieder-gefundenen Glück in einer Welt, deren Wunden zu verheilen beginnen? 4.2 Die Einheit des Ortes
Die Einheit des Ortes wird durch die Konzentration der Handlung auf die beiden benachbarten - wenn auch verfeindeten - Dörfer Suviane und
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Arbeit zitieren:
Klaus Bahners, 2010, Suzanne Prou: "Die Schöne" ("Le Pré aux narcisses"), München, GRIN Verlag GmbH
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