Gliederung
1. Einleitung 3
2. Zum Denkansatz Walzers 4
2.1. Geisteshaltung Walzers, die sich in seinem Programm artikuliert 4
2.2. Vorbemerkung zu den Sphären 6
3. Die Entfaltung der Gerechtigkeitstheorie Walzers 7
3.1. Die Operationsbasis: Eine pluralistische Gütertheorie 7
3.2. Die Grundnorm: Komplexe Gleichheit 9
3.2.1. Einfache Gleichheit 10
3.2.2. Komplexe Gleichheit 11
4. Resümee 13
5. Literaturverzeichnis 16
2
2
1. Einleitung
Das Thema Gerechtigkeit beschäftigt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Zu aller Zeit versuchten die Menschen - und sie versuchen es immer nochfestzulegen, was als gerecht anzusehen ist und was als ungerecht gilt. Es gibt heute, genau wie damals, die verschiedensten Ansichten, welcher Weg eingeschlagen werden soll, um die Welt gerecht zu machen. Platon schuf mit seinem Werk Politeia eines der ältesten Werke des Abendlandes, das der Gerechtigkeit gewidmet war. Knapp 50 Jahre später, etwa in der Mitte des 4. Jahrhunderts vor Christus, entstand Aristoteles‘ fünftes Buch der Nikomachischen Ethik, in dem dieser Grundlegendes zum Thema Gerechtigkeit festhielt. 1 Sein Werk besitzt heute noch Gültigkeit, obwohl die Strukturen der meisten Gesellschaften - im Vergleich zur damaligen Zeit - viel komplizierter geworden sind. Der Umfang der zur Verfügung stehenden Güter ist im Laufe der Zeit immens angestiegen. Die Tauschaktivitäten moderner
Industriegesellschaften (und ggf. auch anderer Gesellschaften) sind kaum noch zu überblicken. Dieser Pluralität trägt Michael Walzer, ein amerikanischer Philosoph, in seiner Gerechtigkeitstheorie Rechnung. Sein Werk entstand in Auseinandersetzung mit dem Werk A Theory of Justice (1971) von John Rawls in den 1980er Jahren. Walzer war der Meinung, dass die in Rawls‘ Werk vertretenen Thesen der Gesellschaft, wie sie in Wirklichkeit ist, nicht gerecht werden, da diese auf deren Vielfältigkeit nicht eingehen.
In der folgenden Arbeit soll die Gerechtigkeitstheorie Michael Walzers dargelegt werden, die er in seinem Werk Sphären der Gerechtigkeit entfaltet. Das Thema dieser Arbeit „Gerechtigkeit als komplexe Gleichheit“ ergibt sich dabei insofern, als dass Walzer sein Hauptaugenmerk auf die komplexe Gleichheit richtet. Wie es dazu kommt, wird sich im Verlauf der Arbeit zeigen.
In einem ersten Schritt soll die Geisteshaltung Walzers dargelegt werden, sozusagen die Voraussetzungen, auf die er seine komplette Theorie stützt. Anschließend folgt eine Vorbemerkung zu den Sphären, da diese eine Grundvoraussetzung sind, damit das System der komplexen Gleichheit realisiert werden kann. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit Walzers pluralistischer Gütertheorie. Hier wird erörtert, welche Arten von Gütern in seinen Augen
1 Vgl. Höffe, Otfried: Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. München ³2007, S. 20ff.
3
relevant sind und dass sich deren Verteilungskriterien grundlegend unterscheiden. Nachdem die Grundlagen dargelegt wurden, die notwendig für Walzers Theorie vorausgesetzt werden, soll die komplexe Gleichheit als Grundnorm in den Blick genommen werden. Hierbei bedarf es zuerst einer Erläuterung, weshalb die einfache Gleichheit von Walzer als nicht auf Dauer realisierbar abgelehnt wird und dass es aus seiner Sicht sinnvoller ist gegen die Dominanz anstatt gegen das Monopol an sich vorzugehen.
Abschließend werden in einem kurzen Resümee die wichtigsten Merkmale der Gerechtigkeitstheorie zusammengefasst.
An dieser Stelle soll noch kurz darauf hingewiesen werden, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es werden lediglich die Grundzüge seiner Gerechtigkeitstheorie erläutert, um einen allgemeinen Einblick in die Thematik zu erhalten. Genauere Analysen können in der folgenden Arbeit nicht geleistet werden, da diese den vorgegebenen Rahmen sprengen würden.
2. Zum Denkansatz Walzers
2.1. Geisteshaltung Walzers, die sich in seinem Programm artikuliert
Walzer verleiht seiner „Geisteshaltung, die der Theorie der Gerechtigkeit zugrunde liegt“ 2 im letzten Abschnitt seines Werkes Ausdruck. Er setzt hier drei Begriffe in Beziehung zueinander. In der deutschen Übersetzung von Walzers Werk lässt sich die Relation dieser Begriffe nicht so detailgenau erläutern, wie im englischen Original. Christoph Seibert beschäftigt sich in seinem Werk Politische Ethik und Menschenbild mit der englischen Originalfassung Spheres of Justice. Er verwendet hierbei die von Walzer gebrauchten Begriffe „opinions of mankind“, „individual minds“ und „social meanings that constitute our common life“. 3 Er geht davon aus, „dass Walzer sein eigenes Programm vor dem Hintergrund einer Prämisse entfaltet, welche die Anerkennung von Differenzen innerhalb der Menschheit zur Tugend erklärt“ 4 . Betrachtet man die drei genannten Begriffe noch zusätzlich unter der genannten Prämisse, so kann
2 Walzer, Michael: Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit. Aus dem
Englischen von Hanne Herkommer. Frankfurt/New York 1994, S. 45.
3 Vgl. Seibert, Christoph: Politische Ethik und Menschenbild. Eine Auseinandersetzung mit den
Theorieentwürfen von John Rawls und Michael Walzer. Stuttgart 2004, S. 189.
4 Ebd.
4
davon ausgegangen werden, dass Walzer die Menschheit nicht als ein Ganzes sieht, denn er will gerade die Differenzen der Menschen anerkennen. „Ansichtig ist die Menschheit somit nur in Form ihrer individuellen Realgestalten. Und diese differieren nach Walzer nicht nur im Blick auf ihre zeitliche und räumliche Situation, sondern[…] gerade auch im Blick auf ihre gemeinsam ausgebildeten Lebensideale und Lebensformen“ 5 . Zusammenfassend lässt sich hierzu sagen, dass es die Menschheit als abstraktes Ganzes nicht gibt, es sind die einzelnen Menschen und deren verschiedene soziale Hintergründe, die hier betrachtet werden müssen, da sonst der Verschiedenheit einzelner Menschen, die ja de facto die Menschheit bilden, nicht die Beachtung geschenkt wird, die ihr zu eigen ist. Wichtig ist hierbei noch zu betonen, dass Walzer sein Augenmerk nicht auf die Meinung eines einzelnen Individuums legt, sondern auf die Meinung einer breiten Masse von Individuen, die Einfluss auf das Zusammenleben hat. 6
Walzers Meinung nach wäre es nicht sinnvoll eine Theorie aufzustellen, die mehr als ein Volk in Augenschein nimmt, denn „nähmen wir den gesamten Erdball als unseren Rahmen, dann müßten wir etwas imaginieren, was bislang nicht existiert: eine Gemeinschaft, die alle Menschen überall einschließt“ 7 . In einer politischen Gemeinschaft fühlen sich die Menschen untereinander verbunden, doch zwischen allen Völkern der Erde ist eine enge Verbundenheit nicht gegeben. „Die Anerkennung der unterschiedlichen kulturellen Eigenlogiken fordert daher eine jeweils kulturspezifische Ausarbeitung von distributiver Gerechtigkeit.“ 8 Somit entwirft Walzer seine Gerechtigkeitstheorie im Hinblick auf die Gesellschaft der USA, da sich jede Kultur durch ihre Eigenarten und Eigenschaften von anderen unterscheidet.
Er sieht eine bestehende Gesellschaft dann als gerecht an, wenn sich die soziale Praxis in Übereinstimmung mit allen Mitgliedern vollzieht. 9 Wie er sich das im Einzelnen vorstellt, wird sich im Laufe dieser Arbeit noch deutlicher herausstellen.
5 Ebd.
6 Vgl. Walzer: Sphären der Gerechtigkeit, S. 451.
7 Ebd., S. 62f.
8 Seibert: Politische Ethik und Menschenbild, S. 190.
9 Vgl. ebd., S. 192.
5
Arbeit zitieren:
Michael Rößlein, 2010, Michael Walzer - Gerechtigkeit als komplexe Gleichheit, München, GRIN Verlag GmbH
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